
Ich schreibe, um kein Gesicht mehr zu haben. Ich schreibe, um den Unterschied auszusprechen. Den Unterschied, der mich all jenen annähert, die nicht ich sind, jenen, die die Menge bilden, die mich fasziniert und verrät. Ich schreibe nicht für, aber in und mit ihnen. Ich werfe mich in den Umzug ihrer Entfremdung. Ich werfe mich auf die Leinwand ihrer Einsamkeit. Eine schneidende Rede. Die Leere plus ein Stück des Krume um Krume zusammengelesenen Lebens.
Was mich vereint mit jenen, die mich vielleicht lesen oder lesen werden, ist zuerst das, was mich von ihnen trennt. Das Wort und das Verb sind das, womit ich die Unähnlichkeit und die Identität verwirkliche. Kommunizieren heisst für mich, soweit wie dieser Unterschied wahrgenommen wird zu gehen. Ich nehme ihn wahr und sehe ihn in dem Masse, wie die Spaltung ihren Weg in einem Körper, in einem Bewusstsein sich ihren Weg bahnt, in dem Masse, wie einer Menge die lokale und allgemeine Anästhesie täglich verabreicht wird.
Ich gebe mich dem mehrdeutigen Zittern der Wörter hin, in der Nacktheit ihrer Grenzen, und ich konfrontiere den Rest. Das ist wenig. Verbleibt mir das Überleben des Versprechens und des Ehrenworts.
Ich bin, was mir fehlt. Dieses Manko ist alles, was meine Aufgabe, meine Wegstrecke, mein Ziel ausmacht. Was ich schaffe, ist alles, was mir fehlt. Ich prangere an. Die Rede. Ich entschleiere. Die Rede. Durch einen Text, ein Gedicht gebe ich ein wenig meiner Andersheit dahin, und ich schneide ein Stück meiner Unzulänglichkeit ab, um – in vollkommen illusorischer Weise – das Manko des andern zu vervollständigen.
Und ich sage die Grenzen aus.
Was mich behindert, verliert sich. Ich hole es manchmal in einem Blick, in einer Geste jener oder jenes zurück, die mich nicht kennen, denn die Schrift ist ein Gebiet, auf dem sie sich nicht erkennen. Und dennoch entspringt und fliesst das Gedicht in jenen Frauen, in jenen Männern. Ich festige diese Abwesenheit und warte auf die uneingestandene Anerkennung. Mich zu erkennen heisst, den Unterschied anzuerkennen, selbst wenn man mich damit wieder in die Schreibbank bannt.
Ich erfasse die Geste einer aufbrausenden Erinnerung und nehme die Enthüllung vor. Ich öffne die Seite meiner Schwächen, meines Ungenügens, meiner Illusionen und meines Abstands.
Ich entdecke die Scham.
Mai 1971, Tahar Ben Jelloun – Cicatrices du soleil / Narben der Sonne – aus dem Französischen übersetzt von O.F.



