Rothermunds Sagen

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Es war kein tiefer Wald, ganz gewiss nicht. Zwei, drei Eichen, einige kleinwüchsige, breit wachsende Olivenbäume, unsichere Birken und ausgreifende Haselbäume, und am Ende, zur Stadt hin, vier übermächtige Götterbäume, die fast in einem Quadrat standen. Dennoch war das Nachtigallenwäldchen im rasselnden Regen ein düsterer Ort geworden, ein entfernterer Ort. Der Mann namens Rothermund hatte ihn untergefasst und führte ihn an einen andern Ort, weg von seiner Eiche. Wieder hatte er ihr keinen Namen geschenkt, fiel Ueli ein, jedes Mal versprach er ihr das. Und jedes Mal, wenn er aus ihrem Schoss stieg, übersät mit alten Traumfetzen oder befleckt mit neuer Angströte, vergass er diesen Dank. Der Mann an seiner Seite spürte das Zögern in seinem Schritt und verstärkte seinen Druck und Zug am Arm. „Halt kommt bald,“ sagte er melodisch. Wäre ich etwa vorher gerade fast gestorben, dachte Ueli, und der hier hätte mich gerettet? Aber das war unmöglich, in der Grube der Eichenwurzel konnte niemand sterben, daraus kam nur Lebendiges. Die Eichenwurzel war ein Ort des entstehenden Bestehens, eine Vertiefung in der Welt, die in den Himmel reichte. Hiess das aber, dachte er weiter, denn im Gehen kamen die Gedanken, dieser da hatte ihn aus dem Bestehenden geholt und führte ihn fort in das blosse Entstehen? Die Füsse von Rothermund an seiner Seite tanzten voraus. Der Mann setzte die Füsse mit den Fussballen voraus auf. Darum zog er Ueli mit jedem Schrittpaar einmal nach vorne und einmal leichter nach hinten. Wieder versuchte Ueli stehen zu bleiben, um diesen Gang von hinten betrachten zu können, aber der Fremde liess ihn nicht, rückte genügend fest an ihm, um die Bewegung nach vorne aufrecht zu erhalten. Gabriela kam ihm dabei in den Sinn. Wie lange hatte er nicht mehr an sie gedacht. Gewiss war das gut gewesen, nicht an sie zu denken. Doch erinnerte er sich an den Gang das Kirchenschiff hinunter, an den leeren Bänken vorbei, Arm in Arm, vorne in der rechten Bankreihe ihr unförmiger Vater, der seinen Hut drehte und drehte, in der linken Bankreihe war seine Schwester wutrot gesessen, unterm Atem etwas wie Flüche ausstossend. Gabriela hatte an seiner Seite ausgreifende, raumfangende Schritte gemacht, mit jedem Schritt hatte sie ihn, fest eingehakt, ins Wanken gebracht. Ein Ruck vor, ein Viertel zurück. Doch Rothermund ging geschmeidiger, er zog ohne Zwang, und im Gehen musste Ueli das Nachtigallenwäldchen neu sehen. Nicht nur durch den Regen, der sanft wie Schuppen von den Augen fiel, auch durch einen seitlichen Wind hatte sich das Tal verändert. Der seitliche Wind sollte nicht möglich sein in einer kaum 50 Meter breiten Vertiefung, die der Dorenbach lautlos zerschnitt, ein Band von braun rasender Gleichgültigkeit. Die Steine in seinem Bett, über die Rothermund gehüpft war, sahen aus wie Warzen, glänzend und augenhaft, immer wieder überspült und von neuem aufleuchtend. Ein solcher Wind war nicht möglich, und doch war er sogar zu riechen, ein Geruch von süssem Aas wie aus dem Atem einer Katze. Das Nachtigallenwäldchen war ein unbekannter Ort geworden. Nicht gerade zum Fürchten, aber zum Urteilen gar nicht mehr geeignet. Ueli hielt sein Denken gerade für einen verrenkten Mann, Knochen gebrochen, Glieder puppenhaft verdreht. Doch im Gehen schaffte er doch einen Anfang, schnaufend, sammelte er die Splitter der Lupe auf, mit der die Dinge sich ins Gebiet der Wahrheit rücken liessen. Es gelang ihm, zögernd und zurückschreckend, im schwankenden Hin und Her von Rothermunds Gang in Sicherheit gewiegt, vor die Erinnerungen dieses Tages seine kleine, kaum kniehohe Mauer zu bauen, um ihre Nähe zu bannen. Und kaum hatte er damit begonnen, Urteil neben Urteil zu stellen, Zeit und Zeitläufte voneinander zu trennen, erkannte er die Stadt wieder. Sie standen auf dem Holbeinplatz: die beiden jugendlichen Linden, die beiden Bänke, die beiden Hecken, einige regenbraune zugeschlagene Felsen, die beiden Spatzenbäder, jetzt rötliche Augen. Rothermund hatte ihn losgelassen und sich auf die linke nasse Bank gesetzt. Er patschte mit seiner Hand auf den Platz neben sich. Ueli setzte sich schwer. Und schon lag die Hand Rothermunds auf seinem rechten Knie. Ueli schaute zu ihm auf. Das Gesicht des Fremden war unter einem breitkrempigen Hut verschattet, doch konnte er die runden, fast geblähten Wangen erkennen, die breiten Lippen. „Ich bin gekommen, um dir zu erzählen,“ sagte Rothermund. Sein Gesicht legte sich beim Lächeln in tausend Grübchen, eine Lache unter Wind. „Ich bin einer, der sagt,“ fuhr er fort, den Blick jetzt auf die Füsse gesenkt, „was ich sage, das vertraue ich denen an, deren Ohren sich für das Sagen eignen. Deine sind solche Ohren.“ Ueli hatte sich umgeblickt, um sich zu vergewissern. Er erkannte die kleinen Holzhäuser der Vorstadt, die Ruine eines Verwaltungsgebäudes aus Zeiten, als es noch etwas zu verwalten gab. Bevor er dem Impuls nachgeben konnte, denn er wollte aufstehen, um zu seiner Bucht zurückzukehren, hob Rothermund die Hand vom Knie auf seine Schulter, jetzt mit Kraft. „Und das Verkriechen,“ sagte Rothermund, „das kannst du noch lange genug üben, wenn alles vorbei ist… Was ich dir erzählen will, ist merkwürdig genug…“ Ueli spürte die Kälte der Bank, die Kälte des Windes. War denn wieder Winter geworden? Die Linden trugen ihre kleinen Sternenbündel… „Wie vieles beginnt das, was passiert, vor langer Zeit. Ein Bündel von Informationen, verstreut über verschiedene Körper. Der Mechanismus lässt sich erkennen, wenn auch nicht sein Urheber. Und doch ist dieser nicht von der Hand zu weisen… Vielleicht ist doch eher von einer Urheberin zu reden, wer weiss… Merkst du, wie schwer es mir fällt, das erste Mal zu sagen?“ Ueli blickte Rothermund an, doch dieser schaute zu Boden. „Es sind Vorbereitungen zu treffen, bevor man vorbereitet ist. Ich habe, merke ich, keine getroffen. Vielleicht soll es so sein, vielleicht. Das Sagen ist keine Wissenschaft, so denke ich wenigstens, aber das Sagen ist von Bedeutung.“ Wieder schwieg Rothermund, nahm die Hand von Uelis Schulter und strich damit über seine breiten Lippen, liess den Zeigefinger darauf ruhen. „Einen Auftrag zu haben, ist das eine. Den Auftrag dem Auftrag gerecht auszuführen, das andere… Und den Auftrag mit Gleichmut ausführen, wieder etwas anderes… Niemand kann dem Erzählten zuvorkommen. Niemand kann das Geschehene anders empfangen als wehrlos. Niemand kann das Sagen anders sagen als erstmals, so lange dieses Sagen auch schon warten oder dauern mag. Nun, so höre hin.“ Rothermund schüttelte sich in den Schultern und richtete sich auf. „Alles war gut. Das Fruchtwasser bedeckte die Erde. Im Fruchtwasser tummelte sich an der Grenze zur Sichtbarkeit das Leben. Ein schlürfendes Wiegen in Gewissheit, zukunftslos. Ein keimendes Gespinst, Daseins-Gewebe. Ungeformt-haltlos, darin aber beharrlich, fast unabänderlich. Doch immerhin, erste Strömungsabfälle, kleinste Zyklen, fast eigensinnige Gegenläufe. Im vom meeraufwerfenden Mondzyklus um- und umgedrehten Meer entstehen Blasen. Zuerst kaum grösser als die Zitzen eines Maulwurfs, doch Blasen blähen sich, das ist ihr einziges Tun. Sie schwellen an, verschlingen vom Gespinst, was verschlungen gehört. So würden es die Blasen sehen. Lange Zeit sind die Blasen eine Art Augen, die im Ungesehenen aufgegangen sind. Und in ihnen geschieht das Ungeschehene, mehr als Mehrung. Was Äonen gelebt und gewebt hat, in einem losen Schlingen und Umschlingen, in einem leicht zuckerhaltigen Taumel, wächst an, bläht sich wie die Blasen, und während die Blasen wie Tränen miteinander verwachsen, verwächst dieses Kringeln und Flimmern. Während der Mond mit seinem silbernen Arm die Erde wiegt, beginnt die Zeit. Sie beginnt mit dem Versteifen, die Zeit. Anders ist es nicht zu sagen, das Zusammenwachsen des ersten Taumels ist das Ausstrecken eines ersten Fingers, dann einer ersten Hand. Eine strebende, noch nicht zeigende Bewegung der Versteifung im Flirren und Kirren, gleich neben den Blasen. Ein stechendes Längen und Drängen stellt die Spannkraft der Blasen in Frage. Die Blasen reissen. Was aus ihnen quillt, dieser heiss-innere Saft, das Unabänderlich-Beharrliche, schmiegt sich an die beharrlichen Säulen, die da stechen und fechten. Ist die Zeit nicht Fechten und Stechen, ein wegloses Abkommen mit der Auflösung?“ Rothermund schwieg unerwartet nach seiner unerwarteten Frage. Er selbst fühlte sich plötzlich schwer, hörte ein Knarren in der Bank, auf der sie sassen. Die beiden Linden streckten ihre Äste nach allen Seiten nach den Vögeln aus, den verlorenen Stimmen. Sie waren mehr denn je ohne Halt, die feuchte Mauer des Himmels zu weit, zu hart für ihr ausgestrecktes, haarsträubendes Bitten, für ihr niederes, windloses Kratzen. Ueli dachte an einen Spruch, „Wessen Weisheit grösser ist als seine Werke, wem der wohl gleicht? Einem Baum, der viele Äste hat und wenig Wurzeln. Es kommt der Sturm, er reisst ihn aus und wirft ihn um.“ Ueli hatte nicht gedacht, dass ihm je wieder so eine Geschichte begegnen würde, und am wenigsten in dieser Lage. Ueli hatte nicht gedacht, dass es noch solche Geschichten gab, und am wenigsten für diese Lage. Ueli hatte nicht gedacht, wie gerne er miterzählen würde, und am wenigsten aus seiner Lage. Er sehnte sich nach Papier, nach Karton, er wollte einen Stift. Wie lange hatte er keinen Stift mehr gehalten, weder Kohle noch Kreide noch Tusche. Seine Hände zuckten. Die Bank knarrte wieder, Ueli konnte die Freude wie Schweissperlen über Rothermunds Gesicht laufen sehen. „Und was weich und fliessend gewesen war, verschmolz mit dem ersten belebten Harten. Was weich gelebt hatte, begann sich zu verhärten. Und was in der Weichheit geschlummert hatte, wachte in der Härte auf. Metallisch glänzten die Wirbelsäulen auf, die Schuppen, die Flossen, die Finger darin, die Beine und Arme. Was vorher an Dingen klebte, webte, an Felsen, Schloten, Steinesblüten, kaum weste, fast dingte, unbeirrbar zwecklos, unhaftbar anhaftend, begann zu zwicken, zwecken. Denn in den Dingen liegt kein Streben. Ein Streben liegt in den Lebewesen. Doch keines der Lebewesen konnte über sich hinaus. Das Wesende in ihnen, das den Dingen anhaftete, teilte sich unaufhaltsam. Erfasst von der Zeit, teilte und wandelte es sich, dingte sich zum Wesen. Nach oben war alles offen, das Land zuerst, der Himmel danach. Ein Wälzen nach Zielen, ein Drehen um Zwecke. Geschah das Teilen aus sich selbst heraus, damit etwas würde? Geschah das Wandeln aus sich selbst heraus, damit etwas geschehe? Eine Lenkerin ist schwer vorstellbar. Die gestaltende Hand bleibt unsichtbar. Eine Vielzahl von Gestalten wurde wahrscheinlich, möglich, wirklich. Aus dem Gestade des Wirklichen stiegen die Lebewesen herauf. So könnte man erzählen, stiegen herauf, stiegen herauf, stiegen herauf.“ Plötzlich brach Rothermund in Singen aus: „Da west es an Steinen, hier blüht’s in den Rainen, da heckt es die Seinen, da zappelt’s mit Beinen. So will es hinauf, so will es den Lauf, so will es der Lauf, so will es der Hauf. Denn viele sind Werden, und viele sind Scherben, von denen wir erben, voran sie uns herden.“ Das Schweigen war nicht angenehm. Ueli versuchte sich an das erzählte Nichts zu klammern, doch gab das Klammern nichts her. Lauter Schlingpflanzen, die im Regen wuchsen, sie schnitten in die Hände, und die Hände rutschten daran ab. Sein ganzer Körper, Kleider und Haare, waren nass. In seinem Nacken rieselte das Wasser von den Haaren den Rücken hinunter. Sein Atem füllte die trockenen Innenräume seines Körpers, hinterliess leichte Kondensspuren zurück auf dem Herz, der Leber. Auf dem Holbeinplatz war es immer angenehm zu sitzen. Doch, wie er begriff, nicht in diesem Schweigen. Es war ein Schweigen, das zu viel zu sagen hatte, das noch zu viel zu sagen hatte. Rothermund an seiner Seite hatte seinen Mund nicht geschlossen, und über dem Mund die Augen waren hell erleuchtet und fixierten etwas Monströses. Ueli dachte daran, was seine Mutter am Ende von Geschichten gesagt hatte. Er hatte es als Kind immer für eine Art Gegenspruch gehalten. Später als Erwachsener glaubte er zu verstehen, dass sie den Spruch mehr als Erinnerung an die Beharrlichkeit der Wirklichkeit gebraucht hatte, um die Veränderungskraft einer Geschichte zu mindern. „Und die Frösche blieben Frösche, die Monster Monster,“ sagte Ueli in die Stille, denn der Spruch musste jetzt heraus. Rothermund dreht ihm sein scharfes Gesicht zu, in den Augen ein glasiges Erschrecken, der Mund hechelt. Dann zerbricht er die zurückgekehrte Stille mit einem glasklaren Lachen. „Ja, ja,“ sagte Rothermund, seine Stimme in ein feuchtes Kichern herunterwürgend, „so ist es immer. Die meisten wissen bereits darum. Ich musste noch nie die ganze Geschichte erzählen. Das tröstet mich immer wieder. Und jeder einzelne hat noch dieses natürliche Widerstreben dagegen. Es ist einfach herrlich.“ Er fuhr sich mit den flachen Händen über das durchlachte Gesicht, das müde und erwartungsvoll aussah. „Du hast nichts erzählt,“ sagte Ueli, „das kann ich beurteilen. Menschen haben mir jeden Tag Geschichten erzählt, sogar die Schweigenden. Ich erkenne inzwischen jede Geschichte daran, ob sie das Gleiche sagt wie die andern. Diese Geschichte sagt nicht das Gleiche, diese Geschichte sagt nichts.“ Rothermund neigte sich zu ihm hinüber, berührte ihn am Ellbogen. „Es ist ja auch keine Geschichte, Ulrich,“ sagte er, „es ist ja auch keine Geschichte. Denn sie kommt von der Quelle. Sie hat es mir selbst erzählt. Immer wieder hat sie es mir erzählt. So höre denn zu, denn das war ja nur der Anfang.“ Der Regen über dem Platz hatte wieder eingesetzt, ein graues Gleissen lag über den Linden, die sich in Winderinnerungen wiegten.

Die Bucht in der Mauer

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Was war die Stadt so leer. Keine Gefahr, nirgends. Keine Beschimpfungen, keine Blicke. Seine Augen waren schon ganz müde vom Unsehen. Die umgefallenen Fahrräder mit ihren verbogenen Rädern auf der anderen Seite der Strasse, ja. Die heftigen Anflüge der Tauben, ja. Und die Glocke der Predigerkirche hatte noch nicht aufgehört, an die Zeit zu glauben. Wie er auch sie die einzige. Aber was war das für eine Zeit, wenn sie nicht vorüberstrich in Form von hässlichen Menschen. Das konnte man beim besten Willen nicht mehr Zeit nennen. Wirklich, wirklich. Er musste darüber einfach schon wieder den Kopf schütteln. „Nachdrücklich schüttele ich den Kopf,“ sagte er. Er schüttelte den Kopf, weil er doch schon angewiesen war auf dieses Vorübergehen von lebendem Stoff. Nie noch hatte er darüber sein Urteil zurückgehalten. Das wäre ihm nicht im Traum eingefallen, in einer so leeren Stadt zu hocken. Nicht gerade ein Alptraum, nein. Aber doch eine zu ungewohnte Sache, als dass er sie hätte geniessen wollen. In dieser Leere wurde Geniessen zum Fremdwort. In dieser Leere wurde ja er selbst zum Gegenstand. Hockend und kauernd, leise die Knie vor den Augen von rechts nach links und von links nach rechts schwenkend. In Form von hässlichen Menschen, die nicht sehen konnten. Das ist die Sache mit der Zeit, wenn sie anders wird, merkst du es zu spät. War sie anders geworden? Das war die eigentliche Frage. „Die eigentliche Frage, die eigentliche Frage,“ wiederholte er schaukelnd. Das war die Stadt, ja. Hier gab es keine Ve-ge-ta-tion. Ja, die Stadt. Sie war dem Land entzogen. Doch er konzentrierte sich wieder auf die Zeit. Nun begann er aufzuzählen. Wann hatte er zuletzt den Marder gesehen, wie er in der Kurve herumschnürte? Wann hatte er zuletzt einen der Igel gesehen, der zögernd die Strasse querte? Die Tauben zählten nicht, die hatten keinen Riecher. Er fragte sich nach den beiden Füchsen, den hellen und den kupierten. Die waren verständig, waren herangekommen, schnupperten an seinen Tüten. Sogar wenn er daneben sass, mit schrägen Blicken, vor und zurück huschend, in der Dämmerung schon. „Kohlenberg, Kohlenberg,“ sagte er. Es gab keinen Zweifel, sein Wunsch war erfüllt worden. Aber der Wunsch hatte ihn ganz eindeutig am falschen Ort ereilt. „Ganz eindeutig der falsche Ort für so was“, er nickte. Nicht gerade ein Alptraum, nein. Er war ja überhaupt nicht vorbereitet. Sein Lachen kam schallend zu ihm zurück. Er lehnte sich an die Wand. Die Wand war immer noch warm vom Vortag. Wenigstens brannte sie nicht mehr. Er massierte sich mit seinen Händen die Wangen und die Stirn. Seine Hände rochen nach Eisen und altem Obst. Sahen auch so aus, verschrumpelt, schrundig. Die Narbe am linken Daumen leuchtete rosa. Er hatte sie von einer Blechbüchse. Er übte das Beugen. Er durfte es nicht übertreiben, das Blut war gleich unter der schönen Farbe der Narbe. Er streckte den Daumen. Er hob den Kopf und stellte die Leere fest. Was eine Zeit. Seine Blicke schweiften hinauf zum Bankverein und hinauf zur Burg. Eine unbewegte Stadt. Er begann die Spatzen zu zählen, die im Efeu unter der Burg hausten. Der Efeu, war das ein Baum oder ein Busch? Er hatte sich der Verzweiflung gegeben. Es gab ja Ve-ga-ta-. Ja, das Grün war doch eher Mauerfarben. Er kam bis 17. Einmal war er bis 26 gekommen, aber vermutlich hatte er den einen oder andern zweimal gezählt oder dreimal. Dort war alles in Bewegung. Es war also noch nicht Hopfen und Malz verloren. „Nicht wahr, nicht wahr?“ rief er den Spatzen zu. Er dachte an bewegte Orte. Der Bahnhof zum Beispiel. Ob es den Bahnhof noch gab als Bahnhof? Die Predigerkirche glockte in die aufziehende Hitze. „Glöckel du nur, Glockel-Gockel,“ sagte er. War eine Stunde vergangen oder eine Viertelstunde? Wenn du nachdenkst, dachte er, vergeht die Zeit. Das war immer schon ein Problem. Darum sitzt du ja hier, dachte er. Das Nachdenken hast du nicht gelernt, weil die Zeit dabei vergeht. Verlegen langte er sich in die stachligen Haare am Nacken. Wo zum Teufel sind alle die hässlichen Menschen? Warum hat dich niemand in-for-miert? Aber ja doch, aber ja doch, ich zähle nicht, wie die Spatzen. Er wischte sich den Schmutz aus den Augen und von der Nase. Er reckte sich, es knackte laut, sodass der Efeu es hören konnte. Er hatte sich zur Bewegung entschlossen, um es der Zeit zu zeigen. Ein Rabe flog unten die Haltestelle an und setzte sich auf das Eisengestänge des Wartehäuschens. Der Vogel äugte neugierig auf die Glassplitter, die im Sonnenlicht blinkten. Gefiederte Leere, fliegende Zeit. Der Rabe hob einmal den rechten und einmal den linken Fuss, wandte ihm den Rücken zu und stakste auf der Eisenstange weiter von ihm weg. In der Stille waren seine Schritte auf dem Eisen wie der Anfang eines Lieds. Ein Kettengesang. Der Mann in der Mauerbucht holte seine Beine vorsichtig unter sich hervor. Er streckte sie vor sich aus, knochenerfüllte Schläuche. Der Vogel war weg, und vom Barfüsserplatz kam Wind. Der Wind trug den Geruch von der Tankstelle heran, den süssen Geruch von Benzin. Er brachte seine Beine in komplizierte Stellungen, um aufzustehen. Endlich kniete er, auf allen Vieren. Er keuchte laut. Die Schmerzen in seiner rechten Hüfte flammten auf. Mit den Händen in den Hüften stand er schwankend im abflauenden Wind. Das Sonnensegel hätte er sowieso spannen müssen. Also gehauen wie gestochen, vorwärts jetzt. Ausser den Spatzen hatte niemand seine Kunstfertigkeit im Aufstehen bemerkt. Das war immerhin ein Vorteil der Abwesenheit von hässlichen Menschen. Nicht einmal das Sonnensegel oder sein Mittagsschlaf hatte ihn vor ihrer Verwunderung geschützt. Kinder waren gekommen und hatten ihn in die Schulter gestochen mit ihren fleischigen Pfötchen. Mütter hatten sie von ihm fortgezogen. Alte Frauen hatten ihn mit trockenem Brot gefüttert wie ein Schwan unten am Rhein. Er hob seinen grossen Kopf und wiegte sich leicht auf seinen eingeschlafenen Beinen. Im Gedanken an das alte Brot bekam er Hunger. Er langte in die Taschen seines Regenmantels. Die Bonbonpapiere knisterten dort. In der linken Tasche fand er noch einen gelben Klumpen, der nach Kräutern roch. Er steckte ihn in sein Mund und saugte daran, schluckte mit seinem Speichel Härchen herunter und andere Par-ti-kel, Steinchen oder Papierknöllchen, die sich im gelben Klumpen gefangen hatten. Der Bonbonklumpen schmeckte nach staubiger Wiese unter einem Birnbaum in Blüte. „Ach, der Podest,“ sagte er schmatzend. Mit weniger Geräusch als beim Aufstehen liess er sich auf die Knie hinunter und schob sein Gesäss rückwärts an den Rand der Auskragung in der Mauer. Er streckte die Füsse über den Vorsprung hinaus und lotete mit ihnen die Tiefe aus. Dann stiess er sich ab und kam unten auf. Er machte zwei Schritte rückwärts, um nicht hinzufallen. Sein Kinn auf der Höhe des Vorsprungs. Auf der Stelle im Kreis trippelnd, machte er einige Übungen mit den Armen und dem Oberkörper. Die Tauben schwangen sich erneut in die Luft. Ohne weitere Vorbereitungen wandte er sich von seinem Posten ab und schritt hinunter zum Barfüsserplatz. „Der Zeit entgegen“, sagte er. Der Speichel füllte süss seinen Mund. Er spuckte bekräftigend aus.

Der Name des Menschen, der Mensch

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Abgekehrt vom heissen, harzigen Atem des Waldes kommt ihm etwas. Die aufgelöste Klangwelt der Erde umhimmelt ihn. Ein Rasseln und Rattern, ein Stöhnen und Rauschen wie im Kessel einer Brust. Die weglose, unentwegte Klangwelt des Himmels umspringt ihn. Ihn, mit den Füssen in einem ungerollten Würfel. Ihn, hoch in der Luft. Ihn, ohnerdig und enthimmelt. Zeiten stand er dort oben, eingeradet von den Mauern, selbst vom zerschlagenen Fenster noch gerechtwinkelt. Ein wenig sickerte Blut aus der rechten Fussballe, zeichnete im Zurückweichen ein schnell trocknendes L auf das Parkett. Denn der Mensch kann zurückweichen. Selbst vom zerschlagenen Mensch kann der Mensch sich zurückziehen, wenn auch nicht in ihn, in sich. Denn die Klangwelt des Menschen war vorbei. Noch nicht der Mensch selbst, aber es ist nur eine Frage der Zeit, kauernd auf dem Bettrand. Ihn, der sich verliess. Angebrüllt von den rollenden Toren der Wolken. Von den vergilbten Tümmlern ausgekreischt, die mit breiten Daumen die Erinnerungen ausdrückten. Ihn, die harte Traube aus Warten und Pressieren. Ihn, der sich verlassen liess. Sein Körper ist eine Frucht, die blühen möchte. Aber in ihm gab es nur die harten Samen der Tränen. Warmes Kirschenkies, das rasselte. Aber er zerbrach nicht, so sehr es ihn schüttelte. In seinem Rücken wellte sich das Bett mit jeder seiner Bewegungen wie eine Talg-See in seinem Fett. Ein saurer, milchiger Geruch stieg aus diesem Folterapparat auf, dunkel und aufreizend. Seine glucksende Kehle stiess kleine spitze Schreie aus. Die Tränen kamen wie Ziegenkot, rollten über das Parkett, unter den Heizungskörper, in die Ecken zu den Staubschwänzen. Das Gesicht hat er gesehen im Fenster. In der Zeit, die es für das Zerbrechen gebraucht hat. Es ist ihm entgegengekommen wie eine Hand, die sagt, nicht. Oder wie eine Hand, die über schwarzen, fast knarrenden Filz streicht, und sagt, nichts. Und aus dem Filz steigt der Geruch von Anfängen und Handgriffen auf, von Sägemehl und Barthaar. Er strich langsam über die Unform auf seinem Hals, über den Auswuchs. Würde ihn jemand je wieder erkennen? Das Schlucken fiel ihm schwer. Selbst wenn er die kaum gefundenen Erinnerungen, dieses trockene, ausgeschimmelte Brot, auf den Händen vor sich hertrug, es hinstreckte, um zu sagen, ich bin Mensch, fehlte ihm da nicht die Güte, um es aufzuweichen? Die kaum gefundenen Erinnerungen schmerzten wie die harten, raren Tränen. Für Sekunden ist dieses leere Schlucken an seinem Hals, dieses Zucken der faustgrossen Schwellung an seinem Hals, das einzige Zeichen für das Verstreichen der Zeit, für ein Leben, das zu leben bereit ist. Aber die Klangwelt des Himmels war abwesend. Durch die Fensterscherben drang das Fauchen des Walds, das Fächeln der Blätter. Und der rötliche Geruch des Waldbodens, die milde Säure der Nadeldecke. Umzukehren würde schwierig. Ohne Erfahrung umzukehren, noch schwieriger. Mit schlürfenden, schleifenden Bewegungen schürfen die Wolken etwas Blau vom Himmel, das er erkennt. Ein Blau, das ergrünen kann. „Miriam“, das erste Wort auf seinen harten Lippen. Ein Auge, das grüne Knospen schlägt in seiner sandigen Brust. Ja, Miriam. Er hatte sie noch nicht ganz vergessen, er hatte sie noch nicht ganz verloren. Aber würde sie ihn erkennen, mit seinen mumifizierten Fingern in den Händen, die einmal zu zeigen vermocht hatten? Er blieb auf der Wohnungsschwelle stehen. Musste er nicht dazu etwas sagen und geben können, das er war? Er war aus der Klangwelt der Menschen herausgegangen, bevor sie verstummt war. Er war von der Klangwelt der Erde verschwunden, bevor sie vertrocknete. Vertrocknete im schrecklichen Sommer, der den Wald wie einen Lederbeutel aufblies, dass er an seine Fenster stiess. Er hatte die Klangwelt des Himmels vermisst, bevor sie vorzeitig verblüht von den Bäumen gefallen war. Seine Füsse trafen auf die kalten Platten des Treppenhauses. Der Handlauf wie die Reling eines Schiffs im Sturm. Hinunter in den durchgurrten Maschinenraum. Die Tauben allein waren verblieben. Hatten sie je zum Himmel gehört, waren sie nicht eher graue Früchte des Bodens, im Reifenabrieb, im vom Wind feingeriebenen, kleingerollten Abfall gebadete Schnäbel? Seit er umzukehren versuchte, kamen nur Fragen, kannte er nur Fragen. So blieb er wieder stehen, in seiner Kehle das leise Quäken des Esels vor dem Engel. Die Platten des Eingangs waren weiss vom Schnee des Taubenkots. Die gläserne Eingangstür war eingeworfen, in die Halle hinein gesplittert. Hatte er Reifenabrieb gedacht, konnte er mit Sicherheit noch von Zeiten berichten, in der es Reifen gegeben hatte? Hatte er diese Zeiten erdacht oder erlebt? In seinem Blickfeld lag die gesprungene, rissige Fläche des Gehsteigs, ausgestreckt wie eine alte ledige Handfläche in die ebenso faltige Strecke der Strasse, von verbranntem Grün wie Achselhaar bewachsener Asphalt. Die Hitze zischte leise, wenn sie durch die Schneide des Glases fuhr, roch nach Mandeln und Steinbäuchen. Wann hatte er zuletzt die Dinge in den Mund genommen? Wann hatte er zuletzt die krabbelnde Innenseite der Erde geschmeckt? Oh, viele Male, er erinnerte sich, hatte er die Erde mit seinen Fäusten geschlagen, die Nase im Gras. Nackt, schweissüberströmt, stinkend, stand er in der Eingangshalle eines Hauses und erinnerte sich an eine andere Asphaltfläche. Jene Asphaltfläche glich jener Asphaltfläche im Süden, die Sonne brannte genauso, die Kinderstimmen fehlten, die rufenden Mütter. Er sog den Duft ein, er wurde ein anderer. Sauer verschob das Benzin der Tankstelle die Zeit, stand er an der Leitplanke hinter der Tankstelle, blickte auf das Meer hinaus, Meer von Scherben. Hinter ihm der brennende Geruch von Urin, vor ihm der steile Abhang mit den krummen, stummen Kiefern. Damals hätte er sie hören können. Eine Frauenstimme, die einen Namen rief, immer wieder einen Namen rief, zwei Silben, die ihm auf den Scherben des Horizonts hüpfend entgegenkamen. Dann ihre starke Hand auf seiner Schulter, und jetzt spürte er den warmen Strom zwischen den Beinen, jetzt musste er noch länger stehen bleiben, bis der Strom getrocknet war, im Rücken das heisere Heulen der Motoren. Die Frauenhand rüttelte ihn durch, er hatte sich wieder vergessen. „Du hörst die Klangwelt des Menschen,“ sagte er in die Halle hinein, „aber du hörst nicht die Klangwelt der Erde. Du hörst die Klangwelt der Erde, aber du hörst nicht die Klangwelt des Himmels.“ Er stieg vorsichtig durch die Scherben, durch die Tür, die nichts mehr abschliesst, zurückhält. Für Minuten geht er langsam über den Platz, betrat die magere Rasenfläche, ein Gerufener, der seinen Rufer verloren hat. Oder den Ruf, das Rufen. Erst spät bemerkte er seinen überströmten Körper unter dem träge fliehenden Himmel. Der Regen war eine leise sirrende Walze, die alles berührt, nichts versehrt. Das gibt es, erinnerte er sich, aber das gibt es nicht mehr. Auf der Rasenfläche, die seine Schritte nachgiebig begrüsst hat, machte er die Bewegung dazu. Das andere, das eine: Benzin, Motoren, die Ferne, Weite, aber das in die Weite, Ferne Rufende immer noch, die Breite des Himmels, das fernher, stellt er sich vor, kommende Wetter. Immer noch, das Harte, Scherbenhafte, Todlose gegen das Weiche, Wiederkehrende, Sterbende. Er wiederholte die Bewegung, er erinnert sich. Er ging in die Knie, liess sich in das Gras nieder, in das ausgebrannte, durchtränkte Gras. Das Zupfen am Gras holte die Wurzeln aus der Erde. Jetzt wiederholt er den Namen, „Miriam“, aber ein Name ist kein Satz. Und es ist nicht sein Name, erinnerte er sich. „Aber du hörst nicht die Klangwelt des Himmels,“ sagte er, stärker rupfend, einen schlammigen Kreis um sich öffnend. Er rutschte auf den Knien im Gras. Aber auch ein Satz brächte sie nicht zurück. Ein Name ist ein Gefäss für so viel Zeit, dachte er, wenn das noch denken war. Er spürte deutlich die Erde unter den Fingernägeln. Was war denn dieses Rufen, das ihn rief? Er hörte sein eigenes Stöhnen und freute sich daran. Motoren und Bildschirme, dahinter die Maschinen, aber die Schönheit eines Namens, eines Wetters. Eingeschlossene, doch nicht abgeschlossene Veränderung. Klangwelten, seine Hände flechten Erde und Gras zu einem Zopf, zu einem Kreis um sich. Und im Aufstehen, die Innenseite der Schenkel warm von der Schönheit, die er nicht sieht, aber weiss, entdeckt sein Gesicht das Lächeln. Es schmerzte ein wenig, als habe eine Scherbe darein geschnitten. Denn er hat nochmals den Namen gehört, gerufen und zweisilbig, in seinem Rücken. Rief ihn der Wald zu sich. Mit stotternden Augen ging er wieder auf das Haus zu. Er sah das Schild „Lindenplatz“, eine Schraube hatte sich gelöst am Pfeiler. Er wollte den Namen holen, dort hinter dem Haus. Er glaubte daran, dass dort unter den Nadelbänken ein, sein Name zu finden wäre. Dass das das Rufende war, nicht das Wetter und nicht die verschwundenen Tauben. Er erinnerte sich an ein Lied, wie ging es nochmal? Es hatte mehr als zwei Silben. Auch das konnte er nicht zusammenfinden. Ein Lied nicht, zwei Silben nicht. Und wenn die Klangwelt des Menschen vorbei war, dann hatte das Lied auch ausgesungen. Er fühlte die Glut all der auseinandergewachsenen Silben und Geschichten. Er selbst war ein dunkler Kohlenstein, nass glänzend, mit einem roten, leuchtenden Bauch. Ausgezogen, durchnässt, Wolke ohne Hose, wiederkehrendes Wetter. Er begann zu begreifen, wie all die aufeinandergewachsenen Erinnerungen einen Abhang aufstellten vor seinem Auge. Die Verzweiflung loderte immer noch in seinem Herz, das langsam wieder denken lernte. Ein Feuer unter der durchtränkten Decke der Sinne. Dann stand er vor dem Haus, das Haus stand nicht allein. Das Haus war nicht der Würfel, den er gedacht hatte. Er betrachtete die Häuserreihe, beide Enden von einer Strasse abgeschlossen. Nach der Wiese roch die Strasse, auf der er entlangtappte, viel stärker nach dem Regen, der wieder fiel. Das raue Band legte sich warm an die Füsse, die Innenhaut von Geschichten, von seiner Geschichte, er bliebt stehen und fühlte die tausend Unebenheiten der Strasse erfolglos auf seine Haut einstechen. Würde ich ein Buch schreiben, käme ich nicht über die ersten Schritte hinaus, dachte er plötzlich. In seinem Herz begann eine Klangwelt zu herrschen, zitronengelb und dunkel zerfasert. Ich würde, dachte er, den Satz mit einem Vogel beginnen lassen, mit einer Amsel im Vorgarten. Ich liesse also die Vögel wieder kommen. Das Gehen ging leicht, wenn auch wiegend, er hatte etwas anderes gefunden als die randlose Vergeisterung seiner Wohnung. Er begann sich zu korrigieren, Entgeisterung meiner Wohnung. An der Rückseite der Häuser fand er den Hohlpfad, der hinter ihnen entlangführte und nach einigen Metern in den Wald einschwenkte. Er hielt an, drehte sich zu seinen Fenstern hinauf, aber der Regen fiel zu dicht, wie rote Ameisen blitzte es in seinen Augen auf, die Fenster waren immerhin da oben, Klangwelt des Menschen. Er hatte an seinem Denken gemerkt, der Boden hatte sich verändert. Nicht wie der Boden der Wiese, weich wie der Bauch einer Frau, nachgiebig und satt. Er ging unter die Bäume. Mit der Zeit hörte der Regen auf, und er setzte sich erschöpft und ein wenig atemlos an einen Baumstumpf. Es roch nach Moder und Pilz, nach tausend, zehntausend Gliedmassen, die wühlten, wirkten und wahrnahmen. Er legte den Hinterkopf auf den Spiegel des Stumpfs, der ihn angeblinzelt hatte, als er an ihm angekommen war. Ich könnte dir erzählen, flüsterte er in den Regen hinauf, könnte dir erzählen von den ungezählten Dingen und Wesen, die in mir hausen. Aber ich würde dir erzählen von dir, fuhr er fort, und du horchst ja schon. Er würde hier ein wenig bleiben, im Ohr des Waldes, das ihn harzig anatmete, beschloss er, befreit von allem Gesang, Klangwelt der Erde. Sein Körper leuchete im lichten Wald, unter den matten Farben des Regens, über der sauren Nadeldecke. Niemand hat uns noch gefunden, sagte er in den von den Ästen versperrten Himmel hinauf.

Die Ersten

Schneider wollte erst gar nichts unternehmen. Er war mit der Hälfte der Garnison angekommen, hatte sich keuchend zum Doktor gesetzt und berichten lassen. Der Doktor hatte ihm fürsorglich die Schulter gestreichelt, mit einem vorwissenden Lächeln. Fäs hatte in den Minuten, als Anna in die Liebrüti hinauf telefoniert hatte, aus Mutwille oder Vorauseile eines der Taue gelöst. Regner hatte ihn daran gehindert, auch das zweite Tau zu lösen. Das Schiff zerrte an dem einen Poller wie ein zurückweichendes Pferd, das in Angst seinen Kopf verwirft. Immer wieder glitt sein Hinterteil hinaus in den Fluss, um in einer langsamen Bewegung wieder am Kai anzuschlagen. Schneider war auf den zweiten Stuhl an Doktors Tisch gefallen. Sein Wams hatte er inzwischen sorgfältig gefaltet vor sich auf den Tisch gelegt. Von dem Marsch hinunter an den Fluss war er vollkommen durchnässt, sein Gesicht war hochrot. Anna konnte fast sehen, wie das Blut sich in seinen wütenden Wangen staute und pulsierte. Drüben auf dem Schiff wanderten immer noch die Lumpengestalten herum, einige hatten noch einmal zu singen versucht, aber in Wind und Regen trug das Lied nicht. Einige ältere Kinder standen an der Reling des Schiffs und blickten zu ihnen hinüber. Sie konnte sie nicht mehr anblicken, nachdem sie ein rotes Auge und blosse Zähne gesehen hatte, hängend und blinkend. Sie stand mit verschränkten Armen am Tisch und starrte auf Schneider herunter. Seine Männer hatten sich im Halbkreis im Ufer aufgestellt. Vielleicht war auch Regine darunter, aber unter ihren Kapuzen konnte sie keine Gesichter erkennen. Sie wusste, dass auch Schneider nicht verstand. Aber er war der Wachtmann, hatte also zu entscheiden. Wieder sagte sie: „Was ist zu tun?“ Diesmal fügte sie hinzu: „In aller Güte zum Land, Wachtmann, gibt es nicht etwas zu entscheiden?“ Sie benutzte bewusst den Spruch der RETTUNG, weil sie die Liebe Schneiders zu solchen Formeln kannte. Ein wenig freute sie sich auch darüber, wie korrekt sie sich ausgedrückt hatte. Schneider sollte ihr nicht umsonst beigebracht haben, wie die Sprache nach Erling zu entschärfen war. Der Doktor nahm sein spitzes Kinn von Schneiders Schulter und schaute zu ihr auf. „Die Zeit gibt Rat,“ sagte er und meckerte sein Lachen. Schneider zuckte über den hellen Laut an seinem Ohr zusammen und hob seinen Blick vom Tisch. Der Wolkenträger war aufgestanden und um Anna herumgegangen, hatte mit der Hand über ihre Schulterblätter gestrichen und weitergekichert. Er schlenderte zum Schiff hinüber und schlenkerte dabei stark mit den Armen. Fäs und Regner, die am Kai standen, um ein Aussteigen der Kinder zu verhindern, machten ihm Platz. Beide wichen vor ihm zurück, traten links und rechts zur Seite, als träten sie aus einem dunkeln Schatten. Sie sah Regner kräftig den Kopf schütteln, Fäs hatte ein Zucken in den Schultern, ballte die Fäuste. Schneider unter ihr räusperte sich. „In aller Güte zum Land, ja,“ wiederholte Schneider. Er fuhr sich mit beiden Händen durch das nasse Haar, das so einen schwarzen Helm auf seinem Kopf bildete. Seine flache Kopfform war jetzt noch besser zu sehen. Sie verlieh ihm den Ausdruck einer arglosen Echse. „In aller Güte,“ sagte er nochmals und fuhr fort, „ich habe davon gehört, Schweigerin, es gibt diese neue Strömung. Sie wollen den Kindern eine Art von Freiheit wiedergeben. Übersehen aber dabei die Verwendung der Kinder. Wenn nicht gar ihre anderweitig für unmöglich geschätzte Nützlichkeit. Immerhin meistens terminale Stadien. Und die Verwendung der Kinder lässt keine Freiheit zu. Das Leben der Kinder hat keinen Nutzen über ihre Arbeit hinaus… Steht es nicht so in den Badener Akten?“ „Badener Akten?“ Fragte Anna nach. Sie hatte davon noch nie gehört. „Ich glaube, es ist unter Paragraf 15 zu finden, Ergänzung C,“ sagte Schneider und zitierte: „Für eine neue Zukunft muss die alte Zukunft sterben.“ Er blickte zu ihr hinauf und probierte ein Lächeln. „Was heisst denn nun Freiheit, was heisst denn nun Bestimmung?“ Er klatschte mit beiden Handflächen auf den Tisch. Beim dumpfen Knall drehten sich Regner und der Doktor um. Schneider schob den Tisch von sich und stand auf. „Wagenheber,“ rief er den Doktor an, „genaueste Untersuchung, genaueste Erfassung. Ich möchte Namen wissen, ich möchte Herkunft wissen. Ich möchte wissen, woher.“ Der Doktor stakste zum Tisch zurück. Auf seinem Gesicht war unverhohlene Freude, es war sein Glückstag. Er rückte seinen zurückgestossenen Stuhl sorgfältig an den Tisch zurück, richtete diesen aus, legte sich die umgefallen Aktentasche auf den Schoss. Während der Doktor eine Plastikplane über den Tisch warf, seine Blätter sorgfältig vor sich bündelte und ein rundes Köfferchen öffnete, das unter den Tisch geschoben war, nahm Schneider sie am Arm und führte sie zum Wasser hinunter. „Das ist alles ganz und gar nicht gut, Anna, aber du hast es gut gemacht,“ sagte er dort und hielt ihren Arm immer noch fest. „Ich hätte es lieber gehabt, wenn dieses Schiff nicht gekommen wäre. Aber wo es jetzt da ist, dürfen wir es nicht wieder wegschicken. Ich weiss, dass wir in den Menschen dort oben immer noch Menschen sehen. Unfertige, zerfallende Menschen. Durch unsere Schuld zerfallend, durch unsere Schuld unfertig, wer weiss es denn so genau. Und ich weiss nicht, ob Erling sich seine Welt so vorgestellt hat. Rekruten wie du sind wahrscheinlich entsetzt darüber, wenn ihr die Zustände hier draussen mit jenen in den Büchern Erlings vergleicht.“ Anna machte einen Schritt von Schneider weg, er musste ihren Arm loslassen. „Verzeihung,“ sagte er und fragte: „Hörst du mir zu?“ Auf dem Schiff ihnen gegenüber hatten sich mehrere Figuren zusammengefunden und starrten auf sie hinunter. Der leichte Regen verstärkte den Eindruck ihres Schwankens. Aus einer Kehle kam ein Keuchen. Wortlos lehnten sie sich an die niedrige Reling des Schiffs. Unter ihren Kapuzenmänteln konnte man nicht erkennen, ob es Mädchen oder Jungen waren. Anna fühlte sich unwohl mit Schneider an ihrer Seite. „Was wird mit ihnen geschehen?“ fragte sie und korrigierte sich: „Was werden wir mit ihnen machen?“ Schneider schnaubte: „Wieviele Entladungen?“ Anna verstand erst nicht, dann antwortete sie: „Fünf Entladungen habe ich schon gemacht, Wachtmeister.“ „Also so gut wie keine,“ Schneiders Stimme war bestimmt, „ich muss es dir nicht sagen, weil ich es dir gerade gestern bei der Lagebesprechung gesagt habe, jede Entladung ist anders, ist eigen. Diese hier ist die Erste, die uns herausfordert. Niemand ist darauf vorbereitet. Aber ich gehe fast davon aus, dass es nicht die Letzte sein wird. Darauf können wir gefasst sein, darauf können wir uns einstellen.“ Schneider hob seinen schweren Kopf und blickte die am nächsten stehende Gestalt an. „Kannst du reden?“ fragte er zum Schiff hinauf. Die Gestalt hörte mit ihrem Schwanken auf und beugte sich weit über die Reling hinaus. Fast war ihr Kopf auf der Höhe von Schneiders Kopf. „Was?“ sagte eine helle Mädchenstimme. „Ob du reden kannst, habe ich gefragt,“ sagte Schneider. „Reden ist nicht mehr nötig,“ sagte das Mädchen, „reden ist… überflüssig. Alles ist schon geschehen.“ Ein Kichern entstand unter der grauen Kapuze und wurde zum Husten. Schneider wandte sich wieder Anna zu. „Es gibt noch keine Direktiven von der VZS. Unsere Entscheidung wird uns lehren, was zu tun gewesen wäre.“ Schneider und seine Direktiven, Sendschreiben und Formeln, dachte Anna. Wieder fühlte sie den Sog in eine Mitte, die abseits der Wirklichkeit lag. Wie das Herz nicht in der Mitte der Brust sass. So eingemittet, war die Verwirrung geringer, waren die überflüssigen Gedanken bedeckt vom Schatten der dauergerollten Sprüche und Schlagworte. Das Leben der Kinder ist ein Sterben der Kinder, dachte sie. Schneider hatte sich von ihr weggedreht und gestikulierte zu Fäs und Regner hinüber. In ihren Ohren rauschte es. Sie berührte ihre heissen Wangen und klatschte mehrmals darauf. Im Aufblicken trafen sich ihre Blicke, die noch ganz erfüllt waren vom gelben Strudel des Flusses zwischen Kai und Schiffsrumpf, mit denen des Kindes. Das Mädchen war immer noch über die Reling gebeugt. Anna erschrak. Aus dem Mund des Mädchens tropfte eine gelbliche Flüssigkeit, blieb in langen Fäden am Kinn des Mädchens hängen. Das Mädchen seufzte, ächzte. Sein ganzer Körper bog sich puppenhaft. Aus dem Augenwinkel sah Anna, wie Regner das Tau auswarf und zusammen mit Fäs das Achterheck des Schiffs wieder am Kai vertäute. Die beiden Männer rückten die Landungsbrücke wieder ans Schiff heran und sicherten sie mit den schweren Haken an der Reling. Schneider stand mit den Händen auf dem Rücken auf dem Kai, sein Bäuchlein unter dem offenen Mantel sichtbar, ein Bild der Zufriedenheit mit der Wirklichkeit. Das Rauschen in ihren Ohren wurde von den Rufen der Männer gespalten. Langsam schritt sie zum Tisch des Doktors zurück. Dieser hatte seine Kladde aufgeschlagen und schrieb bereits darin. Seine Zungenspitze schlüpfte zwischen den Lippen hervor, einmal rechts und einmal links. Er hob kurz den Kopf, seine Augen schimmerten sehr dunkel, sein Atem ging schnell und flach. Sein Gesicht fiel beim Sprechen jetzt stärker auseinander. „Ich beginne bereits mit den Prä-li-mi-narien,“ sagte er, „sonst verzögere ich nur den Prozess.“ Die ersten Kinder betraten den Kai. Anna blickte sich nach Kalmer um, den sie nicht mehr gesehen hatte, seit sie vom Schiff gegangen war. Sie fand ihn nicht auf dem Kai, entdeckte ihn aber unter den Kindern. Eben stieg er vom Schiff. Seine schmächtige Gestalt hatte sich unter den Kindern verloren. Er war also entgegen ihres Verbots auf das Schiff gestiegen. Ihre Blicke trafen ihn und riefen ihn zu sich. Sie hielt ihn an der Schulter fest, denn er wollte an ihr vorbeischlüpfen. Unter seiner Kappe war sein Gesicht gerötet und schwitzte. Sie wartete, bis er seinen Kopf gehoben hatte. Seine Augen waren schwarz, nur Pupillen. Sie legte ihre Finger eng aneinander und formte damit eine geschlossene Knospe, den Handrücken gegen aussen, führte damit zwei herausfordernde, ruckende Bewegungen in seine Richtung aus. Kalmer zuckte mit den Schultern und zeigte zwei Wörter. Mit der rechten Hand bildete er einen Haken, mit dem er im Uhrzeigersinn eine Spirale in die Luft zeichnete. Darauf liess er seine ausgestreckten Zeigefinger vor seinem Bauch zusammenstossen. Sein Mund formte das Wort für „Schwester“. Sie nickte ihm zu und liess seine Schulter los. Kalmer stellte sich in den Rücken des Doktors und verschränkte die Hände hinter dem Rücken. „Schweighöfer, wo bleiben Sie?“ rief dieser sie jetzt an. Das Namensbuch lag bereits auf dem Tisch. Wer hatte es für sie geholt? Sie hatte ihre Aufgabe vergessen. Fäs hatte sich an der Landungsbrücke positioniert und half stolpernden Kindern wieder auf. Regner stand neben Schneider auf dem Weg zum Tisch und betrachtete wie dieser die Kinder. Sie sprachen unterdrückt miteinander, kurze klare Worte. Anna setzte sich an den Tisch. Wie schon das letzte Mal hatte sich der Doktor den besseren Stuhl genommen. Ihr Stuhl war klein und wackelte. Sie musste ihren Oberkörper recken, um überhaupt schreiben zu können. Ihre Ellbogen waren knapp unterhalb des Tischrands. Sie strich sich das nasse Haar aus der Stirn und nahm ihren Stift aus der Innentasche ihrer Jacke. Vor ihr stand ein hochgewachsener, magerer junger Mann. Er trug weder Hemd noch Jacke, sein weisser, haarloser Oberkörper leuchtete fast. Die Brustwarzen waren schwarz in der Kälte. Die Augen darüber waren sandfarben, der Kopf sehr rund und kahl. Einen Moment fielen seine Augen in ihre, ihre in seine. Dann löste sich der Augenblick, die Augen fanden ihre Freiheit wieder. „Name?“ fragte sie, die Augen auf dem Buch, und schrieb unter der letzten Liste das Datum. „Bleicher Johannes,“ sagte der junge Mann und schwankte vornüber. Jetzt stand Schneider an seiner Seite und hielt ihn am Oberarm fest. „Schweighöfer,“ sagte Schneider, „worauf wartest du? Komm mit, wir reden mit dem Kapitän.“ Sie wollte einwenden, „Aber die Namen“, doch er schüttelte den Kopf und machte mit der Hand die Bewegung des Aufstehens. „Wagenheber, machen Sie weiter,“ hiess sie den Doktor, der bereits an dem jungen Mann herumtastete. Gerade hatte er den Mund geöffnet und schaute sich die Zähne an. „Ja, machen’s nur,“ knurrte er mit einem Seitenblick, „ich kann auch zählen und schreiben.“ Und zu Schneider gewandt: „Ihre Männer wissen, was tun?“ Schneider nickte und sagte: „Sie wissen, was tun, Medizinmann.“ Anna ging mit Schneider zum Schiff, an der Schlange von schlurfenden Figuren vorbei.


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Die stille Nähmaschine

Die Vögel sind lange schon still. Gewesen, geworden. Unter den schweren klirrenden Perlenschnüren des Regens tänzelte er dahin. Reizwelle um Reizwelle erspürte seine Haut, seine Häutchen. Erringelten seine Ängste, die er sorgfältig und vorschnell von einem unsichern Ort zum anderen gefährdeten Unterstand hin und her schob. Erschauernder Zirkuskünstler. Seine Orientierung unter den Schauern und im Schaudern null und nichtig. Können Achänen im Regen fliegen? Er hielt seine Hände über seinen Kopf. Auf den Handflächen stichelte die Nähmaschine des Regens ein Muster. Die Handflächen wuchsen unter dem Muster an, Palmwedel. Seine Beine hatten kein Gefühl mehr, er schleuderte sie um sich und blieb aufrecht. Was Wunder. Wenn er stehen blieb, schüttelte ihn die knarrende Stille des Wäldchens. An jedem Bitzen seiner Haut zupften die Stränge ihres feuchten klebrigen Netzes. Die Bäume leuchteten wie aufgesprungene Tulpenkelche. Jeder ein gottverdammter Brunnen, tief wie Erdspalten, Marianengräben. Hatten die Vögel verschluckt, hatten die Vögel geteert und gefedert. Was Wunder. Die Äste unter seinen Füssen sahen aus wie abgehackte Storchenbeine, die Blätter über seinen Händen wie Kiebitzhauben. Sein ganzes Urteilen war von einem Schimmel punktiert. Vielleicht sind Menschen wirklich bald nicht mehr möglich. Dennoch erfasste ihn eine Art von Begeisterung, halb Häme halb Vorfreude. Er würde dem Kommenden nicht die Stirn bieten, das wusste er. Er, nein, er würde sich der Zeit nicht sperren. Schon nicht mehr länger, das sage ich dir. Was Wunder bei diesen, diesen, diesen. Phantome, so scheint es. Aber das Fehlen der Vögel, ist das etwa ein Phantom? Ein Grunzen kam aus seinem Mund. Ja wohl, so sehr. Ein Gefühl von ab-hier-bist-du-allein-Mama-hat-was-anderes-zu-tun. Nun stand er unter seinem Baum, ein torkelnder Däumling, unter den daunenweichen Testikeln der Eiche Warte-auf-dich. Verfluchtes Märchen. Ein Grunzen kam gleich nochmals aus seinem Mund, kehlig wie nach dem Reihern. Hier unten waren die Regenketten wie die Küchengardinen in der Stadt, die sich bewegt hatten unter den Händen der Feigen. Hier unten gab es keine folgenden Augen, hier unten gab es keine Distanznahme. Mehlig und schwer sank er in das Moos und zwischen die Eichensprösslinge. Aber er wusste, was zu tun war, nicht wahr? Jetzt, wo Mama hat was anderes zu tun. Er musste an seinem Urteilen feilen. Eine Stille befand sich wattig auf seinen Ohren. Über ihm der Blätterbrunnen, die Blättertiefe. Keine Kraft hinaufzusteigen, noch nicht, schon nicht. Die Stirn bieten, auch so ein Spruch aus Zeiten, als die Vernunft das Höchste gewesen war. Und wo hatte sie hingeführt, die Vernunft? Was Wunder, sass er jetzt da wie ein umgekippter Schemel, das Licht ausgeblasen für eine unbestimmte Dauer. Im Schoss des Baumes, die Fäuste immer noch sicher in den Taschen. War es nicht seine Aufgabe gewesen, auf dieses hier zu warten, auf dieses hier mit schmerzender Vorstellung zu plangen? Die Erscheinungen erstaunten ihn nicht länger. Das war, was erstaunlich war. Er konnte sich nicht mehr erstaunen, schon nicht mehr erschrecken. Obwohl der Schreck ihm mächtig in die Glieder gefahren war, für eine bebende Kälte sorgte dort, wo die Verantwortung ihren leeren Kelch hätte erheben sollen. Die Gesichter des Gesehenen verwoben sich immer noch breit und längs in einer Fieberwelle zur nächsten. Über ihm lispelten die Eichenblätter von den Stichen des Regens. Die Fäuste im Schoss, ein Wunder, das auf Fortsetzung wartete, immer noch auf Fortsetzung. Aber noch konnte er die Fäuste nicht öffnen, die vollmächtige Verantwortung ergreifen. Er wartete auf etwas, das ihm gegeben würde. Selbst jetzt noch konnte er nicht vornehmen und vorpreschen. Er legte den Kopf in den Nacken, mit seinem von Phantomen vernebelten Blick haschte er nach den aufblitzenden, aufspritzenden Sternen des Regens, der da oben stickte und stickte. Ich bin ein Geschöpf aus Boden und Stein, dachte er, was willst du von mir. Wie lange würde es dauern, bis dieser Steintrog gefüllt wäre, überflösse? Und das am falschen Ort, wohl, wohl. Denn wo keine Vögel, da kein Aufbruch, weder Frühling noch Herbst. Ein verhärtetes Kind, das bin ich, dachte er, Trotz und Ohnmacht haben mich gestählt. Aber weder Ohnmacht noch Trotz sind Dinge, die grünen, Dinge aus dem Grünenden. Allen, allen, fuhr es durch ihn hindurch, fehlte von Anfang so ein Baumes-Schoss. In einem Baumes-Schoss, was Wunder, wirst versinkend aufgehoben. Und doch konnte er nicht beschliessen, er habe nichts damit zu tun. Es schmerzte ihn, die rissige raue Ründe der Rinde in seinem geraden Rücken zu spüren. Den schüchternen Geruch des Mooses zu riechen, ein blindes durchsichtiges Tasten. Hatte er sich denn wirklich aufgemacht? Und mit welchem Zweck? Wieder nur der natürlichen Unruhe gefolgt, ja, dann sitz jetzt mal still. Seit Jahren hatte er sich unter den Augen der Vorübergehenden in sich hineingestülpt, um sich nicht anzubieten, um sich nicht auszustellen. So sehr war er in sich geschlüpft, dass sie ihn sogar zu grüssen begonnen hatten. Und nun, ausgerechnet in diesem Moment, wäre er gerne begrüsst worden? War das wirklich die Zeit, um hinauszutreten? Langsam badete das Flüstern des Tages seinen geraden Körper. Allmählich kam die Eiche auf ihn zu, rückte an seine Schulter, schob sich an seine Hüfte. Er weinte nicht, denn er verstand nicht. Er verstand nicht, denn er hatte es nur zu gut gesehen. Er weinte nicht, denn hatte er nicht mit seinen innersten Worten Anteil an dem Gesehenen, das Gesehene ausgelöst? Und er begriff nicht, wie dieses nicht Begriffene ihn derart ergriff. Denn es lag nicht an seinem Bruder. Schon immer hatte der sich den Regeln der Welt zugeneigt, in sie hineingelehnt, das waren seine Stöcke und Schlingen. Während er selbst sich verkroch, verspann, auswich. Damit lebte, sich selbst zu betrauern. Was Wunder, wurde er zum Zauberer, zum Beschwörer. Aber das wollte er nicht beschworen haben, was er gesehen hatte. Und musste es doch immer wieder, verlangsamt und tranig-verschleimt, wahrnehmen. Es war in seinen Körper gesunken wie die klamme Luft in seine Brust. Argwohn nähte die Platzwunde seines Urteils, lange schwer gleitende, plötzlich zupfende Durchstiche. Das Wissen um die rutschende Zeit war gewisser, aber die Bedrohung bedrohte auch ihn. Damit war nichts gewonnen. Die Geister, die er gesehen hatte, waren noch nicht geläutert. Die Menschen, die sie trieben, hatten keine innersten Worte mehr. Die Borke des Baums in seinem Rücken war trocken, fast warm. Im Schoss des Baums war es harzig und sicher, ein gelbes Halo umgab die beiden, wie hoch am Himmel. Schweiss und Regen trocknete zusammen auf seiner höckerigen undurchlässigen Haut. Im lichten Trichter der Eiche ragten die Hirtenstabrunen der Äste über den Menschen hinaus, Zeichen- und Schutzhand in der Ungerade. An den Stamm gelehnt, gepresst, spürte Ueli die doppelte, gewürzige Bewegung des Baums. Er begann den Schrecken zu verwinden, denn hatte er nicht davon gewusst, von den Kähnen voller Menschen, die gingen und nimmer wieder kamen? Das Eichenblattwispern über ihm drehte sich um ihn, gerundet und unregelmässig, die Nerven liefen durch die Blätter ohne zu zögern, bis in die runden Grenzen der Blätter hinaus. Was Wunder hatte die Mauer nicht vermocht, was der Baum im Nu aus der Zeit grub, aus dem Menschen heraus schöpfte. Um die Säule dieses Baums, der ihn in die Ründe der Welt hob, in die geschüttelte und behütete Kurve der Zeit, wob der Regen die Falten des Tuches, aus dem geschah, was geschehen war, geschah und geschehen würde. Seine eigene Säule, nicht mehr als ein Zahnstocher, ein wütender Hirschkäfer vielleicht, steif und zerbrechlich, bog sich glucksend und jauchzend im Schatten des Baums und des Regens. Bis auf den umbemessen tickenden Regen verstummte das regsame Urteil. Dem leichten Wind gelang es nicht, die taumelnden Wahrheiten zu stützen. Es erhob sich in ihm, schwankend wie der Schild einer Schlange, die wischende Freude. Was ich gesehen habe, kann ich nicht ungesehen machen, dachte er. Er hob den Kopf aus seinen Händen. Sein Nacken schmerzte, seine Wangen brannten. Auch ich bin feige gewesen, flüsterte er und bewegte sich wie jemand, der in ein neues Kleid zu schlüpfen versucht. Und das Kleid war triefend nass und eiskalt. Seine Bewegungen, eben noch tänzerisch, verloren ihren Takt. Alle Muskeln verspannten sich. Während er seine eigenen Vorhänge zerriss, glühte sein Gesicht wie der transparente leuchtende Körper eines Tiefseefisches. Sein Mund vollführte Atembewegungen. Sein Gehirn presste mit ganzer Macht an den Schläfen wie eine Fischblase vor dem Platzen. Seine roten Lippen mit dem Metallgeschmack zuckten wie ausgegrabene Würmer. So ist es, fuhr es ihm durch und durch, wenn du nicht mehr lügst, dich nicht mehr betrügst. Und vor den alten, lau nassen Furchen des Baums konnte ein Fremder in dem hin- und hergeworfenen Körper die Schemen unbekannter Organe sich regen sehen. Dieser Fremde stand auf dem andern Ufer des Dorenbachs. Sein Gesicht sah aus wie tausendmal aufgetrennt und tausendmal vernäht. Er stand im Schatten einer Weide, die ihre Rutengänger-Äste verwirrt über das Wasser streifen liess. Der Fremde trat aus dem grünen Vorhang heraus. Für Momente konnte nicht gesagt werden, ob es eine Frau oder ein Mann war. Die Gestalt sprang leichtfüssig über die Steine im Bach und neigte nach wenigen Sekunden ihr spitzes, tropfendes Gesicht in das von Ueli. Ihr Atem schmeckte sauer und frisch. Zurücktretend, stimmte sie ein helles hustendes Lachen an und verschwand für einige Augenblicke aus Uelis Blickfeld. Wie jemand, der das riesige Leinentuch des Regens ausschüttelt, verschwand die Lachende dahinter, und das Lachen wurde dumpf, an Nähten reissender Stoff. Dann war das Gesicht wieder da, und er konnte jede Bartstoppel sehen. „Bischt im Brünneli?“ fragte der Fremde und tanzte wieder ausser Sicht. Das nächste Mal war der Atem an seinem rechten Ohr und sagte: „Wo isch denn das Sünneli?“ Jetzt konnte Ueli deutlich den deutschen Akzent hören, flache Schiefersteine, schlecht geworfen. Er schlug nach dem Gesicht, traf aber nicht. Er war noch nicht ganz sicher, ob er es sich nicht einbildete. Um ihn herum hatte der Regen Gestalt angenommen, jeder Tropfen war ausgesucht und stach mit Bestimmung durch die gräuliche Luft. Seine Kehle war mit Moos ausgekleidet. Der Fremde war da und liess sich aus dem Stehen in einen korrekten Schneidersitz fallen. Die Beine des Fremden sahen aus wie eine eingerollte Schlange. Der Fremde hielt ihm seine gelbe lange Nase unter das Kinn und äugte zu ihm hinauf. „Bischt verschrocke?“ fragte der Fremde. Ueli konnte noch nicht antworten. Er konzentrierte sich darauf, dieses scharfe Gesicht nicht zu sehen. Dieses Gesicht war von zwei mächtigen Händen gepresst worden, von Geschwindigkeit oder von Anziehungskraft. Weder Fisch noch Vogel. Langsam wandte Ueli den Kopf von der einen zur anderen Seite. Er spürte seine Hände wieder. Seine Wirbelsäule knackte und krachte wie ein Scheit, das auseinandergerissen wird, nachdem die Axt es gespalten hat. Gelber Regen, Sägespäne. Dann war die Sicht wieder gut. Er streckte die Hand aus und berührte die Erscheinung an der Schulter. „Auf Erkenntnis folgt Überprüfung“, sagte der Fremde, „ich sehe, funktioniert doch.“ Der Fremde lehnte sich auf seine Hände zurück und hielt das Gesicht in den Regen. Im gelben Licht sah es aus wie die frisch geschlagene Spitze eines Zaunpfahls. Der Fremde bewegte sich ruckartig, schon war seine Hand nach vorne geschossen und berührte fast Uelis Brust. „Rothermund Samuel, wenn Sie gestatten,“ sagte er. Ueli brummelte seinen Namen, zögerte aber, die Hand zu ergreifen. Die Hand zuckte weiter nach vorne. „Musst sie schon annehmen, sonst geht das nicht,“ sagte der Fremde und berührte mit den Fingerspitzen Uelis Brustbein. „Sämi, der Einfachheit halber.“ Nochmals berührten die Fingerspitzen Uelis Brustbein. Diesmal ergriff er die honigweiche Hand, die keinen Druck ausübte. Dennoch war er plötzlich auf den Füssen. Mit leichtem Schwindel stand er unter dem Baum. Was Wunder, dachte er, dass ich nicht zur Hälfte noch im Boden stecke. Ein Kichern kam und ging. Jemand stand an seiner Seite und hielt ihn an der Schulter umarmt. „Ich muss dir etwas zeigen,“ sagte die Stimme neben ihm.


(Bild von Manfred Antranias Zimmer auf Pixabay.)

Entladung

Der Himmel finsterte schnell ein. Die vier Männer an der Schifflände hatten bereits ihre Pelerinen angezogen und Taue, Tisch und Tragbahren vorbereitet. Der Kahn drehte langsam und stampfend in der Mitte des Flusses. Kalmer und Regner standen bei den Pollern, kommentierten das Wendemanöver des Schiffs. Der Doktor lehnte am Tisch und rollte sich eine Zigarette. Seine in die Stirn geschobene Brille spiegelte den Himmel, was den Eindruck aus Ergebenheit und Ergriffenheit in seinem Gesicht noch verstärkte. Doktor Wolkenträger, dachte Anna, das passte gut zu ihm. An den vierten Mann, Fäs, hatte sie sich noch nicht gewöhnt. Er kauerte bei der Schifferhütte an der Wand, die Hände zwischen den Knien berührten die Planken. Fäs war nicht der älteste, Anna schätzte ihn auf knappe 30 Jahre, aber er war mit vielen Wächtern vertraut. Regner vermutete, dass er selbst einmal Wächter gewesen war. Fäs’ Bewegungen waren abgehackt und plötzlich, er konnte unerwartet an jemandes Seite auftauchen, einen mit diesen gelblichen Augen anstarren. Auch jetzt wusste Anna, Fäs wäre der erste beim Schiff, obwohl er am weitesten entfernt war. Anna war schon zweimal mit ihm zusammengestossen, einmal hatte er ihr den Weg vertreten, beim zweiten Mal hatte er sie an der Schulter angefasst und wie eine Spielfigur beiseite gestellt. Beide Male hatte er nichts gesagt. Einige Männer unter den Hütern hatten die Theorie, dass Fäs keine Zunge mehr habe. Sie selbst hatte ihn noch nie reden gehört. Das Schiff kam jetzt längsseits. Der Regen hatte eingesetzt, ein kalter, schräger Wurf unterm Wind. Von einem Moment auf den andern war nur noch die graue, raue Seite des Flusses zu sehen, das andere Ufer und die Turmruine waren verschluckt. Taue und Rufe schlickerten durch die zerhackte Luft. Anna schlüpfte in ihre Pelerine, die ihr der Doktor reichte, der Kunststoff klebte an den nassen Kleidern, die Haut darunter zusammengezogen und voller Kältehöcker. Regner schob die Landungsbrücke über die Planke, Kalmer fasste mit an, gemeinsam hoben und schoben sie den Eisensteg auf das Schiff. Zuerst war niemand auf dem Schiff zu sehen, aber Fäs war schon an Bord, schritt aus Richtung Brücke. Vom leichten Ostwind war ihm die Kapuze seiner Pelerine abgestreift worden, der Regen musste ihm kalt und hart ins Gesicht schlagen. Kalmer hatte sich umgewandt und Annas Blick gesucht, denn ein Betreten des Schiffs ohne den ausdrücklichen Befehl der Aufnahme-Offizierin war tabu. Anna schüttelte den Kopf. Auch sie stellte sich an den Kai, wo das Wasser grau zwischen Schiff und Anlegestelle schäumte. Das Schiff stank, selbst in diesem Wind. Das war nicht neu. Für einen Augenblick musste sie sich vom Fluss abwenden, um die aufkommende Übelkeit mit einem Blick in die Pappeln und Weiden zu bekämpfen. Die Bäume duckten sich in Wind und Regen. Ein Haselstrauch ein wenig weiter weg dagegen schien sich strecken und recken, weiten und wachsen zu wollen in diesem Wolkenbruch. Sie hätte ihm gerne noch ein wenig weiter zugesehen. Von der Brücke kamen jetzt Stimmen, sie kehrte sich dem Schiff zu. Fäs hatte sich die Listen geholt und war schon auf dem Rückweg. Eine Gestalt stand in der Türe der Brücke und hob den Arm, halb Gruss halb Ruf. Sie betrat das Schiff, als Fäs heruntergestürmt war. Er brachte die Liste dem Doktor, das war in Ordnung. Sie hielt ihre Kapuze fest und den Regen im Gesicht aus. Durch die offene Türe trat sie in den heissen Kommandoraum des Schiffs. Im hinteren Teil des bis auf die Armaturen kahlen Raums sassen einige Männer an einem Tisch und spielten stumm und schnaufend Karten. Hinter ihnen loderte in einem Eisenofen ein Feuerauge. Die Luft war abgestanden und roch scharf. Der Kapitän stand mit dem Rücken an die Armaturen gelehnt und wartete auf sie. Sie trat zu ihm hin und wollte die Hand zum Gruss der RETTUNG an den Hals heben. Der Kapitän schüttelte den Kopf. „Rieder Louis,“ stellte er sich vor. Er legte seine Hand kurz an die Kapitänskappe. Er trug keine Uniform, sondern weite braune Kleidung, die aus Hemden zu bestehen schien. Zögernd nahm er ihre Hand und liess sie fahren. Seine Hand hatte sich wie behaart angefühlt. Sie hatte noch nicht viele Entladungen geleitet, kannte nur erst zwei der Kapitäne der kleinen Flotte. Dieser hier schien etwas Besonderes zu sein. Seine Augen schimmerten wie in Rührung oder im Fieber. „Wir haben 71 dabei heute,“ sagte er, „Grüsse von Nadler.“ Sie nickte nur. Er streckte einladend die Hand aus und führte sie von der Brücke. „Ich zeige dir etwas,“ sagte der Kapitän vor ihr. Die Treppen donnerten unter ihren Schritten. Sie kannte niemand, der Nadler hiess. Jeder Kapitän grüsste sie von diesem Nadler. Sie hatte Schneider gefragt, aber auch er wusste von keinem Nadler. Aber es sei nichts Aussergewöhnliches, dass die Brigadiers am Rheinknie schnell wechselten. Einerseits, so Schneider, müssten sich die Wächter immer wieder gegen die Jurassier zur Wehr setzen. Diese hätten sich fast das Elsass geschnappt, nachdem hier die Türme gefallen seien. Doch das Elsass habe man retten können, und mit „man“ meine er die Wächter der RETTUNG. Er wolle sich nicht vorstellen, was passiert wäre, wenn das Elsass den Jurassiern gehörte. Andererseits handle es sich bei den Wächtern halt einfach um eine Bande von Halsabschneidern, da passiere so manches, wenn der Tag lang genug sei. „Wie ist dieser Nadler?“ fragte sie den Nacken des Kapitäns. Ihre Stimme klang im engen Gang wie die Stimme eines Mädchens. „Frage muss heissen, wer ist dieser Nadler,“ antwortete der Kapitän und drehte ihr im Gehen die linke Wange zu. Sie glaubte, ein Lächeln zu erkennen. Über ihnen donnerten jetzt die Schritte ihrer Männer. Sie gingen in den Laderaum. Warum gingen sie in den Laderaum? Sie war noch nie im Laderaum gewesen, das war nicht ihre Aufgabe. Und warum liess sie sich führen? Sie war die Leiterin der Schiftende, sie gehörte nach der Begrüssung an Land. In der Halle des Laderaums lagen und kauerten die künftigen Häuter. Einige waren aufgesprungen. Diese hier waren nicht angekettet. Oben wurde die Ausstiegsklappe geöffnet. Sie konnte im dünnen Graulicht die in der Mitte abgenutzten Holzstufen der Treppe sehen. Sie wollte fragen, warum der Kapitän mit ihr in den Laderaum gekommen war, wenn doch keines der Kinder angekettet war, da war der Kapitän an die Leiter getreten. „Aufstehen, herkommen,“ sagte er laut, seine Stimme war harsch und weich. Die Körper erhoben sich und versammelten sich. Eine schiebende, scharrende, hustende Masse von jungen Menschen. Ein träger schwerer Geschmack legte sich über Anna, schleimige Sporen von Angst drangen bis in ihr Herz vor. Die Menge umschloss Anna, die einige Meter vom Kapitän stehen geblieben war. Die Gesichter hatten einen feuchten Glanz, die Augen schluckten das einfallende Licht sofort. Sprühregen fiel durch die offene Klappe, umgab den Kapitän wie eine Wolke. „Ich gebe euch die Hand. Was ihr tun müsst, das tut. Ihr seid nicht die Letzten, aber vielleicht werdet ihr die Ersten sein. Wenn ihr sterben müsst…“ Der Kapitän machte eine Pause. „Wenn ihr sterben sollt, sterbt im Stehen. Aber wenn ihr frei werdet, dann tut, was ihr gelernt habt.“ Er hob die Hand zu einem Gruss, den Anna nicht kannte. „Niemand hat uns noch gefunden,“ sagte er jetzt lauter. Ein Murmeln ging durch die Menge. Eine helle Stimme rief: „Bis zum Krieg noch 5 Stunden.“ Die Menschen um Anna herum begannen sich aufgeregt zu wiegen und wiederholten das Wort: „Bis zum Krieg noch 5 Stunden.“ Nochmals erhob der Kapitän die Stimme und wiederholte: „Niemand hat uns noch gefunden.“ Und wieder kamen die Stimmen aus den tiefen Mündern um sie her: „Bis zum Krieg noch 5 Stunden.“ Die Menschen um sie herum wiegten sich und hatten die Köpfe dabei gesenkt. Sie erwachte aus ihrem Erstaunen und kämpfte sich einen Weg durch die wogende Menge. „Was machen Sie denn?“ keuchte sie den Kapitän an. „Wir nehmen Abschied,“ antwortete Rieder, „ich schicke sie auf ihren Weg. Sind ein wenig meine Kinder.“ Die ersten Gestalten stiegen über die Treppe nach oben. Von dort kam jetzt ein Schrei. Regner hielt seinen Kopf in das Loch. Er hatte einen Jungen an der Hand, die andere Hand hatte er dem Nächsten auf den Kopf gedrückt, um ihn am Aussteigen zu hindern. „Chef, das geht nicht. Das geht doch nicht so,“ sagte er heiser. Das weckte sie ganz auf. „Kapitän, wir können sie…,“ begann sie. Dann fiel ihr das richtige Wort ein: „Ungebunden können wir sie doch nicht… wegbringen.“ „Nun, das müsst ihr jetzt wohl. Mangel an Seil, vermute ich.“ Ein Lächeln verschob die Geschichtszüge des Kapitäns, als habe jemand mit groben Fingern in das Gesicht gelangt. Seine Augen waren nicht zu sehen, verborgen unter den buschigen Brauen. „Aber es sind brave Mädels und Jungs, das kann ich sagen.“ Oben schwankte Regner zwischen den beiden Menschen. „Dann muss ich Verstärkung anfordern, tut mir leid,“ sagte Anna, „bis dahin kein Ausstieg.“ Sie trat direkt unter die Luke und rief hinauf: „Niemand steigt aus, bis ich den Befehl erteile.“ Sie konnte Regner nicken sehen, aber schon liess sie den Laderaum hinter sich. Draussen hatte der Wind zugenommen, der Regen war fett und schwer, schmeckte bitter und eisenhaltig auf den Lippen. Der Wind kam heute eindeutig aus dem Gebiet. Es war aber gut, wieder im Licht zu sein. Das Licht hatte, obwohl grau, fast grün, im Gegensatz zum menschenvollen Dämmer im Laderaum etwas plötzlich Beständig-Bestätigendes und zugleich Fragwürdiges. Hier draussen waren die Menschen in der Windleere und in der Lichtfülle nur Partikel, die Spucke eines grossen Tiers, über das Fell der Erde verteilt, dachte Anna. Sie war noch immer benommen und konnte nicht verstehen. Sie holte tief Luft, als sie auf die Plattform der Schifflände trat. Dann überquerte sie diese mit schnellem Schritt, an den beiden wartenden Männern vorbei. Beim Doktor blieb sie kurz stehen und beugte sich zu ihm hinunter, denn er hatte sein Gesicht auf die glatte saubere Scheibe des Tischs gelegt: „Da geht was nicht mit rechten Dingen zu, aufpassen.“ Als sie ihren Blick wieder auf das Schiff warf, sah sie, wie immer mehr Menschen ausstiegen. „Fäs, Kalmer,“ rief sie zu den beiden hinüber, „zieht den Landungssteg ab. Niemand steigt aus. Regner soll zurückkommen. Verstanden?“ Die beiden schauten gebannt auf das Schiff voller schwankender Menschen, die sich langsam über das im Regen glänzende Deck verteilten. „Verstanden?“ kreischte sie zu den beiden hinüber. „Verstanden,“ sagte Kalmer und setzte sich im Laufschritt in Bewegung. Sie trat in das Schauerhäuschen und holte die Telefontasche vom Haken.


(Bild von Christo Anestev auf Pixabay.)

Inkarnationsreihen

Es ist Gleichzeit. Er hat das Wort vor Jahren gehört. In der Türangel fällt es ihm jetzt ein. Die Drehungen und Wendungen der letzten Jahre, Monate, Wochen und Tage geschehen immer noch. Sie haben längst nicht aufgehört. Sie mögen beben und zittern, widerstehen, es ist nicht die Zeit, die sie aufhalten wird. Er hat das Wort vor Jahren gehört, und es hat seine Schleimspur auf den Teig seiner Tage, Wochen, Monate und Jahre gelegt. Keine tiefe Spur, eine Spur wie ein Papierschnitt. Jetzt drückt es die alte Narbe auf, weitet die Lefzen der Haut und hebt seine Knospe in sein schweissblaues Gesicht. Mitten in sein Wiederkehren, mitten in sein Hineinrennen. Denn die Wörter haben Bestand, auch wenn ihr Bestand verkümmert und vergessen wird. Sie sind die Hände, die dich noch zum Menschen machen, wenn du nach Tagen, Wochen, Monaten und Jahren sie weder zum Greifen noch zum Zeigen mehr benutzen kannst. Aber Gleichzeit ist es. Das begreift er sofort, als das Wort zu ihm kommt. Glitschig glatt gleitet es in seinen trockenen Sprechtrakt. Er hat es nicht kommen sehen. Er hat es nicht willkommen geheissen. Eine Wimper, die ins Auge sticht. Mit jeder Reibung kehrt sie wieder, schlägt erneut ins Becken der Tränen. Er wehrt sich mit aller Kraft dagegen, in die Knie gezwungen zu werden. Wenn es das Wort gibt, und wenn es auf ihn auch zutrifft, dann kann selbst die Zeit ihn nicht aufhalten. Dann ist der Tod weniger wahrscheinlich, wie ein Ton, der sich in den Tagen, Jahren, Wochen und Monaten nicht abgeschliffen hat. Nicht abgeschliffen hat daran, dass Lippen und Auge verschlossen und hart wie Glas waren. In seiner Reibung daran seine Ausdauer nicht verloren hat, seine Wärme. So steht er in der Türangel, mitten in der Wiederkehr, angeschlagen wie eine schweissige, fleischige Glocke. Die Seltenheit des Moments drängt sich auf. Sie steht wie ein anderer Mensch vor ihm auf der Schwelle. Hinausgeneigt, ein wenig geduckt, horcht er auf das Ticken der Taubenkrallen im Treppenhaus. Die Geschwindigkeit hat sich gesteigert. Seine eigene zuerst, vermutet er. Eine Geschwindigkeit wie der Rückstoss an der Schulter. Eine Bewegung, die sich selbst aus dem Stand bringt. Das Ducken ist die Kehrseite des Hineinrennens. In den Jahren, Tagen, Monaten und Wochen hat sich angesammelt, was einem Ducken gleichkommt. Die lautere Abkehr von dem Entzücken am anderen Menschen. Ein Entzücken, das von keinem Wort getragen werden konnte. Er streift weiter durch die Wüste seiner Wohnung, die sich weithin erstrecken gelernt hat. Seine Bewegungen sind die schwersten Fäuste, an die er zu denken vermag. Das schürfende Schleifen eines Körpers auf dem Tummelfeld der Abwesenheit. Hinausgedrängt wurden die Menschen aus dem After seiner Ideen. Knollen mit Gesichtern, verknäulte Gesichter. Seine eigenen Träume bekamen Äste, die an Fenstern kraulen. Wochen, Tage, Monate und Jahre behindern ihn nicht mehr. Die Gleichzeit hat eingesetzt, Glas über den sanften Pfoten der Wiederkehr. Ein Keuchen, ein Tappen. Er ist sich noch keines Namens bewusst. Willig nimmt ihn das violette Schimmern des Sofas auf, aufgeschlagenes Auge. Vom Lindenplatz herauf kommen die Regentöne auf dem Asphalt, das im Tanz der vielen Aufschläge von der Unendlichkeit zu reden vermag. Obwohl es nichts Konkretes mehr gibt, beharrt das Konkrete darauf. Es gibt weder das Wegschliessen noch das Hinausrennen. Er erinnert sich an das Willkommen im Seufzen des Sofas, ausfahrender Atem. Seit Monaten, Wochen, Jahren und Tagen hat er es nicht für wahr gehalten, dass es in diesem Widerstreit eine Auskehr, eine Erinnerung gibt. Er hatte sie ausgelaufen, ausgetreten, ausgedreht in seinem langen, langen Gang. Nicht buchstäblich zerstampft, aber doch eingetreten in die Zeit, die vergeht. Wie die Fliesen unten im Eingang, die das Ticken der Taubenkrallen annehmen, aufnehmen und weitergeben. Er hat den Widerstreit nicht bemerkt, der seine glühende Schwebe beherrscht. Mitten im Wohnzimmer stehend, stellt er sich vor, der Regen fiele schon zeitenlang. Der Regen bedecke eine hemmungslose Scham, die er nicht kennt. Woher kommt dieses Gefühl, das bleiern in seinen Muskeln schwebt? Diese Schwäche, immer wieder diese Schwäche darüber, dass für Auswege seit Tagen, Monaten, Wochen und Jahren die Augenblicke nicht mehr kommen. Die andern Menschen, wenn er von Menschen überhaupt sprechen kann, wie er von den an der Scheibe ritzenden Ästen spricht, von dem Flügelsirren im Treppenhaus, dem Minzgeruch in seinem Hirn, seit er zu denken begonnen hat, dem warmen Prasseln seines Urins auf das strahlende Porzellan… Sie haben ihre Gestalt verloren, damit ihre Sprache. Sie sind wie die Schatten, die von mehreren Lichtern gleichzeitig von verschiedenen Seiten geworfen werden. Ein Drehen im Stehen, Stehen im Drehen. Ein Rasseln in seinem Hals kündigt die Worte an. Er spürt, den Kopf an die Waldscheibe gelegt, das Zerfliessen von Wissen darüber, was ihm was ausmacht, wie ihn was ausmacht. Er steht an und davor und lacht. Hände anlegen, Ausreden abwehren, Auswege gehen, niemand halten. Auswege ausgehen, wiederholt Auswege ausgehen, als kämpfe einer gegen die eigene Ungestalt. „Die Forderungen,“ sagt er, „wurden gestellt wie Schläge. Die Forderungen waren das, was verwirrt. Verrücken dahin, verrücken dorthin.“ Vorsichtig bettet er seine Glieder auf das Sofa, bündelt seine Arme und Beine wie spreuende Ähren um die Vorhut seiner Fluchtbewegung. In dieser Lage kommt ihm die Sprache des Regens sehr nah. Mitten in seinem fliessenden Schweiss versteht er die Wolken, die nachlassen. Das violette Leder vor seinem Gesicht gefällt ihm. Es hat einen Geruch von Bestand, leicht schmierig, einen Geruch, der das Vergehen nicht kennt. Gar nicht anschmiegsam, gar nicht haftend. Nur sein Leib haftet an dem, was er berührt. Was er denkt, das spelzt sich ab. Mitten im Stroh-Strom liegt er, ein Tümmler, lang und bloss in der Tröckne. Rundum fliegen Wimpern, Waldgeräusche und Wanddünen. Schon steht er wieder, bevor es ihn einklemmt. Jedes Mal, wenn er wieder auftaucht, und heute in diesem Wassergeräusch vom Lindenplatz herauf, bekommt er es mit den andern Menschen zu tun. Mit ihren Blicken, die etwas wollen, so sehr wollen. In Monaten, Tagen, Jahren und Wochen ist es ihm nicht gelungen, das zu erkennen. Es hat ihm weder an der Entschlusskraft noch an der Entschlossenheit gemangelt. Aus seiner anderen Menschheit die anderen Menschen zu erhalten, nicht einmal für sich. Wieder neigt er den Kopf an die Waldscheibe und hört das Reiben der Äste daran. Sie wollen nicht Einlass, sie wollen Auslass, denkt er. Er zählt ihre Bemühungen, weiter vorzustossen, wieder voranzukommen. Wippend zäh. „Ich bin doch auch kein Mensch mehr,“ erklärt er in die Stille hinein. Hat es ihn jetzt auch noch in die Sprache verschlagen? Ohne Wind schreiben die Äste ihre Sprache an das Fenster. Er stellt sich vor, wie sie das Haus vor sich her schieben. Über den Lindenplatz hinweg, in die Stadtleere hinaus. Was sie tun, ist Zeitregelung. Ausdauernd, aber unregelmässig. In einer Stille, und auf den Blättern kein einziges Regenwort, kommen ihm die Gesichter entgegen. Als habe er sie im Aufstehen, dort auf dem Sofa, aufgescheucht, aufgeschüttelt. Ist das ein Sonnenstreif, hier zu seinen Füssen? Er sieht das Gesicht seiner Frau, die seinen Namen immer wieder verschluckt. Er sieht das Gesicht seines Vaters, der seinen Namen wie ein Haar auf seiner Zunge trägt. Er sieht das Gesicht seines Freundes Asagiri, dem sein Name ein klebriger Bericht aus der Zukunft war. Aus einer Zukunft, die seinem Land nicht nur drohte, war sie doch eingetreten. Er sieht das Gesicht seiner Tochter, Miriam, die um seinen Namen fürchtete. Die Zeit hat den Gesichtern weder den Schrecken genommen, dem sie ihm immer schon eingeflösst haben, noch die Schutzkraft. Da stehen sie vor ihm, in einer Garbe und doch einzeln. Er möchte sich auf sie werfen, sie pressen und schütteln, monatelang, jahrelang, tagelang, wochenlang. Bis er erfahren hätte, was die anderen Menschen sind. Wo sie jetzt nicht mehr sind, ist er sie. Muss er nicht sie sein? Den Schrecken nehmen und tragen: diese Trennung, die keine Abtrennung ist. Die Schutzkraft ergreifen, die in ihren schwarzen Blicken lag: daran zupfen, zerren, ziehen. Eine grosse Kabelrolle mit schwarzem Kabel, dieses Kabel abrollen, von hier aus hinaus in die Strecke der Zeit, die ihn von ihnen scheidet. Denn sie sind diese Wand, eine Wand aus Köpfen, im Wald gewachsen, den Asphalt mit Grün durchbohrend wie „steter Tropfen höhlt den Stein“. Er hat in sich genug Leere angesammelt. Vielleicht ist es das jetzt schon. Ist das jetzt dieses Überquellen, das ein Überlappen ist, ein Einlappen? Die Zungen der Lachen draussen auf dem Lindenplatz, ja. Die grünen Zungen der Bäume, ja. Aber die Nester von Erinnerung, die ihm jetzt ins Gesicht hängen, nein. In ihnen klimpert es, in ihnen klimpert etwas, während der Wind auswegslos durch die Geschichte fährt. Asagiris Lachen, das in ein keuchendes, grollendes Räuspern fährt, immer leiser werdend, bis zum Ersticken und wieder Aufbellen. Die Haut des Muttermals am Hals seiner Frau, das mit Küssen bekämpft werden musste, aber doch nur Haut war, weich und undurchdringlich. Die Tauben im Treppenhaus, die zwischen Scherben picken. Im Treppenhaus hört er die jahrelangen, tagelangen, monatelangen und wochenlangen Schritte hinauf und hinunter, stampfend und hüpfend, entschlossen und innehaltend. Er hört das Abklopfen von Hosen- und Westentaschen. Der Geruch von mühsam zurückgehaltener Angst steigt ihm in die Nase, der sich vor den Türen endlich ausbreiten kann, wo er doch zuhause keine Heimat haben darf, eingehalten. Wieder hält er inne, fühlt sich durchbohrt von den aufkommenden Wellen, die er gestillt glaubte. Von den Eidotter-Augen der ziegenhaften andern. Kann er wirklich das Atmen seines Kindes in der Halsbeuge fühlen, das feuchte Hecheln. Die Zunge in seinem Mund ein feiner Farnwedel, rosa, unabhängig und frei. Den bitter-törichten, bitter-lockenden Geruch einer Kopfhaut, vermischt mit dem süsslichen Geruch von Kokosöl. Die darauf gestreuten Küsse wie Kerne zwischen niedergetretenen Grashalmen. Das ist Gleichzeit. Alle sind sie da. Da sind sie alle. Verwünscht und jetzt verwunschen. Er kauert mitten im Flur im Halbschatten, der leicht grünt. Seine Augen geben ein lautes Flappen von sich, als würden zwei Nusskerne gegeneinander geschlagen. Seine Hände machen die Bewegung des Zöpfewindens. Tagelang hat er nicht um die Reihen gewusst, die in ihm wurzelten. Monatelang hat er sich Listen aufgezählt, die ihn hier hielten. Jahrelang hat er auf die Anklageblicke gestarrt, die ihn ausschlürften. Wochenlang hat er sich wieder und nieder vergewissert, dass in der Tiefe der Zeit nichts übrig geblieben ist. Aber die anderen sind immer noch da. Sind schon wieder da. Ein Andrang von anderen, als hätten sie nur ihn. Als hätten sie nur ihn, um ihre Euter-Gesichter meckernd in sein Blickfeld zu drängen. Eindringliche, gelbe Blicke. Aber die Fische hoben schon ihre Mäuler aus dem Parkett. Hohl und hallend glaubte er sie entfernt zu haben. Die Namen kommen zuerst, stockend. Hände, die unerwartet und kalt seine Brustwarzen suchen. Nasen, die unerwartet und feucht in seiner Drosselgrube nisten. Pockenmarken, in deren Mulden spiegelbildliche Einladungen schimmern. All die Gelegenheiten, die sich ihm jetzt böten. Er sieht sie klar und deutlich. Können sie denn? Können sie denn wiederkehren? Einzeln wie Milchzähne. Vorsichtig, als sei er aus Zahnstochern, stemmt er seinen Fuss in den Boden. Er hört, spürt das Rieseln der Erde an seinem ganzen Körper. Sein Gehirn versucht immer wieder zu zählen, in dieser feisten, farnhaften Freesienluft. Es ist nur ein Versuch des Zählens, eine Abwehr. Er steht als Fragezeichen im Raum, die Hände nach vorne pendelnd. Wieder und wieder versucht er umzukehren. Ohne einen Schritt. Aber da sind die Fische, die ihre Mäuler aus dem Parkett hoben. Sein Körper befindet sich in verschiedenen Zeiten. Sein Körper befand sich in verschiedenen Zeiten. Sein Körper entwindet sich den verschiedenen Zeiten nicht. Sein Körper entwand sich keiner der Zeiten. Der Gang, den er wieder aufnimmt, in den er wieder einfällt, begann nicht wieder. Seine Räume sind andere. Auf allen Dingen klebten Namen. Selbst auf den Ästen vor den Scheiben, selbst auf seinen Kniescheiben, die er sehen wird, wenn er sich vornüberbeugt, weil er Atem fassen musste. Er wird zu einem Glas-Sarg. Unter dem Glas regt sich, regt sich, regte sich, was er nicht mehr kannte. Knisternd rollen Tränen über die sandigen Flächen seiner Wangen. Wie Finger drückten die Gestalten, die Zöpfe, das Lachen, die Gesichter, die Beschimpfungen, die Krankheiten, die Schürfungen, die wütenden Gerüche der Lust, in sein Kreuz. Fuhren über die empfindlichen Stellen aussen am Brustkorb. Richteten seinen Körper auf, indem sie die Schulterblätter Richtung Herz pressten. Der Regen fällt in den Wald wie auf die grünen Scherben einer Prasserei. Nichts mehr sehend, zerbricht er das Fenster zum Wald. Seine Stirne blieb dabei heil. Klappernd wie ein Kasper stand er im heissen Wind.


(Bild von miezekieze auf Pixabay.)

Ich habe Geister gesehen

Was für komische Gefühle. Bis kurz vor dem Bahnhof konnte man sich gut fühlen. Es war doch noch die Stadt, die man kannte. Wenn auch leer, wenn auch ausgeräumt. Rüschen bewegten sich an Fenstern. Feiglinge, Drückeberger. Vorher Pfauen, jetzt Strausse. Aber er merkte schon, was gespielt wurde. Jemand versuchte irgendwo wie verrückt, die Zeit anzuhalten. Anders konnte es nicht sein. Seine Schritte waren jetzt langsamer als in der Elisabethenanlage. Langsamer und eindeutig noch etwas. Er lachte laut in die Stille hinein. Was für komische Gefühle. Noch in der Elisabethenanlage hätte er gesagt, ich bin ein Mensch. Doch jetzt, die Augen gebannt auf der Uhr im Portal, war er sich dessen nicht mehr sicher. Er war in eine Differenz hineingetreten. Die Uhr funktionierte, daran lag es nicht. Eben hatte der Minutenzeiger seinen Sprung absolviert und zitternd seine nächste Minute gefunden. Das Portal selbst sah gewaschen aus. Das Sandsteingrau leuchtete gelb. Er setzte sich etwa hundert Meter vor dem Portal auf den Boden, um es zu beobachten. Er wollte es nicht übereilen. Urteile erst, wenn du reif dafür bist, das war sein Motto. Je länger er schaute, umso klarer wurde die Erinnerung an das Gesicht. Der ganze Bau glich einem Gesicht. Wenn du nicht aufpasst, verpasst du eine Zuckung in den Zügen. Er versuchte, die Angst nochmals herauszulachen. Es gelang ihm ein Keuchen, immerhin. Er hätte nicht sagen können, was störte. Er hätte gerne gezeigt darauf, damit die Angst von seinem Finger verscheucht würde. Aber hier benötigte jedes Zeigen eine solche Überzeugung. Noch einmal betrachtete er die Falten und Runzeln des Gebäudes auf der Suche nach einer Verdeutlichung. Er kannte das Gesicht. Es brannte ganz hinten in den dunklen Korridoren seines Gehirns, wo Pilze in langen, seifigen Strähnen von den Decken wuchsen und wie leckende Zungen über die feuchten Tischtücher und die halb aufgegessenen, lange schon kalten Speisen in den Tellern strichen. Wenn er die Augen schloss, brannte und tanzte es. Und ein abschätziger Geruch war es, salzig und schmierig. Und der Bau leuchtete grün, ein Algenteich. Ein Algenteich, der spiegelte, was nicht zu sagen war. Mühsam kam er in die Höhe. Sein ganzer Körper war schwer geworden, mit Furcht-Häuten wie Öl-Schichten überzogen. Immerhin, immerhin. Wahrscheinlich war immer schon unwahrscheinlich gewesen. Das hatte ihn das Ausgucken aus seiner Bucht gelehrt. Was für komische Gefühle, das war nur der Anfang. Es war nur noch unwahrscheinlicher geworden. Aber er war sich dessen nicht mehr ganz sicher. Darum war er ja hier. Er hatte es in den Fingern, er würde mehr als Kadaver entdecken. Mit watenden Schritten ging er auf das Portal zu. Unter der grossen Pforte blieb er stehen. Geräuschvoll sog er zuerst die Luft ein. Pisse, Bier, Kotze, Kaffee, Luft unter den Flügeln von Tauben. Dann horchte er in die Halle hinein, die Augen noch geschlossen. Tatsache, Schritte. Nicht viele, aber einige, schlurfend. Hörte er auch ein leises Singen, eine Art Seufzen? Dann die Augen: eine leere Halle mit gekrümmtem Licht, der Boden bedeckt von Plastik und Kleidern. Offene Koffer. Im hinteren Teil hatte jemand die Koffer zu stapeln versucht. Schwer zu beurteilen, was hier vorgegangen war, Flucht oder Ankunft. Er schritt durch die Halle und bemühte sich, auf nichts zu treten, das Geräusche machte. Einige der Kleiderstücke wiesen schwarze Flecken auf. Das Seufzen war nicht mehr zu hören, als er in der Mitte der Halle stand. Das Schlurfen von Schritten konnte von dem Plastik kommen, der von kurzen, richtungslosen Windstössen bewegt wurde. Diese Windstösse, woher kamen die denn? Vor dem Portal war es eigentlich windstill gewesen. „Das ist wahrscheinlich,“ stiess er provozierend laut hervor. Seine Stimme kam keine zwei Meter weit. Er hatte den Eindruck, sie war, kaum aus dem Mund heraus, feucht und schlaff in die Kleiderstücke und Plastikfetzen gefallen. Wieder lauschte er lange. Kein Geräusch. Kein flatternder Vogel. Ah, eine Stille, die auf ein Geräusch wartete. Auf ein bestimmtes Geräusch. Komische Gefühle, gemischte Gefühle. Eine Stille, die sich nach einem Geräusch sehnte. Fiele hier eine Nadel, dachte er, das Klimpern der Nadel auf dem Asphalt würde auf der Stelle von dieser Stille verschluckt. Er ging auf die Treppen zu, und plötzlich war die Halle von einem Brummen erfüllt, dann von einem knirschenden kreischenden Stöhnen. Zwei der vier Rolltreppen hatten sich in Bewegung gesetzt. Etwas in ihrem Getriebe liess sie in regelmässigen Abständen jammern. Er zögerte, eine Zeitreise. Es gab nichts, was es nicht gab. Mit kleinen Schritten näherte er sich der rechten Rolltreppe. Er wartete auf die nächste Stufe, die sich aus dem Boden erheben würde. Die nächste Stufe kam und die nächste und die nächste. Hilfesuchend ergriff er den Handlauf. Ruckartig wurde er auf die Treppe gezogen, stolperte und schlug sich die Knie auf den Metallzähnen der Stufen. Sein Kopf hatte keine Zeit für den Schwindel, wurde vom Schmerz geflutet. Die Rolltreppe hatte ihn schon in die halbe Höhe hinaufgetragen, als er sich endlich aufgerichtet hatte. Die Handläufe unter seinem festen Griff ruckten in der Aufwärtsbewegung vor und zurück. Die Halle unter ihm weitete sich und fiel zurück. Gerade rechtzeitig drehte er sich in die Fahrtrichtung, da kippte ihn der Fahrsteig in die Passerelle hinaus. Einige Sekunden blieb er so stehen, seiner Füsse nicht mehr sicher. Vor ihm auf dem ersten Drittel der Passage waren hunderte Holzkisten ordentlich gestapelt, mit grossen Lettern markiert. Einige waren rot angestrichen, andere blau, dritte grün. Die Stapel waren unterschiedlich hoch, einige über mannshoch. Sie versperrten ihm fast ganz den Weg. Vom andern Eingang hörte er verhaltenes Rufen, stampfende Schritte. Er duckte sich hinter einen Stapel von grünen Kisten. Diese waren flach und länglich wie Särge. Ein Geruch von Ammoniak umgab sie. Er konnte nichts sehen und fand einen nächsten Turm, hinter dem er sich hinkniete. Diese Kisten waren rot, aus ihnen kam kein Geruch. Die Knie schmerzten, und als er sie berührte, stiessen seine Finger auf feuchten Stoff. Jetzt konnte er bis ans Ende des breiten Flurs sehen. Zwei Uniformierte standen dort zusammen und sprachen miteinander. Er konnte die Uniform weder einer Militärgattung noch der Miliz zuordnen. Die Hosen, Hemden und Westen waren ganz in blauem Kordstoff, an den Achseln hingen violette Troddeln. Die Männer trugen graue Barette, an denen etwas glitzerte. Er konnte nicht verstehen, was sie redeten. Dann begriff er, sie redeten Französisch. Darum konnte er sie nicht verstehen. Fremdes Gesocks, dachte er, was macht fremdes Gesocks auf unserem Boden, was haben die Franzmänner hier verloren? Die Franzosen machten doch Probleme erst zu Problemen. Sie waren dort im Einsatz, wo es etwas zu verschlimmern galt. Er erinnerte sich an das Erdbeben vor zehn oder fünfzehn Jahren. Da waren die Franzosen auch hinüber gekommen, um beim Aufräumen zu helfen. Sie hatten sich im Kannenfeldpark ein Denkmal errichten lassen. Sie hatten es neben dem Denkmal aus einem längst vergangenen Krieg aufgestellt, an den sich niemand erinnerte. Das Denkmal war schnell geschändet worden. Die Stadtverwaltung hatte es dann zum Schutz in eine Wellblechverschalung gesteckt, aus der es jedes Jahr zum Jahrestag herausgeschält wurde. Milizionäre standen daran Wache. Französische Brigaden salutierten davor. Ein dicker glatzköpfiger Franzose hielt eine lange Rede. Ah, komische Gefühle. Gefühle mit Ohnmacht und Verstörung. Was waren wir nur heruntergekommen. Doch war die Frage nun, wofür waren sie diesmal gekommen? Nie würde er den Anblick vergessen, wie die Franzosen in jenen Jahren einmarschiert waren. Zuerst über die Burgfelderstrasse, später auch über die Dreirosenbrücke. Vergangen, vergangen. Waren das hier Soldaten oder Söldner? Wer konnte das bei denen schon sagen. Er bewegte sich hinter den Kisten hindurch, bis er am linken Rand der Fussgängerbrücke stand. Die Holzverschläge der Marktbuden waren mit wilden Bildern bemalt. Explosionen, Drachen, wucherndes Fleisch. Einige der Läden waren geplündert worden, die Bruchstellen der Bretter leuchteten wie Stosszähne im Licht, das schräg durch die hoch gelegenen Fenster einfiel. Die Männer standen immer noch mit dem Rücken zu ihm. Er begann den Läden entlangzuschleichen. Langsam, er hob kaum die Füsse dabei. Den Rücken immer wieder an die Verschläge gelehnt. Einmal erschrak er, weil er dachte, jemand könne ihm aus dem Laden heraus die Hand auf die Schuler legen. Aber die Läden waren ja leer. Jetzt würde ihn ganz sicher niemand mehr festhalten, niemand mehr hindern. Die Zeiten waren vorbei. Sein Gesicht zeigte einen komischen Ausdruck, er wusste darum. Komische Gefühle, komischer Ausdruck. Die Lippen waren gespitzt, als wolle er gleich pfeifen. Seine Zunge war zu sehen. Er stieg mehrmals erfolgreich über herumliegende Bretter. Dann aber achtete er nicht auf seine Füsse und blieb an einem gesplitterten Brett hängen, fühlte Metall im Fleisch. Er zog vor Schmerz laut die Luft ein. Einer der Uniformierten drehte sich um, erblickte ihn und rief ihn mit einem „Hého!“ Zu sich. Humpelnd machte er sich auf den Weg, zuerst noch gebückt und in der Nähe der Buden. Dann korrigierte er seinen Weg und trat in die Mitte der Passerelle hinaus. Er konnte mit seinem Fuss nicht gut aufrecht gehen, weil der Schmerz ihn verbog, aber er versuchte es. Laut rief er durch die Halle: „Bonjour, les français!“ Auch der zweite Soldat hatte sich umgedreht. Die Gesichter der beiden Männer waren fröhlich und wohlgenährt. Sie waren ausgeschlafen und interessiert. Nicht wie damals. Aus zehn Metern rief er sie nochmals an: „Was macht ihr hier? Häh, was macht ihr hier?“ Er benahm sich wie der Hausherr. Er war ein wenig glücklich. Kaum war er heran, packten die beiden ihn zwischen sich und zogen ihn mit. Sie redeten nicht einmal mit ihm. Er machte zwei, drei Schritte mit, dann liess er sich hängen, die Spitzen seiner Schuhe schleiften auf dem Boden. Was für kindische Zeiten, dachte er. Worüber freue ich mich eigentlich? Er liess sich den Gang hinunterschleppen. Vor dem Bahnhof, auf dem Platz vor dem eingestürzte Hochhaus, standen braune Militärzelte. Soldaten oder Söldner gingen dazwischen langsam hin und her, mit gemächlichen Aufträgen. Als die Soldaten ihn auf die Füsse stellten und ihm befahlen, selbst zu gehen, sah er hinunter zu den Gleisen. Dort standen mannshohe Pferche, er konnte vier davon zählen. Die aus rohen Stämmen gebauten Ställe waren ohne Dach. Er konnte knapp erkennen, dass sich darin etwas bewegte, Haar wehte im Wind. Dahinter stand ein wartender Güterzug, die Maschine atmete prustend. Seine Ohren waren geblendet. Eben war es noch so still gewesen, so leer und unbelebt. Woher kam nun all die Aufregung, das Gestampf und das leise Wimmern? Die beiden Söldner führten ihn zu einem kleinen Zelt am Rand der Militärsiedlung. Vor dem Zelt war ein Tisch aufgestellt, dahinter eine Bank. Auf der Bank sass ein massiger Mann im Leibchen, die riesigen Hände auf dem aufgequollenen Holz des Tischs. In einer der Hände hielt er eine Pfeife, die eben angerauchte Glut war zu sehen. Auch er trug ein graues Barett, aber nichts glitzerte daran. Das Barett war speckig vom vielen Auf- und Absetzen mit schmutzigen Händen. Das Gesicht des Mannes war grau und abgetragen. Der Mann schaute von seinen Händen hoch und lachte bellend auf. Seine Stimme fistelte. „Was sehen meine müden Augen denn da?“ sagte der Mann hinter seinem Tischchen. „Kommt da etwa jemand zu Kreuz gekrochen?“ Was für komische Gefühle. Er konnte nur das Kinn auf die Brust drücken, nicht aufschauen. Er hatte ihn erst an seiner Stimme erkannt. Für Sekunden war er in der Differenz gefangen, für Sekunden gab es nur die Differenz. In ihr hallte sein ganzes Erleben wider. Über dem Platz war ein vielstimmiges Schlurfen und Flattern, eine unterdrückte Drohung. „Bist du es?“ fragte er mit der Stimme des jüngsten Bruders. Der andere kicherte und schob mit seinem Bauch den Tisch von sich weg. Holz und Kies machten ein Geräusch, als risse Haut, ein räusperndes Knallen. Er hob den Kopf und blickte seinem Bruder in die grauen Augen. Die Augen waren immer noch verschwommen und wässerig, jetzt aber wie verdrückte Pflaumen unter den Wülsten des Gesichts. Er spürte den Körper seines Bruders an seinem, die Hände klatschten auf seinen Hintern. Der Geruch von Zahnfäule, Tabak und Baustellenfeuern zwang ihn in die Knie. Er hatte noch starr, die Hände hängend, über die Schulter seines Bruders geblickt, an der Fassade des Hochhauses hing ein Stoffbanner mit einer Parole. „Beschützen heisst Zerstören. Zerstören heisst Retten. Retten heisst Häuten.“ Das hatte er noch lesen können, irgendwie um Unbeteiligung bemüht. Der Unterschied, in den er glitschte, roch nach aufgeschwollener Pappe im Gesicht. Arme hoben ihn hoch und wuchteten ihn herum. Das Stechen im Knie weckte ihn. Er blickte auf einen kindlichen Kopf mit langem Haar hinunter. Der junge Mann strich eine Paste auf seine Wunde am Knie. Langsam rollte er einen Verband auf und mit weit ausgebreiteten Armen um das Knie herum. Dabei flüsterte er. War das ein Lied oder ein Gebet? Er bemerkte, dass der Verbundene wach war. Es war ein junger Mann mit einer hellen, fast durchsichtigen Haut, seine Augen waren so dunkel, sie waren violett. „Oh, ma foi,“ lispelte der Soldat. Mit gesenktem Kopf hörte er die schnellen leichten Schritte und den Ruf nach dem „Colonel“. Das war also sein Bruder, da war also sein Bruder. Er wünschte sich, nochmals wegsinken zu dürfen. Der Jnge kam mit einem grossen Blauen zurück, der ihn ungefragt unter der Achsel packte und mitnahm. Da sass er wieder, Tisch zur Seite geschoben, Beine gespreizt, die Pfeife rauchte. Grosse Hände wie Flossen auf den Knien. „Ueli, Ueli,“ begrüsste er ihn, „immer noch ein Kippmeinnicht, häh?“ Der Mund war ihm voller Spucke, sein rechter Fuss schmerzte. „Guten Tag, Erich,“ sagte er leise. Er schaute ihm direkt in die Augen eines Molchs. „Heiss nicht mehr Erich, du liebe Feige,“ sagte der Kröterich, „heiss jetzt Motorman, ein N bitte. Hast Glück, wollten heute zum Hafen runter. Wären dann nicht mehr da gewesen.“ Beide schwiegen. Motorman sagte: „Einmal nicht verpasst, häh?“ Fast hätte Ulrich gesagt, einmal ist keinmal. Aber er ersparte dem Bruder die Freude. Vater sollte tot, Vater konnte ihm auch weiterhin gestohlen bleiben. Er blinzelte, um das Schweigen andauern lassen zu können. Das Plakat bewegte sich im Wind, ein Segel. Die Aschehaare des Jungen umgaben ihn wie eine Medusenglocke, leise lockten sie sich im Wind. Lockten sich wie seine Gedanken, krausten sich wie sein Wille. „Wollten zum Hafen runter“, nahm der Dicke wieder auf, „zum Hafen runter mit unserer kostbaren Fracht.“ Der Refrain eines Liedes. Ulrich stellte fest, dass auch sein Bruder die Augen niedergeschlagen hatte. „Und was… suchen die Franzosen hier?“ fragte er. „Die Zeiten sind verschieden, sehr verschieden,“ sagte sein Bruder, „bei den Franzmännern, da haben sie noch Menschen, Kohle, scheint’s Regierung. Aber auch dort kommt es ins Rutschen. Verstehst du? Und da kommen sie zu uns, kommen sie zu mir.“ Ulrich versuchte einen Faden von Denken zu erfassen, es gelang ihm nicht. Das Husten eines Motors fuhr ihm dazwischen, ein zweitaktiges Rumpeln. Der Zug fuhr an. „Da fährt er, hinüber in die Welt, Ueli. Wie kostbar das ist, die Welt.“ Wieder schwiegen sie, der Junge schwankte wartend an der Seite der Unke. „Ich bin erstaunt, ich war erstaunt, dass es die Welt noch gibt. Wir hatten gedacht, unser Leben ist zu Ende. Wir hatten gedacht, jetzt haben wir es geschafft.“ Der Junge beendete sein Schwanken und beugte sich vor. „Vater, wir müssen,“ sagte er mit einer alten Stimme, „die Löwin wird nicht warten wollen.“ Jetzt erst blickte Erich auf. „Du kommst nicht mit, häh? Du wartest das Verscheiden der Zeiten ab. Ich kenne dich“, eine Spur von Neid verdunkelte seine Stimme, „zuwarten ist deine Devise. Du wirst warten wollen, was dahinter kommt. Mit baren Händen, auf offne Enden.“ Die Wörter aus dem Refrain hätte er fast gesungen. Erich stemmte seine Hände auf die Knie und wuchtete sich in die Höhe. Hinter ihm öffnete sich der braune Stoff des Zelts, ein Mädchen mit einem blauen langen bleichen Rock kam heraus, das Haar von der Farbe von Luft. Sie trug einen weissen Schosshund in den Armen. „Ich geh mal Gassi mit Emil“, sagte sie. Erich wirbelte herum. „Du bleibst im Zelt, dumme Kuh“, sagte er sehr laut, „den Hund lässt du hier.“ Das Mädchen bückte sich und liess den Hund springen. Der Hund schoss zu Erich, schleifte eine schwarze Leine hinter sich her. Rechtzeitig fasste der Junge nach der Leine und nahm sie vom Boden auf. Der Hund nutzte die Länge der Leine aus, schnupperte, reckte die Nase in die Luft. Winselnd kehrte er zu dem Jungen zurück, hockte sich an Erichs Seite hin, immer noch schnüffelnd, zitternd. „Colonel“, sagte eine Stimme im Rücken Ulrichs, „wir sind Abruf.“ „Gut, gut“, Erich schüttelte seine Schultern, „dann wollen wir mal.“ Die grauen Augen überfielen Ulrich und häuteten die Neugier bis auf den Zweifel. „Was machen wir mit dir, Däumling?“ fragte er ihn. Die Stimme in seinem Rücken sagte: „Sollen wir auch zum Vieh?“ „Nein, dafür ist er doch zu alt, crêtin,“ sagte Erich, „lass ihn gehen. Aber…“ Er blieb Schulter an Schulter mit ihm stehen, der Hund zwischen ihnen. „Aber wenn du nochmals kommst, nochmals dich finden lässt, muss ich dich einspannen. Deine Talente möchte man haben. Ja, die möchte man gerne haben. Das weisst du ja.“ Und im Fortgehen, begleitet von dem Aschejungen und dem blauen Soldaten sagte er nochmals laut zu sich: „Möcht man haben, ja.“ Die drei Gestalten verschwanden zwischen den Zelten, Richtung Gleise. Niemand war mehr auf dem Platz zu sehen, die Zeltbahnen flappten im Wind, der den Rauch herantrug. Das Mädchen stand noch vor dem braunen Zelt. Die Sommersprossen tanzten über seine Wangen wie Rauch. Die Augen grünten vor Zorn. Heftig wandte es sich um und entfernte sich in der anderen Richtung. Ulrich hörte den Hund bellen, das Schreien einer Krähe. Jaulende Menschenstimme. Komische Gefühle, was. So stand er da, sank in die Tiefe des Raums. Die Tiefe des Raums war anders, müde und knarrend, plötzlicher heftiger Mundgeruch, Filz auf der Zunge. Sein Nacken war ganz steif. Seine Fussballen tasteten sich zuerst vor. Der Schmerz erreichte ihn, verebbte, leuchtete auf. Die Socke in seiner rechten Sandale war braun vollgesogen. Keine Zeit, keine Zeit. In seinem Körper knackte etwas und brach, seine Gedanken? „Ja, das wäre logisch, zweimal gebrochen gleich entkrochen,“ sagte er zu sich. Er wusste nicht, was er sagte, ausser, es stimmte. Stimmte sich der Zeit hinzu. Aus den Zelten heraus, sah er Wolken, knapp über dem Boden. Menschen aus Wolken oder Wolken aus Menschen. Letzteres. Die Franzmänner hatten die Koppel aufgemacht, in denen er Pferde gesehen hatte. Jetzt ging er dem Unterschied entgegen. Jetzt kam er dem Unterschied näher. Jetzt kam ihm der Unterschied entgegen. Ganz nahe, anders. Er schlüpfte wehr- und widerstandslos hinein, in dieses Dotterlicht. Menschen aller Art, jung wie Brombeeren. Entstiegen sie ihm oder dem Korral? Tief wurde die Zeit, saugend wie der Mund eines Säuglings. Seine Augen, die sahen, sanken immer weiter zurück, in der Zeit. Lumpen, blätternde Haut, wehende Mähnen. Giraffenhälse. Mühlenaugen. Achte darauf, achte darauf, sagte er sich, komme nicht darunter. Tiefe, rasselnde Wasser. War das jetzt die weite Welt, hier im Bahnhof? Erich Nadler stand am vordersten Güterwagen, die Hände vor der Brust, Gesicht vom Wind entfärbt. Sein ganzer Mund war in einem Lächeln abgefallen. Die Gestalten tunkten ihre Füsse in den Kies des Bahndamms, aufrechte Korallenbleiche. Was für ein weiter Spalt, dachte er, zog ihn auf mit aller Kraft, die Augen weit auseinander gezogen. Ein Augenpaar kam zu ihm, fast berührte es ihn, blutig umrandet, halbe Wange. Wohin, sagte es, wohin? Er konnte nicht einmal zurückschrecken. Er konnte nicht einmal mehr sprechen. Seine komischen Gefühle kamen nicht mehr zurecht, nicht mehr zurecht kamen sie mit den tosend taumelnden, schlurrend Schlafenden. Komische Gerüchte das, sogen und sogen und sogen an ihm. Tief hinein sogen sie ihn, und drüben war auch kein Halt mehr. Wehende Mähnen, zerfliessende Züge, Lumpen, blutige Lumpen. Niemand sah ihn, er sah niemand. Er hatte sich abgewandt von den suckelnden Augen, von den grünen Mienen. Hin und wieder war Geist aufgeblitzt in den kindlich unvollständigen, aufgedröselten Menschen, die sich gegenseitig stützten, hielten, wimmernd singen wollten. Immer noch singen wollten. Blutige Liedfetzen, „die Löwin wird nicht warten wollen“ und „die Kinder wild im Garten tollen“. Sangen ins Verstummen hinein. Ulrich riss sich vom Bann los. Er hatte es gesehen. Und es war in ihm so komisch, er musste immer daran herumfühlen. Hornhaut, an der du kratzt und zupfst. So komisch war es. Sein Körper selbst riss in Lappen, ärmlich und unterschieden. Unterschieden wovon? Er war in einen hoppelnden Trab gefallen, hüpfende weisse Krähe. Unterschieden wovon? Ja, unterschieden wovon denn? Im Nachtigallenwäldchen, dort war sein Schlupf. Unterschlüpfen ist keinmal. Ist einmal unterscheiden.


(Bild von Nick Magwood auf Pixabay.)

Von keinerlei Bedeutung

Es gab keine Auswege. Das war das Gute. Es gab dieses Drehen im Kreis. Von der Stube, die zur Strassenseite lag, nach hinten in das Schlafzimmer, die zum Wald lag. Das Drehen war eine Schlaufe, die mit der Zeit Ecken bekommen hatte. Es war angenehm, den Richtungswechsel als 90 Grad-Winkel zu vollziehen. Die Kontrolle in dieser Bewegung fühlte sich an, als beherrschte er noch etwas. Zur Strassenseite waren die Rollläden heruntergelassen, dort war das Gehen wie Waten durch salziges Dämmerlicht. Der Kopf war oben im Dunkeln, die nackten Füsse unten im brackigen Schimmer. Zur Waldseite war es heller, mit der Zeit war der Raum von einem verschmierten Grün eingenommen worden. Die Strasse war leer und still, der Wald war näher gerückt. Aus dem Wald kamen Geräusche, die nicht genauer zu bestimmen waren. Die Geräusche hatten ihn lange an etwas erinnert, aber sie hatten sich nicht verändert. Er hatte aufgehört, sich für sie zu interessieren. Inzwischen war es wahrscheinlicher, dass die Geräusche in den Blättern entstanden. Die Blätter des Waldes waren zudringlich geworden. Wenn er vorne in der Stube war, drängten sie herbei und klopften an die geschlossenen Fenster. Wenn er im Schlafzimmer war, konnte er ihren Abstand zum Fenster überprüfen. Er schätzte den Abstand auf etwa 60 Zentimeter. Das war weniger als am Anfang. Aber die Fenster hatten Schmieren oder Schmisse von den Ästen. Die Pause in der Mitte seines Rundgangs war fast ein Ausweg, aber notwendig. Sie gestatte ihm, sich für kurze Zeit an den Stahlrahmen der Küchentür zu lehnen. Sein Kopf im Nacken, seine Schultern und seine Pobacken an den Rahmen gepresst. Der Rahmen war ein wenig kühler als die Luft in der Wohnung. Am Anfang hatte er mit dem Gesicht am Rahmen gestanden, die Stirn klopfend an den Rahmen gepresst. Doch das war ein Ausweg gewesen, das hatte er schnell begriffen. Das war gegen das Vergessen. Aus der Küche kamen die Gerüche. Sie beruhigten durch ihre zunehmende Stärke, bewiesen das Vergehen der Zeit. Sie waren lebendig. Neben der Küche lag die Toilette. Dort lief in dünnem Strahl das Wasser. Es kam lauwarm aus der Leitung. Hin und wieder war es nur ein Tröpfeln, laut wie das Pochen an einer Türe. Das Trinken daraus war notwendig in dieser Hitze. Wenn er dachte, war er erstaunt, dass das Wasser immer noch herauskam. Wenn er dachte, war manches erstaunlich. Nur schon das Denken war erstaunlich. Doch sein Gang setzte sich bald fort. Als er begonnen hatte, war das Urinieren ein Ausweg gewesen. Mit der Zeit aber hatte er sich daran gewöhnt, fast im Vorübergehen in die offene Schüssel zu spritzen. Er trug nur noch Socken. Er blieb nur noch an drei Stellen stehen. Die erste war die Küchentüre, den rechten Fuss im Flur und den linken Fuss jenseits der Schwelle im harschen Geruch der Küche. Die zweite Stelle war das Fenster zum Wald. Er hatte darauf zu achten begonnen, dass er nicht im gleichen Gang an beiden Stellen stehen blieb. Vom Fenster zum Wald musste er sich losreissen, am Fenster zum Wald war es gefährlich. Es war dort so einsam und belebt, das verbrauchte Grün schmeichelte das Auge so sehr. Die Bewegungen der Büsche und Bäume waren hinter den geschlossenen Fenstern unerklärlich und erschreckend. Wenn er am Fenster zum Wald stand, konnte er sich selbst für Augenblicke abschütteln. Er bekam wieder eine Ahnung dafür, was noch da war ausser seiner selbst: die Vögel, die Blätter, die Eichhörnchen, der seltene Wind. Am Fenster war ihm der eigene Tod am nächsten. Hätte er das Fenster je geöffnet, so wäre er ausgestiegen. Darum riss er sich los vom Fenster, auch wenn es schmerzte. Und er hatte das Näherkommen des Waldes bemerkt, dieses gesichtslose Heranrücken. Bald würde der Wald seinen vollen Bauch an die Scheiben drücken und sie aufsprengen. Er drehte sich mit dem Rücken zum Wald, atmete ein und atmete aus, setzte sich in Bewegung. An der Wohnungstür verlangsamte er seinen Gang. Seine Schritte streichelten den porösen Korkboden vor der Türe, seine Fussballen fühlten die nachgiebigen Unebenheiten. Er verhielt seinen Atem. Sein Gehen wurde zum Aufhorchen. Sein linkes Knie konnte unerwartet nachgeben. Seine Hände stützten sich auf den weichen lauen Boden. Doch hinter der Wohnungstüre waren keine Geräusche, kein Huschen, Husten oder Rascheln. Er wusste, dass niemand da war. Er wusste nicht, ob „ausgezogen“ das richtige Wort dafür war. Doch gab es in seiner Lage keine Möglichkeit, das Verschwinden zu beweisen. Das Verschwinden, das irgendwann eingesetzt hatte. Irgendwann in diesem schrecklichen Sommer. Es konnte sein, dass er mit seiner Schlaufe in der Wohnung die Zeit anhielt. Das konnte sein, dass er die Zeit anzuhalten begonnen hatte. Und das Verschwinden war eine mögliche Folge davon. Ein- oder zweimal am Tag nahm er seinen verbliebenen Mut zusammen, um die Wohnungstür zu öffnen. Nicht zum Lauschen, denn die Türen der Sozialwohnungen waren längst alle aus verzogenem Sperrholz. Zu oft hatte die Miliz in den Wochen vor dem schrecklichen Sommer die Türen eingeschlagen oder aufgestemmt, die Bewohner in den frühen Morgenstunden auf dem Vorplatz zusammengetrieben. Die Verwaltung war sich sehr bald zu schade gewesen, nach solchen Razzien wieder solide Wohnungstüren einzubauen. Nein, die Türen waren kein Schallschutz. Er öffnete die Türe, um zu riechen. Mit einem leichten Säuseln kamen die Gerüche zu ihm hinauf in den dritten Stock. Vielleicht stand unten die Haustüre offen, daher das leise Pfeifen im Treppenhaus. Die Luft stieg kühl und frisch aus den Kellern hinauf. Sie roch nach feuchtem Kies und nach Fussschweiss. Er stellte sich die Schuhe vor den Türen vor. Früher konnte man in den Morgenstunden oder in der Nacht darüber stolpern, wenn das Licht wieder einmal ausgefallen war. Er hatte die Schuhe immer als etwas Lebendiges erklärt, schlafende Verkörperungen. Die Luft roch nach ausgekühlten Suppen, auf denen sich ein flauschiger Schimmelteppich gebildet hatte. Die Luft trug den Duft von Tierurin zu ihm herauf, Revierspuren eines Fuchses, den er nachts schon durch die Eingangshalle und über den ersten Treppenabsatz streichen gehört hatte. Und bei offener Türe konnte er auch das singende Flattern der Tauben deutlich hören, die sich im Treppenhaus eingenistet hatten. Ihr Gurren begleitete bei geschlossener Türe seinen Gang durch die Wohnung. Der Fliesenboden des Treppenhauses war empfindlich kalt. Das war ein angenehmes Gefühl. Er war wie ein Tier, das kurz aus seinem Bau schaut. Dann schloss er die Türe wieder, setzte seinen Gang fort. In der Stube fiel ihn das Gefühl von Verlassenheit an. Der Raum war der grösste der Wohnung, der leerste. Rechts drückte sich das kleine Büchergestell mit den zwei vollen Regalen an die Wand. Auf dem Büchergestell war das Foto einer jungen Frau in einem Rahmen. Sie hatte rotes, lockiges Haar. Ihr Lachen auf der Fotografie war schüchtern. Es war ein abwartendes Lachen. Doch die junge Frau war der Kamera ganz offen zugewandt. Die Fotografie war leicht verrückt, die junge Frau lachte die Ecke an. In der Mitte der Stube lag ein verblichener runder Teppich mit konzentrischen Farbkreisen. Wie seine Socken war auch der Teppich von einem Flaum von Katzenhaar überzogen. Die Katze war zuerst weg gewesen. Jedes vierte oder fünfte Mal auf seinem Rundgang blieb er beim Fenster in der Stube stehen. Hier war es am Lautesten. Im Kasten des Rollladens wohnten die Spatzen. Weder kümmerte sie die Leere des Platzes unter ihrem Nest noch die dröhnende Stille des Mittags. Er stand reglos in der linken Ecke und lauschte auf die Geräusche der Vögel. Das Einfliegen führte zu einem Keifen und Wettern, das die Rollladen erzittern liess. Das Ausfliegen hatte einen sirrenden Ton, richtete die Härchen auf seinen Armen auf. Für Sekunden war das Rascheln nur noch das von kleinen, aufgeregten Leibern. In diesen Momenten in der linken Ecke beim Fenster konnte er plötzlich wegnicken. Sein Kopf sank auf seine nasse Brust, die Lider flatterten. Er spürte, wie seine Augäpfel in ihrer Schale verzweifelt nach dem Schlaf suchten. Sie drehten sich rastlos hin und her, spatzenhaft. Für einen oder zwei Augenblicke sank er in ein staubiges, raues Gefieder hinunter. Lange Arme zogen ihn immer tiefer in die Federwelt hinunter. Dann flog wieder ein Spatz ein, oder zwei zugleich. Er öffnete die kaum geschlossenen Augen und wandte sich dem Raum zu. Er bemerkte wieder die flaumigen Federn auf dem Rand des runden Teppichs. Es wäre ein Ausweg gewesen, sich nach ihnen zu bücken. Es war ihm nicht erklärbar, wie sie auf dem Teppich gelandet waren. Die Fenster waren seit dem Anfang geschlossen gewesen. Ein heftiges Räuspern liess ihn ganz zu sich finden. Schnell wandte er seine Augen von den konzentrischen Kreisen des Teppichs ab. Dort drin hatten sie sich schon manches Mal verloren, zwei Steine mit ihren Ringen. Wie der Schatten eines Wasserbüffels wuchs das Sofa aus der Wand, ein schwarzes Hindernis. Im Mittag stieg ein gieriger, heisser Stallgeruch von ihm auf. Sein Leder aber war geschmeidig und seidig wie das Fell eines kleinen Nagers. Sonnenstaub tanzte in den vier Streifen Licht über dem breiten Rücken. Die Sofahaut zuckte gelegentlich, wenn die Gedanken in der Tagesruhe Mut gefasst hatten und zudringlich wurden. Dann waren die mächtigen Muskeln unter dem Leder eine grosse Warnung. Darum brauchte er alle seine Aufmerksamkeit, wenn er an dem Möbel vorbeikam. Er durfte ihm nicht unterliegen. Auf den Fussballen tappte er an dem Körper vorbei. Wenn er an der Küchentür angekommen war, gelang ihm hin und wieder ein Blick zurück. Eine Art bittendes Lächeln verzog seine Züge. Er dachte vielleicht an ein aufgeschobenes Geständnis, an eine uneingestandene Ausrede. Unmöglich war es, von Gedanken zu sprechen. Unwahrscheinlich war es, an ein Leben zu denken. Es gab weder einen Ausgang noch einen Ausweg. Vorsichtig und angespannt wandte er sich dem Wald zu. Später, später würde er sich vom übermächtigen Schatten überwältigen lassen.


(Bild von Валентин Киселев auf Pixabay.)

Im Schatten des Turms

Dem entgegenzukommen, was einer am nächsten war. Das war gerade hier im Gebiet wichtig. Die Wirklichkeit nicht so anzunehmen, wie sie sich darstellte. Das Wirkliche dem Bedürfnis anzugleichen. Sie wusste es schon. Doch schien es nur in den Pausen möglich, wenn sie sich von der Aufsicht entfernen durfte. Wie jetzt, auf ihrem Weg den Stalden hinunter, wenn sie den Fluss fast schon riechen konnte. Sie wusste, dass auch die Menschen ausserhalb des Gebiets mit diesem Aber lebten, leben mussten. Doch immer war ihr das eigene Aber wichtiger gewesen. Fliessender Fluss, freier Himmel, zerstörte Grundfesten. So hatte es Regine gestern formuliert, als sie nach dem Abendessen auf der Schaukel gewippt hatten. Die Schaukel war das einzige, was vom Spielplatz noch brauchbar war, der zwischen den von der Explosion ausgeblasenen, skelettierten Wohntürmen lag. Dornen und Farne, Birken und Hasel. Regine und sie, Anna, hielten sich abends oft dort auf, fern der Männer. Manchmal gab es etwas zu bereden, manchmal nicht. Gestern hatte es etwas zu reden gegeben. Anna blieb einen Augenblick stehen, bevor sie die Gleise überquerte. Es war so schwer, sich etwas wie Züge vorzustellen, die auf Schienensträngen weite Strecken zurücklegten. Eine weite Strecke, das war jetzt dieser Weg, den sie ging. An den Fluss. Sie konnte sich an Züge erinnern, so alt war sie schon. An diesen Luftstoss, den sie vor sich hertrieben, wenn sie in die Station einfuhren, wie eine Herde verkohlter Schafe. Die Luft hatte dann immer ein wenig fremder, ein wenig herrlicher gerochen, nach Wiese vielleicht oder nach dem Regen vor einer Stunde, durch die der Zug gefahren war. Und der Geruch der Bremsen, diese verbrannte scharfe Luft. Das Seufzen der Türen, das Knattern der Ansagen, das Trappeln der Schritte, die Rufe der Begrüssung. Darum konnte sie nicht anders als Stehenbleiben. Vielleicht dachte sie auch an ihren Vater, auch wenn sie das verlernt zu haben glaubte. Sie war jetzt schon darüber hinaus, schritt durch den Wald aus Weiden und Eschen, der im Unterdorf gewachsen war. Sogar in den abgedeckten Häusern, zwischen den verbogenen, geschmolzenen Gestängen, die aus dem gewürfelten Beton ragten, wuchsen die Pflanzen, krallten sich in die leblose Materie. Jedes Mal, wenn sie durch das Unterdorf ging, fragte sie sich, warum hier noch nicht gehäutet worden war. Regine meinte, es sei zu nah an den Reaktoren dran, aber Anna wusste, dass die Reaktoren inzwischen nur noch ein leises Glühen ihrer Selbst waren. Darüber stritten sie sich regelmässig, rechneten an Halbwertszeiten herum, bedachten die Windrichtung, erörterten genetische Zerfallsprozesse und natürlich den Sinn und Unsinn des Häutens selbst. Regine wusste mehr, hatte aber keine Vorstellungskraft. Die hatte Anna, bis zur Selbstauflösung. Gestern hatten sie über die Kinder gesprochen. Zuerst hatten sie über das Sterben der Kinder gesprochen. Regine hatte Anna vorgeworfen, dass sie ihre Beförderung genutzt habe, um nicht mehr mit dem Leben der Kinder in Berührung zu kommen. Denn das Leben der Kinder sei ein Sterben der Kinder, und Anna wolle das nicht sehen. Und sehen wollen hiesse doch verhindern wollen. Wo denn ihre berühmte Vorstellungskraft bliebe. Dieser Angriff war für sie unerwartet gekommen. Regine hatte von einem Mädchen erzählt, das am Morgen gestorben war. Sie hatte ihren Blick nicht abgewandt, nicht wie die andern Kinder, nicht wie die Wächter. Es müsse etwas zu tun sein. Es müsse, es müsse doch. Anna kannte diese Klage, diese Anklage. Gestern hatte sie zugegeben, zum ersten Mal, dass sie darum an die Schifflände hatte versetzt werden wollen. Sie hatte zugegeben, dass sie die Beförderung angenommen hatte, um nicht mehr hinsehen zu müssen. „Du wolltest einfach wegsehen,“ hatte Regine gesagt, „du wolltest nicht mehr zusehen müssen.“ Da war die Anklage persönlich geworden, unerwartet stand sie als Vorwurf in der Stille zwischen den Trümmern. Im Gehen schüttelte Anna den Kopf. Es nutzte nichts, auch sie würden bald sterben. Sie hatte gestern weder Kraft noch Worte gehabt, um das zu sagen. Das Eingeständnis war für sie zum Eingeständnis vor sich selbst geworden. Das hatte sie müde gemacht, sie war mitten im Gespräch erschlafft. Regine hatte dann nichts mehr gesagt. Hatte gemerkt, dass sie nicht an Anna, sondern an sich selbst gedacht hatte. Regine hatte ihr die Hand gereicht, und zusammen waren sie in den Bunker zurückgegangen. Anna tränenüberströmt, Regine mit dünnen, gepressten Lippen. Jetzt ging sie an der römischen Mauer entlang. Die römische Mauer war das Schönste im ganzen Dorf. Auch wenn sie nicht mehr hoch aufragte, bewunderte Anna jedes Mal die Sorgfalt und Genauigkeit, mit der die Steine aufeinander geschichtet worden waren. Sie liess ihren Blick einige Zeit auf den Steinen ruhen. Das beruhigte sie wieder. Sie betrachtete die Stelle, wo eine junge Esche am Fuss der Mauer Halt gefunden hatte. Auch die Esche trieb feine Knospen aus. Doch die Knospen rochen nicht, als sich Anna über sie beugte. Sie waren fast geruchlos, vielleicht gab es da eine Spur von Honig oder Zuckerwasser. Sie nickte im Weitergehen. Es brachte nichts, an die Menschen zu denken. Davon war sie überzeugt, die Menschen waren nicht wichtig. Die Menschen waren nicht mehr wichtig. Es war etwas im Kommen. Es war etwas am Kommen. Das würde die Menschen an den Rand schieben, kippen lassen über den Rand. Sie brauchte eine Weile, bis sie am Fluss zu jener Stelle fand, wo sie vor den Blicken der Schiffer geschützt war und bequem sitzen oder liegen konnte. Der Fluss war jetzt frei, er arbeitete unermüdlich am Ufer, unterhöhlte an einer Stelle und schwemmte an der anderen Stelle an. Sie stellte sich den Fluss als eine raspelnde Schnecke vor, die ihren Weg durch das verdorbene Land frass. Überall brach das Ufer ein, lehnten sich mächtige Weiden zu weit vor, kippten hinein. Der Weg am Ufer war schwierig. Auch heute holte sie sich nasse Füsse. Aber sie hatte Glück, der Fluss hatte den ausgehöhlten Stamm noch nicht untergraben und fortgetragen, den sie letzte Woche entdeckt hatte. Er lag jetzt jedoch sehr nah am Wasser. Ein Haselbusch mit seinen grauen, rötlichen Kätzchen bedeckte ihn fast ganz. Sie legte sich hinein und wurde als Begrüssung vom Hasel eingestäubt. Sie konnte die Hand ausstrecken und das Wasser berühren, das neben ihr floss. Die Mulde im Baum war tief genug, um sie ganz aufzunehmen. Darin zu liegen war köstlich. Lange schloss sie die Augen. Das Holz war glatt und weich, roch leise nach feuchten Lebewesen aus der Erde, salzig und faul. Das Wasser machte dieses flüsternde, schmatzende Geräusch. Ihre linke Hand liebkoste den haarig rauen Rand des Baums, den ein Blitz so verletzt haben mochte. Sie liess ihrer Hand die Zeit, um den Pilz zu finden. Es waren zwei grosse Lappen, die eine Handbreit neben dem Höhlung im Baum wuchsen. Sie bemerkte, dass sie heute den Arm ein wenig abwinkeln musste, um den Pilz zu berühren. Sie war das erste Mal ein wenig erschrocken, als ihre Hand plötzlich den Pilz gefühlt hatte. Die beiden Lappen lebten in einem Zustand zwischen hart und weich, zwischen fliessend und gelähmt. Sie wusste nicht einmal ihre Farbe, weil sie dem Fluss immer mehr Aufmerksamkeit schenkte als ihrer näheren Umgebung. Sie schätzte, dass er einen grünen Hut hatte, dessen Wachstumsringe gegen den Stamm hin gräulich wurden. Den oberen Lappen konnte sie mit ihrer Hand ganz erfassen, mit den Fingerspitzen in die leicht schmierigen Rillen hineinlangen. Sie konnte spüren, wie der Pilz an den Fingerspitzen saugen wollte. Wie in einem Spiel mit dem lebenden Stoff hob sie ihre Fingerspitzen wieder heraus, um sie dann wieder in die kühlen Rinnen zu senken, die sich langsam an ihre trockene, raue Haut schmiegte. Die Kruste des Pilzes fühlte sich hart, aber nachgiebig an, wie Schwielen. Ihr Blick folgte den tiefen Nebelschwaden des Morgens. Weiter stromabwärts hörte sie das Prusten einer Maschine. Bald würde das Schiff an der Anlegestelle sein, Rufe erklingen und Befehle. So konnte es sein. Eine Handbreit Freiheit im Gehirn, eine Hand an einem lebenden Stoff, das konnte so lange dauern wie es mochte, nie war es genug. Die würden sie wieder suchen, und Stäger… Sie schloss krampfhaft die Augen, aber das Bild vom Mann war schon in sie eingedrungen, umschlang wie eine Schleimspur ihre Angst, presste sie in Erregung. Die Punkte auf ihrer Netzhaut tanzten verwirrt und richtungslos wie Mücken. Die Angst sang sirrend. „Du bist die einzige hier unten, Schweighöfer, die lesen kann. Wenn du fehlst, hältst du den Betrieb auf,“ hatte er das letzte Mal gesagt. Seine Stimme löste in ihr eine flirrende Übelkeit aus, selbst wenn sie nicht in die Höhe stieg vor Eifer. Wenn er aufgebracht war, ging die Stimme in ein unsicher schwankendes Piepsen über, ihr brach darüber fast der kalte Schweiss aus. „Du bist die einzige hier unten,“ sagte sie laut in die feuchte, leise webende Luft. Dem Wirklichen nicht entgegenkommen, dachte sie. Sie hob ihre Hände vor das Gesicht, spürte das Gewellte und Gerissene an ihrem Rücken. Die Finger ihrer linken Hand waren feucht und bläulich, die Finger der rechten Hand waren leicht gerötet vom Krallen ins Holz. Was einer am nächsten war, führte sie den Gedanken fort, das kam ihr auch zuvor. Regine verstand das nicht, nicht einmal Regine. Darum war sie doch hier, in diesem Baum: das Nächste, das waren diese fast leblosen Gesellen, diese wachsenden Zellen. Ein Zischen und Räuspern in dem, was nicht leben konnte, aber leben hatte. Es machte ihr Angst, es machte ihr Freude, vielleicht sogar ein wenig Hoffnung. Ein Ziehen und Wollen in dem, was ihr entgegenkam. War immer schon da, ungebraucht und unwirklich. Nicht einmal Regine verstand es. Drüben hatte das Rufen und Stampfen begonnen. Sie hatte den Kahn nicht an sich vorbeifahren gehört. Sie schlug sich alles andere aus dem Kopf, Knöchel an der Stirne. Bevor sie ging, klopfte sie auch auf die beiden Pilzhüte. Sie waren wirklich grün und grau. Der Klang war gar nicht anders als jener von ihrer Stirn. Langsam schneller werdend, verschwand sie in den Uferbüschen.


(Bild von Markus Distelrath auf Pixabay.)