Ich schreibe…

Von Claude Truong-Ngoc / Wikimedia Commons – cc-by-sa-3.0, CC BY-SA 3.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=28441474

Ich schreibe, um kein Gesicht mehr zu haben. Ich schreibe, um den Unterschied auszusprechen. Den Unterschied, der mich all jenen annähert, die nicht ich sind, jenen, die die Menge bilden, die mich fasziniert und verrät. Ich schreibe nicht für, aber in und mit ihnen. Ich werfe mich in den Umzug ihrer Entfremdung. Ich werfe mich auf die Leinwand ihrer Einsamkeit. Eine schneidende Rede. Die Leere plus ein Stück des Krume um Krume zusammengelesenen Lebens.

Was mich vereint mit jenen, die mich vielleicht lesen oder lesen werden, ist zuerst das, was mich von ihnen trennt. Das Wort und das Verb sind das, womit ich die Unähnlichkeit und die Identität verwirkliche. Kommunizieren heisst für mich, soweit wie dieser Unterschied wahrgenommen wird zu gehen. Ich nehme ihn wahr und sehe ihn in dem Masse, wie die Spaltung ihren Weg in einem Körper, in einem Bewusstsein sich ihren Weg bahnt, in dem Masse, wie einer Menge die lokale und allgemeine Anästhesie täglich verabreicht wird.

Ich gebe mich dem mehrdeutigen Zittern der Wörter hin, in der Nacktheit ihrer Grenzen, und ich konfrontiere den Rest. Das ist wenig. Verbleibt mir das Überleben des Versprechens und des Ehrenworts.

Ich bin, was mir fehlt. Dieses Manko ist alles, was meine Aufgabe, meine Wegstrecke, mein Ziel ausmacht. Was ich schaffe, ist alles, was mir fehlt. Ich prangere an. Die Rede. Ich entschleiere. Die Rede. Durch einen Text, ein Gedicht gebe ich ein wenig meiner Andersheit dahin, und ich schneide ein Stück meiner Unzulänglichkeit ab, um – in vollkommen illusorischer Weise – das Manko des andern zu vervollständigen.

Und ich sage die Grenzen aus.

Was mich behindert, verliert sich. Ich hole es manchmal in einem Blick, in einer Geste jener oder jenes zurück, die mich nicht kennen, denn die Schrift ist ein Gebiet, auf dem sie sich nicht erkennen. Und dennoch entspringt und fliesst das Gedicht in jenen Frauen, in jenen Männern. Ich festige diese Abwesenheit und warte auf die uneingestandene Anerkennung. Mich zu erkennen heisst, den Unterschied anzuerkennen, selbst wenn man mich damit wieder in die Schreibbank bannt.

Ich erfasse die Geste einer aufbrausenden Erinnerung und nehme die Enthüllung vor. Ich öffne die Seite meiner Schwächen, meines Ungenügens, meiner Illusionen und meines Abstands.

Ich entdecke die Scham.

Mai 1971, Tahar Ben Jelloun – Cicatrices du soleil / Narben der Sonne – aus dem Französischen übersetzt von O.F.

Ein Gedicht schreiben: Ostinato

Musik lässt sich als eine Form oder Entsprechung von Zeit lesen.
Ein deutlicher Anfang; wenn auch manchmal fast zögernd, flüsternd, sehr leise (Sibelius‘ Violinkonzert). Eine ausführliche, von Durchführung(en) und Fortführung(en) geprägte „Mitte“, die mit den Anfang zusammenhängt, aus ihm entspringt – und in das Ende zeigt, führt, das eine Bilanz, eine nochmalige Ver- und Aufarbeitung der musikalischen Ideen und Motive erfordert?, verlangt?, bedingt?
Ein Widerspruch zu diesem Verständnis von Musik oder diesen Erwartungen an Musik (oder Zeit) ist das musikalische Motiv des Ostinato: eine musikalische Figur wird immer wieder, wenn auch moduliert, minim verändert oder verschoben, wiederholt; ad libitum, da capo, ad infinitum.
Man sagt, Sibelius habe deswegen seine 8. Symphonie nicht fertigschreiben können, weil ihm sich genau diese Form immer wieder aufgedrängt habe. (Denke an Tapiola, das aus einem fast unendlichen Ostinato besteht, an Finlandia.)
Vor diesem Hintergrund scheint sich Sibelius eine andere Form von Musik (oder Zeit) angeboten zu haben: eine diskontinuierliche, eine stockende, eine nichtlineare. Diese Zeit (oder Musik) würde es ermöglichen, aus der Geraden, dem Endlichen, dem Gerichteten in einen Kreislauf auszubrechen, der keinen Zwecken und Erwartungen mehr zu gehorchen verpflichtet ist.
Je länger ich schreibe, umso klarer wird mir diese Notwendigkeit, „in einen Kreislauf auszubrechen“. Denn nicht nur ist das zeitliche Leben selbst unzähligen Repetitionen unterworfen (Schlafen, Essen, Zähneputzen, Duschen, Lachen, Weinen…), auch die Welt, die Natur verläuft in einem Kreislauf (Jahreszeiten als schönstes Beispiel). Mein Bemühen wird es also zunehmend sein, diesen Kreislauf mit Ostinato-Formen zu spiegeln und „einzufangen“.
Wie das die Musik schon kann, die Lyrik schon geübt, aber noch nicht genügend zugespitzt hat.

Ein Gedicht schreiben: „Metapherngestöber“

(Mit Dank an Hans für das Bild.)

Im Nachdenken über eine Kritik meiner Lyrik, die entweder behauptet, meine Gedichte seien zu künstlich und/oder zu überladen mit Bildern, habe ich einige Antworten gefunden, warum das so ist.

Diese Antworten sind mir aus meiner Beschäftigung mit der Mystik erwachsen. Mystische Autor*innen überfluten häufig ihre Texte mit Bildern. Dabei setzen sie die Bilder in Gegensatz oder Widerspruch zueinander. In dieser Metaphernflut erfasst die Leserin ein Schwindelgefühl, ein Gefühl der Verunsicherung auch. In diesem Dammbruch aus Bildern entzieht die Mystiker*in der Lesenden jegliche Anhaltspunkte, auch jegliche Bezugnahme zur eigenen Wahrnehmung und zum eigenen Erleben. Der Bilderteppich zieht der Lesenden buchstäblich den Teppich der Wirklichkeit unter den Füssen weg. Plötzlich gilt nichts mehr, herkömmliche physikalische, sinnliche und sprachliche Gesetze sind für die Dauer dieser Texterfahrung ausser Kraft gesetzt.

Vor dem Hintergrund solcher Texte (etwa von Hildegard von Magdeburg) glaube ich folgendes über meine eigene Schreibweise sagen zu können:

  • Die Reizüberflutung ist seit jeher eine prägende Erfahrung. Seit frühester Kindheit neige ich dazu, mich «in mein Kämmerchen» zurückzuziehen. Dort kann ich mich ganz auf etwas konzentrieren, was mir wirklcih wichtig ist: sei es das Lesen oder das Schreiben. So gerate ich nach einer gewissen Weile in einen schwebenden Zustand. In diesem schwebenden, von mir als gnadenvoll empfundenen Zustand erweitert sich meine innere Welt um ein Vielfaches. In diesem Hallraum, den ich oft als eine Art Spiegelkabinett wahrnehme, eröffnet sich mir ein Schallraum, in dem meine Gedichte erst möglich werden. Sie kommen aus dieser inneren Stille, dieser inneren Erwartungshaltung, die auf Geduldbereitschaft fusst.
  • Die aufbrausenden Tiden-Laute des werdenden Gedichts bilden in ihrer zufälligen Intensität die «draussen vor der Tür» empfundene Reizüberflutung ab. In der wilden Anhäufung von Worten und Bildern, die in Assoziationen heranfluten und sich in Lauten verzückend verbinden, geschieht etwas süchtig Machendes, Magisches:
  • Was ich bin und werde, findet einen erstaunlich genauen, wenn auch sehr reichhaltigen (übervollen) Ausdruck. Aus der inneren Stille schiesst hervor, was in mich hineingeschossen war. Doch in dieser Explosion, die ich selbst als Implosion empfinde, findet es eine Struktur, findet einen Lauf. Die gesammelte Innenwahrnehmung, die von der Aussenwahrnehmung gespiesen wurde, entpuppt sich als eine zutreffende Spiegelung sowohl des Innen als auch des Aussen.
  • In letzter Konsequenz geschieht darin (im Text) ein Abgleich zwischen den äusseren Ressourcen und den inneren Kräften: das, was in der Stille in mir ist (das bin nicht ich), verbindet sich mit den Reizen aus meiner Persönlichkeit und dringt als Mitklang oder Widerklang in das Aussen, das mich beteiligt oder zur Beteiligung drängt / zwingt.
  • In dieser so entstehenden Lautflut habe ich Gestaltungsmacht: habe sie jedoch nur solange, wie ich dem Zufall der Assonanzen und Assoziationen, der von den Lauten selbst angetrieben und befeuert wird, nicht Gewalt antue.
  • Das Gedicht ist eine Moment-Geburt, ein Augenzwinkern lang. Es passiert schnell, in ein bis zwei Stunden muss es ganz raus. Jede Nachbesserung oder Veränderung wäre eine Schändung. (Natürlich kann es im Nachgang nochmals «abgeklopft» werden auf Unreinheiten; das sind meist Adjektive.)
  • Die aufeinander zu und ineinander stürzenden Bilder jedoch sind ein prägendes Merkmal dieser Art, Gedichte zu verfassen. Es ist genau dieses «Getriebe» (Buber) und diese Sintflut, di e in den Augen von Lesenden auf der Suche nach Sinn und Aussage die Reizüberflutung, die Reisüberschüsse der äusseren Welt wiedergeben sollen.  

Und damit möchte ich hier den Kreis schliessen zu den im Anfang erwähnten Mystiker*innen: auch in ihrem «Metapherngestöber», wie Dorothee Sölle diese gegensatzreiche Überfülle genannt hat, findet sich diese Form von Auflösung des Äusseren in einem inneren Wirbel, der reichhaltig (überreichlich) und erstaunlich genau den Lockungen und Wirrungen des Aussen antwortet. Und in dieser wilden, überbordenden Art des Sagens jedem Konformismus und jeder Erwartungshaltung an einen literarischen Text, vor allem aber jeder Verzweckung und jeder hiesigen Sinnhaftigkeit eine Absage erteilt.

Stadtgefühl

(Danke für das Bild, _Leon.)

Die Fahrt dauert. Im Bus herrscht Schweiss und Gummi. Die Wut dauert.

Zu künstlich, heisst es. Zu wenig sinnlich.

Die Fahrt dauert. Schweissiges Eisen. Hinter den Gesichtern schwankt ein Hut, ein Bekannter. Er nickt mir von weitem zu, er trägt eine Sonnenbrille. Ich schwanke, ob ich mich zu ihm durcharbeite. Ein Hund steht mir mehrmals auf den Fuss.

Schweissiges Eisen. Eine alte Frau atmet mir ins Gesicht, Melisse und Kotze. Die Wut dauert an. Dafür habe ich meine Kinder aufgegeben.

Die Fahrt dauert an. Als der Bus am Neuweiler Platz unerwartet bremst, stösst meine Nase in die rotschwarze Achsel eines Mannes, der Brusthaar im Gesicht trägt. Es riecht nach Sonnenblumenöl.

Nichts bleibt von der halben Stunde unter den Linden, unter dem arbeitsamen Summen, unter dem gelben Pelz der fallenden Blüten. Die Wut kehrt wieder.

Es fehlt die Poesie, hiess es. Beobachte die kleinen Geschehnisse und Ereignisse im Alltag, es steckt da so viel Poesie drin, wird mir gesagt. Die Fahrt dauert an.

Leise wurzelt der Geschmack vom Schlaf auf dem Zungenstumpf, Beere – Kaffee – Banane. Die Wut dauert an. Schweissiges Eisen. Die Wartezeit im Rücken schmerzt. Die Hitze ist trocken, die Haut einer Zitrone, eine Vorhaut.

Die Fahrt dauert. Auf der Hose ein weisser Strich vom Geigenbogen, der sich nicht wegklopfen lässt. Jemand ruft meinen Namen. Der Geruch von Eisenstangen und Handschweiss. Das Kind winkt von hinten und unten.

Ich wechsle einen zwinkernden Blick mit seinem frisch rasierten Vater. Die Fahrt dauert an.

Die Fahrt dauert an. Einen ganz anderen, schlichteren, natürlicheren Ansatz für dein Schreiben finden, heisst es. Schreibe weiter, anders, wird geraten. Die Gesichtshaut juckt.

Wie lange habe ich an der Bushaltestelle gewartet? Ich schaue auf die Zeit. Für wen hält sie mich? Ich sollte nicht mehr in die Stadt gehen.

Was habe ich dort verloren?