Orangen im Aeschengraben

Über mir tanzt das lichte Laub,
Kühl ist es im gefleckten Schatten.
Langsam dreh ich die grosse Frucht
In meinen Händen: schön zu halten
Ist sie, die Haut ist rosig wächsern,
Riecht wie die Haut von kleinen Kindern.

Lange schon halt ich sie und wiege
Ab ihr Gewicht für mein eignes Leben:
Umbrüllt vom Lärm des Stadt-Verkehrs
(Kaschdi sam pa sibia): Von was werd’ ich
Morgen denn leben? Heute muss sie
Genügen. Gleiche dem Gras, das morgens

Wächst, und am Morgen blüht es auf,
Wächst schnell empor, am Abend schon ist’s
Dürr und verwelkt. Ich stech hinein
In den orangen Globus, Saft schiesst raus,
Fast bis ins Aug, in meinen Händen
Klebriges Blut der Frucht, Tränen

Tropfen herunter, heiss und brennend,
Mitten im Lärm und umhüpft von Spatzen,
Säure süsst meine Lippen, schmatzend
Schlinge ich schnell, ich schlucke gierig,
Denk an die Kinder, die ich verlassen,
Mildigkeit über uns, und unsrer

Hände Tun richt’ auf über uns.


(Image by Ilo from Pixabay.)

Das Innenfutter

Das Innenfutter der Generäle ist das Kichern eines gekitzelten Kindes
Nach wenigen Sekunden hat es keine Kraft zur Gegenwehr mehr
Ist eine zuckende Fliege oder ein zuckendes Würmchen
Das überm Schatten der Fische dahinfliegt
Und die Fische trauen sich aus dem Schatten

Das Innenfutter des Bauern ist der nächste Tag
Der sich im Osten kräuselt mit Graupel und frühem Frost
Der immer ein unversprochener ist
Aber immer ein ausgleichender
Wenn auch nicht im Sinne von Erwartungen

Das Innenfutter der Mütter ist die Völlerei ihrer Kinder
Ach diese ersten Klammerer
Gelb und runzlig werden Gesicht und Brust
Der unstillbare Durst und der unstillbare Hunger
Auf einen Menschen geworfen

Das Innenfutter der Landstreicher sind die ersten warmen Tage und die letzten warmen Tage
Wenn der Frost nicht mehr und noch nicht droht in den härenen Nächten
Wenn die Mücken noch nicht steigen und geigen
Wenn die Bauern erschöpft vom Winzer Zuversicht und getröstet von Ernte Vertrauen fassen
Wenn die Wege sich ins Fett von Blüte und Frucht zu schneiden beginnen

Das Innenfutter der Poeten ist die erträumte Einsiedelei
Unweit der Ockerhöhlen von Gongyi
Im klebrigen schweifenden Nebel eines luftigen Hügels
In einem gut gedeckten aber wandlosen Hüttchen
In durchtränkten Kleidern über das leicht reissende Papier gebeugt

Das Innenfutter der Söhne ist der erstickende väterliche Verrat
Wenn die Taten nicht den Talenten folgen
Wenn die Bärte niemals spriessen werden
Wenn das Haus verlassen liegt
Denn ein Vater fürchtet seinen Sohn

Das Innenfutter der Nebenfrauen ist das Flüstern der Mägde überm neuen Bauch beim Ankleiden
Die Übelkeit und die Schwere einer Fröhlichkeit vor Honoratioren
Das Verbeugen vor den Gästen eines Banketts
Das flüsternde Klammern des Fürsten erlöst nicht
Und im knisternden Schatten lauern die Ermahnungen der Mütter und die Vorwürfe der Väter

Das Innenfutter der Töchter sind die lachenden Geschichtenschritte der Väter
Denn auf Erzählmirdochwas kommt immer was
Und die Lücken des Schweigens sind Lichtungen des Beginnens
In denen Verhärmtes und Entferntes aufquillt
Schatten für das Licht ihres Lebens

Das Innenfutter der Flüchtenden ist der Schnee auf Pässen und der Ruf der stolpernden Gendarmen
Das seelenlose wärmende Holz der Abwege
Das hungernde Warten in Schneewehen und hinter Holzstöcken
Der rosa Schein einer fernen Stadt
Der letzte Schritt deines Freundes an deiner Seite

Das Innenfutter des Königs ist die welke Brust seiner Schwiegermutter
Die mit leisem Singen ihm den Schlaf bereitet
Der ihm angesichts ihrer Tochter fehlt
Das Reich ein vom Ärmel dieser Tochter fast blankgefegtes Spielbrett
Auf dem am Rand die pergamentenen Einflüsterer huschen

Das Innenfutter von Frieden-Immerdar ist das weit entfernte Donnern von Hufen
Das Kreischen verlassener Frauen und Kinder
Das Rumoren des Windes in den Ruinen der Dörfer und in den Worten der Ältesten
Das Röcheln der Verwundeten und das Wimmern von Versen
In den letzten Tagen vor dem Anfang einer neuen Neuen Ära.

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(Image by JayMantri from Pixabay.)