Davids Lied über die Amalekiter

Warum hat Saul dieses Volk nicht vom Erdboden gefegt?
Warum hat er dieses Volk an der Kehle gekitzelt, um es wieder stark werden zu lassen?
Warum hat der König nicht den Fluch des Herrn an diesem Volk vollstreckt?
Warum hat er dieses Volk nicht in seinem Blut gesotten? SELA

Alles fällt zurück auf die Unschuldigen,
alles schlägt jene, die Unrecht ausbaden;
alles ist zum Zeichen für die Zweifler,
alles ist Lebewesen,
scheues schützenswertes Lebewesen für jene mit dem Kinn in der Hand,
ein fein gesponnenes Netz erkennen sie dort,
wo ich nur Fäden und Fallstricke sehe,
die ich durchtrenne,
die ich abschneide;
alles fällt zurück auf die Unschuldigen,
alles schlägt jene, die Unrecht ausbaden. SELA

Zuerst haben wir geweint, geheult,
die Säfte verliessen uns,
ohnmächtig sassen wir in den Toren Ziklags,
dann wurden alle von Zorn erfasst und wollten mir an die Kehle,
steinigen wollten sie mich,
doch ich, der Wache mit der Rache, nahm sie zum Heiligen,
der würde sie uns in die Hände geben,
der würde sie uns unter die wütenden stampfenden Sohlen legen,
da sprangen sie auf an meine Seite,
wollten mitwirken bei der Gerechtigkeit, die ich anstiften würde,
den Fehlern Sauls nicht eingedenk,
mitmorden würden sie, auslöschen helfen den Brand dieses Volks,
dann habe ich sie am Schopf genommen wie eine gute Gelegenheit,
durchzog die Wüste und fand sie dort am Bechern und Zechen,
denen habe ich es gezeigt,
es lagen nur noch Leichendinge im purpurnen Sand,
und mit den Köpfen habe ich gekegelt,
alle gestohlenen lieben Menschenwesen waren noch unversehrt,
das war ein Schmusen, Küssen, Beieinanderliegen,
Ahinoam oben und Abigajil unten und umgekehrt,
das war Davids Beute. SELA

400 Lebewesen konnten fliehen,
400 Lebewesen wurden verschont,
400 unschuldige Mitgehangene und Mitgefangene sind noch am Leben,
400 Lebende sind am Leben von diesem Volk,
können von Gerechtigkeit erzählen,
von diesem Volk, das aus der Wüste muss,
um Leben und Recht zu finden. SELA

Alles fällt zurück auf die Unschuldigen,
alles schlägt jene, die Unrecht ausbaden;
alles ist zum Zeichen für die Zweifler,
alles ist Lebewesen,
scheues schützenswertes Lebewesen für jene mit dem Kinn in der Hand,
ein fein gesponnenes Netz erkennen sie dort,
wo ich nur Fäden und Fallstricke sehe,
die ich durchtrenne,
die ich abschneide;
alles fällt zurück auf die Unschuldigen,
alles schlägt jene, die Unrecht ausbaden.

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(Bild aus dem Egbert-Psalter, 10. Jahrhundert; gemeinfrei.)

Das Schwert aus meinem Mund

Lange habe ich den Mund verschlossen vor dir,
geduldig habe ich meine Lippen aufeinander gepresst,
denn ich wollte dir nicht schaden,
ich wollte dich nicht wandeln,
im Wandeln dich nicht verletzen,
ohne Harm wollte ich dich lassen,
so lange warte ich schon darauf, die Rüstung meines Mundes abzulegen,
gegen dich mit meinem Wort ins Feld zu ziehen,
die Hoffnung hat das Schwert geschmiedet,
dein Zögern und Zaudern hat den Stahl abgekühlt,
scharf ist sein Mund wie die bittere Frucht der Liebe,
heisst ist sein Mund wie eine Flamme,
ich werde dich damit schlagen,
ich werde dir damit Wunden reissen wie die Bärin, die ihren Wurf verteidigt,
doch halte ich immer wieder inne,
hast du mich angesteckt,
hast du das Wort vom König verdorben,
hast du das Wort des Königs abgestumpft,
das ein einziges schnelles treffendes sein soll,
ein Leid zufügendes,
ein Flächenbrand über Generationen im Körper meines Volkes auslösen wird,
hustend und um Atem ringend werden sie durch die umwölkte Gegenwart torkeln,
nur um sich in der Vergangenheit wiederzufinden,
ein solches Wort will gut gesprochen sein,
eine solche Tat will gut erwogen werden,
nochmals will ich es mir verkneifen,
seine Kraft einschätzen und seine Macht stählen,
ich will dieses eine Wort noch in meiner Scheide stecken lassen,
ich zweifle, ob es bereits genügend geschliffen ist,
will es noch einmal besehen und gewichten,
den Arm meiner Zunge stählen und üben,
denn ich fühle meine Leber schwer in meinem Bauch lasten,
schwanger ist sie mit Unmut und Groll,
und meine Nieren sind zerschlagen von der Erwartung,
meine Nieren wollen in deiner Galle baden und triumphieren,
ein gutes Wort, eine gute Tat will ich wetzen in meinem Herzen,
und hörst du nicht mein ruheloses raues Brummen und Summen,
das Volk meiner Worte,
sie alle warten auf ihren Flug, auf ihre Blüte,
spürst du seine lullende Kraft, seine betäubende Macht,
denn Schmerzen sollst du nicht leiden,
wenn ich das Schwert aus meinem Mund an deine Kehle lege.

(Danke an prawny für das schöne Bild.)

Hinten in der Höhle

(Bild mit Dank an Geralt.)

Mein Gesicht ist blau,
ich fühle meine Lippen nicht mehr,
meine Wange ist taub,
weiss meine Fingerbeeren und Augäpfel,
ich herrsche nicht einmal mehr über mich,
Allmächtige, wie du,
Gebärende, wie du. SELA

Stockfleckig mein Horizont,
ein Drehen und ein Wenden,
Bänder von Anfängen,
und wie ein Strauss presse ich über ihnen,
mit keuchendem Wort,
mit fliehendem Auge,
das sich nachts aus seiner Höhle stiehlt,
um in anderen Gesichten heimisch zu sein,
in dem Gesindel der Gütigen Träger findet,
die sie nicht mehr in jene finstern Schlundenden meiner Kehle führen,
wo der eingetrocknete Schaum meines Speichels sich  mit dem pelzigen Kot meiner umgedrehten hängenden Träume
mischt,
denn, Erbarmerin, ich zerre an meiner irdischen Kette,
Flüchtende, ich würge an meiner Werdung. SELA

Es gibt keinen Ort mehr, an dem meine Nase eine Verbindung findet mit den weichen Schössen,
mit den Polsterhängen des Libanon,
mit dem rezenten Geruch von junger Erde,
keinen Ort für meine Knie,
an dem sie ruhen könnten in alter Zuversicht,
der Boden sticht, die Erde bricht,
unter meinem Gewicht verändern sich die Säfte im tiefen erschöpften Boden des Landes,
durch die Risse in der Kruste dringt Licht bis zu den uralten Keimen hinab,
die nicht länger mehr dort unten, dort hinten alleine und aus sich wachsen dürfen sollen,
denn auch ich, Allhörende, verwende meine knirschende Stimme zu deinem Lob,
denn auch ich, Fernträumende, verwende meine Nächte zum Träumen. SELA

Mein Gesicht ist rot,
mein Rabenatem hat die Farbe von Pech,
ich kriege keine Luft,
und unter mir, hinter mir häufen sich die Haufen von herausgedrückter Angst,
und ich lese in ihren schnell getrockneten Gesichtern die braune Anteilnahme an jener Erde,
Schöpferin, die ich geschaffen,
Tätige, die ich geboren.