Brief an Jabesch

Schreibe an den Engel in Jabesch:
Du bist meine treue geliebte Stadt überm Jordan,
verborgen in den Felsen des Nachal Jabesch,
umschlungen von den Wassern Gileads,
hierher stammen meine Mütter,
die mich weinend und klagend in den Schlaf gesungen haben,
als ich allein und ohne Freund litt an den Untaten meines Stammes,
nicht umsonst will ich dich gerettet haben vor den Ammonitern,
nicht umsonst sollst du immer noch mit beiden Augen hinunterschauen auf den spärlichen Jordan,
hinüber nach Schilo und ins Gilboa-Gebirge;
du warst wie tot und bist doch noch unter den Lebendigen,
wie klein war deine Kraft,
und doch hast du dich mit der Macht aus der heiligen Quelle aufgebäumt wie der Bergbach im März,
du Tröckne mitten im Olivenhain. SELA

Schreibe an den Engel in Jabesch:
Du hast dir Mühe gegeben wie ein Sohn, der seiner Mutter lachend und stolpernd die verdrückten Blumen des Feldes bringt,
du warst geduldig wie die Steine in den Ruinen im Lande Benjamin,
du liebst mich mehr als am Anfang,
und ich denke oft an jene Tamariske vor deinem Tor,
wenn errötend erblüht über den Steinhaufen deiner Gräber,
geduldig sammeltest du deine Knochen zusammen,
ruhig und gefasst richtetest du deine Blicke gen Westen,
auf die Höhen Benjamins,
woher dir Verderben und Rettung gekommen ist,
du wurzelst tief im steinigen Boden,
und ich denke oft an die leuchtende purpurne Haut deiner Mädchen zurück,
die mich immer freudig begrüsst und für mich getanzt haben;
du bist das Kleinod unter den Städten Gileads,
in den Schroffen und Schrunden deines Tals verlaufen sich die feigen Feinde, die auf die Nacht hoffen,
und die Wasserfälle sind wie die Röcke eines tanzenden Mädchens,
für dich gibt es Hoffnung, Stadt der Mütter,
Burg der Ferne,
Trutzwall der Geduld,
die nicht leicht den Tyrannen weicht. SELA

Schreibe an den Engel in Jabesch:
Steht bei dir nicht der Baum des Lebens?

(Bild mit Dank an die Seite des wissenschaftlichen Bibellexikons im Internet.)