Grosses im Kleinen (Hugo)

Photo by Tobias Dotzer on Pexels.com

Der Tag erstarb; am Ufer war’s, am Meer, das schäumt.
Ich hielt die Tochter an der Hand – ein Kind, das träumt,
Ein Geist, der schwieg im Lauf!
Die Erde neigte sich, dem lecken Schiffe gleich,
Sie drehte sich im All, taucht ein ins Schattenreich.
Die Nacht stieg fahl herauf.

Die bleiche Nacht hob aus den Wolken ihre Stirne;
Die Dinge schwanden schon, ergrauten, wurden minder,
Ein formlos-blasses Weben.
Wenn Schatten steigen, liegt bald Asche über allem;
In gleichem Masse fühlte man die Trauer fallen,
Die Schmerzen sich erheben.

Die da mit Denker-Aug Natur betrachten, sahen
Von hoch die Urne, vage dunkle Öffnung, nahen,
Sich überm Himmel neigen,
Und giessen auf die Berge, auf die hellen Felder,
Die wirren Fluten, die erfüllt von tiefen Reden,

Den Abend aus, das Schweigen.
Es krochen Wolkenbänder übers Vorgebirge;
Die Seele, wo sich Schatten mit dem Scheinen mischte,
Sie fühlte unbestimmt,
Entsteigen diesem Meer und auch der ganzen Erde
Und unter Gottes Aug ich-weiss-nicht-was, was Strenges,
Erhabnes, was sanft stimmt.  

An meiner Seite ging die Tochter, die ich liebe,
Die weite Nacht, wie Rauch kam sie heraufgestiegen.
Ich träumte, wie ich bet
Zu dir, mein Herr, ich sah und schlug die Wimpern nieder,
Den Schatten, der entsteht in unserm Denken wieder,
Wenn deine Sonne geht.

Da sagte dieses Kind, gesegnet ist’s, ich fühle es,
Ich hielt es an der Hand, und meine Seele hielt es,
Ein Engel, der fast Frau,
Und zeigte auf das Wasser, die Küste braun und herbe,
Und dort zwei Lichterpunkte, auf der Düne bebend,
Sie sagte, Vater, schau,

Schau doch, da drüben, wo die Schatten hangwärts robben,
Die Zwillingslichter leuchten wie ein Lampen-Doppel,
Bewegt im starken Wind!
Was sind die beiden Heime, dort im Nebel fern?
– Eins ist ein Hirtenfeuer, andres ist ein Stern;
Zwei Welten sind’s, mein Kind!

Nichts (zu) sagen

Photo by Pixabay on Pexels.com

Die Amsel ist sehr laut
Von der Regentraufe herunter.
Ob das andere Geschrei
Von hinter den Dächern
Antwort heisst? Ich beginne so sage ich
Mit meinen täglichen Verrichtungen.
Bald wird die Amsel Kinder haben
Aggressive Anflüge üben.
Ich habe auch Kinder.
Ich sage das bewusst.
Mit Bedenken. Es ist angesagt
Dass ich mich um sie kümmere.
Kümmern ist wie trösten
Nur besser. Was kann es mir
Dass ich beides nicht kann?
Ich esse immer das Gleiche.
Ich sage immer das Gleiche.
Ich finde meine Bücher nicht mehr
Auf doppelt und dreifach beladenen Regalen
Rechnungen auf Tischen begraben
Unter Katzenhaar und Katzenstreu.
Ich räuspere mich. Bleibe redlich. Verrichtungen
Ermöglichen Verantwortung
Verantwortung erschöpft sich im Gleichen
Das ich immer esse. Im Waschmittel
Und Toilettenpapier. Bevor die Amsel schreit
Halte ich mein Können aus dagegen
Dass es gleich ist: das Wiederholen
Macht es nicht gültiger.
Die Kinder gleichen mir zum Fürchten.
Bald sind es keine Kinder mehr.
Da bin ich aber froh. Vielleicht ist die Amsel so laut
Vor Schrecken? Dass das Leben
Saglos gilt? Ich kümmere mich nicht
Um Antworten. Ich mache nichts
Weniger als gleichen. Trösten
Ist nicht kümmern. Ich habe weder Ahnung
Noch Meinung. Beides ist gültig. Im Regen
Rückt die Birke heran und drückt
Im Wind ihr Haar an meine Fenster
Wie forschende Augen. Oh nein
Den Geruch des Kellerlochs vergesse ich nicht:
Gleichheit und Gleichmachung gelernt. Interessiert
Erkunde ich Vernichtungen.
Was ich kann
Bleibt sich gleich.
Gültig ist es nicht.
Aggressives Anfliegen
Üben will geübt sein.  

Keiner hat mir das gesagt

Mein Sohn ist leicht in der Liebe,
und ich bin leicht im Zorn,
mein Sohn ist freundlich und zurückhaltend,
und ich bin nachtragend und vorsichtig,
mein Sohn ist schnell wieder ein Mensch,
und ich bleibe noch lange ein Dämon,
wenn die Schlacht vorbei ist,
mein Sohn geht mit Frauen um wie mit Schwestern,
und ich fürchte mich derart vor ihnen,
wenn ich in ihre Gemächer einkehre,
mein Sohn hat ein offenes Ohr für jeden ohne Worte,
aber mich hat er nicht gehört. SELA

Keiner hat mir gesagt,
wie in meinem Rücken mein eigener Sohn sich mit diesem Dahergelaufenen, mit diesem Aufgenommenen, mit diesem Hinterwäldler zusammengetan hat,
ja, mehr noch, verbündet:
unter meiner Tamariske haben sie Hände und Lippen verschränkt,
so hat man es mir gesagt,
unter meinem Ratebaum haben sie sich gesucht,
mein eigener Sohn und dieser schöne Hirte von Lügen,
von keinem habe ich das erfahren bis zuletzt,
als Letzter habe ich es erfahren,
was die beiden mir in meinem Rücken zufügen,
wie die beiden hinterlistig, aber ohne List, als ich abgewandt stand, sich verständigt haben,
und keiner hat mir gesagt,
was dieser Untertan meinem Sohne angetan,
nicht einmal in einem Flüstern,
nicht einmal in einem Säuseln kam es mir zu Ohren,
meine harten Ohren, meine geprüften Ohren haben davon nichts vernommen,
als sässe ich unter meinem Baum vor dem Tor und lauschte dem Schweigen der Steine im Osten,
dem Murmeln des Winds über die unverrückbaren Ahnensteine des Tals,
über dem meine Tamariske schwankt und tanzt,
als sässe ich Stein geworden unter meiner tanzenden schwankenden Tamariske am Abgrund,
war ich taub vor dem stummen Geschehen,
an das mein eigener Kopf gelehnt war,
blind gegenüber den Steinen, die sich wie Männerherzen um mich öffneten und zusammenrotteten,
als wollten sie mich von hoch oben und von tief unten erschlagen,
und alle tragen das Gesicht meines einen guten Menschen.

Psalm für Hiskija

Unter deinen frischen Sohlen glühten die Kohlen,
vor dir lag der Schlund des Gottes Baal,
hinter dir blühte die graue Rose des väterlichen Grimmes,
der väterlichen Entschlossenheit,
die vor dir und hinter dir alles verschliesst,
und in dir über den kosenden, kitzelnden Flammen webte das Lied deiner Mutter,
webte ein gebogenes Lied,
wie der Lauf einer Zibbe vor dem Rodungsbrand eines grossen Heeres,
wie das zuckende, ruckende Vorangehen einer Echse auf dem heissen, heissen Stein,
unter deinen weichen Sohlen, zwischen deinen Zehen,
die wie die Näschen schüchterner Gespielinnen blinkten,
ragten die Flammen herauf und leckten an deinen rosa Knien,
vor dir das Feixen des Gottes Baal,
hinter dir der Abgrund namens Vater,
und die Feuerzungen heben die Luft in den Himmel,
du gehst im schwarzen Raum des Alls,
du gehst in der tauben Zeit eines Gottes,
lau und feucht wie die Schnauze eines Schakals,
der hüpfend neben dir geht,
als erwarte ihn ein Kadaver, mit reichem Fleisch umkränzt,
und vor deinen Augen zuckt der Schwanz eines Leoparden aufreizend wie ein Sonnenfleck in der Armbeuge einer Eiche,
unter deinen Füssen ist es still wie in der Wüstennacht,
du hörst das Hecheln der Schakale und über dir die Schwingen des Geiers,
rauschend wie der Jordan im Frühjahr,
und dumpf fielen die Flüche des Vaters auf die Kohlen wie Feigen ins raschelnde, trockene Gras,
und du sahst den haarigen Spalt in Gottes Gestalt,
da krochest du hindurch,
auf dem silbernen Bauch eines Kindes krochest du hindurch,
und du spürst das brechende Hymen der menschlichen Entschlossenheit,
das aufbrechende, wie das Brüllen eines Löwen reissende Gewebe aus verschlossener, verschossener Zeit,
feuergeboren, feuergeformt,
Sohn der Hitze mit dem Gesicht weiss wie der Schnee auf dem Hermon.

Vater o Vater

Mit wenigen Atemzügen schaffst du Erbarmen mitten im Zorn: Otosan: dein Königreich der Wut ist eine schmale Schulter mitten im Wellenwurf da heraussen: und stampfe darauf auch Amataseru in ihrem ungläubigen Verdruss über deine Erhebung und führe ihren Drohtanz auf
Mit gewaltigem männlichen Stampfen: die Haare wie die Zweige des Sakaki-Baums auf dem Kagu in alle Richtungen gesträubt: und längten die lange krähenden Hähne ihre Hälse hinaus aus den Fluten des Tokoyo no kuni: mit wenigem Weiten deiner Lungen gewinnst du Gnade vor dem Zorn und dein Königreich der Wut
Erfasst von der Flut versinkt im Schatten
Den die Berge im Osten dir spenden: Otosan
So finde doch die linden Regungen deines Geistes wieder: das verwüstete Schilfland werde ich dir zurechtkämmen: die zornigen Brauen von Ojisan Namazu sind in der Seetiefe untern den Wurzeln der Wurfsteine nicht zu erkennen: Otosan
Lass die Blumen des Bösen auf deiner Zunge verdorren: OtosanLocke mit deinem tanzenden nackten Körper und den lufterfüllten Wangen unter deinen Augen eines Inoshishi in der Gänze seiner Kraft die Göttin hervor aus ihrer Höhle
Grabe mit stampfendem Fusse im Tanz
Und deine Arme fliegen wie die Zweige des Sakaki-Baums im Wind
Und dein Glied hüpft wie die Schnauze des Delpins über den Wellen
Schaffe ein Lachen Otosan unter den Göttern
Ein Lachen der Trunkenheit mitten im dunkeln Schilf unserer Tage
Mitten im windumtosten Königreich der Wut: die verschmierte Vernunft selbst
Wird sich erweichen und klären und mit linden Atemzügen mitten im wilden Kreisen deiner Füsse: Otosan
Zeige deiner Wut deine blanken Sohlen: vor der unwaschbaren Schwärze des fernen Landes aus dem das Krähen der Hähne lang ausdauernd aufsteigt und wende deinen Blick doch ab Otosan
Von der blinden träge werdenden Zukunft ab und wende dein aufgeblähtes Segelgesicht Otoutosan zu und mir
Mit wenigen Atemzügen siehst du unsere silbern blendenden Antlitze dir entgegenkommen und hinter dir spannen wir die Shimenawa vor den dunkeln Ort.

Drama des Aufwachens

I
Deine Füsse ragen noch heute in den Flur hinaus
Was Zeit gewesen war
Verstellt von diesem Zellhaufen
Der im Neonlicht die Schönheit bewies
Aber sie hatten dich genommen
Hatten dich der kalten Luft gegeben
Die dich anfiel und war keine Hülle
Es war keine Hülle und kein ausgeglichenes Taumeln mehr
Der Zellhaufen zuckte verlassen
Arzt und Zeit waren zurückgetreten und du
Nicht nur die Füsse du nahmst
Wahr den Raum in den dein Rabenwort aufflog
Und mit den entgrenzten Fäusten an den Ohren
Kamst du zu mir und dein Rabenwort
Wurde silbern wie dein Speichel und Rotz.

II
Kein Zurück mehr: du dehnst dich aus
Deinen Füssen hinterdrein. Die Zeit hat die Form einer Brust.
Alles ist Licht und Lied. Dein Kopf ist ein Auge:
Grün wie eben noch deine Füsse und die Flure knarren
Unter den Schritten jener
Die dich verlassen und wieder aufgehen
Wie Trabanten über dir:
Dur redest dein Rabenwort über sie
Und dehnst es lang und angelst mit ihm
Dort in ihnen wo nur dein Rabenwort hinlangt
Immer hinlangen wird: tief im Schlaf der Zellen
Ruht dort dein Bild und schliesst
Nackt und grün und verlassen und fast erstickt
Die Zehen draussen im Flur
Um die Bewegungssensoren.

III
Tief im Schlaf und die Fäuste am Ohr:
Die Welt wagt zu atmen.
Versucht erste Laute ohne dich.
Wird nicht mehr aufatmen können für eine ganze Weile.
Du verlässt deine leuchtenden Zellen
Die wie eine Flut in dir rasen und dich wölben:
Daher dein Rabenwort. Du bist
Mitten in der Zeit
Mitten im Raum abgetaucht.
Die Kreisbahn der Räder unter dir gleicht dem vergangenen
Kreislauf des Wassers um dich. Ein Wippen wie
Auf Ästen. Italiener
Laufen mit Zeppelinstimmen
Mit ihrem Fuss am Ball durch deinen Schlaf.
Dann kommt der eine Stein
Das eine Schlagloch und du liegst
Verlassen und heiss in einem Kasten
Ohne Trabant und nur mit deinem Rabenwort
Und alle Zellen verflüssigen sich und dein
Rabenwort ist ein Oxidator. Du stehst im Kaste
Hell wie der Schweif einer Rakete.