Magd und Macht


Ich habe dich zuerst nicht gefunden…
Ich habe dich fast nicht gefunden…
Klein und wenig warst du am Rand des Kreises
Wie eine Mutter lief ich zu dir hin
Wie ein Kind kam ich bei dir an…
Überm tannigen Geruch strecktest du die Hand aus
Bevor ich noch bei dir angekommen war…
Unterm Puder-Gesicht ein Lächeln
Wie das eine gute Wort
Und über den dunkel wogenden Falten von Wange und Kinn
Diese Fruchtwasser-Augen…
Und haltend hielt ich deine blütenleichte Hand
Und haltend küsste ich deine blütenweisse Hand…
Sollen die Besitzer rufend und weisend durch den Kreis gehen
Soll der Aufseher am Gerüst schraubend und rüttelnd seine Zitronenblicke auf uns zielen…
Ich habe auf dich gewartet
Wo warst du denn fragst du…
Wo warst du denn so lange…
Deine Hand an meinen heissen aufgerissenen Lippen
Ich schmecke das Magnesium
Ich küsse die Wurzel deiner Hand und den Schlag deines Blutes
Ich koste den Schweiss von Metall und den Fischduft der Güte
Deine Brust wogt noch…
Aus meinem ganzen Körper dringen Tränen hervor
Auf den Knien lege ich meine Stirn auf deine rechte Hand
Hell und warm wie Asche…
Warum bist du denn so bleich
Du bist ja ganz grün im Gesicht…
Fragst du und bewegst dich im Stuhl wie eine Gefesselte
Und kniend sah ich den Aufseher kommen
Unter den Zurufen der Besitzer sah ich ihn kommen…
Näher kamen die gelben Augen
Muskeln glänzten… schnell
Lass uns gehen sagtest du und haltend meine Hand
Führtest fort aus dem Kreis
Der nach Harz duftete
Nach Hufschlag und Krallen und Lachen
Und nach stiebendem Staub…
Wenig und klein sassest du auf meinem Schoss
Deinen Kopf auf meiner Schulter
Dein glühendes Haar rauschte
Kitzelnde Worte in mein Ohr…
Auf dem Felsen war es still…
Auch kein Wind ging…
Ich habe dich fast nicht gefunden…
Unter uns erstreckte sich die Weide der Welt
Weich wie das Fleisch der Leber
Über ihr kreiste eine grauer Falke
Unermüdlich in der Flaute…
Ich habe dich zuerst nicht gefunden…
Und du legtest deine rechte Hand
Wie der Atem einer Katze
Auf meine nasse Wange…

(Das Bild von Mariae Verkündigung stammt von Simone Martini (1284-1344) und wurde gemeinfrei von Wikipedia heruntergeladen.)

Innigst (4 Uhr morgens, 6. Tag)

Nur ein Bauch kann so leiden:
Diese Krämpfe dieses Stampfen und dieses Winden
Diese brachen Vorstellungen
Diese bebauten und verstellten Avenuen
Voller Zeugs
Das nicht zu den 10000 Erscheinungen gehört

Wie kann ich mich denn so sehnen
Nach den trüben Werten
Die Menschen beherrschen
Nach den wütenden Gerüsten
Die Menschen stützen und halten
Verstrickt in all den Stoffen
Die uns heisse-Luft-Menschen in den Dreck
An den Boden bannen

Ich habe Soldaten gesehen
Die auf den Boden des Wegs hämmerten
Mit frostverkümmerten Händen
Am Eingang ihres Dorfes
Das nur noch ein rauchender Holzstoss war
Daraus war der Stoff ihrer Heimat gewesen

Ich habe Mütter gesehen
Die mit zitternden Händen
Als könnten sie Schlimmeres verursachen
Die Wangen ihrer Töchter liebkosten
Die Haare ihrer Töchter aus dem Blut hoben und ordneten
Über dem zerrissenen nackten Körper
Einen Kranz oder eine Krone zu winden
Aus den Haaren der Toten
Ein dunkles Diadem
Aus dem Stoff der Zukunft

Ich habe Kinder gesehen
Über ihren Geschwistern wachen
Als spielten sie mit ihren Puppen
Denn noch konnten die Toten winken
Mit schwacher Geste die Hand heben
Um den Bruder zu trösten
Der in der Fliegenwolke sitzt
Und mit dem Schwesterchen spricht
Das aus dem Stoff der Gegenwart ist

Ich kann nicht mehr schlafen
Selbst im Schlaf kann ich nicht mehr schlafen
Denn in mir haust so viel Schrecken
Dass er mich vertrieben hat

Ich bitte euch ihr Götter
Falls wir euch nicht getötet haben
Kommt ihr getöteten Tode
Und füllt meinen Leib mit dem Wind
Der einmal innen hauste
Mit dem Wind aus Erbarmen
Jener Stadt am Anfang der Welt
In der die Ideen aus Stoff sind
Füllt meinen Leib mit dem Kleid
Das zuletzt den Rest unseres brachen Körpers
Sprengt: die innigste Liebe
Möchte ich noch einmal fühlen
Und füllen meine Lunge mit der herben Luft
Eines guten Wortes.

—-

(Bild von LoggaWiggler auf Pixabay.)

Tausend Fragen

Bist du verbunden mit dem Stein,
fällst zusammen mit dem höckrigen Fels?
Bist du verbunden mit dem Schneestaub,
vermischt mit dem Kurkuma der Steppe?
Bist du verbunden mit dem Mäuerchen um den Weinberg,
reagierst mit dem Huschen der Echsen?
Bist du verbunden mit den winkenden Blättern der Rebe,
erkennst die glasigen Trauben als Augen der Erde?
Bist du verbunden mit dem Flug des Geiers,
zitterst als Feder im sausenden Wind?
Bist du verbunden mit dem Brüllen des Löwen,
gleichst seinem Aas-Atem?
Bist du verbunden mit dem Schaf,
verlierst mit ihm deine Gestalt?
Bist du verbunden mit dem Nachal Mikmash,
dürstest nach dem Sturzbach?
Bist du verbunden mit dem Fels Rimmon,
saugst die Schulde des Menschen auf?
Bist du verbunden mit dem geraden Speer,
träumst davon, dich zum Bogen zu biegen?
Bist du verbunden mit den Disteln,
rollst dem Wind voran?
Bist du verbunden mit der Tamariske im Tor,
vergehst mit ihrem rosa Strahlen, in ihrem Honigtau?
Bist du verbunden mit dem Kiesel unter deinen Füssen,
wirst gestossen und geschoben?
Bist du verbunden mit dem Myrten-Dickicht,
singst in Sicherheit aus ihm heraus?
Bist du verbunden mit der Milch der Ziege,
sehnst dich wie sie nach einem Laib?
Bist du verbunden mit dem Oleanderbusch,
säumst jedes Nachal von Dan bis Beerscheba?
Bist du verbunden mit dem Ruf des Esels,
Gesang Gottes?
Bist du verbunden mit dem Mandelbaum,
blühst auch du zuerst?
Bist du verbunden mit Galiläa,
tauchst deinen Fuss in Olivenöl?
Bist du verbunden mit den Oliven, die niemand abgeschlagen,
sehnst dich nach der Hand der Witwe und der Waise?
Bist du verbunden mit dem Feigenbaum,
werden deine Früchte vom Winterwind geerntet?