Ein Gedicht schreiben: Nicht(s) riechen, nicht(s) schmecken

(Danke an Pezibear für das Bild.)

Im Nachdenken über eine Kritik meiner Lyrik, sie sei zu wenig «sinnlich», habe ich einige Gründe gefunden, warum das so ist.

Sinne bilden sich unterschiedlich aus. Das hängt von ihrer Beanspruchung ab, aber auch von ihrer Förderung, von ihrer Stimulation. Mein Geruchssinn und mein Geschmackssinn sind gute Beispiele für eine mangelnde Stimulation und Ausbildung. Was ich schmecke und was ich rieche, ist für mich nur ein dumpfer Reiz. Ich empfange eine Art «umami»-Signal: «Dieser Geruch, dieser Geschmack kann nicht ein- und zugeordnet werden.»

Bei einem Lyriker hat dies in meinem Fall zur Folge, dass ein Teil meines lexikalischen und semantischen Wissens, meines reichen Wortschatzes, nicht zur Anwendung kommt. Viele Wörter und Begriffe sind in meinem Gehirn sensorisch nicht erschlossen, könntest du sagen. Und weil sie in meinem Erleben und Erfahren keine Entsprechung finden oder gefunden haben, kommen sie selten oder zögerlich zum Einsatz.

Denn als Lyriker schreibe ich in der Hauptsache aus dem, was ich empfunden und erlebt habe, was ich aus eigenem Erleben und aus eigener Wahrnehmung begreifen und daher (sprachlich) behändigen kann. Nur so können die Stimmen, die ich bin, eine wahre Aussage tätigen.

Benutze ich nun einmal einen Begriff aus dem Geschmacks- oder Geruchsfeld, so muss ich diesen selbst replizierend erfahren. Häufig stelle ich dann fest, dass er gar nicht das aussagen kann, was ich ihm anzuvertrauen bereit bin. Die aufrichtige Haltung, mit der ich zu schreiben bemüht bin, lässt Aussagen, die im Ungefähren wurzeln, nicht zu.

So mag es also dazu kommen, dass meine Lyrik sich viel stärker auf den Gesichts- und den Hörsinn verlässt als andere. Solltest du jedoch einem Geschmack oder einem Geruch begegnen, kannst du sicher sein, dass er mit Notwendigkeit dort im Gedicht stehen muss.