Das sind die Wörter (Mahmud Darwish)

Photo by James Wheeler on Pexels.com

Das sind die Wörter, die in meinem Geist herumflattern.
Im Geist ist himmlische Erde, wortgeboren.
Die Toten träumen nicht viel, und wenn sie es tun,
glaubt niemand an ihre Träume…
Diese Wörter schwärmen in meinem Körper wie eine Biene,
wie eine Biene… Hätte ich blau auf blau geschrieben, die Lieder
wären grün geworden, und mein Leben wäre zu mir zurückgekehrt.
In den Wörtern war der Weg zu den Namen kürzer.
Dichter jubeln nicht oft, und wenn sie es tun,
gibt ihnen niemand recht.
Ich sagte: Ich bin immer noch am Leben, weil ich die Wörter in meinem Geist herumflattern sehe.
Im Geist oszilliert das Lied zwischen Präsenz
und Absenz, öffnet die Türe, nur um sie zu schliessen.
Ein Lied jedoch über das Leben des Nebels gehorcht
nur den Wörtern, die ich vergessen habe.

(Übersetzt aus dem Englischen von O.F.)

Der Baum (Tahar Ben Jelloun)

Photo by Felix Mittermeier on Pexels.com

Denken Sie sich ein Wäldchen. Gleich am Ausgang der Stadt. Ruhig, grün und nicht sehr dicht. Denken Sie sich dann einen Baum. Nicht irgendeiner; aber ein hundertjähriger Baum, der alle möglichen Unwetter erlebt hat. Stellen Sie den Baum in die Mitte des Wäldchens und hören Sie der Morgenbrise zu:

Es gab einmal einen Baum, der sich von menschlichem Fleisch ernährte. Er verschlang die Kinder. Die Gören verschwanden spurlos. Die Familien und die Behörden begannen sich ernsthaft Sorgen zu machen. Die Gerüchte, die herumgingen, sprachen von einem Oger, der die Kinder entführte, um sie dann einer Aktiengesellschaft für Konservenfleisch weiterzuverkaufen. Man sagte auch, dieses Unternehmen mit modernen Technologien habe es sich zum Ziel gesetzt, der leidenden Menschheit zu Hilfe zu eilen, weil es mit amerikanischen Spitälern einen Vertrag über die Lieferung von für Transplantationen bestimmten Herzen und Nieren abgeschlossen habe. In Tat und Wahrheit suchte man diesen Oger schon eine ganze Weile. Man sprach in den Familien mit Betrübnis von ihm und hatte es geschafft, ihn zu einem Mythos zu machen, zu einem legendären Helden, den man in den dunkeln Jahren zurückzudrängen versucht habe. Während des Krieges und der schwierigen Zeiten erschienen, hatte er sich in unsere frühesten Sorgen eingeschlichen. Einige sagten, es handele sich dabei um eine Persönlichkeit aus Fesseln, einen über jeden Zweifel erhabenen Mann, der durch seine Zusammenarbeit mit den Christen reich geworden sei. Er musste die Patrioten erledigen. Er erwürgte seine Opfer im maurischen Bad und warf sie anschliessend in den Ofen. Die Gerüchte waren aber hier nicht zu Ende. Die Attentate und die Tode vermehrten sich, und niemand konnte ihn entlarven. (Vielleicht gab es diesen Oger ja wirklich. Man hat die Wahrheit nie herausgefunden. Der Baum und das Wäldchen werden es uns vielleicht eines Tages erzählen.)
Was den Baum anbelangt, verströmte er, jenseits aller Zweifel, das Aroma eines unwiderstehlichen Weihrauchs, das den Kindern Herz und Kopf verdrehte, sie liessen sich sanft verleiten. Sie waren verzaubert, und auf ihrem Weg öffneten sich ihnen alle Spiegel. Die Himmelsschirme traten zurück, und die Sonne verfärbte sich im Takt ihrer Schritte. Der Wind umfasste unordentlich und sanft ihre kleinen Körper und opferte sie dem Baum. Ohne Bedenken liessen sie sich verschlingen. Im Austausch erlaubte ihnen der Baum, seine Borke mit ihrem Lachen zu formen. Beschädigt, hielt das Astauge das Blut zurück und erbrach die Abwesenheit von beweglichen und grünen Gestalten. Nur das in zarten Rinnsalen fliessende Harz hob sich gegen den Stern ab, liess eine Öffnung für das Gebet und die Schahada.
Der Baum spannte von Zeit zu Zeit den Puls an und hob seine Wurzeln an. Die Kinder profitierten davon, indem sie hinauskamen und im Wäldchen einen Reigen tanzten. Nackt. Glücklich. Die Morgendämmerung fuhr durch ihre Finger und öffnete ihnen die Arme des Himmels. Die Morgen flohen zwischen den Wurzelknollen, um vom Schiffbruch des Zugvogels zu zeugen. Es kamen verdurstende Soden hervor. Aber die Jahreszeiten, die klamme Auflösung und die schwarze Erde bewohnten die Ketten des Baums, der nicht aus Lehm war, der nicht die Klarsicht geschenkt hatte, nicht den Tag und nicht das Meer mitten in der Stadt. Aber der Baum sorgte schon für das Glück der Nackten und der Verdammten. Das Glück der Kinder, die schamlos auf das Zeichen und das Bild gespien hatten, das Glück der Kinder, denen man die Barmherzigkeit verweigert hatte, der Kinder, die umgedreht hatten die Grabsteine, die Totenköpfe, die Heiligen ausgepfiffen und die Fatiha rückwärts aufgesagt hatten, der Kinder, die den Fluch in den Fingerspitzen trugen und aufs Brot spuckten, bevor sie daraus Kügelchen formten, die in den Bäuchen der angesehenen Persönlichkeiten explodierten, der Kinder, die in die Quellen pissten, um die rituellen Waschungen zu verhindern und die Asche der Komplizenschaft zu beschwören, der Kinder, die gleichzeitig im Zentrum der Moschee masturbiert hatten, und die man mit Gebets-Schlägen verfolgte hatte. Man sprach von den Vorzeichen des Endes der Welt. Gott warnte die Verdorbenen, indem er tödliche Engel schickte. Die Gotteslästerung ist eine Pforte zur Hölle.
Agadir auf anderen Höhen. Agadir am Ende aller Nächte. Im gleichen Feuer das Grüne und das Trockne. Die Verdammnis suchte sich ihren Weg über eine gewisse Unschuld. Rituelle Waschungen mit Sperma! Das hatte man noch nie gesehen! Man konnte weder das Buch berühren noch ein Gebet sprechen. Alles Wasser der Stadt war verseucht. Die Befleckung in der Seele, liessen die angesehenen Persönlichkeiten der Stadt ihre letzten Sklaven frei. Die Moscheen wurden geschlossen und von den Ordnungskräften bewacht. Ein bewaffneter Soldat hatte die Stelle des Muezzin übernommen. Es gab keinen Gebetsruf mehr. Um seine Waschungen abzuhalten, konnte man im Notfall den geschliffenen Stein benutzen, aber es war unumgänglich, vorher seinen Körper zu reinigen und die Bakterien der Befleckung abzutöten, sich von den dickköpfigen Spermatozoen unter den Achseln zu befreien. Dafür setzte man den Körper direkt der Sonne aus und tauchte darauf siebenmal im Meer ein, den Blick nach Mekka gerichtet. Für jene, denen das Meer nicht genügte, verteilte man Reinigungsmittel, die als Zeichen der Hilfe und Sympathie aus Amerika verschickt wurden und das Hilfsprogramm für Entwicklungsländer vervollständigte. Doch das Reinigungsmittel hatte unerwartete Folgen (Fehler und Verwirrung des schenkenden Rechners…): er vergilbte die Haut und führte zu Netzhautablösungen. Nach einigen Tagen ging die gelbe Hautfarbe in grünen Schimmel über. Diese Verwandlung führte zum Verlust der Haupt- und Körperhaare. Ein süsses Kraut spross darauf auf dem Körper. Waren einige Wochen vergangen, war der Körper vollkommen davon bedeckt. Die Gliedmassen hefteten sich an den Körper, der sich versteifte. Die Heiligen konnten nichts dagegen tun. Die Fäulnis erstickte die Körper und rollte sie in ein Leintuch aus Weinblättern ein. Heimliche Begräbnisse fanden in der Nacht statt. Man warf die grünen Körper auf eine Freifläche. Sie verschwanden in den frühen Morgenstunden. Es waren das grünende-Körper-Prärie-bis-an-die-Illusion, von der Legende gesichelte und von der Erde verleugnete Körper. Der Baum bemächtigte sich ihrer, warf sie in einen benachbarten Graben für unausdenkliche Pläne. Vielleicht würden sie eine neue Nahrung werden!
Kam die Regenzeit, holte der Baum seine Äste, sammelte seine Blätter ein und stellte jegliche Aktivität ein. Der Umsturz blieb in der Schwebe. Eine Zeit, um sich zu erneuern. Er liebte den Winter nicht. Weil er den Wind verabscheute, verschloss er sich über seinen Wurzeln und sank in sich zusammen. Es gab keinen Weihrauch mehr, und die Kinder gingen nicht mehr in das Wäldchen.
Während Monaten vergass man den Baum und sprach wieder vom Oger.

Es gibt keinen Oger! Es hat nie einen Oger gegeben! Das ist eine Geschichte für Kinder. Wenigstens könnte es den Oger geben, wenn man ihn erfinden wollte. Man beschlösse gemeinsam, diese angesehene Persönlichkeit, dieser tugendhafte und freigiebige Mann übernehme diese Rolle, weil ihm seine soziale Stellung dies erlaube. Immerhin verbindet sich das Mitleid gelegentlich mit einer gewissen Vergesslichkeit. Der Oger könnte ein Passant sein, ein Reiter, eine ausgestopfte Schaufensterpuppe, eine Wolke, ein Gerücht…
Vergessen wir’s.
Aber den Baum gibt es. Den brauchen wir nicht erfinden. Unsere rote (oder grüne, alles hängt von der Jahreszeit ab) Wunde zeugt davon.
Wir hätten aber auch, wenn wir schon dabei sind, den Bericht verkehren, den Schlüssel für das Ende der Seite lassen können. Aber das Geheimnis hätte uns am Spiel gehindert, am Lesen und und an der Interpretation der Zeichen. Warum dem Wahnsinn eine andere Rolle geben wollen als jene der erlebten Wirklichkeit? Der Baum ist ja schon der Traumvorgang. Wer vermöchte den Baum in den Umsturz verwickeln?
Er bleibt ein Gedicht, das sich auf mögliche Vorstellungen öffnet, aber ganz ausserhalb der Unschuld.

Der Winter, das war auch jene Zeit, während der die verschlungenen Kinder ihre Haut gegen ein silbernes Federkleid (vormals Paradieskleid) wechselten.
Die Behörden hatten diese Ruhezeit zu nutzen geplant, um das störende Element im Wäldchen zu entwurzeln. Sie schickten einen ihrer bewaffneten Agenten aus, um den Baum umzusägen und die Körper auszugraben.
Der Agent hatte es vorgezogen, seine Mission allein und im frühen Morgen auszuführen. Das Wäldchen war hell und klar, die ersten Sonnenstrahlen bewegen sich durch die Dichte der toten Blätter. Er näherte sich dem Baum ohne Umstände und begann, ihn zu streicheln. Er empfand etwas Merkwürdiges. Sein Geschlecht war vollständig erigiert. Er drückte den Baum an seinen Bauch und stiess ein wollüstiges Stöhnen aus, als es ihm gelungen war, den Baum ganz zu umfassen. Seine Zunge hing ihm ganz hinaus und leckte den Saft auf. Der Agent ejakulierte mit einem blutigen Schrei. Er ejakultierte das grüne Sperma der angehäuften Befleckung, das blaue Blut der Moore, das seine Venen nährte, er ejakulierte zuckend das ganze Schlammloch seines Kopfes in einem Bellen, als fiele er für immer. Entleerter Körper. Die Augen des Agenten sprangen aus den Augenhöhlen und rollten in einer langsamen Bewegung über seine Wangen. Das gelbe Wasser der Netzhaut hatte sich mit dem Schweiss vermischt. Und das Sperma floss unentwegt. Er fiel hin, erschöpft von der Blutung. Er war eingeladen, sich von der Spalte verschlucken zu lassen, die sich im Stamm öffnete. Der Agent fand sich, verschluckt von der Öffnung, mitten in einem Garten wieder, der in allen Farben gemalt war. In diesem Garten gab es nicht nur Blumen, gab es nicht nur Vögel, nicht nur Kamele, nicht nur Sterne, nicht nur Lichtkugeln, nicht nur Honigklumpen, nicht nur überbordende Sonnen; es gab dort auch alle Kinder, die im Wäldchen verschwunden waren. Sie erhielten mit erleuchteten Gesichtern und Aureolen-Gesten den Kontakt mit dem Gestirn, das über ihren Atem explodierte. Ihr Blick war die Klarheit, die durch die Verschiebung des Sands gewoben war. Der Himmel schien die Finsternis für immer zurückzudrängen, und das Licht rann ununterbrochen auf die Blösse einer gereinigten Wirklichkeit. Der unbeteiligte Himmel war ohne jegliche Rachegelüste Zeuge davon. Die vorbeifliegenden Sterne hielten zum Vergnügen der Kinder an, die begeistert ihre Flugbahnen hinaufkletterten. Alle kamen sie herbei und umringten den Agenten. Sie streckten ihm ihre offenen Hände entgegen, ihre Hände voller Geschenke. Die einen boten ihm Orangen an, andere Schmuckstücke, wieder andere eine Handvoll Erde oder ein Kräuterbüschel. Sie lachten und trällerten ein Lied:

wenn alle Kinder in den Wald kämen
Entleerten sich die Ozeane vor Freude
Eine Liebe für die Welt
Weit offen für das Hochzeitsfest mit dem Himmel

Der Agent wurde darauf eingeladen, seinen Körper in den Ursprungsbrunnen einzutauchen. Er machte sich mit einem Seil fest, und die Kinder liessen die Seilrolle laufen. Das Wasser dieses Brunnens wusch die verschlungenen Körper und reinigte sie von allen Befleckungen, die sie im Reich der Menschen erlitten hatten. Der Agent wurde wieder hochgezogen und zum Urteich geführt, wo er sein reue- und schmerzvolles Gedächtnis durch ein neues, pflanzliches Gedächtnis austauschen sollte, das bereits eine bestimmte Anzahl an künftigen Erinnerungen enthielt. Er musste dafür lange sein eigenes Bild betrachten, das ihm der Teich zurückwarf, bis zu dem Moment, da der Teich ihm nicht mehr sein eigenes Bild zurückwürfe. Der Teich schlug ihm ein anderes Gesicht vor und zeigte ihm den Weg eines neuen Projekts. Als er sich erhob, war er kein Folterknecht mehr, der sich freiwillig gemeldet hatte, um den Baum abzusägen, sondern ein Mann, einfach ein glücklicher Mann, dem Waffen unbekannt waren. Darauf musste der Agent seinen täglichen Anteil an Klarheit holen, der einzigen Nahrung im Garten.
Indem er seine Schulden und seine Verbrechen abwusch, ergriff der Agent das Wort:

Erlaubt mir zu sagen
ich war ein Stahlstück
eine in die Brust gepflanzte Flöte
ein Untermensch, stolz auf seine Verblendung
Ich bin lange herumgewandert mit einem Messer im Rücken
Ich habe lange in mir herumgetragen ein abgetriebenes Leben
Mit der Vorstellung eines sanften und roten Todes
Ich habe lange geschlagen das Fleisch in das Brot der anderen
Und auf jeder Hausschwelle ein Auge niedergelegt
Ich bin lange in der Zitadelle gelaufen und ich habe Geständnisse unterzogen
Den Fliesen im Leeren eines Körpers und
Ich habe zuerst die Geste aus der Borke herauskommen sehen
Aber niemals hätte ich einen so zarten Tod erhofft, voller feinem Geschick und schönem Licht und von solcher sanfter Fleischesweitung, die ich euch zum Weiden hinreiche, worauf ihr die Asche meiner Schmerzen finden werdet
Diese müde und schlaffe Haut, Vergessensmaske
Ein anderer Körper erhebt sich jetzt
Löscht das Auge der unförmigen Erinnerung aus
Und schwöre
auf die Kinder der Erhellung
auf das Licht, das in unseren Venen fliesst
auf den Himmelssaft
Schwöre ich und gebe mich den Gräsern, die über mein Schicksal zu Rate sitzen

Erlaubt mir zu sagen
Meine Scham, die heute eine Rose zeugt
Der Traum vermischt sich mit dem Nebel
Der klaren Borke
Ich gewinne die Träne

   Ich war ein Stahlstück
   eine in die Brust gepflanzte Flöte
   ein stolzer Moment der Verblendung...

Der Agent erlangte offiziell die Würde des Todes. Er wurde von den Kindern adoptiert, diese karrieregeile Waise der Sicherheitsdienste. Er atmete tief das vom Licht gespendete Glück ein.
Das andere, zu den Akten gelegte Gedächtnis bestritt schon alles. Es widerstrebte und entrüstete sich. Aber angesichts der vollständigen Gleichgültigkeit seines vormaligen Trägers musste es sich zurückziehen und die Selbsttötung durch Abnutzung wählen.
Während dieser Zeit hatten die Behörden alle ihre Männer für die Suche nach dem Agenten mobilisiert. Was sie von dieser Suche abstehen liess, war eine Botschaft, die ihnen eines Abends zukam:

    *Ihr werdet meinen Körper in einer Orange finden*
    *Die Orange befindet sich in einer Kiste des Departements für Aussenhandel*
    *die für ein vorgestelltes Land bestimmt ist.*
    *Unterzeichnet: der Agent.* 

(Übersetzt aus dem Französischen von O. Füglister)

Ein Freundschaftsgedicht (Nikki Giovanni)

Photo by Jonathan Borba on Pexels.com

Wir sind nicht Liebende
Weil wir Liebe
machen
Sondern weil wir Liebe
Haben

Wir sind keine Freunde
Weil wir Lachen
Verschwenden
Sondern weil wir Tränen
Sparen

Ich will dir nicht nahe sein
Wegen der geteilten Gedanken
Sondern wegen der Worte die wir nie
aussprechen müssen

Ich werde dich nie vermissen
Wegen dem was wir tun
Sondern wegen dem was wir
Zusammen sind

(Übersetzung O. Füglister)

Der Hund

Eine Geschichte von Dazai Osamu

Photo by Fahrettin Turgut on Pexels.com

Was Hunde betrifft, bin ich mir eines sicher: sicher, dass ich mich eines Tages beissen lassen werde. Das erwartet mich, davon bin ich überzeugt. Ich bin selbst darüber erstaunt, dass ich diesem Schicksal bis heute entkommen konnte. Wisse es genau, lieber Leser: Der Hund ist ein wildes Tier. Wenn ich erzählen höre, dass gewisse Hunde es vermocht haben, Pferde umzuwerfen, oder sich sogar siegreich mit Löwen gemessen haben, antworte ich mit Schulterzucken, das erstaune mich nicht. Es genügt, ihre scharfen Zähne zu betrachten: das ist nicht nichts! Schaut sie doch an: Sie spielen die Unschuldigen, geben sich bescheiden, wühlen hier und da in den Mülleimern; aber in Tat und Wahrheit handelt es sich dabei um wilde Tiere, die ein Pferd zu Fall bringen können. Ein Hund kann jederzeit von einer plötzlichen Wut ergriffen werden und seine wahre Natur zeigen; aber man wird nie wissen, wann dies passieren wird. Man muss den Hund daher sicher angekettet halten und keinen Moment – und sei es auch nur für eine Sekunde – in seiner Aufmerksamkeit nachlassen.

Normalerweise schenkt ihm sein Herrchen – schlicht darum, weil er dieses fürchterliche Tier ernährt, indem er ihm jeden Tag das Almosen von ein wenig Nahrung macht – ein blindes und spontanes Vertrauen: Komm, Bello, komm! Er ruft seinen Hund mit einer unbekümmerten Freude, macht aus diesem Hund ein vollwertiges Familienmitglied und lacht aus vollem Hals, wenn der kleine Dreijährige ihn an den Ohren zieht – ein Anblick, der einen zitternd die Augen schliessen lassen möchte! Was würde passieren, wenn der Hund unerwartet und bellend das Kind bisse? Man kann nicht genug wachsam sein. Übrigens ist es nicht gesagt, dass ein Hund nicht seinen Meister beissen könne. (Die Idee, ein Hund könne niemals jemand angreifen, der ihn ernährt, ist nur gefährlicher und lächerlicher Aberglaube. Mit den scharfen Zähnen, die er besitzt, ist der Hund dafür gemacht, zuzubeissen. Es ist wissenschaftlich unmöglich zu behaupten, dass ein Hund nicht beissen würde.) Wie kann man nur solch ein Monster in den Strassen herumlaufen lassen?

Ich habe nebenbei einen Freund, der letztes Jahr im Herbst das Opfer einer dieser Bestien geworden ist. Der Arme! Er spazierte unschuldig daher, die Hände in den Taschen, als ihm ein Hund auffiel, der quer auf seinem Weg sass. Mein Freund ist an ihm vorbeigegangen, als wäre nichts. Das Tier hat ihm einen bösen Blick zugeworfen; er hat seinen Weg fortgesetzt und ist an ihm vorbeigegangen. Und genau in diesem Moment hat ihn der Hund plötzlich und bellend in das rechte Bein gebissen. Bedauernswerter Unfall! Und all das hat nur eine Sekunde gedauert…

Mein Freund war zuerst verblüfft und hat Zornestränen vergossen. Als er mir diese Geschichte erzählt hat, war ich nicht überrascht; ich habe nur bedeutungsvoll genickt. Wenn ein solches Ungeschick passiert, was kann man da tun? Nichts.

Mein Freund hat sich mit seinem verletzten Bein zum Spital geschleppt, wo man ihn verarztet hat. Er musste sich dort in der Folge während drei Wochen behandeln lassen: Ja! Einundzwanzig Tage! Sogar, als die Wunde vernarbt war, fürchtete man, er trage einen schrecklichen Virus in sich – jenen der Tollwut: Er musste daher täglich vorbeugende Spritzen ertragen. Es wäre zu viel verlangt gewesen für jemand so Zaghaften wie ihn, hätte er auch noch mit dem Meister des Hundes Verhandlungen führen müssen oder etwas ähnliches in dem Stil. Er hat sich damit begnügt, Seufzer der Resignation auszustossen und sein Unglück zu bedauern. Zudem war die Behandlung nicht kostenlos, fern davon, und mein Freund – ich bedaure ihn dafür, dies sagen zu müssen – hatte kein Geld, um es auf diese Weise zum Fenster hinauszuwerfen; mit grosser Mühe konnte er aus seinen Schubladen den nötigen Betrag zusammenkratzen. Wenn man von Katastrophen spricht, dann war das eine Katastrophe.

Und hätte er das Unglück gehabt, und sei es auch nur einmal, seine tägliche Spritze zu vergessen? Dann hätte er unter Hydrophobie, Fieber, Halluzinationen gelitten; er hätte den Ausdruck eines Hundes angenommen und begonnen, auf allen Vieren bellend herumzulaufen! Eine schreckliche Krankheit! Als er noch in Behandlung war, kann man sich den Zustand aus Angst und Furcht vorstellen, in dem er leben musste? Doch ausdauernd, wie er ist, hat er den Schlag ertragen; ohne Schwäche ist er während drei mal sieben: einundzwanzig Tagen! für seine Spritzen ins Spital gegangen. Und jetzt hat er energisch seine Tätigkeiten wieder aufgenommen. Aber wenn ich an seiner Stelle gewesen wäre, hätte ich alles unternommen, um diesen Hund nicht mehr am Leben zu lassen. Ich bin drei- bis viermal so nachtragend wie der durchschnittliche Mensch, und wenn ich mich räche, fünf- bis sechsmal so gewalttätig; ich hätte nicht lange gewartet, um diesem Hund den Schädel in Stücke zu schlagen und ihm die Augen auszureissen – die ich wie toll gekaut hätte, um sie anschliessend auszuspucken! Und wenn das nicht genug gewesen wäre, hätte ich alle Hunde in der Nachbarschaft vergiftet.

Sie tun gar nichts, wirklich gar nichts, und plötzlich und bellend beisst man Ihnen ins Bein! Das ist eine Handlungsweise, die jeglicher Gewohnheit widerspricht: ein willkürlicher Gewaltakt. Oh, natürlich, man kann immer die Dummheit des Tiers vorschützen; dieses Verhalten bleibt dennoch unentschuldbar. Man bemitleidet die «armen Tiere» und lässt ihnen alles durchgehen: unverzeihliche Schwäche! Man muss sie bestrafen, sie ohne Mitleid bestrafen!

So hat im vergangenen Herbst meine Abscheu vor den Hunden, als ich davon hörte, was meinem Freund passiert war, einen Höhepunkt erreicht: sie wurde ein verzehrender Hass, wie eine blau glänzende Flamme.

Anfangs dieses Jahrs hatte ich in der Präfektur Yamanashi, unweit von Kôfu, eine «Einsiedelei» gemietet (drei Zimmer von der Grösse von respektive acht, drei und einer Tatami). Und in diesem Refugium habe ich mit Mühe die Arbeit an meinen unglücklichen Schriften wieder aufgenommen.

Wohin man geht, begegnet man in Kôfu Hunden. Enorm vielen Hunden. Sie sind da, in den Strassen: die einen liegen in voller Länge ausgestreckt herum, die andern laufen wie wild herum; einige, ohne mit dem Bellen aufzuhören, zeigen ihre Reisszähne, die in der Sonne glänzen. Noch die kleinste Freifläche dient ihnen als Schlupfwinkel: dort versammeln sie sich, üben sich im Kampf, und in der Nacht gehen sie in Gruppen durch die verwaisten Strassen, einer hinter dem andern – und man hört sie vorübergehen wie den Wind oder die Räuber. In Kôfu gibt es mindestens zwei Hunde pro Haushalt – wenigstens stelle ich mir das so vor, so zahlreich sind sie dort!

Die Yamanashi-Region ist bekannt für ihre Hunde – für die Kai Ken. Aber die Hunde, die man auf der Strasse sieht, sind keine reinen Exemplare dieser Rasse. Sie haben zumeist ein rötliches Fell: Promenadenmischungen, mehr nicht.

Von Anfang weg war ich nicht sehr positiv eingestellt gegenüber den Hunden; und seit dem Unfall meines Freundes war meine Abneigung für sie nur noch angewachsen. Ich war daher auf der Hut; aber es war nicht angenehm mit diesen Hunden, die von überallher kamen und in den Strassenecken wimmelten – ausser, sie dösten, waren unerschütterlich zusammengerollt. Was für eine mühselige Prüfung! Wenn ich gekonnt hätte, wäre ich gerne mit Beinschutz, Handschuhen und Helm aus dem Haus gegangen. Doch so eine Aufmachung hätte erstaunt, und die öffentliche Moral wäre davon gestört worden. Daher musste ich eine andere Methode vorziehen. Ich habe mich sehr ernsthaft mit der möglichen Strategie befasst. Ich habe mich zuerst mit der Hundepsychologie beschäftigt. Von der menschlichen Psychologie habe ich einige Ahnung – so habe ich gelegentlich mit einigem Scharfsinn gewisse menschliche Verhaltensweise vorherzusehen vermocht -; aber die hündische Psychologie, das ist was ganz anderes! In welchem Mass kann die menschliche Sprache bei der Kommunikation zwischen Mensch und Hund helfen? Das ist die erste Frage. Doch nehmen wir an, die Wörter helfen dabei nicht: dann ist das einzige Kommunikationsmittel jenes, die Bewegungen und Haltungen zu lesen. Einige Dinge sind sehr wichtig – die Schwanzbewegungen zum Beispiel. Doch sobald man sich eingehender mit diesen Bewegungen beschäftigt, stellt man fest, dass sie kompliziert sind und ihre Deutung gar nicht einfach. Ich war daher kurz vor der Aufgabe. Als letzter Ausweg habe ich Zuflucht in einer ziemlich ungeschickten und wirklich dummen Methode gesucht, in etwas wirklich Erbärmlichen, einer Notlösung. Ich habe mich entschlossen, dass ich jedes Mal, wenn ich einem Hund begegnete, ein grosses Lächeln aufsetzen würde, um ihm deutlich zu zeigen, ich wolle ihm nicht übel. Und nachts, da man mein Lächeln nicht sehen würde, summte ich unschuldig Wiegenlieder, um damit anzuzeigen, dass ich ein wirklich wohlwollender Mensch sei. Ich habe den Eindruck, dass diese Strategie mehr oder weniger erfolgreich war. Aber ich darf mich nicht in Sicherheit wiegen. Wenn man an einem Hund vorübergeht, welchen Schrecken man auch immer empfinden mag, muss man vor allem darauf achten, nicht zu rennen. So gehe ich langsam, sehr langsam mit einem honigsüssen Heuchlerlächeln durch die Strassen, schaue mit einer scheinbaren Unbekümmertheit nach rechts und links – und in mir drin ersticke ich fast, erzittere; als kletterten zehn Raupen meine Wirbelsäule hinauf und hinunter! Meine eigene Feigheit ekelt mich an. Ich schäme mich derart vor mir, dass die Tränen mir in die Augen schiessen. Aber ich sage mir, ich habe keine Wahl: entweder das oder eine Bisswunde. So grüsse ich jedes Mal, wenn ich Hunde sehe, freundlich – so erbärmlich dieses Verfahren auch sei.

Wenn ich zu lange Haare trage, riskiere ich, ihnen verdächtig zu erscheinen und sie zum Bellen zu bringen. So habe ich beschlossen, dass ich regelmässig zum Friseur gehe, obwohl ich das hasse. Und aus Angst vor den Hunden, die mich mit einem Gehstock daherkommen sehen und dieses Objekt als eine bedrohende Waffe wahrnehmen und zu feindlichen Reaktionen übergehen könnten, habe ich mich dazu entschlossen, ohne Gehstock auf die Strasse zu gehen.

Unfähig, die hündische Psychologie zu verstehen, und bemüht darum, mir die gute Gesinnung aller Hunde, deren Weg ich kreuze, zu erwerben – und ohne an die Folgen meiner Handlungen zu denken –, erreichte ich etwas, was mich überrascht hat: sie haben mich ins Herz geschlossen! Man hat sie gesehen, wie sie mir in einer langen Reihe schwanzwedelnd folgen – was mich vor gerechtem Zorn beben liess. Das Schicksal liebt die Ironie! Dass mich die Hunde liebten, die ich nie besonders geschätzt hatte – und die ich seit kurzem sogar verabscheute! Lieber hätte ich mir die Liebe der Kamele zugezogen!

Man sagt gelegentlich, es sei nie unangenehm, geliebt zu werden – sogar von einer unschönen Frau: was für eine oberflächliche Idee! Aus persönlichem Stolz oder Instinkt ist es durchaus möglich, dass es unerträglich ist, geliebt zu werden – was zu unmöglichen Situationen führt.

Ich hasse die Hunde. Ich wusste von Anfang an, dass ich nie genug misstrauisch gegenüber ihrer durch und durch wilden Natur sein könnte. Gebt einem Hund ein- oder zweimal das Almosen von Essensresten: er wird mit seinen Freunden zurückkommen und seine Gefährtin und Familie dafür verlassen. Man wird ihn sich unterm Vordach hinlegen sehen, wie ein treuer Diener. Er wird seine Kameraden von gestern anbellen, seine Brüder, Vater und Mutter vergessen, und sich nur auf eine Sache konzentrieren: auf dem Gesicht seines Herrn auch nur das geringste Zeichen von Wohlwollen zu erspähen. Was für ein schamloser Heuchler! Man schlage ihn: er wird sich beschämt und enttäuscht zeigen – und der Spott der ganzen Familie sein. Darum bezeichnet man feige und hinterlistige Menschen als Hunde.

Ohne zu zögern, obwohl er widerstandsfähige Pfoten hat, mit denen er 10 Meilen in einem Tag ohne Müdigkeit zurücklegen kann, obwohl er scharfe Reisszähne von einer blendenden Weisse hat, die ihm ermöglichten, siegreich einem Löwen zu widerstehen, lässt der Hund natürliche Feigheit, Faulheit und Verdorbenheit die Oberhand gewinnen; entgegen jeglicher Selbstliebe unterwirft er sich den Menschen, ohne Widerstand zu leisten, betrachtet seine Artgenossen mit einem feindlichen Auge und, findet er sich ihnen gegenüber, bellt sie an und beisst sie, vervielfacht seine Bemühungen, um sich das Wohlwollen der Menschen zu erwerben. Schaut doch die Spatzen: das sind zerbrechliche und wehrlose Lebewesen, die es trotzdem verstanden haben, frei zu leben und eine von den Menschen vollkommen unabhängige Gesellschaft zu bilden. Diese Vögel sind sich in einer wirklichen Solidarität verbunden; auf ihrer Stufe, so niedrig sie auch sein mag, kennen sie eine gewisse Form des Glücks und verbringen ihre Tage mit Singen.

Je mehr man darüber nachdenkt, desto abstossender findet man die Hunde. Ich hasse die Hunde. In einer gewissen Weise habe ich sogar das Gefühl, dass sie mir gleichen – und mein Hass auf sie wird dadurch nur noch grösser. Ich kann sie nicht leiden. Wenn sie voller Zuneigung für meine Person schwanzwedelnd auf mich zukommen, um mir ihre Sympathie zu bekunden, gibt es kein Wort, das den Zustand meiner Seele beschreiben könnte: Verwirrung? Kränkung?

Ich habe ihnen unüberlegt mein Lächeln geschenkt, weil ich von ihrer Wildheit abgeschreckt worden bin. Und die Hunde haben schliesslich gedacht, sie hätten in mir einen Freund gewonnen und könnten mit mir tun und lassen, was sie wollten: Was für ein trauriges Ergebnis! Man soll in jeglicher Sache Mass walten lassen. Aber ich, ich habe immer noch nicht gelernt, Mass zu walten.

Es war am Anfang des Frühlings. Ich hatte vor dem Abendessen einen kleinen Spaziergang auf dem Übungsgelände des 49. Regiments unternommen, das nicht weit von meinem Haus entfernt ist. Zwei oder drei Hunde folgten mir. Ich starb vor Angst: Ich war überzeugt, dass sie mich jeden Moment in die Waden beissen würden. Doch war ich jedes Mal, wenn ich mein Haus verliess, für diese Möglichkeit gewappnet. Ich spielte die Ruhe und Gleichgültigkeit und unterdrückte meine Lust loszurennen; ich achtete darauf, mich nicht umzudrehen und schritt mit scheinbarer Teilnahmslosigkeit auf meinem Weg dahin. Innerlich aber war ich am Ende. Hätte ich eine Pistole gehabt, ich hätte sie kaltblütig erschossen. Doch sie folgten mir weiterhin, ohne meine Absichten zu erraten – ohne dass ihnen die dämonischen Gefühle unter der vorgetäuschten Heiterkeit eines Buddhas schwanten. Ich machte einmal den Gang um das Übungsgelände, dann kehrte ich zurück – immer noch die Hunde im Schlepptau.

Gewöhnlich verstreuten sich die Hunde vor meiner Heimkehr irgendwann von selbst. Aber an jenem Tag gab es einen, der mich nicht verliess: er glaubte wohl, ihm sei alles erlaubt! Ein ganz schwarzer Hund, so klein, dass man ihn fast übersehen konnte: er war wirklich winzig. Sein Rumpf konnte kaum fünfzehn Zentimeter lang sein. Doch war das kein Grund, meine Wachsamkeit aufzugeben. Ohne Zweifel hatte auch dieser Hund bereits Zähne. Würde er mich beissen, müsste ich während drei mal sieben: einundzwanzig Tagen! ins Spital. Denn diesen jungen Hunden fehlt jeglicher gesunde Menschenverstand. Ihre Laune ist seltsam: man muss noch wachsamer sein.

Er begleitete mich also, folgte mir oder ging mir voran, hob seinen Kopf zu mir hoch, lief auf seinen noch unsicheren Pfoten; und schliesslich gelangten wir zu meinem Haus.

«Schau mal,» rief ich meiner Frau zu, «da folgt mir ein merkwürdiges Ding!»

«Oh, wie ist er süss!»

«Süss! Blödsinn! Jag ihn davon! Aber vorsichtig, nicht zu brutal: sonst beisst er dich noch. Gib ihm einen Keks, eine Süssigkeit…»

Das heisst, aus einer Position der Schwäche heraus handeln – wie immer! Dieser kleine Hund hatte sehr wohl begriffen, dass ich mich fürchtete, und er nutzte das aus, um bei mir einzuziehen. März, April, Mai, Juni, Juli, August… Die Herbstwinde begannen zu blasen, und er ist immer noch da. Er hat mich unzählige Male gefoltert. Ich weiss wirklich nicht, was mit diesem Hund anstellen. Ich habe seine Gegenwart akzeptiert, ich habe ihm einen Namen gegeben: Pochi (auf Schweizerdeutsch etwa: Hüfeli, Bizzeli); doch obwohl wir seit sechs Monaten im gleichen Haushalt wohnen, kann ich ihn immer noch nicht als ein Mitglied der Familie annehmen. Für mich ist er immer noch ein Fremder. Wir vertragen uns nicht: unsere Gemüter sind verschieden! Wenn wir gegenseitig in unseren Herzen zu lesen versuchen, schlägt das Funken und führt zu Streit. Und was auch immer wir tun, wir können uns weder wohlgesonnen noch ohne Hintergedanken anblicken.

Bei seiner Ankunft war er nur ein Welpe: er betrachtete die Ameisen auf dem Boden mit grossem Interesse oder stiess Schreckensschreie aus, wenn er eine Kröte sah – was mich ganz gegen meinen Willen sehr erheiterte. Ich sagte mir, selbst wenn ich dieses Tier nicht liebte, sei seine Ankunft bei uns vielleicht vom Himmel gewünscht. Ich machte mich also daran, ihm unter der Veranda eine Bettstatt einzurichten, ihm die Nahrung wie einem Baby vorzukochen und ihm Puder gegen Flöhe einzureiben. Doch nach einem Monat hatte ich meine Illusionen verloren. Allmählich kam seine wahre Natur, die einer Promenadenmischung, zum Vorschein. Er war ein vulgäres, niederträchtiges Wesen: ein ausgesetzter Hund, da war ich mir sicher.

Als er sich mir an die Füsse geheftet hatte an jenem ersten Tag, war er noch ganz mager – fast unsichtbar –, und sein Fell war in einem solchen Zustand, dass sein Hinterteil fast nackt war. Weil ich so bin, habe ich diesem Ding Süssigkeiten zugesteckt und ihm Reisbrei zubereitet, ohne je wütend zu werden: kurz, ich war ganz Freundlichkeit und Vorsicht gewesen. Ein anderer als ich hätte sich dieses Hunds sicherlich mit einem einzigen Fusstritt entledigt. Gewiss, ich hatte mich freundlich gezeigt nicht aus Hundeliebe, sondern wegen dieses Gefühls von Abneigung und Furcht, das sie mir einflössten – nicht mehr und nicht weniger. Aber trotzdem… dank mir bekam Pochi ein schönes Fell, und er konnte aufwachsen wie alle Hunde seiner Gattung. Ich erhoffte mir keinerlei Anerkennung; aber meine Frau und ich dachten doch, er hätte uns ein wenig mehr Freude bereiten können. Aber das hiess zu viel von einem ausgesetzten Hund erwarten. Er schlang seine Nahrung hinunter und zerriss anschliessend, als wolle er trainieren, unerbittlich ein unglückliches Sandalenpaar oder – Liebesdienst, den man von ihm nicht gefordert hatte – riss die im Garten trocknende Wäsche herunter, um sie im Dreck herumzuzerren.

«Hör auf mit diesen Dummheiten! Du nervst! Wer hat dich geheissen, so was zu machen?» schalt ich ihn. Ich redete ihm mit der ganzen Freundlichkeit zu, zu der ich fähig war, doch mit einigen spitzen Bemerkungen; ich wollte ihn verstehen machen, dass ich nicht zufrieden war. Er warf mir einen Blick zu und strich um meine Beine, ohne meine Ironie zu verstehen. Ein Schmeichler, das war er!

Die Frechheit dieses Hundes ekelte mich innerlich an und flösste mir Verachtung ein. Je länger die Situation andauerte, um so klarer wurde dieser Charakterzug: er war für nichts zu gebrauchen.

Da war auch seine Hässlichkeit. Als er klein war, stimmten seine Proportionen besser: man hätte sogar glauben können, er sei teilweise ein Rassenhund – was für ein Trugschluss! Jetzt hatte sich sein Rumpf in die Länge gezogen, aber seine Pfoten waren immer noch kurz. Man musste unwillkürlich an eine Schildkröte denken. Was für ein unangenehmer Anblick.

Und doch folgte er mir jedes Mal, wenn ich das Haus verliess, als sei er mein Schatten. «Was für ein komischer Hund!» riefen sogar die Kinder, lachten und zeigten mit den Fingern auf ihn. Da ich ein wenig eitel bin, posierte ich während meines Spaziergangs; aber das war verlorene Liebesmühe! Ich konnte schneller gehen und so tun, als gehörte der Hund nicht zu mir: er verliess mich nicht. Er blickte zu mir auf, lief einmal vor und einmal hinter mir, klebte richtiggehend an meiner Person – sodass niemand uns für Fremde gehalten hätte: ganz klar das Herrchen und sein treuer Gefährte! Ich war dank ihm jedes Mal, wenn ich ausging, trübselig und melancholisch: was für eine gute geistige Übung! Doch solange er mir nur folgte, war das nicht schlimm…

Aber nach und nach zeigte er seine versteckte Wildheit. Er begann, den Streit zu lieben. Wenn er mich auf meinen Spaziergängen begleitete, zögerte er nicht, jedes Mal, wenn uns ein anderer Hund begegnete, diesen auf seine Art und Weise zu begrüssen – indem er ihn angriff. Er verfügte für seine Grösse und sein Alter über eine beachtliche Kraft. Eines Tages, als er sich auf eine Freifläche gestürzt hatte, wo Hunde Zuflucht suchten, griff er fünf gleichzeitig an. Man hätte nicht auf seine Haut gewettet, aber er wich den Schlägen geschickt aus und konnte die Flucht ergreifen.

Er war sich seiner sehr sicher und warf sich auf jeden beliebigen Hund. Es konnte geschehen, dass er sich in einer unsicheren Position fühlte, dann zog er sich bellend zurück. Auf das Bellen folgte erbärmliches Winseln, und sein normalerweise schwarzes Gesicht wurde ganz bläulich. Ich erbleichte, als er eines Tages einen Deutschen Schäferhund ansprang, der so gross war wie ein Kalb. Natürlich war Pochi gegenüber so einem Gegner im Nachteil. Der Schäferhund begnügte sich damit, ihn mit seine Vorderläufen wie ein Spielzeug zu behandeln, ohne die ernsthafte Absicht, sich provozieren zu lassen, und das war Pochis Rettung. Doch wenn ein Hund so eine fürchterliche Erfahrung macht, verliert er anscheinend seinen Mut. Seit diesem Tag scheute Pochi offensichtlich jegliche weitere Konfrontation.

Ich liebe die Schlägereien nicht. Um es deutlich zu sagen, bin ich der Meinung, dass es für entwickelte Länder eine Schande ist, Hundekämpfe in der Strasse zu dulden; und wenn ich die ohrenbetäubenden Schreie von kämpfenden Hunden auf der Strasse höre, empfinde ich ihnen gegenüber einen solchen Zorn und eine solche Abscheu, dass ich mir sage: selbst der Tod wäre für sie eine zu milde Strafe.

Ich liebe Pochi nicht. Alles, was ich für ihn fühle, ist Angst und Hass – aber Zuneigung? Niemals! Ich möchte ihn sterben sehen. Er begleitet mich in stillem Einverständnis, wenn ich ausgehe, und verfehlt es nie – zweifellos davon überzeugt, dass dies der Dienst ist, den er jenen schuldet, die ihn füttern –, wenn er einen anderen Hund trifft, ihm ein schreckliches Gebell entgegenzuschleudern. Aber sieht er denn nicht, wie sein Herrchen vor Angst zittert? Es ergreift mich die Lust, ein Taxi heranzurufen, mich hineinzuwerfen, die Türe zuzuschlagen und mich aus dem Staub zu machen. Es mag ja noch angehen, dass die Hunde sich mit dem Streiten zufriedengeben. Aber stellen wir uns vor, dass der andere Hund den Kopf verliert und sich auf das Herrchen stürzt, das heisst, auf mich… Sagen Sie mir nicht, das kommt nicht vor. Die Hunde sind blutrünstige Tiere. Man weiss nie, was sie tun werden. Wäre ich das Opfer einer ihrer schrecklichen Bisswunden, müsste ich mich dreimal sieben: einundzwanzig Tage in Folge! im Spital kurieren lassen.

Die Hundekämpfe sind etwas Teuflisches! Ich verpasse keine Gelegenheit, um Pochi zu belehren: «Du darfst dich nicht schlagen. Oder wenn du unbedingt musst, tu das fern von mir. Übrigens will ich es dir sagen: ich liebe dich nicht.»

Es hatte den Anschein, als verstünde er ein wenig davon, was ich ihm sagte. Wenn ich so mit ihm sprach, gab er sich niedergeschlagen – was mich in meiner Überzeugung bestärkte: die Hunde sind wirklich geheimnisvolle Kreaturen.

War dies das Resultat meiner wiederholten Ermahnungen? Oder jenes der demütigenden Niederlage, die er durch den Deutschen Schäferhund erlitten hatte? Er war jetzt derart kleinmütig, dass sein Verhalten an Feigheit grenzte. Wenn er an meiner Seite ging und andere Hunde ihn anbellten, gab er vor, diese bestialischen Äusserungen zu verachten, und stellte sich hochmütig – darin glaubte er sicher, mir zu gefallen; eine Art von Beben durchlief seinen Körper, und er blickte mit einem herablassenden Auge auf diese traurigen Hunde wie auf ebenso viele verzweifelte Fälle; dann untersuchte er mein Gesicht mit der feigen Beschaulichkeit eines Höflings. Was für ein für mich unerträglicher und abscheulicher Anblick!

«Es gibt wirklich nichts, was mir an diesem hier gefällt!» sagte ich eines Tages zu meiner Frau. «Er hört nicht damit auf, die Gesichter der Leute genau zu betrachten!»

«Das ist dein Fehler! Du kümmerst dich zu stark um ihn.»

Meine Frau hatte ihm von Anfang an nur Gleichgültigkeit gezeigt. Wenn er die Wäsche in den Dreck riss, hatte sie sich beklagt; aber danach rief sie ihn zu sich, wie wenn nichts gewesen wäre: «Pochi! Pochi!» und gab ihm zu essen.

«Vielleicht ist seine Persönlichkeit gerade dabei, sich aufzulösen», fügte sie lachend hinzu.

«Willst du damit sagen, er ist wie sein Meister?» erwiderte ich ganz und gar angewidert.

Es war Juli geworden. Es gab ein unerwartetes Ereignis. Wir hatten in Mitaka, in der Agglomeration von Tokyo, ein kleines Häuschen finden können, das sich noch im Bau befand. Wir hatten mit dem Bauherr einen Vertrag abschliessen können, der uns ermöglichte, das Haus für vierundzwanzig Yen pro Monat zu mieten, sobald die Bauarbeiten abgeschlossen wären. Wir begannen nach und nach mit den Vorbereitungen für den Umzug. Sobald das Haus fertig gebaut wäre, würde uns der Bauherr per Eilbrief davon informieren. Wir müssten dafür natürlich Pochi zurücklassen.

«Wir könnten ihn schon mitnehmen», sagte meine Frau, für die Pochi kein Problem darstellte. (Ihn zurücklassen, ihn mitnehmen, das kam für sie aufs Gleiche heraus.)

«Nein, auf keinen Fall. Ich habe ihn nicht aufgenommen, weil ich ihn «süss» gefunden habe; ich wollte nur nicht, dass er sich an mir räche: und da mir nichts anderes einfiel, habe ich ihn sich hier einrichten lassen, das ist alles. Das ist doch nicht schwierig zu verstehen!»

«Aber sobald du ihn nicht siehst, fragst du dich mit lautem Geschrei: Pochi? Wo ist nur Pochi

«Er macht mir halt nur noch mehr Angst, wenn er nicht da ist: ich stelle mir ihn dann vor, wie er sich mit seinen Artgenossen gegen mich verschwört. Er weiss, dass ich ihn verachte. Und ein Hund ist rachsüchtig.»

Es handelte sich hier wirklich, so dachte ich, um die ideale Gelegenheit. Wir würden uns so stellen, als hätten wir ihn vergessen. Wir würden ihn aussetzen, in einen Zug nach Tokyo springen, und damit hätte es sich. Er würde doch nicht den Sasago-Pass überqueren können, um uns bis nach Tokyo zu folgen! Wir hätten ihn nicht ausgesetzt, aber einfach vergessen. Wir würden uns keiner Übeltat schuldig fühlen, und es schien unvorstellbar, dass Pochi uns böse wäre und sich daher an uns rächen würde:

«Das ginge doch, oder? Selbst wenn er hierbliebe, liefe er nicht Gefahr, vor Hunger umzukommen oder irgendwas in dieser Richtung…» (Es ist schon vorgekommen, dass eine Seele aus dem Jenseits die Lebenden mit ihrem Fluch verfolgt!)

«Und schliesslich war er nur ein ausgesetzter Hund», pflichtete mir meine Frau ein wenig unsicher bei.

«Genau so ist es. Er wird schon nicht hungers sterben. Er wird sich auf die eine oder andere Weise zu helfen wissen. Würde ich diesen Hund mit nach Tokyo nehmen, ich würde mich vor meinen Freunden schämen: er ist so grotesk, mit seinem Rumpf, der nicht aufhört!»

Es war beschlossen: wir würden Pochi aussetzen.

In diesem Augenblick geschah wieder etwas Unerwartetes: Pochi litt an einem Hautausschlag. Etwas sehr Ernstes. Eine Krankheit, die zu beschreiben man zögert, so abscheulich ist ihr Anblick. Und unter der Hitze gab er einen komischen Geruch von sich. Dieses Mal konnte meine Frau nicht mehr:

«Das stört die Nachbarn! Man muss ihn töten!»

In solchen Fällen ist eine Frau weitaus gefühlloser, radikaler als ein Mann.

«Ihn töten?» (Ich war schockiert.) «Kannst du dich nicht ein wenig gedulden?»

Wir erwarteten fieberhaft Neuigkeiten von dem Haus in Mitaka. Ende Juli werde alles bereit sein, hatte man uns gesagt. Das Ende des Julis kam näher. Wir müssten dann von einem Moment auf den andern abreisen. Wir hatten also unsere Sachen bereits gepackt. Wir waren zum Warten verdammt, aber keine Nachricht kam.

Ich hatte mich entschieden, dem Bauherrn zu schreiben – und die Krankheit von Pochi hatte im selben Augenblick begonnen. Je mehr man den Hund betrachtete, desto erbärmlicher fand man ihn. Pochi selbst schämte sich seiner Hässlichkeit: er entwickelte eine wahre Vorliebe für dunkle Orte. Gelegentlich sah ich ihn auf den Platten der Eingangssteine liegen, in der brennenden Sonne, vollkommen erschöpft.

«Oh, was für ein Schrecken!» warf ich ihm dann zu, um ihn extra zu beleidigen.

Sogleich erhob er sich und versteckte sich, den Kopf gesenkt und niedergeschlagen, unter der Veranda.

Dennoch kam er, ging ich aus, auf leisen Sohlen mit mir mit; er wollte mir folgen. Ich hätte es nicht ausgehalten, von einem solchen Monster begleitet zu werden. Ich blickte ihn an, ohne ein Wort zu sagen. Mit einem Lächeln auf den Backenzähnen bannte ich ihn an Ort und Stelle.

Dieses Vorgehen war sehr effizient. Pochi schien sofort sich seiner Hässlichkeit bewusst zu werden und versteckte sich, gesenkten Kopfes und verlegen.

Meine Frau konnte nicht anders, als die Frage immer wieder aufs Tapet zu bringen.

«Nein,» sagte sie, «ich kann einfach nicht mehr! Ich bekomme ja selbst schon Juckreiz! Ich tue alles mögliche, um diesen Hund nicht anzuschauen; aber es braucht nur einen Augenzwinkern, und schon passiert es: überall juckt es mich! Ich träume sogar davon!»

«Nun, nun, noch ein wenig Geduld!» antwortete ich ihr.

Ich glaubte, das wäre das einzige, was wir tun könnten. Krank oder nicht, Pochi war ein wildes Tier: beim geringsten Anlass würde er uns noch beissen!  

«Die Antwort von Mitaka kommt vielleicht schon morgen!» fügte ich hinzu. «Und sobald wir verreisen können, wird all das Schnee von gestern sein!»

Schliesslich kam der so heftig erwartete Brief an, aber sie enttäuschte uns. Wegen des anhaltenden Regens waren die Mauern noch nicht trocken, und es fehlte an Arbeitskräften; es würde etwa noch zehn, zwölf Tage dauern, bis alles fertig war.

Ich hatte wirklich genug davon. Ich wollte so schnell wie möglich abreisen, wenigstens um diesem Hund zu entgehen.

Vor lauter Ungeduld hatte ich aufgehört zu arbeiten: ich verbrachte meine Tage damit, in Zeitschriften zu blättern und zu trinken. Von Tag zu Tag wurde die Krankheit von Pochi schlimmer. Selbst ich hatte schon Juckreiz bekommen. Mitten in der Nacht hörte ich von draussen, wie der Hund sich kratzte und wand, was mich, ich weiss nicht wie viele Male, erzittern liess. Es war unerträglich. Von Zeit zu Zeit verspürte ich eine ungeheure Lust, ihn abzuschlachten.

Ein zweiter Brief kam. Man bat uns, wir möchten nochmals zwanzig Tage Geduld haben. In diesem Augenblick richtete sich meine ganze Wut, meine ganze Frustration auf Pochi, der gerade in der Nähe war. Er war der Grund, weshalb alles so schlecht lief. Er war an all unserem Ärger schuld! Merkwürdigerweise begann ich ihn zu verfluchen. Und eines Abends fand ich Flöhe in meinem Nachthemd. Mein Zorn, den ich bis hierher hatte bezähmen können, explodierte, und ich traf eine Entscheidung.

Ich würde Pochi töten. Er war ein Unglückstier. In normalen Zeiten hätte ich nie eine solch radikale Entscheidung treffen können. Aber unter der erdrückenden Hitze dieser Region war ich selbst nicht mehr ganz mich selbst. Jeden Tag erwartete ich untätig und bedrückt den rettenden Brief. Ich langweilte mich zu Tode. Ich war schlechter Laune, gereizt, und zu allem andern schlief ich auch schlecht. Kurz, ich war wie verrückt.

Am Abend, an dem ich Flöhe in meinem Nachthemd gefunden hatte, schickte ich meine Frau, schnell ein grosses Stück Rindfleisch einkaufen; und ich begab mich zur Apotheke, um Gift zu besorgen.

Nun war alles bereit. Meine Frau war schrecklich nervös. An diesem Abend besprach das kriminelle Paar, das wir bildeten, mit leisen Stimmen, was es tun würde.

Am nächsten Morgen erhob ich mich um vier Uhr. Ich hatte mir den Wecker gestellt, aber noch bevor er klingelte, war ich aufgestanden. Das Morgengrauen begann den Himmel zu weissen. Es war fast frisch. Ich wickelte das Fleisch in Bambusborke und ging hinaus.

«Es lohnt sich nicht, bis zum Schluss zu bleiben. Du gibst ihm das Gift und kommst sofort zurück.» (Sie war jetzt ganz ruhig.)

«Klar», erwiderte ich. «Pochi! Komm!»

Er kam schwanzwedelnd unter der Veranda hervorgeschossen.

«Komm! Komm!»

In aller Eile verliess ich das Haus. Da mein Blick keinerlei Strenge zeigte, vergass Pochi seine Hässlichkeit und folgte mir voller Unternehmungslust.

Ein starker Nebel lag über allem. Die Stadt schlief, alles war still. Ich schlug ohne zu zögern den Weg zum Übungsgelände ein. Auf dem Weg dorthin begegneten wir einem rotfelligen Hund, der riesig und angsteinflössend war; er warf Pochi ein wildes Gebell entgegen. Pochi aber, mit diesem überheblichen Ausdruck, den er immer in solchen Fällen annahm, strafte ihn mit Verachtung («Was hat denn der da, so einen Lärm zu machen?») und beeilte sich, an ihm vorüberzugehen.

Aber dieser Hund war ein Feigling. Verräterisch stürzte er sich von hinten auf Pochi, so schnell wie der Wind, und zielte auf seine lächerlichen Hoden. Pochi drehte sich instinktiv um, aber er zögerte einen Moment und blickte mich fragend an.

«Mach nur!» befahl ich ihm mit lauter Stimme. «Das ist eine Memme! Schlag nur zu, so viel du willst!»

Pochi sammelte ermutigt von meiner Erlaubnis alle seine Energie und sprang seinem Gegner so schnell wie eine Pistolenkugel an die Gurgel. Es entwickelte sich ein furchtbarer Kampf. In diesem Nahkampf bildeten die beiden Hunde nur noch ein einziges Fellknäuel. Obwohl er es mit einem zwei- bis dreimal grösseren Gegner zu tun hatte, war es Pochi, der die Oberhand gewann. Der rote Hund ergriff schliesslich mit erbärmlichem Gewinsel die Flucht. Blödes Tier! Wer weiss, vielleicht hatte Pochi ihm auch noch seine Hautkrankheit übertragen!

Als der Kampf vorüber war, empfand ich Erleichterung. Ich hatte der Vorstellung mit feuchten Händen zugeschaut, wie man so sagt. Ich hatte sogar für Momente geglaubt, ich würde in die Schlägerei hineingezogen und mit Pochi zusammen sterben. «Mein Gott,» dachte ich, «wäre ich nur so gestorben!» Mit was für einer Beharrlichkeit hatte ich Pochi dazu ermuntert, sich mit all seinen Kräften zu schlagen!

Pochi vergnügte sich einen Moment noch damit, seinen Gegner zu verfolgen. Dann hielt er an. Aus dem Augenwinkel beäugte er mich. Er kam, ganz plötzlich verlegen, zu mir zurück, niedergeschlagen und gesenkten Kopfes.

«Bravo!» sagte ich zu ihm, «das hast du gut gemacht, geschieht ihm recht!»

Ich gratulierte ihm, und wir setzten unseren Spaziergang fort. Wir überquerten eine Brücke mit wackelnden Brettern. Und fanden uns bald auf dem Übungsgelände wieder.

Dort hatte man Pochi damals ausgesetzt. Wir kehrten dahin zurück, wo ich ihn gefunden hatte. Es war wohl besser, wenn er dort starb, wo er zuhause war.

«Hier, Pochi! Friss!»

Ich wollte das nicht sehen. Ich wiederholte, unbeweglich und den Blick in die Ferne gerichtet: «Friss, Pochi

Und ich vernahm das Geräusch seiner Kiefer ganz nah zu meinen Füssen. In einer Minute wäre er tot.

Mit gebeugtem Rücken kehrte ich zurück. Der Nebel war dick. Selbst die nächsten Berge waren nur vage schwarze Silhouetten. Man konnte weder die Kette der Südalpen noch den Fuji sehen.

Der Tau netzte meine Sandalen. Je weiter ich ging, immer noch sehr langsam, umso mehr schrumpfte ich zusammen. Ich überquerte die Brücke und kam vor das Gymnasium. Ich drehte mich endlich um: da war Pochi. Ja, er war es wirklich! Mit einem beschämten Ausdruck und mit gesenktem Kopf vermied er meinen Blick.

Ich bin ein Erwachsener. Jede billige Sentimentalität ist mir fremd. Ich begriff mit einem Schlag, was passiert war. Das Gift hatte keine Wirkung gehabt.

Ich musste meine Haltung überdenken. Ich schrie meiner Frau zu:

«Ein Misserfolg! Das Gift hat nichts gebracht!»

Und ich fügte hinzu:

«Lassen wir den Hund in Ruhe, er hat niemand etwas getan. Seit jeher sagt man, die Künstler seien die Verbündeten der Schwachen.»

Dieser Gedanke hatte mich auf dem Rückweg beschäftigt. Ich fuhr fort:

«Der Künstler ist der Freund der Schwachen. Dieser Freundschaft, das ist das A und das O seines Lebens. Eine so grundsätzliche und einfache Wahrheit! Dass ich sie nur vergessen konnte… Übrigens habe nicht nur ich sie vergessen, alle haben sie vergessen! Ich möchte Pochi ganz gern mit uns nach Tokyo nehmen. Und wenn unsere Freund sich über ihn lustig machen, bekommen sie es mit mir zu tun! Hast du ein Ei?»

«Ja, ja,» antwortete meine Frau. Sie schien sich nicht zu freuen.

«Gib Pochi eines. Oder sogar zwei, wenn du zwei davon hast. Nun, nun, Geduld! Er wird bald gesund!»

«Ja, ja», erwiderte sie mit unverändertem Gesichtsausdruck.


Übersetzt aus dem Französischen.

Die französische Übersetzung stammt von Dider Chiche, „Cent vues du mont Fuji“, Picquier poche 2003.

Wörter jagen mit Vater

Eines Morgens brach ich in meines Vaters Studierzimmer ein und sagte,
Wenn ich erwachsen bin, will ich auch jagen, will ich jagen nach
Wörtern und Giraffen, Bildern, Büffeln und Büchern,

und er, einen Stift und eine Teetasse in der Hand, sagte, Kleiner Vater,
Wörter jagen kann gefährlich sein – aber es ist doch am besten,
früh anzufangen. Er winkte mit seinem Pic-Kugelschreiber und sein Büro verwandelte sich

in den Nyandarua-Wald. Es war Morgen, der Nebel stieg
von der Erde wie Atem, Strahlen von der Sonne fielen hart
auf den Boden wie spitze Nägel. Kleiner Vater, siehst du

Ihn? – fragte mein Vater. Nein, sagte ich. Schau nochmals hin – der Nebel
Ist ein Spiegel – siehst du ihn? Und ich schaute nochmals hin und
Da war ein Maasai-Krieger hoch aufgeschossen wie die Bäume, den Speer in der Hand.

Beschatte ihn, ahme seine Bewegungen nach, beschatte ihn bis
Seine Bewegungen deine Bewegungen sind. Auf meinen Füssen
Durch die Blätter laufend schritt ich hin, wo er war, hingekauert

Wie er, so nahe an der Erde, die Füsse einsinkend
In den Boden wie in Schlamm, drehte mich und las den Wind
Und schwand in den Nebel, bis ich eins wurde mit dem Wald.

Für einen halben Tag blieben wir so – müde und hungrig,
ich war bereit, nach Hause zu gehen. Aber mein Vater sagte, Ich sagte nicht
dies sei einfach – du kannst Wörter nicht mit einem vollen Magen jagen.

Und grad als er geendet hatte, geschah ein so lautes Brüllen
Und Stampfen, dass heisse Untergrundströme aufbrauchen
Wie etwa ein Dutzend Wasserröhren, die zischendes,

dampfend heisses Wasser hoch in die Luft schicken. Ich wandte mich zur Flucht,
doch der Krieger hielt seine Stellung. Als das Brüllen
und Donnern näher kamen, verwandelte sich sein Haar, geflochten und voll von rotem

Ocker, in so lange Dreadlocks, dass es schien, es seien dies
Wurzeln, die aus der Erde herausstiessen. Als die Verwandlung
Vollendet war, stand vor mir ein Mau-Mau-Krieger, den Speer

In der einen Hand, die selbst gebastelte Pistole in der anderen, die Augen so rot,
dass sie durch den Nebel aussahen wie heisse geschmolzene
Schlacke, die langen Dreadlocks tausend dünne

Schlangen im Wind, Blätter und Gras und Dornen
Schossen an ihm vorbei. Du musst ihm helfen, steh nicht einfach
Da, hilf ihm – flehte mich mein Vater an, doch kaum hatte ich

Meine kleinen Hände zu Fäusten geballt, erschien der Löwe
Hoch in der Luft, den Körper in seiner ganzen Länge
Ausgestreckt, und der Mau-Mau-Krieger zog den Speer,

als sei er eine lange Wurzel, aus der Erde. Der Löwe versuchte, mitten in der Luft,
anzuhalten, zog seine Pratzen als Friedensangebot zurück, aber es war zu
spät, und er liess ein weiteres Brüllen entweichen, als seine Brust einbrach

in den Speer, die Brustplatte gab nach, bis der Speer
seinen Weg ins Herz gefunden hatte. Sterbend dann tot,
setzte er seinen furchtbaren Bogen fort und landete. Ich winkte,

und das Bild stand still. Mein Vater kam zu mir
und fragte, Wieso hörst du mit der Jagd auf? Ich sagte,
«aber wir töteten ihn – ich habe, wofür wir gekommen sind.» Ich zeigte dorthin,

wo der Mau-Mau-Krieger seinen Speer herauszog
aus dem Kadaver, aber mein Vater schüttelte seinen Kopf und sagte,
– Du hast es gut gemacht, aber schau genau hin – wie kannst du

All das in einem Wort tragen? Wie können wir das nach Hause tragen?
Es ist zu schwer. Ich lachte und sagte – «Vater, so hilf mir doch.»
Aber er zeigte auf den Boden, auf einen stetigen Strom eines hellen

Dünnen Flusses, der sich wütend wand durch die Kerben
Des Speers in die Erde. Auch ich deutete, unfähig zu sprechen
– die Schönheit grösser als meine Vorstellungskraft. Ich war verwirrt.

Ich hatte keine Wörter. Komm, lass uns nach Hause gehen, Kleiner Vater.
Wenn du alt genug bist, wirst du die Wörter finden, sagte er.
Doch sei immer vorsichtig – ein Wort jagen heisst ein Leben jagen.

Mukoma Wa Ngugi,

übersetzt aus dem Englischen von Oliver Füglister