Ruts Lied über Moab

Moab, du hohes Land, du bist ein zerschlagener Krug, aus dem die Gerste rinnt,
du wirst Angst haben wie eine Frau, die in den Wehen liegt, mein Land voller Maulhelden,
so steige herab von deiner stolzen Höhe,
du bist ein Wein, der vom langen Lagern duftet,
ich rufe das Heulen nach Horonajim,
aus dem Staub steigt auf der Gestank faulender Vorräte, verdorbener Früchte,
deine Stiere fallen vom Fleisch,
deine Trauben verdorren in der Mittagshitze,
der Adler stimmt über dir seine Lache an. SELA

Holon, Jahaz und Mefaat,
ich rufe euch zu,
Dibon, Nebo und Bet-Diblatajim,
ich blicke auf euch,
Kirjatajim, Bet-Gamul und Bet-Meon,
ich fürchte um euch,
Kerijot, Bozra und Kir-Moab,
ich fühle mit euch,
und weh dir auch, Betlehem, Heimat in der Fremde,
willst du etwa bis zum Himmel erhoben werden? SELA

Mein Land voller Maulhelden,
die Kiefer werden euch zerschlagen,
die Küfer werden euch heimsuchen,
sie leeren alle Krüge und zerbrechen sie in tauend Stücke,
der Wein wird die Erde blutrot tränken,
die Gerste vom Wind über die Steppen Moabs davongetragen werden,
nicht die Treue wird dir mehr lächeln,
nicht in Liebe wirst du aufstöhnen,
Hilfeschreie entringen sich dir,
Tränen werden deinen Durst stillen,
Kreischen ist dein täglich Brot,
ein Krug bist du, gebrochen und geschändet,
ein tönernes Gefäss, das seinen Töpfer vergessen hat,
ein irdenes Wort, das niemand mehr haben will,
selbst deine Esel trauern. SELA

Holon, Jahaz und Mefaat,
ich rufe euch zu,
Dibon, Nebo und Bet-Diblatajim,
ich blicke auf euch,
Kirjatajim, Bet-Gamul und Bet-Meon,
ich fürchte um euch,
Kerijot, Bozra und Kir-Moab,
ich fühle mit euch,
und weh dir auch, Betlehem, Heimat in der Fremde,
bis zur Unterwelt sollst du hinabsteigen. SELA

Moab, mein Land in der Höhe,
ein saurer Wind streicht über deinen Weinberg,
er bringt deiner Gerste den Flugbrand,
der Staub füllt deine Mäuler ganz,
Sidon und Tyrus hören deine Klagen,
du wirst in den Felsspalten deine Nester bauen,
fristest in der Wüste ein Leben wie der Wacholderbaum. SELA

Holon, Jahaz und Mefaat,
ich rufe euch zu,
Dibon, Nebo und Bet-Diblatajim,
ich blicke auf euch,
Kirjatajim, Bet-Gamul und Bet-Meon,
ich fürchte um euch,
Kerijot, Bozra und Kir-Moab,
ich fühle mit euch,
und weh dir auch, Betlehem, Heimat in der Fremde,
willst du etwa bis zum Himmel erhoben werden?

Noomis Lied

Mara hiess ich mich,
aber es gab noch Korn,
Verbitterte nannte ich mich,
doch es gab noch Treue,
die Brust Gottes war keine Faust. SELA

Das Land Juda war ausgehungert,
das Volk Juda war ausgetrocknet,
kein Korn neigte sich im Wind,
auf den Dreschplätzen wirbelte Staub,
die Kühe und das Kleinvieh längst geschlachtet,
rundumher nur trockene Brunnen, leere Speicher,
da floh ich auf die Felder Moabs,
half beim Ernten, half beim Dreschen,
denn selbst in der Fremde fand ich Wohlgefallen,
denn in der Fremde fand ich Menschen vor Gott,
der nährt und nimmt, nichtet und nährt,
der säugt und sammelt,
der liest und lässt,
der zerwirft und zerstreut,
und die Felder Moabs haben mich genährt. SELA

Noomi hiessen sie mich,
denn es gab wieder Korn,
Liebliche nannten sie mich,
denn es gab stets Treue,
die Brust Gottes ist keine Faust. SELA

In der Fremde fand ich eine Freundin,
an die ich mich hing,
die sich an mich hing,
wo du hingehst, da geh ich hin,
wo du bleibst, da bleibe ich,
wo du stirbst, da will ich begraben sein,
so sagt Rut,
ein Mädchen aus den Feldern Moabs,
dein Volk ist mein Volk, dein Gott ist mein Gott,
der dich nährt und tränkt, nichtet und nährt,
wo du fremd bist, da bin ich fremd,
wo du ankommst, da will ich ankommen,
und seien es die Felder Judas. SELA

Mara hiess ich mich,
aber es gab noch Korn,
Verbitterte nannte ich mich,
doch es gab noch Treue,
die Brust Gottes war keine Faust. SELA

Das Land lief über vor Gerste,
das Land war feucht wie die Zunge Gottes,
das Land ist wie der Brunnen von Gibeon,
und Rut liest Ähren,
liest Ähren für mich auf den Feldern Judas,
liest Korn um fliegendes Korn auf den Feldern Judas,
für mich und sich,
eine Frau unter Wölfen,
aber einer sagte zu ihr,
so tauche dein Brot in die säuerliche Tunke,
scheue dich nicht beim Lesen des Korns,
und die Felder Judas haben mich genährt,
sie und mich, zwei Frauen unter Schakalen,
doch Schaddaj, der nährt und nichtet, nimmt und nährt,
sandte ein Antlitz, das sich uns zuwendet,
tauche nur deinen Bissen in die Würztunke, so sagte der Held meiner Freundin,
die in der Fremde Treue findet,
Heimat hat in Juda und in Gott, der nährt und nichtet,
auf den Feldern Judas nimmt und nährt.

Noomi hiessen sie mich,
denn es gab wieder Korn,
Liebliche nannten sie mich,
denn es gab stets Treue,
die Brust Gottes ist keine Faust.

(Für das Bild bedanke ich mich bei geraldfriedrich2.)