Die Totenklage des Märchenprinzen

Wir dürfen uns glücklich schätzen, in einer grossen Zeit zu leben,
in einer Zeit der geschwungenen Schwerter,
in einer Zeit der geworfenen Speere,
in einer Zeit der gesungenen Lieder,
in einer Zeit von Verrat und Verhöhnung,
in der Taten zu spät getan werden,
in der ein König vergisst sein Königsein,
in der ein König vergisst die leitende Faust des Himmelsherrschers,
in der zuletzt doch die Kleinen und die Aufrechten aus dem Stamm Juda den Sieg davon tragen,
wenn auch die Grossen und die Mächtigen aus dem Stamm Benjamin schadlos bleiben;
darüber wollen wir uns freuen. SELA

Wir sind hier versammelt,
vor dem Kopf des Königs Saul unsere Köpfe zu beugen,
und was für ein Kopf war das,
schwer zu übersehen,
doch schwer zu verstehen,
ein Geist von schwankender Überzeugung,
eine Kehle mit unsicherem Ruf,
ein Teil Güte und ein Teil Wüten,
ein Welpe vor Gott,
eine Echse vor den Menschen,
er ist nicht mehr, er ist gestorben,
er ist tot, er kommt nicht mehr,
er kann nichts mehr tun,
weder Gutes noch Schlimmes,
es gibt ihn nicht mehr und es wird ihn nicht mehr geben,
er ist tot, dahingegeben ist er,
dahingenommen ist er. SELA

Du wirst sterben, und ich werde sterben,
wenn meine Zeit kommt, und wenn deine Zeit kommt,
das wirst du tun, das wird mir geschehen,
das Volk selbst wird sterben,
eine Zeder, vom Sturm gefällt und entwurzelt wird es sein, mein Volk,
doch was für Untaten hat es vollbracht,
doch was für einen Heilsatem war ihm gegeben,
und dieser König war nicht gut,
und dieser König war nicht niemals schlimm,
sein Atem war faul vom Zweifel,
seine Augen getrübt vom Abwägen,
seine Taten waren eine Anfangen,
und immer liess er euch warten auf seine Entscheidung,
und immer musstet ihr ihn in den Kamp bannen,
und selbst seinen Tod wollte er einem Knecht überlassen,
einem Knecht wollte er seinen Tod überlassen, einem Knecht,
doch neigen wir unsere Köpfe vor diesem Kopf,
der uns von Verrätern und Verhöhnern gebracht wurde,
der selbst ein hämevoller Höhnender, ein verratener Rätselnder war,
schaut ihn euch nochmals an,
auch dieser Kopf war glücklich, auch wenn er tot ist,
im Tod war er noch glücklich,
auch dieser Kopf schätzte das Glück und die Freude, meine Freunde,
aber über Jonatan, seinen Sohn,
aber über Jonatan, seinen Sohn,
darüber lässt sich weder singen noch reden.

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(Das hier gewählte Bild ist gemeinfrei; ich danke WikiImages dafür. Es zeigt Sarah Bernhardt als Hamlet in der Ersten Szene des 5. Aufzugs.)

Bericht vom Gottesschrecken

Ich will der Wahrheit nach berichten, mein Herr
Ich will unser Leid nicht vergrössern durch Umschweife und Ausschmückung,
denn als der Gottesschrecken kam, mein Herr,
erlosch in unseren Herzen so gänzlich Hoffnung,
da durchfuhr unsere Knochen so vollständig das Eis des nächsten Lebens,
dass weder Pferd noch Reiter,
nutzlos in diesen Gebirgsländern voller Blöken und Kläffen, mit Verlaub, mein Herr,
weder Schwert noch Scheide mehr eine andere Absicht zu haben schienen als
hinzusinken und mit Gewicht zu verrosten und verrotten;
das Beben der Erde stammte von diesen Augen eines jungen Mannes,
das Schüttern der Berge,
als erzitterte ein kunstvoll zu Ehren Dagons aufgerichtetes Steinmahl unterm Donnern der Streitwagen,
ein Stein über den andern purzelnd wie ein aufgelöstes Gelöbnis, mein Herr,
das Schlickern der Hügel stammte von diesem gleissenden, schartigen Schwert,
das der junge Gottesschrecken schwang,
mein Herr, ich bezeuge seinen Eifer,
ich verstumme ob seines Muts,
den selbst du nur Tollkühnheit nennen würdest,
zwischen Senne und Bozez geschah dies,
unser Vorsprung ragte hinaus in die Schluchten und in die Kerben dieses öden Landes, das diese Barbaren wie den Garten einer Königin lieben und beschützen,
mit Harke und Schaufel um sich schlagend wie von Tollwut verseucht;
kaum hatte der Saulsohn seine Affengestalt über unseren Wall geschwungen,
das will ich bis an die Pforten meines Lebens bezeugen, mein Herr,
war es, als fielen uns die Zähne vor Klappern aus dem Kiefer,
weich wie das Fleisch frischer Feigen waren wir auf einmal geworden,
und so befiel er uns wie eine Trunkenheit,
wie ein gliederhemmender Rausch überfiel er uns,
ein Fieber liess die Welt zusammenfahren und alles Lebende zu Boden fallen, mein Herr,
als begänne eine neue Erntezeit,
selbst die Geier fielen vom Himmel wie Hühner,
das will ich bezeugen.