Bei Krebelborn (8. Tag, vormittags)

Mein Sohn
Mein Söhnchen
Jetzt stehst du da
Wo kommst du her
Wie hab ich dich vermisst:
Dein Gesichtchen reingewaschen von der Liebe
Die ich erst über deinen vom Hunger vergewaltigten 
Vom Mangel verunstalteten Körper 
Ausbreitete und die ich dann
Über deine unreife Seele in ihrer Ungestalt legte
Zu schützen vor dem Vergessen
Diesem grossen Räuber
Gegen den die andern nur Wegelagerer sind:

Die Stimme in ihrem kindlichen Fiepen 
Über den Fluss hinweg donnernd
Deine Stimme wie ein Dammbruch

Mein Sohn 
Mein Söhnchen
Gross bist du geworden im Tode
Ein Flügelmann mit roten gütigen Augen
Ein Richter mit ausgeweinten Augen
Und schöpfst mit deinen Händen
Die noch nie einen Pinsel gehalten haben
Die ganze Welt mit aller Wirklichkeit darin
Die ganze Katastrophe mit allem vorsätzlichen Sein darin
Dahin und nimmst mit deinen Händen 
Die noch nie eine Frau liebkost haben
Meine Schultern und stösst mich ein wenig unsanft
Durch die verschlossene Tür 
Deren Holz sich bläht in der Feuchtigkeit des Morgens
Und auf der Schwelle rieche ich ein letztes Mal
Den Thymiangeruch deines abgeriebenen Neugeborenenkörpers
Und schmecke nochmals die Tränen meiner Frau in meinen Armen
Und weiss um das Sterben
Und um die Verlassenheit darin
Und auf der Schwelle spüre ich im Rücken die ganze Kälte deines aufgeschwollenen Leibs 
Der immer noch den Hauch von den Händen deiner Mutter trägt
Die dich nicht lassen wollte
Nicht hergeben wollte

Mein Sohn
Mein Söhnchen
Woher kommst du nun
Wohin bringst du mich
Werde ich je wieder die Heimat sehen
Was willst du mir denn zeigen
So eile doch nicht so
Was müssen meine Augen
Was müssen meine Sinne noch fassen lernen
Von dir ein wenig unsanft geschoben durch diese verschlossene Tür
Um welche Daseinsformen
Um welche Dinghaftigkeiten 
Muss ich meine schrumpfende Vernunft 
Denn jetzt noch schlingen

Mein Sohn 
Mein Söhnchen
Jetzt lass mich nicht allein
Ich bin doch nackt und klein. 

(Bild von Sasin Tipchai auf Pixabay.)

Erster Tag (Schiffbruch)

Die Nussschal zerschlagen
Über den Stirnen der Steine
Ein weiches Weiss
Nachgiebig wie Schenkelfleisch
Vollgesogene zerrissene Wecken
Ich betrachte das Bötchen
Aufgeschlagener Kamelkopf
Fruchtig leuchtet das leichte Holz
Und will nicht brennen
Die Steine schütteln ihre grünen Bärte
Langsam rollender Tanz aus Zeit und Moos
Nicken mir umflossen zu
Ernst und gelassen
Schiffbruch ist nichts Aussergewöhnliches
Das geschieht aller Tage
Hier am überbordenden Fluss
Starre nur auf uns weises langsames Ungestüm
Die stumpfen Zähne des Ufers
Die deine Bootsfahrt
Staunend zerrissen
Mit offener Kinnlade kommen sahen
Mit dem Greisenlächeln einer Insel aufschlugen
Was noch im Innern lag
Und nun schau über das Dotterwasser
Und nun äuge durch den sahnigen Nebel
Leise klappern die zerschlagenen Ruder
Um die Uferglatzen
Und das Rauschen des Flusses
An deinem Ohr
Wie das Flüstern von Federn in Kissen
In Streifen hängt die Seele an dir
Mein Körper weiss wie Papier
Aus den Achseln wachsen mir
Tintenschwarz Barteln hervor
Als kitzelten mich Grashalme
Rinnt der Regen über mein Gesicht
Ich lasse mir den Mund füllen
Von der Himmelsfülle
Es gibt kein Halten mehr
Das Wasser will ins Meer
Wie der Mensch in seinen Tod
Und in seinem Hunnenhirn rasen die Gestalten
Zehntausendfach
Gestecken gleich
Stuhlbeine und Wagenräder
Pinselbüschel und Raupenhaare
Durch die Kloake von Frieden-Immerdar
In deren Schaum zu baden
Auszeichnung und Reinigung ist
In den Morgenstunden nach einem Gelage
Ergraut und zitternd
Über dem Rollen
Die überrollend rollen
Winken die Beamtenbärte
Von manchem Unwetter und Ungeschick gezaust und gelängt
Im reifen Koriandergeruch
Versteift auf die Satzungen
Vertieft in die Regeln
Kauen sie auf Menschenpfriemen
Den Saft von ausgelutschter Lust und
Den Schleim von nächtlichen Gedichten
Das Mus von Konkubinenkichern
Sammelt sich in ihren hängenden Backen
Tropft in die Vorzimmer der Zukunft
Wo die Aspiranten ihre Knöchel baden
Ihre Pinsel auswaschen
Mit denen sie kopieren
Was die Gestalten verschmieren
Die in den Hunnenhirnen hausen
Die zehntausend Gestalten
Aus zehntausend Gefässen
Für zehntausend Gefährten
In zehntausend Gärten
Wo die alte Leier erklingt
Vom gestohlenen Leben
Vom verlorenen Leben
Vom verflossenen Leben
Wo die zehntausend Gestalten
Sich im Königslob ergehen
Wo die zehntausend Gefährten
Sich im Rügen der Konkubinen üben
Wo die zehntausend Gärten
Ihre Äpfel immer höher hängen
Damit die Füchse ohne Heimstatt
Durchdrungen von Schläue
Getränkt von Umwegen
Demütig in Unterzahl
Ihre Zungen stählen
Ihre Verse zählen
Ihre Stimme wählen
Denn im Abluchsen und im Beschwören
Ist ihre Bestimmung
Sie entheben sich den Notwendigkeiten
Den verbindlichen Botschaften
Den verhärmten Liebesschwüren
Füchse aus Henan
Füchse aus Tokmak und Shu
Füchse aus Shanxi
Die unablässig und zäh
Wie der überbordende Fluss
Dahin streben
Mit unermüdlicher Musse
Denn die Notwendigkeiten
Die bemühen sie nicht
Wie unreine Milch fliesst der Fluss
Und darüber das verklebte Grün der Kiefern
Und der körnige Schmelz des Nebels
Immer lächelnd in seinem Spiel
Verdecken ist entblössen
Enthüllen ist vorsehen
Und angekommen auf diesem Elend
Und angekommen auf diesem Eiland
Betrachte ich das Splitterweiss meines Kahns
Faserig wie Hühnerfleisch
Knirsche mit den Zähnen auf dem Sand
Der leise zirpt und schmeckt
Nach vergangenen Tagen
Nach Exilsgestaden
Nach Kirschensteinen
Betrachte das aufgebrochene Gefäss meiner Reise
Diesen roten Lack
Diese madenfarbenen Bruchstellen
Und die rieselnden Erbsen des Ufers
Verflossene Pflichten
Entrissene Söhnchen
Verspielte Versprechen
Und wende mich dem Himmel zu
Mit seinen Falten
Die nachwachsen und nachwachsen
Wie die Arme eines Seesterns.

(Image by Sven Lachmann from Pixabay.)

Das Schwert aus meinem Mund

Lange habe ich den Mund verschlossen vor dir,
geduldig habe ich meine Lippen aufeinander gepresst,
denn ich wollte dir nicht schaden,
ich wollte dich nicht wandeln,
im Wandeln dich nicht verletzen,
ohne Harm wollte ich dich lassen,
so lange warte ich schon darauf, die Rüstung meines Mundes abzulegen,
gegen dich mit meinem Wort ins Feld zu ziehen,
die Hoffnung hat das Schwert geschmiedet,
dein Zögern und Zaudern hat den Stahl abgekühlt,
scharf ist sein Mund wie die bittere Frucht der Liebe,
heisst ist sein Mund wie eine Flamme,
ich werde dich damit schlagen,
ich werde dir damit Wunden reissen wie die Bärin, die ihren Wurf verteidigt,
doch halte ich immer wieder inne,
hast du mich angesteckt,
hast du das Wort vom König verdorben,
hast du das Wort des Königs abgestumpft,
das ein einziges schnelles treffendes sein soll,
ein Leid zufügendes,
ein Flächenbrand über Generationen im Körper meines Volkes auslösen wird,
hustend und um Atem ringend werden sie durch die umwölkte Gegenwart torkeln,
nur um sich in der Vergangenheit wiederzufinden,
ein solches Wort will gut gesprochen sein,
eine solche Tat will gut erwogen werden,
nochmals will ich es mir verkneifen,
seine Kraft einschätzen und seine Macht stählen,
ich will dieses eine Wort noch in meiner Scheide stecken lassen,
ich zweifle, ob es bereits genügend geschliffen ist,
will es noch einmal besehen und gewichten,
den Arm meiner Zunge stählen und üben,
denn ich fühle meine Leber schwer in meinem Bauch lasten,
schwanger ist sie mit Unmut und Groll,
und meine Nieren sind zerschlagen von der Erwartung,
meine Nieren wollen in deiner Galle baden und triumphieren,
ein gutes Wort, eine gute Tat will ich wetzen in meinem Herzen,
und hörst du nicht mein ruheloses raues Brummen und Summen,
das Volk meiner Worte,
sie alle warten auf ihren Flug, auf ihre Blüte,
spürst du seine lullende Kraft, seine betäubende Macht,
denn Schmerzen sollst du nicht leiden,
wenn ich das Schwert aus meinem Mund an deine Kehle lege.

(Danke an prawny für das schöne Bild.)

Gesang des Adlers

Die Geier kreisen wieder,
sie versammeln sich an den Opfertöpfen,
sie rotten sich zusammen über den Müllgruben,
in meinen Sehgruben hat sich genügend Licht angesammelt für deine Dunkelheit,
ich werde nicht leicht geblendet,
ich ziehe bald weiter,
ich lasse meine Nickhaut über dich fallen,
ich sehe die Ratten übers Gebirge fluten,
mit leeren Fängen wende ich mich südwärts. SELA

Ich habe alles gesehen,
ich habe den Schatten gesehen,
der aus dem Licht fällt,
bevor der Augenblick vorüberschnellt,
ich kenne den Ursprung von Licht und Ruhe,
ich weiss um die Anfänge der Mühen,
ich sehe die Schatten im Weiss,
die weissen Flecken im Schatten,
ich kenne die Ideen,
die sich aus dem Nest werfen,
ich sehe dich irren,
im Auge noch den Tod. SELA

Die Geier kreisen schon,
die Schakale streichen wimmernd um die Füsse der Berge,
die Wölfe kommen von den Höhen Moabs herunter,
die Strausse stehen plötzlich in den Toren,
vom Westen kommen die hellhäutigen Kolonisatoren,
vom Osten kommt das Rasen der Reiterscharen,
ich ziehe weiter,
meine Weile habe ich aufgebraucht,
meine Fänge fassen keinen Streit der Menschen,
wo Tote liegen, stelle ich auch mich ein,
trage meinem einen Jungen Mark und Darm herbei,
auf dass es stark werde für den Himmel,
unter dem die Geschöpfe leben. SELA

Ich habe alles gesehen,
ich habe den Schatten gesehen,
der aus dem Licht fällt,
bevor der Augenblick vorüberschnellt,
ich kenne den Ursprung von Licht und Ruhe,
ich weiss um die Anfänge der Mühen,
ich sehe die Schatten im Weiss,
die hellen Flecken im Schatten,
ich kenne die Ideen,
die sich aus dem Nest werfen,
ich kenne die Einsamkeit auf weiter Flur,
sie lässt dich heiser rufen,
die Wege derer, die über die Erde beineln, denkst du zu lenken,
doch wer hört schon deinen Gesang? SELA

So singt der Adler und zieht gen Süden.

(Das Bild verdanke ich Rethinktwice.)

Antwort eines Toten

(Bild mit Dank an GDJ.)

Du bist schon tot,
ich nenne dich mein Bruder nun,
du hast die Grenze schon übertreten,
du hast dich von dem Lebenden mitten im Leben abgewandt,
du blickst in die Richtung von Zweifel und Niedertracht,
rückwärts gehend blickst du vorwärts,
ganz wie Menschen tun, doch suchst du nicht nach der Frage,
die hinter der Grenze dich längst gefunden hat,
die hinter den Schatten deiner gewärtig ist,
du hast verlernt, wie es ist, in den Armen eines Menschen zu wohnen,
verschlossen ist dir längst die Freude des Wiedersehens,
du hast vergessen, wie es ist, eine Eselin zu hüten,
verlaufen hat sich das Tier schon lange in den Tälern vor Kirjat-Jearim,
der Herr hat über dich gesagt, was es über dich zu sagen gibt,
fortgedreht hast du deine Schritte vom Weg, der in die Abgeschiedenheit führt,
wo du gefunden werden konntest,
unsäglich sind die Dinge, die dir offenstanden dort hinter dem Ochsengespann,
ausgeträumt sind die Lebewesen, die unter deinem Antlitz gedeihen konnten,
bevor du noch hinter dem Ochsengespann versteckt auf etwas wartetest, das dir schon gegeben war,
das du schon erhalten hast,
und doch hast du nie davon gekostet,
hast davon nie noch probiert,
prüfend wogst du die Dinge und die Wesen in deinen schweren Händen,
als könnest du sie brauchen,
als könnest du sie wenden,
in deinen trägen Händen lagen Wesen und Ding,
schwer vor dem Entschluss und schwerfälliger nach dem Entschluss,
du hast nichts aufgehoben,
nichts hast du aufgenommen,
du warst keiner, der annimmt,
ein grauer Wanderer im grausamen Grenzland von Ohnmacht und Entmächtigung,
ich fühle mit dir, mein Bruder, glaube mir,
ich sehe dich fallen nach diesen Worten wie eine Zeder auf dem Libanon,
fallen aus der Hand des Lebens in die Klaue des Todes,
in die Asche und die Knöchelchen am Feuer sehe ich dich stürzen,
entkräftet und entmachtet,
dem süssen Staub des Dreschplatzes zugewandt,
und schon beginnt deine Zunge zart in dir zu schmelzen,
die Worte und Dinge sind ihr schon genommen,
verschlucke dich nicht an ihr, wie ich es tat,
wie ich meine vielgebrauchte Zunge zerbiss und zermalmte,
noch hat dich niemand gefunden,
diese für zu leicht befundenen ungeschlachten Körper eines verbrauchten Mannes,
der mehr als nur ein Haus hätte behüten können mit seinem mächtigen Schatten,
mehr als nur ein Fohlen hätte nach Hause führen können,
umschwärmt von den Müttern, umtanzt von den Töchtern Benjamins,
du bist schon tot,
eine Spanne trennt dich noch von mir,
und wieder hast du mich nicht danach gefragt, mein Bruder,
der ich warte darauf, seit ich dich hinter dem Ochsengespann hervorgeholt habe,
wolltest wieder nicht suchen,
im Suchen gefunden sein,
was hinter Ding und Wort denn ist,
was webt und strebt hinter den Werkzeugen.

Die weise Frau von En-Dor

(Saul vor der Totenbeschwörerin in En-Dor, von Jacob Cornelisz van Oostanen, 1526)

Die Scham wächst in der Dunkelheit,
liegt wie Pech auf deinem inneren Gesicht,
als könntest du es vor dem glühenden Eifer der Sucherin verborgen halten,
und mag selbst der Bart deiner Fehler mit Asche bestreut sein,
aus Trauer oder Wut,
der Grimm und die Schuld mögen dich beugen wie das Gras im Morgen,
das wild blüht und unverwandt verwelkt,
wie die Fliege, die dich jetzt noch ärgert,
dein starres Gesicht mit dem Eifer umfliegt, der Aasfresser antreibt,
denn tot bist du schon, mein Sohn,
dem Tod entkommst du nicht mehr,
das Los spricht nicht mehr für dich,
der Traum gewinnt keine Kraft aus der Scham,
noch speist ihn die Furcht vor der eigenen Schande,
vor dem eigenen Ende kann der Traum dich nicht länger bewahren,
nur Hilfeschreie bleiben dir von Treue und Liebe,
als könntest du bewahren in Schwärze den letzten Schimmer von Ehre,
den letzten Abglanz des Geschöpfes, das sich aufbäumt gegen die Mauer aus Freiheit und Blösse,
die von der Heiligen um dich gezogen wurde,
weil sie dich hegen wollte,
weil sie dich lebend wollte,
und ich antworte dir, sage du mir, was du siehst, mein Sohn,
der wie das Mutterkorn in der Worfschaufel springt und hüpft,
der wie der Spinnenbiss am Leib des Volkes juckt,
dem selbst der Trauerschurz fehlt,
bloss und versklavt stehst du da, grosser Mann,
wie ist dein Gesicht da innen schon geschrumpft,
wie ist sein Blick schon abgewendet,
bestürzend ist es, wie deine Eingeweide in sich zusammengezurrt sind,
lehrreich ist die Enge deiner Kehle,
und dein verschattetes Gesicht, das innen liegt wie der Samen in der Frucht,
denn nur noch eines bleibt dir von all den andern,
die die Sucherin in dich gelegt hat,
doch angeschlagen ist deine Frucht, geschändet und geritzt ist ihre leuchtende Haut,
die dunkeln Finger der Heiligen haben sie schon berührt und gezeichnet,
das sage ich dir, das sehe ich,
und die Scham ist keine Scham vor deinen Schwestern und Brüdern mehr, mein Grosser,
auch die Heilige hat dich nicht verlassen,
die Scham ist Scham vor dir,
du Verschatteter und Verschattender,
nichts leuchtet mehr,
nichts leuchtet dir,
so schaue denn hin!