
Die Länge der Zeit ist die Prüfung, die allen Aspekten einer Leidenschaft ermöglicht, sich nacheinander zu entwickeln, allen Möglichkeiten erlaubt, sich im Detail zu aktualisieren, dem Authentischen und dem Soliden gestattet, sich eindeutig vom Pseudo und vom Simili zu differenzieren… (V. Jankélévitch, Von der Lüge)
Jeder künstlerisch Schöpfende kennt dieses Gefühl. Ich nenne es die Angst vor der Lebenslüge.
Die Lebenslüge ist, wenn du dich selbst belügst; wenn du dich selbst täuschst. Du bist nicht das, was du zu sein glaubst. Du bist nichts weniger als ein spanisches Schloss. Du bist vorgestellt.
Dieser Betrug findet vor dem Hintergrund der Wirklichkeit statt, die ganz anders ist als du sie möchtest. Die Wirklichkeit ist immer anders, als du sie möchtest; das ist ihr Merkmal.
Dass du so empfindest, macht dich zum künstlerisch Schöpfenden. Es macht dich aber auch zur Lügnerin. Denn wer den Hintergrund nicht akzeptiert, lügt im Vordergrund. Der Vordergrund aber hat keine Tiefe, bevor er nicht selbst Hintergrund wird. (Wenn du zurücktrittst, zurücktreten kannst.)
Im Vordergrund redest du dir etwas ein, stellst dir etwas vor, was dich betrifft. In deiner Person gibt es eine Person, die der Wirklichkeit widerstrebt. (Stellt sie sich die Wirklichkeit vor? Das ist nicht klar.)
Man kennt diese Person. Deine Nächsten kennen sie gut, auf die Dauer kann niemand sie verleugnen. Sie sehen sie, aber sie wollen deine andere Person, die im Hintergrund lebt. Für sie ist diese Person im Hintergrund, ein Statist. (Unbedeutend / weit vom Ufer weg / da war // ein ziemlich unbemerktes Aufspritzen / das war / der ertrinkende Ikarus – William Carlos Williams.)
Womit aber belügst du dich, baust du das spanische Schloss? In meinem Fall mit dem Bedürfnis nach Schreiben. Dieses Bedürfnis ist anfangs gänzlich unbegründet, weil keine Erfahrung es bestätigt.
Und dieses Bedürfnis stört dich in der Wirklichkeit. Du hast eine Familie, du musst für sie sorgen oder mit-sorgen. Das heisst, arbeiten. Findest du eine Stelle, die dich hin und wieder aufblicken lässt zu deinem Schloss?
Du musst dich entscheiden. Du musst dein Leben ändern. Ist es schon zu spät?
Denn diese Lüge, die dich antreibt, sie ist kein Lebenslauf, sie ist keine Arbeit wie die andere. Sie ist, gesteh es dir nur ein, überflüssig, nicht notwendig. Niemand braucht das. Genügt es, dass du es brauchst?
Inzwischen kennst du die Wirklichkeit. Du hast sie erfahren. Und wie ein schlechter Maler hat die Erfahrung begonnen, Perspektiven zu verändern. Die Schatten fallen anders, die Distanzen sind verändert. Ist das noch Hintergrund oder schon Vordergrund – oder umgekehrt?
Du hast mit der Angst vor der Lebenslüge so lange gelebt. Vor dem Hintergrund deiner Erfahrung kann sie nur noch eine Selbstlüge sein.
Es gibt inzwischen Tage, da hängt das spanische Schloss schmelzend mittig im Bild, alles überdeckend.
Das Bedürfnis nach Schreiben ist immer noch da. Die Nächsten haben es so lange in den Hintergrund geschoben! Du hast ihnen sogar viel zu oft dabei geholfen.
Und das Bild hat sich verändert. Das haben wir schon festgestellt, aber es gehört festgestellt. (Ein Baum, der nicht ausgesagt wird, ist kein Baum. – Ramuz)
Alles darauf ist verschoben. Der Hintergrund ist ganz diesig. Denn die Wirklichkeit, die du kennst, hat keine Bedeutung ausser ihrer selbst. Sie mag schon so lange oder noch so lange deine Wirklichkeit sein, das macht sie nicht vordergründiger.
Deine Nächsten sind müde geworden vom Schieben, Wegstellen, Übermalen, Zurechtrücken. Sie äussern ihre Forderungen, Erwartungen und Meinungen kaum mehr flüsternd; Lippenbekenntnisse, die selbst sie nicht mehr ernst nehmen.
Du hast keine Angst mehr, als du zu schreiben beginnst.
Nein, das ist nicht wahr. Es gibt keine Ausreden mehr. Alles, was du in der Wirklichkeit getan hast, hat nichts befriedigt. Du wolltest den Nächsten so sehr glauben. Aber egal, wo das Bedürfnis nach dem Schreiben war, du konntest es immer sehen.
Aber auch eine Selbstlüge ist noch eine Lüge. Im Schreiben aber wird sie wahr, nur in der Tat. Erlaube ihr die Wirklichkeit.
Je öfter du die Lüge begehst, das Schreiben für wichtiger als die Wirklichkeit, die Arbeitswelt, die Freunde, die Familie hältst, desto wirklicher wird sie. Denn inzwischen ist sie der Wirklichkeit näher als die Wahrheit.
Bild nach Pieter Bruegel der Ältere – 1. blistar2. GalleriX, Gemeinfrei, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=5279287
