Brief an Maon

Schreibe an den Engel von Maon:
Hundsfötter beherbergst du,
auf deren Tellern das Fleisch von Götzenopfern liegt,
in deren Kehlen Gesänge von Propheten keimen,
die niemals der Heiligen zugewandt waren,
ihr ganzes Sinnen und Streben ist darauf gerichtet, den Falschen zu helfen,
den geschaffenen Dingen und Zäunen Zuneigung zu schenken;
das Horten von Worten,
das Markieren von Tieren,
das Wiehern über Träume,
das Schäumen über Bitten,
das Weiden von unreinen Geistern,
das Ausweiden von unreinen Tieren,
das Gieren nach dem wilden Wald,
das Häufen von Schätzen,
das Setzen von Grenzen,
das Lauschen auf die Sprache der Lenden, –
all das sind Dinge, die die tun, die du beherbergst,
und ich kenne ihr Tun,
ich erkenne sie an ihren Taten,
ihre Worte sind das Rasseln einer Schlange im Sand an deiner Schwelle;
all das sind hundswütige Dinge. SELA

Schreibe an den Engel in Maon:
Hundswütige Dinge höre ich von dort, wo du wohnst,
deine Traube fault, ich rieche sie bis hierher,
und was die Teufel in deinem Hause auch hören, sie vernehmen es nicht,
und was die Streuner in deinem Hause auch sehen, sie erkennen es nicht,
in ihren Fellen hocken Zecken und Läuse,
ihre Lefzen sind schwarz vom vertrockneten Schaum,
ihre mageren Rippen sind Dolche,
ihre Bisse sind giftig,
und der Atem, den sie von der Heiligen haben, ist verdorben und vertreibt selbst die Geier,
die sonst an den Müllgruben warten auf die schlechten Taten,
und selbst deine Worte, mein Bote vor Ort, mein Ohr für Gott, mein Auge für den Thron,
selbst deine Worte schmecken ranzig und nach altem Käse,
ich kenne die Enge deines Hags, die Tröckne deines Hains, den Staub an deiner Schwelle,
Gerber sind diese da,
sie tun der Erde dies und das an,
und du sitzt im Rauch deiner Güte,
deiner Herbergskunst eingedenk,
während die Steppe sich weitet unterm Ruf des Adlers, der weiterzieht,
während die Zedern fallen auf den Höhen,
die Wacholder glühen und glimmen,
die Brunnen versiegen;
siehe, ihre Speicher sind voll, ihre Frauen sind schwanger,
ihr Wort ist Bellen,
ihr Gehorsam Hecheln,
und ihre Bäuche schwellen. SELA

Schreibe an den Engel in Maon:
Aber eines haben sie gut gemacht, die Hundsfötter,
verjagt haben sie den Märchenprinzen,
verjagt samt seiner seidenen Zunge,
vertrieben samt seiner jaulenden Truppe.

(Ich verdanke das Bild bei Balouriarajesh.)

Das letzte Mahl

Du bist eine Waise,
du bist eine Witwe,
verlassen und verloren bist du,
deine Kehle lechzt nach einem Gastmahl,
das nicht nähre noch stärke,
nach einer letzten Speisung, die erfülle und erlöse,
so zerreisse nicht Kleid noch Körper,
zerreisse das warme, ölige Brot,
tunke ein in den Saft des Bratens,
streue Dill wie Aleph über die Linsen,
blättere das Schin des Korianders über das saftende Opfer,
schenke ein vom herben Wein,
stosse auf die Hand deines Sohnes,
finde die Hand deiner Mutter in der dampfenden Schüssel,
zerbeisse den Kümmel und schmecke seine dunkle, bauchige Schärfe,
die dir Tränen bringt,
auf dass du weinest über die Gottesgaben,
auf dass du preisest die, die dich mit ihren Gaben so reichlich erfüllt hat. SELA

Schenke nach vom mundverziehenden Wein,
der gemacht ist für die Fröhlichkeit,
für Tanz und Lied,
lass das Brot saugen vom Olivenöl wie die dürre Kruste deines Herzens,
lass dein Herz sich ausdehnen und weiten wie dein Land unter dem Regenguss,
glaube für Augenblicke an eine auffliegende Erde,
an eine in den Himmel flatternde Einsicht,
aufsteigend aus dem Schattendickicht deines Morgens,
an eine heile Leber,
du bist ohne Freude,
du bist ohne Zuneigung,
doch rolle die Nüsse auf der Zunge,
fühle sie knacken unter deinen Zähnen,
aufbrechen wie verhärtete Muskeln,
fühle den beissenden Rauch des Feuers in den Augen,
spüre den beissenden Knoblauch und die Würze der Zwiebel,
weide dein Auge am schweren, runden Feigenkuchen,
das wie Samech in seiner Runde ruht, feucht und fett,
verlass dich auf das Fleisch,
wie ist die zarte Schulter des Kalbs doch verlässlich,
so neige dich über das Rückenfleisch des Kalbs,
erkenne das leise seufzende Reissen, wenn du es teilst, als Gesang der Güte,
als Lied der Liebe,
als Einsicht in Gemeinschaft,
Gemeinschaft im Hunger, Gemeinschaft im Durst,
schenke ein vom bescheidenen Wein,
der nach Zimt duftet,
lass dir den Honig in den Bart rinnen und wische ihn nicht ab,
denn die, dich erschuf als Witwe und Waise, will dir wohl.

(Mit Dank an Vilkass für das Bild.)

Die weise Frau von En-Dor

(Saul vor der Totenbeschwörerin in En-Dor, von Jacob Cornelisz van Oostanen, 1526)

Die Scham wächst in der Dunkelheit,
liegt wie Pech auf deinem inneren Gesicht,
als könntest du es vor dem glühenden Eifer der Sucherin verborgen halten,
und mag selbst der Bart deiner Fehler mit Asche bestreut sein,
aus Trauer oder Wut,
der Grimm und die Schuld mögen dich beugen wie das Gras im Morgen,
das wild blüht und unverwandt verwelkt,
wie die Fliege, die dich jetzt noch ärgert,
dein starres Gesicht mit dem Eifer umfliegt, der Aasfresser antreibt,
denn tot bist du schon, mein Sohn,
dem Tod entkommst du nicht mehr,
das Los spricht nicht mehr für dich,
der Traum gewinnt keine Kraft aus der Scham,
noch speist ihn die Furcht vor der eigenen Schande,
vor dem eigenen Ende kann der Traum dich nicht länger bewahren,
nur Hilfeschreie bleiben dir von Treue und Liebe,
als könntest du bewahren in Schwärze den letzten Schimmer von Ehre,
den letzten Abglanz des Geschöpfes, das sich aufbäumt gegen die Mauer aus Freiheit und Blösse,
die von der Heiligen um dich gezogen wurde,
weil sie dich hegen wollte,
weil sie dich lebend wollte,
und ich antworte dir, sage du mir, was du siehst, mein Sohn,
der wie das Mutterkorn in der Worfschaufel springt und hüpft,
der wie der Spinnenbiss am Leib des Volkes juckt,
dem selbst der Trauerschurz fehlt,
bloss und versklavt stehst du da, grosser Mann,
wie ist dein Gesicht da innen schon geschrumpft,
wie ist sein Blick schon abgewendet,
bestürzend ist es, wie deine Eingeweide in sich zusammengezurrt sind,
lehrreich ist die Enge deiner Kehle,
und dein verschattetes Gesicht, das innen liegt wie der Samen in der Frucht,
denn nur noch eines bleibt dir von all den andern,
die die Sucherin in dich gelegt hat,
doch angeschlagen ist deine Frucht, geschändet und geritzt ist ihre leuchtende Haut,
die dunkeln Finger der Heiligen haben sie schon berührt und gezeichnet,
das sage ich dir, das sehe ich,
und die Scham ist keine Scham vor deinen Schwestern und Brüdern mehr, mein Grosser,
auch die Heilige hat dich nicht verlassen,
die Scham ist Scham vor dir,
du Verschatteter und Verschattender,
nichts leuchtet mehr,
nichts leuchtet dir,
so schaue denn hin!

Vorzeitige Totenklage

Vorzeitig muss ich dich beweinen,
ein guter Mensch am falschen Ort,
der am Wort würgte wie Welpen,
vorzeitig ist deine Zeit erloschen wie das Morgenrot,
ein Unwürdiger, der einherschritt unter Steifhalsigen,
unter Nackenstarren wandtest du den Blick im Tanz und in der Blösse auf das niedere Wort,
da rissen die Feinde die Mäuler auf wie brüllende Löwen,
liessen dir nicht einmal den Trauerschurz,
da kauertest du im Rot mit den Abgerissenen, den Hysterischen, den Ledrig-Ärmsten,
fingest dich in ihren Worten,
fielest in ihre Gnade,
die von jenen, die ihre Fehler für gerechtfertigt halten, Ungnade geheissen wird,
von jenen, die ihr Gelingen an das hohe Wort hängen, aber nicht einmal über das niedere Wort hinauskommen,
vorzeitig willst du dich verabschieden,
umstellt von Bitterkeit und Qual,
zertreten wie die Trauben in der Kelter sind deine Taten vor der Zeit,
schon als du hinter den Ochsen hervorgezerrt wurdest, mein Bruder,
war dein Gesicht spitz wie das eines Vogels im Netz der Heiligen,
da begannst du dein Stottern und Kauen auf Kies,
dein Zähneknirschen über einer Aufgabe vor einem Volk,
das hinlänglich weiss und hinländlich tut,
als sei das Wort ein Hobel oder ein Hebel,
und mancher wollte es zupfen wie eine Zither,
und die greisen Häher des Landes waren vorzeitig in ihren Traumbärten versunken,
in denen das Opfermark sich mit dem Salböl und dem eingetrockneten Wein paarte,
da waren sie wie Geier über den Müllhalden draussen vor den Toren,
vorzeitig krächzten sie von deinen Vergehen,
von deinen verlaufenen Mühen stimmten sie Spottlieder an,
denn du bist anders als die Worte, die sie für das Wort gehalten haben,
ein guter Mensch zur falschen Zeit,
und die Unwendigen, die Zugedeckten, die ihre Mäuler aufreissen wie Trauerkleider,
wandten sich vorzeitig von dir ab,
ein Festmahl machten sie aus deinen gelenkigen Stümmelworten,
mit diesen unverborgenen und unverbogenen Worten,
es tobt und brennt in meinen Eingeweiden,
zu früh werf ich mich in den Staub.

Zeitalter der Spinne

Die Fäden sind gespannt,
singen im Wind,
die hauchdünnen Schnüre fädeln sich durch das ganze Land,
sie schnüren kein Gewand,
sie hüllen Personen ein, als lägen sie auf ihrem Leichenbett,
sie rollen Dinge ein, als handele es sich um Geschenke aus Saba,
sie spinnen Tiere ein, als seien sie bereits ausgestorben,
selbst die Zedern im Libanon stehen in ihrem dichten Nebel,
die Sprache wird zu einem undeutlichen Gemümmel,
die Höhle des Noah ist unauffindbar,
der Zwirn beginnt auf den Bergen die Wolken zu befestigen,
er bindet die Laute von Kindern und die Seufzer der Alten in ein Rascheln wie von Laub- oder Blütenfall,
das ganze Land hat zu sirren begonnen,
die eigenen Gedanken sind darin versponnen,
mitten im Tag stolperst du wie im Schnee über Gespinste, die für einen Augenschlag deine Knöchel umwinden und die Haut einritzen,
und im Bücken legen sich die Fäden um deine Kehle,
und ein bestürztes Hecheln entringt sich deinem Hals, als lägest du im Wochenbett,
im ganzen Land, auf Feldern, im Acker, auf Pfaden, in Häusern, in Gassen, an Tischen und in Betten,
beginnen Glieder und Züge zu rucken und zucken,
als finge ein Strippenzieher mit seinem Werk an,
und die Menschen und die Tiere und die Gärten spüren das Schnüren,
das Zupfen und Zeuckeln und das Gezeuch,
kein Wort endet ohne eine Silberspur in die Luft zu legen wie eine Zündschnur,
die Sänger verlieren den Faden ihrer Lieder,
die Tänzerinnen kreischen, als sich ihre Gewänder auflösen,
die Fäden ihrer Kleider tanzen durch den Raum und fahren hinaus durch die Fenster und Türen,
verfangen sich im Garten an Ästen und reissen mit einem metallischen Geräusch,
das ganze Land ein einzig Ohr,
horchend auf den Klang der Saiten,
und wo ist die Spinne,
und wo ist die Spinne?

Bericht vom Gottesschrecken

Ich will der Wahrheit nach berichten, mein Herr
Ich will unser Leid nicht vergrössern durch Umschweife und Ausschmückung,
denn als der Gottesschrecken kam, mein Herr,
erlosch in unseren Herzen so gänzlich Hoffnung,
da durchfuhr unsere Knochen so vollständig das Eis des nächsten Lebens,
dass weder Pferd noch Reiter,
nutzlos in diesen Gebirgsländern voller Blöken und Kläffen, mit Verlaub, mein Herr,
weder Schwert noch Scheide mehr eine andere Absicht zu haben schienen als
hinzusinken und mit Gewicht zu verrosten und verrotten;
das Beben der Erde stammte von diesen Augen eines jungen Mannes,
das Schüttern der Berge,
als erzitterte ein kunstvoll zu Ehren Dagons aufgerichtetes Steinmahl unterm Donnern der Streitwagen,
ein Stein über den andern purzelnd wie ein aufgelöstes Gelöbnis, mein Herr,
das Schlickern der Hügel stammte von diesem gleissenden, schartigen Schwert,
das der junge Gottesschrecken schwang,
mein Herr, ich bezeuge seinen Eifer,
ich verstumme ob seines Muts,
den selbst du nur Tollkühnheit nennen würdest,
zwischen Senne und Bozez geschah dies,
unser Vorsprung ragte hinaus in die Schluchten und in die Kerben dieses öden Landes, das diese Barbaren wie den Garten einer Königin lieben und beschützen,
mit Harke und Schaufel um sich schlagend wie von Tollwut verseucht;
kaum hatte der Saulsohn seine Affengestalt über unseren Wall geschwungen,
das will ich bis an die Pforten meines Lebens bezeugen, mein Herr,
war es, als fielen uns die Zähne vor Klappern aus dem Kiefer,
weich wie das Fleisch frischer Feigen waren wir auf einmal geworden,
und so befiel er uns wie eine Trunkenheit,
wie ein gliederhemmender Rausch überfiel er uns,
ein Fieber liess die Welt zusammenfahren und alles Lebende zu Boden fallen, mein Herr,
als begänne eine neue Erntezeit,
selbst die Geier fielen vom Himmel wie Hühner,
das will ich bezeugen.