Das Grosse Festmahl

Lasst die Vögel singen und festen,
fressen und sich sättigen sollen die Vögel des Himmels alle,
und während die Schafe klagen mit den Löwen,
die Panther jammern mit den Ziegen,
kommt, versammelt euch zum Grossen Fest,
das die Heilige versprochen hat und ausrichten will
für heute und immerdar,
der Rabe kommt krächzend über die Leichen von Königen,
der Ibis steht ungerührt auf den geschwollenen Bäuchen der Soldaten,
sein ungestimmter Ruf stimmt mit den Himmeln überein,
die Sommergäste kommen auch,
von denen du im Herbst keine Spur von ihrem Weg über den Himmel mehr sehen wirst,
sie finden ihren Weg,
du gurrende Turteltaube, der jauchzende Bülbül,
die Straussin stakst durch unsere Freude mit ihrem wehen «Ya-annah»,
die Wachteln wälzen sich im Sandkuchen der Königskinder,
die Smaragdspinte baden im Blut der Generäle,
und lachend überfliegen die Kittim den reich gedeckten Tisch der Heiligen,
sie haben ihr Auge auf die unanständigen Körperteile geworfen und wissen zu warten auf das Verschmähte,
auf die Nicker haben sie es abgesehen, die am Rande hockten, am Rande hockten,
nickten und nickten und nickten,
die Adler nippen am Becher des Zorns,
den die Heilige ihnen reicht,
und alle werden satt, niemand muss hungern, niemand muss dürsten,
und alle ruhen sich aus auf dem Mantel voller Eiter und Augen,
lasst die Vögel singen und ihr blutgeflecktes Gefieder spreiten und schütteln über den Frevlern,
lasst sie satt werden im Grossen Festmahl,
bevor die Lilien in den Himmel schiessen aus den Knochen,
bevor die Lilien ihre ausgebreiteten Antlitze errötend über alles weiten,
als gebe es Vergebung in einer Blüte,
in einem Frühling werden wir aufreizen die Toten zum Tanz,
im Lärm der Vögel das Schwirren des Schwertes nicht mehr hören, das über unseren Köpfen saust,
seit die Heilige ihren Mund geöffnet hat,
und wann wird sie ihn wieder schliessen,
und wann wird sie ihn wieder schliessen,
nie mehr wird sie ihn wieder schliessen,
sie wird ihn schliessen, wenn die Vögel weiterziehen,
wenn sie weiterziehen in den Süden,
wenn sie weiterfliegen in den Norden,
um Nester zu bauen in den Speichen des Himmels,
der sich vor unseren Augen dreht und dreht und weht und weht,
wenn sie satt sind, werden sie weiterfliegen,
wenn sie satt sind von den Leichen des Rats,
schreibe das auf, schreibe es auf,
zögere nicht länger, warte nicht zu,
und sie fliegen auf,
und sie fliegen weiter,
in den Norden und in den Süden,
alle Vögel werden satt von unserem Fleisch,
das ist der Tag der Heiligen,
es ist kein Tag für falsche Propheten,
kein Tag für gute Könige,
lasst die Vögel festen und singen,
ihren Hunger stillen an unserem Fleisch.

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Das Bild (gemeinfrei) ist stellt das Wiegen des Herzens dar, das der ägyptische Gott Thot, der einen Ibis-Kopf trägt, in der Unterwelt vornimmt. Diese Prozedur entscheidet, was mit der Seele des Verstorbenen geschehen soll.

Die weise Frau von En-Dor

(Saul vor der Totenbeschwörerin in En-Dor, von Jacob Cornelisz van Oostanen, 1526)

Die Scham wächst in der Dunkelheit,
liegt wie Pech auf deinem inneren Gesicht,
als könntest du es vor dem glühenden Eifer der Sucherin verborgen halten,
und mag selbst der Bart deiner Fehler mit Asche bestreut sein,
aus Trauer oder Wut,
der Grimm und die Schuld mögen dich beugen wie das Gras im Morgen,
das wild blüht und unverwandt verwelkt,
wie die Fliege, die dich jetzt noch ärgert,
dein starres Gesicht mit dem Eifer umfliegt, der Aasfresser antreibt,
denn tot bist du schon, mein Sohn,
dem Tod entkommst du nicht mehr,
das Los spricht nicht mehr für dich,
der Traum gewinnt keine Kraft aus der Scham,
noch speist ihn die Furcht vor der eigenen Schande,
vor dem eigenen Ende kann der Traum dich nicht länger bewahren,
nur Hilfeschreie bleiben dir von Treue und Liebe,
als könntest du bewahren in Schwärze den letzten Schimmer von Ehre,
den letzten Abglanz des Geschöpfes, das sich aufbäumt gegen die Mauer aus Freiheit und Blösse,
die von der Heiligen um dich gezogen wurde,
weil sie dich hegen wollte,
weil sie dich lebend wollte,
und ich antworte dir, sage du mir, was du siehst, mein Sohn,
der wie das Mutterkorn in der Worfschaufel springt und hüpft,
der wie der Spinnenbiss am Leib des Volkes juckt,
dem selbst der Trauerschurz fehlt,
bloss und versklavt stehst du da, grosser Mann,
wie ist dein Gesicht da innen schon geschrumpft,
wie ist sein Blick schon abgewendet,
bestürzend ist es, wie deine Eingeweide in sich zusammengezurrt sind,
lehrreich ist die Enge deiner Kehle,
und dein verschattetes Gesicht, das innen liegt wie der Samen in der Frucht,
denn nur noch eines bleibt dir von all den andern,
die die Sucherin in dich gelegt hat,
doch angeschlagen ist deine Frucht, geschändet und geritzt ist ihre leuchtende Haut,
die dunkeln Finger der Heiligen haben sie schon berührt und gezeichnet,
das sage ich dir, das sehe ich,
und die Scham ist keine Scham vor deinen Schwestern und Brüdern mehr, mein Grosser,
auch die Heilige hat dich nicht verlassen,
die Scham ist Scham vor dir,
du Verschatteter und Verschattender,
nichts leuchtet mehr,
nichts leuchtet dir,
so schaue denn hin!