
Nach fast 30 Jahren des Schreibens von Gedichten habe ich weder Hemmungen noch überzogene Vorstellungen von meinen Fähigkeiten mehr. Die Hemmungen schwanden zuerst, die Illusionen fielen zuletzt. Jetzt bin ich nur noch Jäger und Sammler.
Meine Vorstellungskraft, so habe ich begriffen, war immer schon eine Kraft, die sucht und findet: eine Antenne für Aussergewöhnliches, Ungleiches, Mankos und Umwege, semantische Krawalle, assoziative Abirrungen.
Antenne ist ein gutes Wort: ein Fühler, ein Spürer. Imagination besass ich immer nur in Massen, auf Anstoss hin, auf Eingabe und Zufall. Doch wenn die Spürnase einmal Lunte gerochen hatte, folgte sie der Spur über weite Strecken, einige Male auch bis an ihr Ende.
Ich lernte Fruchtstände, Stempel und Staubblätter, Fürchte und Fransen erkennen. Und wie in meiner Jugend, als ich mich in der Taxonomie verrannte, hatte ich eine Neigung zum Kompilieren, zum Zusammentragen alles dessen, was fehl am Platze wäre in einem Gedicht, das nur erfunden ist. Ich war ein wachsendes, wandelndes Kuriositätenkabinett.
Und während ich in meiner Jugend den wundervollen Vers von MCSolaar aus «Superstarr» für einen blossen, aber treffenden Spruch gehalten hatte – «je m’aperçois qu’en fait tu jalouses ta bibliothèque» -, so weiss ich inzwischen um seinen ironischen Wahrheitsgehalt und wende diesen Vers auf mich selbst sehr gerne an. Nichts geht über eine gute Bibliothek, das wusste schon Mr. Darcy…
Heute also konzentriere ich mich ganz darauf, auf meine liebsten Themen zu setzen, sie immer wieder aufzunehmen und zu erweitern, sie weiter zu treiben bis dorthin, wo noch niemand zu sein scheint. Ich sammele und lege alles pele-mele in den Beutel meiner Gedichte. Ich jage unerschrocken den unscharfen, minderbemittelten Gespinsten meiner Ideen nach, und wenn ich sie eingefangen habe im Netz meiner singenden Assoziationen , Anspielungen, Zitate und Eigenwesen, dann sauge ich sie gnadenlos bis zum Mark leer.
Und als Jäger und Sammler gibt es nur noch wenige, kaum geschätzte, aber desto notwendigere Fähigkeiten, auf die nicht zu verzichten ist: Ausdauer und Geduld, Aufmerksamkeit und Wanderlust, Entbehrungsbereitschaft und Liebe zur Abgeschiedenheit.
Und über diese verfüge ich inzwischen zur Genüge.
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Bild eines Schädels von Australopithecus afarensis benutzt gemäss ShareAlike-Lizenz.
