
Ein Gedicht entsteht, indem du die Sprache wirken lässt. In meinen Augen ist das Gedicht ein Ort, an dem die Sprache herrscht. Viel stärker als in einer Geschichte oder in einem Roman, wo die Sprache in den Dienst genommen und eine Zweck, einem Ziel, einem Ende – der Logik und Kohärenz, der Wirklichkeit oder der Glaubwürdigkeit – verknechtet wird, – viel stärker als in jenen Texten soll die Sprache in einem Gedicht ledig und frei spielen können.
Das Gedicht ist ein Ort, wo Träume herrschen und/oder das Unsagbare. Es gedeiht dort, wo du zurücktrittst.
Wenn du die Sprache, die Laute, Assonanzen und Assoziationen herrschen und dich führen lässt, erkennst du in Kürze, dass dein eigener Wille, dein eigenes Wissen, dein intellektuelles Können von keinerlei Bedeutung sind.
Auf dem Weg zum Gedicht ist das Ich ein Hindernis. Ich erinnere mich sehr gut an jene Gedichte, mit denen ich unglaublich viel «vorhatte», von denen ich mir – angesichts ihrer Prämisse und der mit ihr verknüpften Ideen und den in sie verfrachteten Botschaften – sehr viel erwartete. Sie sind alle gescheitert, vertrockneten, versandeten, versiegten.
Einzig in jenen Gedichten, in denen ich mich selbst in allen Dingen hintangestellt habe, ist etwas passiert. Was genau da sich ereignet hat, ist im Nachhinein immer schwierig zu sagen.
Das Ich, von dem die meisten Lesenden annehmen, es sei das konkrete und handelnde Ich, das deinen Namen trägt – und das tun sogar jene, die um die literarische Figur des «lyrischen Ichs» wissen! –, dieses Ich ist nur die letzte Hülle von Ursache und Wirkung, Schicksal und Fügung, Zufall und Auflösung, die es abzuwerfen, abzustreifen, aus der es sich herauszuschälen heisst.
Denn hinter diesem bewussten, wissenden und wollenden Ich liegt der stille Mondspiegel, aus dem die Bilder und Figuren der Stimmen steigen.
Lässt du der Sprache ihren Willen, lässt du ihren Intellekt wirken, kannst du dich verlieren, vergessen: du bist ganz und gar unwichtig, unerheblich, du bist eine Illusion.
Immer wieder habe ich feststellen können, wie hinter der eigentlichen Absicht, mit der ich ins Gedicht gestartet bin, plötzlich andere Motive und Gesichte aus der Tiefe von Erfahrung und Erinnerung auftauchten.
Diesen Prozess des Hinter-sich-Lassens möchte ich auch gar nicht psychologisieren. Es würde ihn weder besser erklären noch besser beherrschbar machen. Denn das Beherrschen ist ja letztlich das allzumenschlichste, zerstörendste Streben.
In gewissen Momenten des Nachdenkens und Planens meiner Gedichte denke ich dann manchmal, wie schön es wäre, den (scheinbar) leblosen oder winzig kleinen Dingen und Wesen eine Stimme zu geben; in der Sprache des Menschen, gewiss, aber diese Sprache gänzlich in den Dienst einer anderen Lebensgrammatik, Erfahrungssyntax und Willenssemantik gebracht… Vielleicht würde es mir dann gelingen, ganz an die Grenzen, an den Rand der Sprache vorzustossen und ihren Herrschaftsbereich für eine kurze Weile zu verlassen, indem ich mich selbst aufgebe. Den Herrschaftsbereich just dann zu verlassen, wenn ich ihrer Herrschaft am stärksten gefügig geworden bin.

gute morgen was denkst du wäre dann am rande der sprache anzufinden?
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In früher Stunde durch deine Gedichte gelesen. Durchlässig in den neuen Tag gestartet.
Gruss
Ursula
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