Erster Tag (Schiffbruch)

Die Nussschal zerschlagen
Über den Stirnen der Steine
Ein weiches Weiss
Nachgiebig wie Schenkelfleisch
Vollgesogene zerrissene Wecken
Ich betrachte das Bötchen
Aufgeschlagener Kamelkopf
Fruchtig leuchtet das leichte Holz
Und will nicht brennen
Die Steine schütteln ihre grünen Bärte
Langsam rollender Tanz aus Zeit und Moos
Nicken mir umflossen zu
Ernst und gelassen
Schiffbruch ist nichts Aussergewöhnliches
Das geschieht aller Tage
Hier am überbordenden Fluss
Starre nur auf uns weises langsames Ungestüm
Die stumpfen Zähne des Ufers
Die deine Bootsfahrt
Staunend zerrissen
Mit offener Kinnlade kommen sahen
Mit dem Greisenlächeln einer Insel aufschlugen
Was noch im Innern lag
Und nun schau über das Dotterwasser
Und nun äuge durch den sahnigen Nebel
Leise klappern die zerschlagenen Ruder
Um die Uferglatzen
Und das Rauschen des Flusses
An deinem Ohr
Wie das Flüstern von Federn in Kissen
In Streifen hängt die Seele an dir
Mein Körper weiss wie Papier
Aus den Achseln wachsen mir
Tintenschwarz Barteln hervor
Als kitzelten mich Grashalme
Rinnt der Regen über mein Gesicht
Ich lasse mir den Mund füllen
Von der Himmelsfülle
Es gibt kein Halten mehr
Das Wasser will ins Meer
Wie der Mensch in seinen Tod
Und in seinem Hunnenhirn rasen die Gestalten
Zehntausendfach
Gestecken gleich
Stuhlbeine und Wagenräder
Pinselbüschel und Raupenhaare
Durch die Kloake von Frieden-Immerdar
In deren Schaum zu baden
Auszeichnung und Reinigung ist
In den Morgenstunden nach einem Gelage
Ergraut und zitternd
Über dem Rollen
Die überrollend rollen
Winken die Beamtenbärte
Von manchem Unwetter und Ungeschick gezaust und gelängt
Im reifen Koriandergeruch
Versteift auf die Satzungen
Vertieft in die Regeln
Kauen sie auf Menschenpfriemen
Den Saft von ausgelutschter Lust und
Den Schleim von nächtlichen Gedichten
Das Mus von Konkubinenkichern
Sammelt sich in ihren hängenden Backen
Tropft in die Vorzimmer der Zukunft
Wo die Aspiranten ihre Knöchel baden
Ihre Pinsel auswaschen
Mit denen sie kopieren
Was die Gestalten verschmieren
Die in den Hunnenhirnen hausen
Die zehntausend Gestalten
Aus zehntausend Gefässen
Für zehntausend Gefährten
In zehntausend Gärten
Wo die alte Leier erklingt
Vom gestohlenen Leben
Vom verlorenen Leben
Vom verflossenen Leben
Wo die zehntausend Gestalten
Sich im Königslob ergehen
Wo die zehntausend Gefährten
Sich im Rügen der Konkubinen üben
Wo die zehntausend Gärten
Ihre Äpfel immer höher hängen
Damit die Füchse ohne Heimstatt
Durchdrungen von Schläue
Getränkt von Umwegen
Demütig in Unterzahl
Ihre Zungen stählen
Ihre Verse zählen
Ihre Stimme wählen
Denn im Abluchsen und im Beschwören
Ist ihre Bestimmung
Sie entheben sich den Notwendigkeiten
Den verbindlichen Botschaften
Den verhärmten Liebesschwüren
Füchse aus Henan
Füchse aus Tokmak und Shu
Füchse aus Shanxi
Die unablässig und zäh
Wie der überbordende Fluss
Dahin streben
Mit unermüdlicher Musse
Denn die Notwendigkeiten
Die bemühen sie nicht
Wie unreine Milch fliesst der Fluss
Und darüber das verklebte Grün der Kiefern
Und der körnige Schmelz des Nebels
Immer lächelnd in seinem Spiel
Verdecken ist entblössen
Enthüllen ist vorsehen
Und angekommen auf diesem Elend
Und angekommen auf diesem Eiland
Betrachte ich das Splitterweiss meines Kahns
Faserig wie Hühnerfleisch
Knirsche mit den Zähnen auf dem Sand
Der leise zirpt und schmeckt
Nach vergangenen Tagen
Nach Exilsgestaden
Nach Kirschensteinen
Betrachte das aufgebrochene Gefäss meiner Reise
Diesen roten Lack
Diese madenfarbenen Bruchstellen
Und die rieselnden Erbsen des Ufers
Verflossene Pflichten
Entrissene Söhnchen
Verspielte Versprechen
Und wende mich dem Himmel zu
Mit seinen Falten
Die nachwachsen und nachwachsen
Wie die Arme eines Seesterns.

(Image by Sven Lachmann from Pixabay.)