
(Ein Gedicht für Hirokazu Kore-eda)
Wenn ich aufwache
Bin ich unvollständig
Muss ich eine Lücke füllen
Die in mein Leben hineinatmet
Eine selbstöffnende Pforte
Durch die das Weltall singt
Und die Fragen nach meinem Tun
Und ich setze mich an mein Tischchen
Brenne die vier Kerzen an
Wische mir den Schlaf aus den Augen
Locke die Katze neben mich auf ihren Schemel
Und blicke auf die weisse sich weitende Lücke
Auf dieses atmende Fenster in den Tod
Auf dieses äugende Fenster des Vergessens und des Vergessenen
Und beginne mit grosser Ehrfurcht wie vor einem Altar
Als opferte ich mein Glück
Um es in die Bresche zu werfen
Dieses Glück das nicht das Glück aller ist
Das wie der erste Hauch in eine Posaune ist
Das schüchterne Anreissen einer Saite
Deren Klänge noch unbestimmt und unsicher sind
Als wäre ich ein Kind
Das seine Sexualität und sein Begehren entdeckt
Vor seine einmalige Öffnung tritt
Von der aus das Leben zu beobachten und gestalten ist
Hoch über der Stadt mit ihrem Meer
Auf dem Dach der Schule und die Arme ausbreitend
Beginne ich mit dem in 40 Jahren gewonnenen Vertrauen
Als würde ich um eine Sonnwendfeuer tanzen
Dieser Kluft meine kleinen engen Zeilen entgegenzuhalten
Voll von den süssen unvollständigen ungenauen unverständigen Wörtern
Um das Glück auf mein Glück einzugrenzen
Denn die Lücke lässt sich nicht füllen mit Alkohol oder Völlerei oder Freundschaften
Lässt sich nicht füllen mit Masturbation oder Träumen finanzieller Freiheit
Als jonglierte ich mit Flammenwerfern
Und das Hauchen und Rascheln aus der Spalte nimmt ab
Verstummt nie ganz
Aber nach ein oder zwei Stunden ist die Lücke auszuhalten
Wie eine Tür in der Oper
Ein Fenster wie es sich gehört
Bis ich sie im Schlaf wieder aufreisse
Und das ist mein Glück.
(Image by Riette Salzmann from Pixabay.)

