Die Lücke

(Ein Gedicht für Hirokazu Kore-eda)

Wenn ich aufwache
Bin ich unvollständig
Muss ich eine Lücke füllen
Die in mein Leben hineinatmet
Eine selbstöffnende Pforte
Durch die das Weltall singt
Und die Fragen nach meinem Tun
Und ich setze mich an mein Tischchen
Brenne die vier Kerzen an
Wische mir den Schlaf aus den Augen
Locke die Katze neben mich auf ihren Schemel
Und blicke auf die weisse sich weitende Lücke
Auf dieses atmende Fenster in den Tod
Auf dieses äugende Fenster des Vergessens und des Vergessenen
Und beginne mit grosser Ehrfurcht wie vor einem Altar
Als opferte ich mein Glück
Um es in die Bresche zu werfen
Dieses Glück das nicht das Glück aller ist
Das wie der erste Hauch in eine Posaune ist
Das schüchterne Anreissen einer Saite
Deren Klänge noch unbestimmt und unsicher sind
Als wäre ich ein Kind
Das seine Sexualität und sein Begehren entdeckt
Vor seine einmalige Öffnung tritt
Von der aus das Leben zu beobachten und gestalten ist
Hoch über der Stadt mit ihrem Meer
Auf dem Dach der Schule und die Arme ausbreitend
Beginne ich mit dem in 40 Jahren gewonnenen Vertrauen
Als würde ich um eine Sonnwendfeuer tanzen
Dieser Kluft meine kleinen engen Zeilen entgegenzuhalten
Voll von den süssen unvollständigen ungenauen unverständigen Wörtern
Um das Glück auf mein Glück einzugrenzen
Denn die Lücke lässt sich nicht füllen mit Alkohol oder Völlerei oder Freundschaften
Lässt sich nicht füllen mit Masturbation oder Träumen finanzieller Freiheit
Als jonglierte ich mit Flammenwerfern
Und das Hauchen und Rascheln aus der Spalte nimmt ab
Verstummt nie ganz
Aber nach ein oder zwei Stunden ist die Lücke auszuhalten
Wie eine Tür in der Oper
Ein Fenster wie es sich gehört
Bis ich sie im Schlaf wieder aufreisse
Und das ist mein Glück.


(Image by Riette Salzmann from Pixabay.)

Lagrimas Negras

Sein wie
Der Mann im morgendlichen Park
Der zuerst im Nebel und dann in zunehmender Sonne langsam ausschreitet
Fast im Tanz
Die weissen Kopfhörer gut eingesteckt
Als seien es Wurzeln der Realität
Die sich aus seiner Jackentasche windet
Bedächtig und bedacht schreitet er aus
In seiner rechten Hand hält er eine Bierbüchse
Den ganzen Morgen hält er diese Bierbüchse in seiner rechten Hand
Grade wie sein Rücken und geht
Rund und rund um die Rasenfläche herum
Den ganzen Morgen

Sein wie
Das blonde Strubbelmädchen
Vier Jahre etwa
Das mit knarrender und krächzender Stimme
Miniaturrabe
In den Morgenpark hineinläuft
Schiesst und fuchtelt und kichert
Entgegen der Warnung der hochschwangeren Mutter auf hohe Steine kriecht
Sich unter unserem Tischtennistisch verkriecht und herausschiesst wie ein Eichhörnchen
Sich vom Ball ablenken lässt und ihn wieder lässt

Sein wie der alte Herr mit Krawatte
Jetzt im hellen schrägen Herbstmorgenlicht im Park
Mitten in der Matte
Seine Gitarre glänzt und sein Haar
Seine Gitarre trägt nicht weit
Aber seine laute tragende Stimme
Er singt in das Grün hinaus
Spanische Weisen
Die Sonne im Gesicht und ernst
Als ginge es um Brot und Leben.

Die Behauptung der Hornhaut

Das zarte Fleisch einer Gefahrenzone
Umgewandt in die pfahlsteife Schwielenhand eines Morgens
Den du nicht erwarten konntest:
Die Sandpfoten mütterlicher Fährten im Himalaya einer tappenden Willensbekundung
Als gäbe es noch dieses eine Quäntchen Freiheit in deinem Leben:
Präzise angeordnet in den fallenden Schultern deiner ungezwirbelten
In Bälde prosperierenden Blütenstände
Aus denen kein Ruf nach dem Glauben kommt an eine Mindestanlage von Bereitschaftsgefühlen
die sich verkehren liessen in gewissere Panikattacken
verkehren liessen in die abgespannten Züge einer alten Liebe:
du begibst dich ungern
in jene abschüssigen ohrsatten Wartestände am Rande deiner Wahrnehmung
wo die Hornhaut sich noch ein wenig
noch ein letztes Mal fast sehnsüchtig behauptet.