Grosser Fluss-Lied (11. Tag)

Entkam ich nicht dem Todesort und bin ich nicht endlich im flachen Flussbett angelangt?
Hat nicht der Fluss selbst uns eingeschenkt?
Hat nicht der Fluss selbst uns versammelt?
Jetzt kann ich wieder sterben –
So will ich singen
Schlagt mit den Tassen den Takt

Das Netz des Himmels ist gross und seine Maschen sind lasch
Und doch entkommt ihm nichts:
Weit gespannt ist sein Netz über Erde und Wasser über Nord und Süd
Und darunter begibt sich was sich nicht ergibt
Und darunter windet sich was sich nicht ergibt
Und der Strom ist wie ein Bruder-Arm des Tao
Er scheidet die sich wehren von denen
Die vom Wehren Abstand genommen haben:
Er scheidet die noch klammern von denen
Die ihre Hände öffnen:
Er scheidet die schöpfen um zu besitzen von denen
Die nichts bemeistern wollen:
Er spült jene ins Meer
Die nicht an sich halten können
Er wäscht jene ans Ufer
Denen die Gegensätze nicht haltbar sind:
Der Strom hat ein anderes Gesicht
Und bricht mit den Herkünften
Und schlichtet den Willen:
Der Strom kann stillen
Was überläuft und ich
Von Armut gejagt
Mit Kindestod betrübt
Kaum ein Meister des eigenen Worts
Weniger noch ein Lenker anderer Leben
So wenig Mann und niemals doch Frau
Ein Haar in der Suppe
Eine Wimper im Aug
Ein Stein im Schuh
Lief über vor Unruh und Schmerz
Lief über vor Kummer und Sorge
Lief über vor Heimweh und Reiselust
Schwappte und strandete mit meinem ganzen Lebendgewicht
Schwer im warmen Regen am Ufer dieses Stroms
Liess mich nicht mehr bemeistern vom Tao
Wollte den Pinsel selbst nun führen:
Heimkehren wozu
Mitten im Strom erkannte ich nicht
Heimkehren geht nicht
Kehrt denn der Strom jemals heim
Ist er nicht aus 10’000 Tropfen
Ist er nicht in 10’000 Tropfen –
Keinen Willen hat der Strom
Kein Begehr kennt der Strom
Seine Herrin ist die harte Erde
Wo sie sich senkt und neigt
Da ist er daheim –
Und ich strandete mit meinem ganzen Lebendgewicht
Das mich im Boot schon fast erdrückt hätte
Am Ufer und erstickte fast am eigenen Körper
Der das ihm Fremde so sehr braucht
Während ich meine Freunde nicht so sehr brauche
Wie einen Traum

Entkam ich nicht dem Todesort und bin ich nicht endlich im flachen Flussbett angelangt?
Hat nicht der Fluss selbst uns eingeschenkt?
Hat nicht der Fluss selbst uns versammelt?
Jetzt kann ich wieder sterben –
So will ich singen
Schlagt mit den Tassen den Takt

Schöpfen ohne zu besitzen
Nähren ohne zu meistern
Das ist das Tao
Sitzen um zu sitzen
Das ist das Ch’an –
Die Zeichen lesen ohne zu denken
Den Fluss lesen heisst lassen
Auch der Himmel hat keinen Willen –
In der Einsamkeit brach ich die Fluten
In dem Mangel sprach ich das Bord
In der Hilflosigkeit mach ich voll
Was an Ja in mir übrig geblieben war
Und über mir der Himmelsstrom:
Kleinst- und Feinst-Lettern
An denen zu klettern ich nicht müde wurde
Erst mit dem Auge und schliesslich mit Händen und Füssen:
Hoch hinaus gehoben
Über den überbordenden Fluss
Wurde ich vom sich weitenden Ja
Das keine Bedingungen mehr kannte:
Das kein verkehrtes Nein mehr war und wurde:
Ja und Nein – wo ist der Unterschied?
Gut und Schlecht – wo ist der Unterschied?
Ich selbst entblösst und entsorgt
Ein Säugling der noch nicht lächelt:
Um zu erhalten
Musst du zugestehen…

Entkam ich nicht dem Todesort und bin ich nicht endlich im flachen Flussbett angelangt?
Hat nicht der Fluss selbst uns eingeschenkt?
Hat nicht der Fluss selbst uns versammelt?
Jetzt kann ich wieder sterben –
So will ich singen
Schlagt mit den Tassen den Takt

Ich fand in Hüsterloh einen Ort
Ich fand am Krebelborn eine Stelle
Eine neue Quelle
Ein neues Wort
Das in allen alten nicht mehr klingen kann
Die in allen Wellen mitschwellen und mitschnellen will:
Ein Nein zum Ja gewandelt
Fand dort Vorfahren
Deren Nischen verkümmert waren
Deren Knochen schon zu Staub zerfielen
Und die doch noch mit ihren breiten Köpfen
Von ihren Dolmen herunter
Unter dem gleichen Sternenwirbel
Der unablässig und ohne Anlass dort oben seine Fluten umarmend um unsere erbsengrosse Erde streckt
Unter dem gleichen überbordenden Licht
Wie Pferde in Frieden zu grasen gelernt hatte
Denn die Stadt Hüsterloh ist keine Stadt
Denn der Krebelborn ist kein Brunnen:
Haben und fehlen
Geboren aus dem Vergleich
Denn wie ein grosser Strom ist das Tao

Entkam ich nicht dem Todesort und bin ich nicht endlich im flachen Flussbett angelangt?
Hat nicht der Fluss selbst uns eingeschenkt?
Hat nicht der Fluss selbst uns versammelt?
Jetzt kann ich wieder sterben –
So will ich singen
Schlagt mit den Tassen den Takt

Auf seinem Hünengrab lauschte ich auf seine kleinen kurzen Worte
Sie klangen wie das Kichern eines Vogels
Wie das Schlagen von Kranichflügeln
Und waren doch zuerst vorhanden
Nachfolgerinnen des Nichts
Witwen des Chaos:
Auf ihrem Gang durch die Gestirne und die Stirnen
Sammelten sie die Schwäche
Bargen sie die Stärke
Hegten sie das Fliessende
Erbrachen das Verschlossene
Liebkosten sie das Harte:
Denn nichts ist ihnen fremd in ihrem raschelnden Fluss
Der sich vor unseren Augen jede Nacht aufbäumt wie ein Galgen oder eine Brust:
Die Lieder die ich singen werde
Werden niemand beschweren
Werden niemand erleichtern
Die Lieder werden bejahen
Mit breiter Brust und weitem Kiefer
Werden die Lieder das Nein und das Ja
Verschränken verschmelzen und vereinen…

Entkam ich nicht dem Todesort und bin ich nicht endlich im flachen Flussbett angelangt?
Hat nicht der Fluss selbst uns eingeschenkt?
Hat nicht der Fluss selbst uns versammelt?
Jetzt kann ich wieder sterben –
So will ich singen
Schlagt mit den Tassen den Takt

Mein Körper löst sich auf
Mein Geist geht dahin –
Ich nähere mich den Wassertropfen und den Steinen
Den Beeren und Gräsern verwandte ich mich an
Und Paranthropus erhebt sein gütiges breites Gesicht
Es verdunkelt für ein Nun das Schmerzenslicht des Krieges
Von Invasion und Besetzung
Von Imperium und Machterhalt
Und in diesem Nun sehe ich die ganze Stadt aufblühen wie die Namen Gottes aus einem fortdauernden Gebet
Und ich höre die unzähligen Radnaben kreischen
Wenn die Bauern ihre Ernte in die Stadt fahren
Und ich höre zum ersten Mal die eine Sprache von den Lippen der grobschlächtigen Frauen
Und aus dem weiten Rachen der Söhne stammt dieses befreite Lachen
Das ich selbst zu lachen beginne
Trotz der Erde in meinem Magen
Die schwer liegt und sich hebt wie Teig und leise in Krümeln sich verteilt in meinem Denken
Mit rauem Schleifen an den Wänden meiner Zellen arbeitet
Denn ich löse mich auf
Wo die Erde in mir aufquillt
Begossen vom fruchtigen Wein
Und ich höre noch die Lieder der Männer von Hüsterloh
Die nicht unserer Vernunft gehören:
Diese Menschen dort
Sie sind nicht gierig zu leben
Denn das bringt Unglück
Sie wissen es wie ich es weiss und immer schon wusste
Der seine Heimat geflohen ist
Weil er nicht mit ihr verheert werden wollte
Weil er seine Familie nicht verheert sehen wollte
Wie die Heimat
Die dort oben weit im Norden
Seiner dauert:
Man muss handeln
Bevor die Dinge deutlich werden
In Ordnung bringen
Bevor das Durcheinander um sich greift:
Sind das nicht Maximen
Die beherrschen wollen?
So singe ich aufgelöst vom düsteren herrischen Wein
Und doch gelingt es meiner Zunge nicht
Die Süsse zu vergessen
Die mir dort in jenem Nun
In Glieder und Geist geflossen ist

Entkam ich nicht dem Todesort und bin ich nicht endlich im flachen Flussbett angelangt?
Hat nicht der Fluss selbst uns eingeschenkt?
Hat nicht der Fluss selbst uns versammelt?
Jetzt kann ich wieder sterben –
So will ich singen
Schlagt mit den Tassen den Takt

Denn das Nichts ist des Menschen
Des Menschen ist das Nichts
Und im innersten Innigsten dieses Gegenmenschen
Der die Wut nicht kennt
Die Schwester der Scham
Denn seinen Gliedern fliesst ein Fluss
Denn in seinem Geist rollt ein Strom
Überbordend schwellen die beiden Ahnen dahin
Und schwemmen dahin
Die Schwächen die Herrschaft brauchen
Die Stärken die Unterwerfung brauchen
Wie Borsten eines wilden Tiers hinweg
Aufgelöst ist der Mensch in diesen Waldschraten
In sich umarmt sie innigst die verschiedene Vielfalt
In sich umarmt er innigst die vielfältige Verschiedenheit
Denn in den Gassen dieser Stadt flutet der Nicht-Geist
Der Atemkraft und Stoff umarmt und einhält
Eine schwangere Leere ist in den Brüsten der Frauen
Eine erfüllende Erwartung in den Mägen der Männer
Doch wo ist da noch Mann
Wo ist da noch Frau und auch ich
Bin jetzt kein Mensch mehr

Entkam ich nicht dem Todesort und bin ich nicht endlich im flachen Flussbett angelangt?
Hat nicht der Fluss selbst uns eingeschenkt?
Hat nicht der Fluss selbst uns versammelt?
Jetzt kann ich wieder sterben –
So will ich singen
Schlagt mit den Tassen den Takt

Bemeistert also nicht mehr eure Herzen und eure Körper
Denn ich habe die Zeichen in den Fluten gelesen
Aufgelesen habe ich die Lettern in den Himmelswirbeln
Die wie Freunde mich aus dem Bug ihres Medians winkend grüssten
Von oben herab aber nicht von oben herab
Von unten herauf aber nicht von unten herauf
Denn die Lebens-Habgier hatte mich gelassen
Ich war ich bin ich werde
Mich angleichen der aushöhlenden Atemkraft
Mich halten an die zuschöpfende Stoffeskraft
Ausgehöhlt und aufgeschöpft bin ich euch gegenübergetreten
Kriechend und fliegend im Weg
Ich bin getaucht
Habe tauchen lassen
Ich bin gedacht
Habe denken lassen
Und keines der Zeichen
Und keine der Lettern
Werde ich mehr deuten
Denn deuten heisst ausbeuten
Und der Fluss ist kein Bild

Entkam ich nicht dem Todesort und bin ich nicht endlich im flachen Flussbett angelangt?
Hat nicht der Fluss selbst uns eingeschenkt?
Hat nicht der Fluss selbst uns versammelt?
Jetzt kann ich wieder sterben –
So will ich singen
Schlagt mit den Tassen den Takt

Auch der Himmel hat keinen Willen
Und sein Herz kennt keine Mittellinie
Aus der seine Nützlichkeit zu gewinnen wäre
Sein überbordender Fluss dort oben und hier unten
Seine überschiessende Nabe dort unten und hier oben
Weder Kreis noch Quadrat und doch beides
Weder Zentrum noch Rad und doch beides
Ist eine Weberin
Ist eine Heberin
Eine Aufheberin
Eine Anweberin
Und über uns Freunden
Fremdelt die Himmelsbank vor jedem Blick den du auf sie wirfst
Endet die wankende Himmelskurve in sich selbst
Und ich habe Ch’i gesehen und erblindete dem Nützlichen
Aber nicht dem Körpernutzen
Denn im Drehen und Weben erhalten
Weiss ich im Nun mich walten

Entkam ich nicht dem Todesort und bin ich nicht endlich im flachen Flussbett angelangt?
Hat nicht der Fluss selbst uns eingeschenkt?
Hat nicht der Fluss selbst uns versammelt?
Jetzt kann ich wieder sterben –
So will ich singen
Schlagt mit den Tassen den Takt

Wer den Geist der Gierigkeit hat
Er lebt nur in Sorgen
Niemand sättiget ihn:
So einer ist nicht bereit
Für den Hunger und für die Verlassenheit
So eine erfährt kein Aufgeben
So eine erfährt kein Aufheben
Und auf meinem Eiland wird ihr nicht offenbart
Und in meinen Gedichten wird ihm nichts verkündet:
So will ich singen vom Einklang
Wenn jene dort in meinem neuen Nun
Ihre strenge Bescheidenheit ausspannen
Wenn jene dort in meinem neuen Nun
Ihre unwägbare Gleichgültigkeit üben
Wenn jene dort in meinem neuen Nun
Ihre vertrauensvolle Mittellosigkeit entfalten
Wenn jene dort in meinem neuen Nun
Ihre zuversichtliche Schadensbereitschaft entblössen
Wenn jene dort in meinem neuen Nun
Ihre unzerstörbare Würde aushalten
Die machen keine Ausflüchte
Die haben keine Ausrede
Für Verrenkungen sind ihre Gelenke zu schwer
Für Kapriolen sind sie zu schlicht und zu streng
Denn dieser einzige Stoff
Der gleichzeitig denkt und gleichtzeitig will
Denn diese einzige Durchformung
Verformt niemals
Und sein Wille ist Ein
Und sein Gedanken ist Aus
Und ich gleiche mich an
Und ich gleiche mich aus
Und ich halte mich ran
Denn dieser Strom ist kein Bild
Dieser Strom ist kein Bild mehr
Dieser Strom ist längst kein Bild mehr
Schaut her
In meinen grauen müden Augen
Glänzen da nicht die zögerlichen Regungen des Sternenstroms
Ein riesiges drachenschwänziges Kreisen um keine Mitte
Und darin die Mitte
Und darin die Mühle?

Entkam ich nicht dem Todesort und bin ich nicht endlich im flachen Flussbett angelangt?
Hat nicht der Fluss selbst uns eingeschenkt?
Hat nicht der Fluss selbst uns versammelt?
Jetzt kann ich wieder sterben –
So will ich singen
Schlagt mit den Tassen den Takt

Denn dieser Strom ist kein Bild mehr –
Ich habe meine ganze Aufmerksamkeit auf ihn gerichtet
Auf seinen unerfasslich konkreten Körper
Auf seine dehnbare ausfüllende Atemform
Wie sie sich weitet in der Enge
Wie sie sich nähert in der Weite
Wie er sich schwängert im Kern
Wie er sich entleibt im Wendekreis
So richte ich mich aus
Wie ein Toter
Wie ein Übergänger
Wie ein Rückkehrer
Wie ein Dagebliebener
Wie ein Gehender
Mein Körper löst sich auf
Mein Geist geht dahin
Das Ch’i ist in mich gefahren
Ein vom Sturm gebrochener Ast
Eine wasserlose Wurzel
Eine Blüte ohne Insekt
Treibe ich an euch vorbei
In meinem überbordenden Himmelsreich
An eurer Scham und Wut
An eurem Kummer und eurer Sorge
Und eure ausgestreckten Ärmchen sind wie Gras auf den Schlachtfeldern
Schwankend zwischen Zertreten und Erhoben
Schwankend zwischen Krieg und Frieden
Schwankend zwischen Chaos und Ordnung
Gekämmt vom überbordenden Wind
Der die Richtung gerne wechselt.


(Image by Evgeni Tcherkasski from Pixabay.)