Marianne

In der weiten Stadt du
Mit Fragen für mich
Hast du schon einmal geliebt?
Unter verwindeten Haaren
Denn der Wind in der weissen Stadt will dir wohl
Das jüngste Gesicht einer Frau
Die Nasenspitze resolut in den Himmel gedreht
Die grauen Augen wie rollende Katzen im Meer

Unsere Zettel flattern durch die Marmorgalerien der Stadt
Über die Marmorbrücken hallen die Rufe unserer Augen
Durch die weiteste Stadt springt der Ring deines Rocks

In der weissen Stadt du
Mit Fragen für mich
Ich finde Hände halten gut für den Anfang und du?
Und ich lese
Du möchtest noch nicht geküsst werden
Höchstens unter Brücken im Geraspel der Zeit
Und ich schreibe
Ich möchte deinen Körper leuchten sehen zwischen all den Kuttenschatten wie eine gute Narbe
Und für Jahre erhalte ich keine Blicke mehr
Verschwindest du zwischen den Vätern
Die Marke deines Lächelns stempelt den zu blauen Himmel mit dem Anschein einer Wolke

Du findest mich in der weiten Stadt
Als langtest du nur kurz in deine Handtasche
Grau umfängt mich der Rock deines Blickes
Kühl und ingwern
Ich finde dich auf der Treppe die nicht endet
Und ich schreibe
Mein Zettel zerknittert und nass von meiner Wange
Ich liebe deine Knöchel und die lockende Wade
Weiss wie die Stadt
Du sagst
Du wirst noch zum Italiener
Und du sagst
Komm zu mir
Breitest deinen Rock über meinem Kopf
Die Wärme deines Geschlechts auf meinem Scheitel

In der weissen Stadt du
Ich zähle die Perlen deines Lachens
Und lege sie in mein Gedicht
Und Fragen werden Antworten
Antworten werden Fragen
Deine Wangen verfärben sich abendlich
Und wo nichts mehr lebt in Steinen
Reichst du mir einen Orangenschnitz

(Das Bild „Das Rätsel der Uhr“ von Giorgio di Chirico ist gemeinfrei.)

Erfunden und/oder wirklich?

Die erste Reaktion auf einen unredigierten, kaum wöchigen Text ist meist dem berühmten ersten Blick bei einer Begegnung oder dem noch berühmteren ersten Eindruck bei einem Vorstellungsgespräch zu vergleichen: die ganze Daseinsberechtigung des Textes, sein „Lebenswert“, wenn du so willst, steht auf dem Spiel.

Die meisten Erstleser*innen oder Ersthörer*innen kennen mich gut, sind Bekannte oder Freunde. Ihre Perspektive auf den Text ist also meist von einem Bedürfnis des „Erkennenwollens“ geprägt: sie wollen die Stimme, die Erfahrungen, die typischen Merkmale ihres Bekannten oder Freundes wiedererkennen im Text.

Dabei unterscheidet sich die Rezeption von Lyrik und Prosa wesentlich. Während meine Gedichte in meinen Erstleser*innen oft Befremden und manchmal auch pures Unverständnis auslösen – denn die wenigsten sind geübte Lyrik-Leser*innen – und eine Ratlosigkeit in Bezug auf meine eigene „Rolle“ sowohl in der Verfertigung des Gedichts als auch in seiner Perspektive oder Tonalität, bietet sich der Prosatext weit besser für mögliche Identifikationen an.

Ähnlich jedoch wie im Gedicht sucht die Ersthörer*in im Prosatext dann aber doch den Urheber, also mich. Sehr gute Freund*innen haben meist keine Mühe, mich hinter den Masken des Erzählers oder der Figuren zu „entlarven“ – wie sie denken.

In den Gedichten rede ich meist von „persönlicher Färbung“. In Prosatexten spiegelt sich manchmal weit mehr: von der persönlichen Haltung in politischen und gesellschaftlichen Dingen über von mir bereits oft referierte prägende Erlebnisse bis hin zur eher dunkeln, melancholisch-pessimistischen Männlichkeit, die für mich prägend ist.

In den Erzählungen jedoch versuche ich mich, „aus dem Fenster hinauszulehnen“. Ich versuche bewusst, meine eigene Perspektive zu verlassen, andere Rollenbilder und andere Gestalten zu animieren. Die Lebenswirklichkeit, wenn du so willst, einer anderen Person aus ihrer Sprache heraus entstehen zu lassen.

Das ergibt sich manchmal ganz spontan, ganz intuitiv. Ein andermal ist es eine lange, quälende und unablässige Suche nach der Form, der Geste. Dabei ist das Schwierigste gewiss das Erschaffen dieser Lebenswirklichkeit, besser gesagt: das wirklichkeitsmächtige Erschaffen dieser Lebensform und -haltung, die du im Kopf hast.

Und manchmal – das ist so wie die Aufzählungen, die sich in deinen Gedichten ausbreiten, wenn du nicht aufmerksam bist: eine Müdigkeitserscheinung – rückst du von dieser Haltung ab und fällst in das eigene Erzählen zurück. Denn darin fühlst du dich ja wohl, vielleicht auch sicher.

Und da komme ich auf den Anfang dieses Eintrags zurück: Freunde und Bekannte unter den Ersthörer*innen erkennen darauf sofort, dass du daraus sprichst, wenn du in deinen „Default“-Modus zurückgefallen bist. Und sie fühlen, dass das Erzählte an Wirklichkeit, an Wahrhaftigkeit gewinnt – und finden es „stärker“ und „wahrer“ als das „Erfundene“, für das du dich so angestrengt hast. Und das vermutlich zu recht. Du solltest vermutlich nur noch von dir ausgehen; das kannst du in den Gedichten besser als in Erzählungen.