Mitten im Leben II (5 Sinnbilder)

Ein Leben anheben
Das fast schon fertig ist
Und sich längt und streckt
Wie ein Nildelta: zögert immer noch
Anzunehmen was ihm gegeben
Auszuschütten was aufgespart

Ein träges Land aufstellen
Das fast schon zermahlen ist
Und knirscht und widerstrebt
Wie eine Schefela: eine Kalkgestalt
Abweiden spröde Büschel
Das Gebein freinippen

Eine Ausrede anritzen
Die fast schon Stein ist
Und nicht reift und schmeckt
Wie die Maulbeerfeige: ins Gebirge schaut
Äugt verankert am Stamm auf die Gipfel
Verhärtet gegen die rötlich-weichen Pässe

Einen Palast ausfüllen
Der von seiner Meisterin träumt
Und sich bläht und reckt
Wie ein Arsenalhügel: das zitternde Erbsen-Volk
Verteilen in den leeren Hallen
Keimen heissen im kalten Marmor

Eine Einbildung anführen
Die fast schon steigt
Und kreischt und bockt
Wie ein Packesel: über diese Brücken musst du gehen
Vor diesen Boten musst du stehen
Zerstreuen deine Hinterbeine und deine Güter im Wegeskies

Todesangst

Mein Sohn fürchtet den Tod.
Ohne Vorwarnung
Bricht der Schrei aus ihm heraus:
Nicht wie Sirenen in Friedenszeiten.

Mein Sohn ist in meinen Armen.
Sein Körper zittert und windet sich
Wie eine Muschel unter dem Zitronentropfen.
Ich musste hell auflachen über seine Angst:
Abwehr und Sorge in einem. Ironie
Schäumt in meiner Kehle wie heller Schmerz.

Hier helfen keine Worte.
Und doch braucht mein Sohn
Jetzt Worte. Meine Hände auch
Die über seinen Rücken streichen.

Mein Sohn fürchtet sich nicht wirklich
Vor einem Meteoriten
Der die Erde treffen könnte und alles Leben darauf
Auslöschen. Er fürchtet vielleicht nicht einmal
Seinen eigenen persönlichen Tod.
Niemand Lebendes kann sich den Tod vorstellen.

Ich sage: «Wir Menschen sind Lebewesen
Die um ihren Tod wissen können.
Eine Ameise: eine Forelle: ein Rotkehlchen
Glaube ich leben wie Kinder:

Für sie ist das Leben unendlich
Fast ewig. Ich stelle mir vor
Sie sind wie Kinder ihr ganzes Leben
Und plötzlich sterben sie. Dann sind sie tot.
Vielleicht geht es sogar den grossen Tieren so:
Löwen: Bären: Walfischen.

Und ich sage: «Ich finde es gut
Dass du an den Tod denkst.
Das gehört dazu
Um ein Mensch zu werden.»

Aber mein Sohn hat Angst vor dem Tod.
Jetzt hat er Angst davor. Ich muss ihm sagen
Dass ich keine Angst davor habe.
Ich versuche ihm mit Zahlen zu helfen.
Er ist 12 und ich 47. Wenn er nur so alt wird wie ich
Wieviele Jahre wird er dann noch mindestens zu leben haben?

Mein Sohn findet heraus: 35.
Das ist fast dreimal seine jetzige Lebensspanne.
Langsam beruhigt er sich und schmiegt sich an.
Ich denke an meine nächste Operation.

Ich denke mit meinem Sohn im Arm
An meinen Grossvater
Der im Dementenheim endlich mit 97
Ausgelöscht ist: Er kann gar nicht sterben
Denn in all den Erinnerungen ist er jung und
Krakeelt und hat uns Enkel in seiner rauen Art gern:

«Der Rabe sitzt ab. Der Rabe fliegt auf.»
Ich hänge die Todesanzeige für ihn gut sichtbar in der Küche auf.
«Ich weiss auch nicht wie es sein wird aber ich finde es gut
Dass unser Leben ein Ende hat» sage ich nach langem engen Schweigen.

Ein Gedicht schreiben: Das Werk eines Augenblicks

Sehr ungern und äusserst selten arbeite ich ein zweites Mal an ein und demselben Gedicht. Ich schreibe das Gedicht in dem Moment, da ich es schreibe. Stimmt es dann, ist es gut. Stimmt es dann, wird es später auch stimmen.

Ich beginne meist langsam, zögernd, tappend. Vorsichtig, vorsichtig. Denn noch gibt es viel zu zerstören, da es noch nichts gibt. Und allmählich entwickelt sich aus diesem ersten Klecks, diesem ersten Punkt A eine geschwungene, gerungene Linie, die vielleicht zu einem Punkt B führt. Aber in Tat und Wahrheit geht es nicht um den Punkt B. Es geht um die Wellenform der Linie, das Auf und Ab der Haltungen, Tonalitäten, Schwingungen, Assoziationen. Genauso wenig, wenn auch regelmässig von Leser*innen erwartet, geht es um eine Aussage, eine Botschaft. Die liegt in der vibrierenden, bebenden Linie. In dem augenblicklichen Geschehen: Hier sitze ich und schreibe, und alles andere kann mir gestohlen bleiben und ist vollkommen belanglos und unnütz.

Dann schliesse ich das Heft. Selten nehme ich es nochmals zur Hand, um eine Geste darin zu verstärken oder zu nuancieren. (Nie jedoch, um sie abzuschwächen.)

Damit sind alle meine Gedichte Momentaufnahmen, Daguerreotypien: verrutscht und verwischt manchmal, immer aber so echt wie möglich in der Lebenshaltung, die mich gerade bestimmt und auf die ich mich einstimme, während ich schreibe.

Es ist also ein kurzes, heftiges Handwerk, ein Wirken am schnell erkaltenden Stoff des Lebens. Ich bin kein Tüftler, der ein Gedicht in einem Monat schreibt und sich lange wiegend und abwägend mit Metren und Reimen und anderen Künstlichkeiten befasst. Ich schreibe als Ausdruck meines Lebens. Ich habe kein Bedürfnis, etwas anderes auszudrücken oder zu sagen als mich. Es interessiert mich ganz und gar nicht, irgendwelche Sachgedichte zu schreiben, die symbolisch politisch wirken. Es interessiert mich nicht, irgendwelche heiteren Gedicht-Klabautermänner zu fabrizieren, die mit Sprachspielen entzücken sollen.

Ein Gedicht ist wie eine Seite aus einem Tagebuch, das ich nicht schreibe. Heute anders als morgen und gestern anders als je.

Serielles Schreiben

Wenn ich auf meinen Schreib-Pfad zurückblicke – denn ein Pfad war es, kein Highway: schmal und gewunden und ein erst spät erkanntes Hyperobjekt -, werden mir seine drei wesentlichen Phasen deutlich.

Der ursprüngliche Impuls: etwas sagen, was nicht zu sagen ist

Die erste Phase ist der ursprüngliche Impuls, der mich als Schreib-Person und meine Schreib-Persönlichkeit generierte und ermöglichte: eine unerwiderte Liebe, die mich ins Ausdrücken, ins „das Unmögliche in Andeutungen erstmals Aussprechen“ trieb. Dabei zeichnete sich früh ab, dass das Andeuten, das „Aussprechen ohne es auszusprechen“ (zu „es“ siehe meinen Eintrag Ein Gedicht schreiben: Es) für mich wesentlich würde. Es wurde bald zum Bedürfnis, Metaphern zu finden, die ungenauer trafen als vom Leser erwartet. Es wurde bald zum Bedürfnis, die Bilder quer in die Erwartungslandschaft der Leserin zu stellen.

Von der metrischen Strenge in den freien Vers

Die zweite Phase durchlief zwei Stadien: nach einer Vertiefung meiner metrischen Fähigkeiten liess ich die so erworbene Disziplin fallen. Dabei gestand ich mir erst spät ein, dass ich kein Lyriker bin, der diszipliniert reimt. Ich bin ein Lyriker, der den Wildwuchs liebt. (Genauso wie ich ein Religionslehrer bin, der die verqueren, die allzu fantasievollen, die autistischen Schüler*innen mehr über alles schätzt, den menschlichen Wildwuchs, der so herrlich glänzt und schimmert, dass einem fast schwindlig darüber wird.) Wenn Reim, dann unvorhersehbar oder in Alliterationen, Binnenreim. In der Ausübung der metrischen Strenge wurde mir immer enger und verlorener zumute: ich würde mich noch selbst erwürgen.

Umso herrlicher war die Befreiung im freien Vers. Umso schwieriger gestaltete sich diese. Gewiss konnte ich auf meine metrischen Grundlagen zugreifen, doch war mit diesen der Anspruch auch gestiegen. Ich musste fast alles neu erlernen. Denn trotz oder gerade wegen der gewonnenen, errungenen Befreiung im freien Vers musste ich in dieser „Form“ oder „Gestalt“ neue Strukturen finden und erwerben. Meine Themen standen neu zur Disposition: neue Metaphern mussten gewonnen werden.

Gleichbleibend blieb ein Thema: die (auch Selbst-) Enttäuschung, die Ernüchterung, die Wut. Sie waren und blieben die Treiber meines Schreibens. In dieser zweiten Phase wurde auch klar, dass das Andeuten immer zentraler wurde, das Indirekte nicht nur über Metaphern, sondern auch über ganze Bild-Konvolute und -Typologien und Chiffren gewonnen wurde. (Auch dafür ist der Eintrag „Gedichte schreiben: Es“ sehr aussagekräftig).

Das serielle Schreiben

Inzwischen hatte sich mein Leben grundlegend verändert. Ich hatte begonnen, keine Kompromisse mehr zu schliessen, was mein Schreiben betrifft. Ich hatte begonnen, nicht mehr daran zu glauben, was mir meine Umwelt weismachen wollte: dass ich einer Lebenslüge nachjagte, wenn ich daran dachte, „nur zu schreiben“. Ich gestand mir endlich zu, dass dies der eigentliche Sinn meines Lebens ist. Ich begann, mich als Lyriker zu benennen. Ich trennte mich von meiner Frau, verlor fast meine Kinder, gewann sie allmählich zurück. (Sie gewannen mich auch allmählich wieder zurück und lernten mich besser kennen als viele Kinder ihre Väter. So denke wenigstens ich.)

Ich schrieb inzwischen längst täglich, stündlich, immer. Der Schreibprozess nahm zunehmend überhand. Ich dachte und denke ununterbrochen an das Schreiben. Ich bin von Beruf Lyriker. Punkt. Mir das einzugestehen, hatte viel zu lange gebraucht.

Und damit setzte meine (bisher?) letzte Wandlung ein. Wenn du täglich schreibst, spielt die Disziplin, die Strukturierung des Geschriebenen eine grosse Rolle. Du beginnst thematisch reicher zu werden. Du beginnst wirklich den Tagebau, von dem du so gerne sprichst. Unablässig gräbst und grübelst du am gleichen Werk. Am gleichen Werk heisst auch: du schreibst unablässig das gleiche Gedicht. Du versuchst unzählige Schattierungen.

Und immer ist dir vor Augen die Musik. Du willst seit frühester Schreib-Zeit das Sibelius-Violinkonzert „versprachlichen“. Auf diesen Weg machst du dich jetzt, in dieser dritten Phase, auf.

Dann liefert dir dein Freund ein Alibi. Einen Ansporn. Das Heft, das er dir zum Geburtstag schenkt, hat 80 Seiten. Du als vehementer Vernianer (Apostel von Jules Verne) kannst nicht anders, als die Hand Gottes (oder wenigstens seinen Fingernagel) darin sehen. 80 Gedichte in 80 Tagen.

Plötzlich ist die jüngste maximale Herausforderung vor dir: nicht nur jeden Tag ein Gedicht schreiben, sondern „Variationen“. Die Ginkakuji-Variationen. Ein sprachliches Anreichern, ein Ausdeuten des Andeutens. Jeden Morgen sitzt du vor dem berühmten „leeren Blatt“. Und du erkennst, dass alles dich hierhergeführt hat: du bist parat.

Für einige Tage kämpfst du mit dieser Professionalisierung: heisst das nicht, dass du dich jetzt „verkaufst“, dass du jetzt „auf ursprüngliche Impulse“ verzichtest? Heisst das nicht, dass du nichts mehr zu sagen hast, weil du dich ja in das Konstruieren hinein wirfst wie jemand, der einen Roman schreibt?

Alles wird sich entsprechen, denkst du, ganz wie Baudelaire das in seinen „Correspondances“ gemeint hat.

Alles wird ein einziger Wirbel sein, ein wildes Treiben von Metaphern und konkreten Dingen.

Bist du glücklich?

Du bist es.

Alle Vorbehalte schmelzen dahin unter der täglichen Verve. Serielles Schreiben ist grossartig: es erlaubt dir, dein Schreiben als das Rollen des Steins zu verstehen. Und nach dieser Serie wirst du gewiss einen andern Stein finden, der auch auf der andern Seite hinabrollt und verloren geht. Aber das ist eine andere Geschichte, wie Michael Ende so schön geschrieben hat.

Mit schmalen Schultern

Mit schmalen Schultern rollen sie heran: als verfügten sie über die
Härte von Stahl die denen gegeben ist
Die nach Ruhm streben und sich versteifen
Sich verrenken und immer mehr versteifen wenn die scharfen Hinterköpfe
Gesichtszüge annehmen und die Landschaft aus ihrem Nicken und Wippen
Aus ihrem Ululieren und ihren unerwarteten Hornklängen
In eine quäkende und krabbenhafte Aussicht
Ausbricht wie der Winter im Sommer: du siehst das Lächeln des Kindes gegen seine eigene
Mutter in diesen schmallippigen greinenden Wellen heranrollen
Wie Gegenstände die jemand für verzichtbar gehalten hat: du siehst das gelegentliche Azur
Dessen Schönheit du niemals einzugestehen bereit sein wirst: mit tief im Schädel versunkenen Augen – cerclés
de bagues vertes – rollen sie ohnmächtig wie der geringste deiner Freunde heran und ächzen zu deinen Füssen aus mit diesem Ausdruck auf der Stirn
den du von den Gesichtern kennst: die Härte von Stahl und die Charakterkraft von Priestern
in einem tollkühnen Lauf entgegen der Güte und dem Guten:
die nach Ruhm streben mit knirschenden Zähnen
mit in Voraussicht schon mahlenden Zähnen: denn die Kiesel am Strand werden sie auflaufen lassen und zerstreuen wie eine Herde von Schweinen vor dem Abgrund: und doch werden sie
stürzen auf das Land wie jedes Mal: den Ruhm vor Augen wie ein unsichtbares Geschirr und du siehst
ihre schmalen Schultern wie in Unterleibsschmerzen gerafft und auf nachfolgende Schmerzen gefasst: oh wenn die Ohnmacht sich wandelte in
Allmacht: selbst dann könnte ich nicht glauben an ihre Freundlichkeit: ihre heissen verklärten Gesichter
Ihre verzogenen angeschmolzenen Gesichter starren wie Metall voraus
Auf den Schlammpfad des Grossen Regens gerichtet: du siehst
Die aufgestülpten Schreiner ihrer Lust und letzten Hoffnung weit in der See draussen
In der heimtückisch menschlichen See heraussen
Die ihre Faltenwürfe beispielhaft ans Ufer schickt: Emissäre deines stählernen Starrens und Harrens: auch deine Schultern sind schmal geworden mit der Zeit
Nachbarn deiner Ohren: auch deine Augen glühen noch von einer sengenden und hasserfüllten Reue
Am abgelegenen Ufer deines Exils im Alter.

Gedichte schreiben: Aus einem Gedicht ausbrechen wollen

Quelle des Bildes Von wpopp – Eigenes Werk, CC BY-SA 3.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=16431

Das Anspruchsvollste im Gedichteschreiben ist sicherlich das Beenden eines angefangenen Gedichts, das du für einen, für zwei Tage liegen gelassen hast.

Genau wie das Redigieren und Korrigieren, der Feinschliff eines Textes eine der schwierigsten Arbeiten darstellt, die ein Schreibende*r unternehmen kann: Klarheit gewinnen und Abrundung, Abschluss («closure») kann ganz schön unter die Haut gehen. Soweit, dass ein Text dabei manchmal einfach sterben muss.

Du hast mit dem Gedicht angefangen, du hast klare Vorstellungen gehabt, vielleicht sogar – so wie es mir passiert ist – eine Gedichtform, die metrische Präzision verlangt. Und metrische Vorgaben sind immer Grenzen, die du innerhalb der Grenzen zu sprengen versuchen musst. Sonst klingt dein Text steif und abgestanden, nicht gegenwärtig. Sonst ist das, was du sagen willst (oder sagen könntest), verschüttet in Kunstfertigkeit.

So habe ich mich am Freitag an ein Gedicht namens «Die ungeteilte Leidenschaft» gesetzt, das ich am vergangenen Dienstag begonnen habe. Es ist in der Form einer Sestine abgefasst. Ich habe am Dienstag und am Mittwoch erfolgreich daran fortgeschrieben. Wenn ich auch am Mittwoch in ein grösseres Schreibformat (von A5 zu A4) wechseln musste, um die Gesamtkomposition im Auge zu behalten. Donnerstag fand ich keine Zeit, daran weiterzuschreiben.

Am Freitag nun habe ich mich am Rand des Tennisplatzes im Margrethen hingesetzt und versucht, den Faden dort aufzunehmen, wo ich ihn fallen gelassen habe. Doch trotz einstündiger Bemühungen bin ich keinen einzigen Vers weitergekommen. Das Thema der Leidenschaft für die Poesie schien mir im Gedicht plötzlich eingeengt, metrisch und durch die Gedichtform, aber auch durch die sprachliche Einstimmung des Gedichts. Als habe der Geigenbogen zu wenig Kollophonium, oder als habe die Hand, die ihn führte, jegliche Feinmorotik für diese so schwer zu erlernende «anklebende», aber nicht anpressende Leichtigkeit-Bestimmtheit der Bogenführung verlernt.

Darauf habe ich versucht, aus dem Gedicht auszubrechen. Meistens sind die ersten paar Wörter oder Sätze gut und richtig, wichtig und prägnant. Doch auch dieser versuchte Ausbruch aus dem Gedicht – auch das Weglassen der Form – halfen nicht. Der Gesang, den ich gehört hatte, der mich ins Gedicht getragen hatte, war verstummt. Das ganze Gedicht starb unter meinen Händen, so könnte man es sagen. Entmutigt liess ich es bleiben.

Doch die Stimmung, die Ansicht, die mich ins Gedicht getrieben hat, diese Haltung ist nicht weg. Sie sitzt in meinen Schulterblättern und wartet darauf, dass eine gewisse Zeit vergangen ist, köchelt ihre Suppe in meinem Unterbewusstsein und wartet auf ihren Moment. Ich lasse also einige Zeit verstreichen und setze neu an. Diesmal war das Ausbrechen keine Lösung. Vielleicht braucht das Ausbrechen noch einige weitere Vorbereitungszeit, einige Tipps von andern Insassen, einen helfenden Abbé Faria.

Eine Leidenschaft, mit der ich allein lebe

Ein Rückblick auf vier Tage Lesung auf dem Holbeinplatz im Rahmen des «Tags der Poesie 2021»

Gerade bin ich durch den warmen Sommerabend zurückgeradelt ins stille Quartier, wo ich wohne. Ich habe mir einen leichten, billigen Weisswein eingeschenkt und will sofort Bilanz ziehen, da alles noch so frisch ist.

Das sind schon zwei

Ja, Poesie ist nichts, was in diesen unseren Städten und Dörfern und Ländern interessiert, interessieren kann. Für die Poesie musst du stehen bleiben und dein Ohr neigen. Das kann heute niemand mehr. Nur die Kinder – besonders jene, die noch nicht lesen können oder es gerade lernen – haben die Neugier und die Aufmerksamkeit noch, etwas zu bemerken, was keinen Wert hat. Wert hier im Sinne von «verwertbar». Das sollte uns alle aufwecken.

Ich bin schon wach. Das ist schon mal klar. Es ist ein ungeheures Erlebnis, jeden Tag wenn auch nur 2 Stunden auf einem öffentlichen Platz zu stehen und weilen. Und alles aufzusaugen, was man da erlebt: vom Spatzenflug und -schnattern über den Schattenlauf und die Sonnenflecken, vom Flug der Tauben über den Dächern bis zum kleinen Jungen, der von seiner Mutter erbarmungslos hinterhergezerrt wird – fast wie das Schosshündchen aus meinem Gedicht «Holbeinplatz». Nicht zu vergessen das alte Ehepaar, das sich schneckengleich nach Hause bewegt, von ihren Stöcken aufrechtgehalten. Und besonders den Penner, der immer von 16.00 bis etwas 17.00 Uhr seine kleine Stadtpause macht, mit seinem Dennersack und seinem schweren, verarbeiteten Körper.

Die Wahrheit von Günther Eichs Gedicht («Ich habe einen Leser in Thessaloniki/Und einen in Bad Nauheim/Das sind schon zwei») wurde mir wieder einmal schmerzlich bewusst. Es ist ein Kampf gegen Windmühlen. Es entmutigt und verärgert und lässt einen an der eigenen Leidenschaft zweifeln.

Ich kann nicht sagen, wie schwer es ist, mit dieser Leidenschaft für die Poesie aushalten zu müssen, die niemand teilt. Ich will es auch nicht schwerer darstellen, als es ist. Doch es ist wie mit jeder Leidenschaft: je mehr du sie befeuerst, umso verzehrender wird sie.

Ich möchte mich bei den 5 Zuhörern bedanken, bei Matthias, bei Andreas und der namenlosen Frau, meinen beiden Eltern. Diese 5 Personen haben meine echte Achtung, auch wenn alle 5 wegen mir – und nicht wegen der Poesie gekommen sind. Denn selbst meine eigenen Freunde sind nicht gekommen.

Das kann einen verbittern. Das kann einen umso mehr verbittern, als mir seit schon sehr langer Zeit bewusst ist, dass Poesie oder Gedichte keinen Stellenwert haben. Viele Menschen leisten nur «Lippendienst» (wie die Engländer so schön sagen), aber nur wenige engagieren sich wirklich dafür. Und die «anerkannten» Lyriker*innen klingen in meinen Ohren eher wie Bürokraten der Lyrik als wie vehemente Verfechter einer aussterbenden Sorte von Leidenschaft.

Eine bittere Bilanz also?

Sicher überwiegt die Bitterkeit. Doch gehört diese zu meiner Lyrik wie meine Brille zu meinem Gesicht. Sie ist eine Triebkraft meiner Lyrik; nicht die wichtigste, aber eine der dankbarsten. Wollen wir sie also kurz hochleben lassen!

Es lebe die Bitterkeit, hoch soll sie leben! Dreimal hoch!

Doch ist es ein wundervolles Gefühl, seine eigenen gescheffelten und geschliffenen und geherzten Worte in die Luft eines öffentlichen Platzes zu sagen. Mit der eigenen Person und der eigenen Stimme mit dem Platz zu verschmelzen, eine Art Artefakt des Platzes zu werden – genau wie der Körper des alten Mannes, der einmal im Tag den Platz mit seinem Dennersack besucht, um sich dort auszuruhen. Es ist wundervoll, wenn der Verkehrslärm momentan verebbt, du die Bäume über dir rauschen hörst, die Spatzen zetern, von ferne eine Kinderstimme, die Sonne auf deinem Gesicht, und wenn du in den Schatten trittst, den Schatten.

Ich glaube ganz fest, dass ich damit etwas Gutes für die Welt getan habe. Das klingt in den Ohren der meisten vermutlich einfach idiotisch. Aber ich verstehe heute erstmals, wie idiotisch du sein musst, wenn du etwas für dich wirklich Wichtiges und Bedeutendes machst. Wie die ersten Christen, möchte ich fast sagen: «Unsere Klugheit ist ihnen Torheit», wie Paulus das so oder ähnlich in einem seiner Briefe gesagt hat.

Fast hätte ich also Lust, gleich nächstes Wochenende wieder irgendwo mich hinzustellen und zu lesen. Der allgemeinen Gleichgültigkeit trotzen, der Hast und der Unaufmerksamkeit, der Unachtsamkeit – die ja unsere Welt bereits unheilbar an den Abgrund geschoben haben – etwas bewusst anderes entgegen halten und sprechen. Töricht ja, aber leidenschaftlich töricht. So töricht, dass es schon wieder fast durchtrieben zu nennen ist.                                                                                                        

Du kannst mir alles sagen

Die Tränen würgen mich.
Ein Schluchzen wie ein Husten schüttelt mich
Und befreit Achseln und Arme aus dem Kotau.
Nicht verstehe ich. Ich möchte
Eine auffliegende Haltung annehmen
Denn der schweissschwere Flaum meines Körpers sträubt sich
Selbst meine Nasenflügel weiten sich unterm widerborstigen Streben der Zilien
Möchte aufgerichtet aufstreben
Aus dem feuchten leicht ansteigenden Moai-Matten
Möchte… es gibt so viel zu erklären
Es gibt so viel zu verstehen
Es gibt so viel das unfertig
Ungesichtet ungerettet
Herumliegt in allen Mündern meines Körpers
Und das doch nicht den Weg behindert
Weil der Boden sich ständig hebt und hebt
So scheint es mir aber wer bin ich denn
Dass ich sagen könnte: hebt und hebt
Vielleicht wäre eher sinkt und sinkt das richtige Wort
Ja ich sinke und hebe mich
Hebe mich und sinke
Und wie ein Moorgang
Lauter rundgerollte und geschliffene Findlinge
Von der Boulekugel bis zum Bollwerk
Und das Lispeln der Erlen
Über dem reissen Knallen meiner Sarkomere
Und ich möchte diese auffliegende Haltung
Doch nicht wieder aufgeben und
Einsinken in die nachgiebige
In die verzeihende Erde bis zur Hüfte und
Darüberhinaus bis nur noch meine Nase
Ihre Flügel ausbreitet und ich schluchze auf
Es gibt doch mehr als dieses geschmeidige
Mukusgelbe Lachen
Nicht wahr und ich möchte
Nicht als Archäologe
Mich selbst Schicht um Schicht
Freilegen müssen das musst du wissen
Und an all dem Gestammel und Gebammel
Denn Furcht ist wie die Trauer
Das Öl das mich anfeuert
Und Wut natürlich aber verstehen
Mein Verstehen geht nicht beim besten Willen
Mute mir das nicht zu: ich spüre
Das feine Tippen der Tropfen an meinem nackten Hals
An meiner vernachlässigten überwucherten Kehle und nähme ich
Es auch in Angriff und griffe mit entschlossenen Schaufelhänden
In die schwarze ungepflügte Erde
Um zu heben was zu heben Wert ist
Tiefer als mein versunkenes Geschlecht
Tiefer als meine einwärts gedrehten Füsse
Über ich schon als Kleinkind unablässig gestolpert bin
Siehst du ich bin sogar bereit
Meine eigenen Körperteile zu Sündenböcken zu erklären
Um dem Unausweichlichen zu entgehen
In dem ich zu den Aktinomyzeten an meinen Wurzeln zu halten bereit bin
Oh und ich fürchte mich gar nicht am Stickstoff zu ersticken
Ich muss ja dort unten gar nicht atmen
Wo der Pfeffer für meinen Hasen begraben liegt
Ja du hörst es: lieber taumele ich
Über die feuchten Planken
Die mich weiter hineinführen
In die unaufweichliche ödemfreie
Bindungslose mehrstimmige
Du würdest sagen: unstimmige
Rampe die ich bin
Ah ich bin das Nitrat für diejenigen
Die sich zwischen diesen erratischen Blöcken
Auf eigene Gefahr begeben wer bin ich denn
An dieser Aufgabe diesem Zweck zu zweifeln
Und auch wenn mein Schluchzen noch kein Begreifen ist
So ergreift es mich doch ein wenig
Dass ich noch dazu fähig bin und
So selbst ergriffen aber
Verständnisinnig verständnislos
Starre ich weiter auf das graue Meer hinaus
Das in seinen unzählbaren Bewegungen
Bis an den Strand ausstrahlt
Und an meinem Nabel leckt wie du nie
In dem sich immer wieder die Staubfetzen sammeln
Die du aufwirbelst in meiner tropfenden
Bunkermentalität: bin ich nicht
Die Versinnbildlichung des Begriffs
Réduit… doch auch darauf
Kannst du mich nicht reduzieren
Denn unter den schweren Glocken des Nieswurzes
Unter dem weissen Afro des Wollgrases liegt doch
Hoffentlich und ich höre dich seufzen und zweifeln
Liegt doch immer noch der Granitfelsen
Auf dem das alles aufliegt
Als Erdfell: unverrückbar liegt es
Kalt und hart und mit seinen äonenalten
Epochewährenden Schürfungen und ich
Möchte wie eine Dohle
Keckern aus dieser Beziehung auffliegen
Denn immer noch warte ich auf das lange graue Gesicht
Eines Roggeveens: was hälfe es mir denn
Zu verstehen: im salzigen Wasser stehen und
Wissen müssen: unterm Würgegriff meiner Tränen
Länge ich meinen Hals wie einen Hafenkran
(Hooray, Dylan!) und hebe
Wer weiss ein letztes verbocktes Mal
Meinen Kehlkopf mit einem spöttischen Ziegenblöcken
Bis er mein Gaumensegel berührt
(was für eine österliche Liebkosung!)
Und breite den Findling meiner Zunge aus
Über die nebeltrübe Herbstfläche
Die nur für dich zum Haifischbecken wird
Und spüre das Zerren des Muskelkaters
Und blicke so unter der Schirmherrschaft meiner Zunge
Hinaus auf die Geröllhalde
Und wenn du möchtest: den Steinbruch
In dem ich das Unverstandene und das Unausgesprochene verklappe
Und die Tränen zeichnen in den Staub
Die Umrisse einer neuen Gestalt
Oder eines neuen Kleides
Gräulich wie die Asche in den Urnen.

Eine eigene Welt

(Screenshot aus dem Trailer von „The Place…“ von Makoto Shinkai. Dieser Screenshot zeigt schön auf, worum es letztlich in allen meinen Romanen geht.)

Gestern habe ich „In Viriconium“ von M. John Harrison fertig gelesen, den dritten Roman seiner „Viriconium“-Trilogie („Die Pastell-Stadt“, „Ein Flügelsturm“ – die beiden andern Romane der Trilogie, entstanden 1971, 1980 und 1982) .

In meiner Ebook-Ausgabe von diesen Werken folgen auf diese Romane noch einige Geschichten, die in und um die sagenhafte modern-mittelalterliche Stadt namens Viriconium angesiedelt sind. Sie verleihen den drei Hauptromanen durch ihre Nebenfiguren und Parallelhandlungen ein zusätzliches Schillern an Glaubwürdigkeit und „Echtheit“.

Viriconium gibt es nicht „in Echt“

Nicht nur diese drei Romane haben meinem nun bereits halbjährigen nächsten Versuch, einen Roman auch wirklich fertig zu schreiben, zusätzlichen Schub gegeben. Mehr noch hat dazu ein Artikel von M. John Harrison selbst beigetragen, der mich die Tragweite und Grenzen einer „literarischen Konstruktion“ besser verstehen liess. Der Artikel heisst „What it might be like to live in Viriconium“ und stammt aus dem Jahr 2001 (zuletzt abgerufen am 13.06.21).

Dieser Artikel ist zugleich eine Bejahung der Existenz (und Existenzberechtigung) von literarischen Welten als auch eine Absage an deren Existenz. Darin erklärt er, dass er diese Frage weder gestellt bekommen noch beantworten wollen habe müssen. Und er fährt fort:

Daher machte ich diese Welt zunehmend veränderlich und komplex. Du kannst ihre Regeln nicht lernen. Noch wichtiger, Viriconium ist nie zweimal der gleiche Ort. Das kommt daher, weil es – wie Mittelerde – kein Ort ist. Es ist ein Versuch, die Güterkosten zu beleben, die angeboten werden. Diese Güter sind, wie in Tolkien, Moorcock, Disney oder Kafka, Le Guin oder Wolfe, ideologische Güter. Viriconium ist eine Theorie über die Machtstrukturen, die die Kultur zu verhindern geschaffen ist; eine Allegorie der Sprache, wie diese nur scheitern kann; die Bekanntmachung einer philsophischen (um nicht zusagen ethologischen) Verzweiflung. Und gleichzeitig ist es eine schamlose postmoderne Fiktion (Romanliteratur) des Herzens, aus dem just aus dem Grund all die von uns ersehnten Werte herausgeschwemmt worden sind, damit wir sie wieder dorthin zurückstecken wollen (und sie in diesem Versuch wieder neu betrachten). Wie alle Bücher ist Viriconium einfach ein paar Wörter. Da gibt es keinen Platz, keine Gesellschaft, keine verlässliche Zukunft, um es „echt zu machen“.

Eine schamlose postmoderne Fiktion des Herzens

Seit „Akira“ und noch stärker seit „Ghost in the Shell„, die, wie ich gerade verblüfft feststelle, immerhin 7 Jahre auseinander liegen (1988 und 1995), bin ich fasziniert von zweierlei Themenkreisen: auf der einen Seite von der Pubertät als jener Zeit, da in der Veränderung plötzlich Unglaubliches möglich scheint – sogar die zeitweise Verwandlung eines Menschen in einen Panzer -, und auf der anderen Seite von den apokalyptischen Szenarien, die mit der Klimakrise und Covid-19 noch viel realer als in meiner Kindheit und Jugend wurden. Seither möchte ich ein Buch schreiben, das diese beiden Themen verbindet. Oder vielleicht halt doch eher Bücher, die diese beiden Themen verhandeln.

Derzeit sitze ich an „Jetzt kannst du nicht einmal mehr sprechen„, einem Roman, den ich für meine Tochter schreibe. Darin geht es um die übernatürliche Invasion von fremden Wesen namens Sirenen in eine ganz und gar befremdliche Gegenwart, die dennoch den Orten, an denen sie spielt, gleicht. Menschen verwandeln, verändern sich. Nukleare Katastrophen und Umwelt-Terroristen haben die Schweiz aufgespalten in einzelne kleinere Gebiete, lange Zeit herrschten bürgerkriegsähnliche Zustände. (Ich möchte mit seiner Rohfassung im Januar 2022 fertig sein, um ihn bis zum nächsten Januar – 2023 – zu überarbeiten und „gut zu schreiben“.)

Nachdem ich Harrisons „Grundsatzerklärung“ (wie ich sie bei mir nenne) entdeckt und gelesen habe, wurde mir klar, dass ich mir weniger Gedanken um die „Echtheit“ als um die „innere“, philosophisch-psychologische Glaubwürdigkeit der Geschichte(n) machen muss. Das hat mich sicher sehr befreit, fast ein wenig dynamisiert. Auch das in dem Aufsatz angedeutete Spiel mit einer schillernden Erzählwelt hat mich angespornt und überzeugt, meinem grossen Romankomplex (auch eine Trilogie, wie kann es anders sein) den Raum und die Schreibzeit zu geben, die sie braucht.

Umso mehr, als ich während des Schreibens unwillkürlich in die Nebenräume der Romanwirklichkeit eingedrungen bin, die von den beiden anderen Romanen beschrieben wird.

Ausdehnung der Schreibzone

Meine beste Freundin hat mich letzthin eindringlich davor gewarnt, mich im Schreiben nicht zu verzetteln. Mich ganz auf den jetzt vor mir liegenden Roman zu konzentrieren. Doch in meinem Schreiben habe ich die beiden andern angefangenen Romane indirekt „wiederbelebt“: „Bewahrung der Welt“ heisst der eine, der im Freiamt (AG) spielt – das gar nicht mehr das Freiamt ist, wie es die Freiämter kennen dürften -, „5 Stunden bis zum Krieg“ der andere.

Der Titel des Letzteren übrigens ist ein schamloses postmodernes Zitat aus Makoto Shinkais Meisterwerk „The Place Promised in Our Early Days„. Darin fällt dieser für mich und vermutlich für viele Pubertäre und Jugendliche prägende Satz:

Ich bin die einzige, die auf der ganzen Welt übrig geblieben ist… So fühlt es sich an.

Als ich nun beim Schreiben bemerkte, wie der Roman mit der zunehmenden Anzahl der geschriebenen Seiten zu atmen begann, war ich nicht nur glücklich, sondern merkte auch, dass er die Verbindung, das Glaubwürdigkeits-Netzwerk der anderen beiden Romane braucht. Er ruft danach.

Ich habe diesen beiden anderen Romanen nachgespürt und in ihnen nachgelesen. Sie haben mich gerufen, aber ich muss sie besänftigen. Ihre Zeit ist noch nicht gekommen, sonst werde ich mich wie meine beste Freundin zu Recht befürchtet, wieder verzetteln und verlieren.

Doch werde ich mir erlauben, die Schreibzone auszuweiten: zentrale Grundlagenliteratur für alle drei Romane ist ein Buch, das ich damals, während des Schreibens an „Bewahrung der Welt“ in den Jahren 2013-2015, „Das Buch von Wicky Alois“ genannt habe.

Dieses Buch nimmt seinen Ursprung in dem spätmittelalterlichen Roman „Wigalois. Der Ritter mit dem Rade“, der selbst eine Art Metaroman der hochmittelalterlichen „Aventiure“-Romane ist. 2015 hatte ich begonnen, diesen Roman ins Schweizerdeutsche zu übersetzen. Es ist bei der Bemühung geblieben. Aber jetzt, da er mir wieder in den Schreibprozess „gefallen“ ist, werde ich ihn nahe bei mir halten, um ihn immer wieder „hineinsprechen“ zu lassen in meine unkonsequenten, veränderlichen und komplexen „Welt“, in dieser zunehmend komplexeren und veränderlichen Gegenwart, die wir erleben.

Erkennst du das Verfahren? Es heisst Leben.

Und noch einen Anstoss hat mir Harrison gegeben. Ich bin Hals über Kopf in meinen Roman gestartet – noch dazu in der Ich-Perspektive! – und habe ich mich immer wieder an Wendepunkten oder in schwierigen Situationen gefragt: Was mache ich da überhaupt? Hat das denn einen Sinn, ganz vergessen: eine Glaubwürdigkeit?

Als Antwort möchte ich nur Harrison zitieren. Und mir die Gedanken zur Ich-Perspektive für ein andermal aufsparen:

Du kannst es nicht für diese Dinge lesen (für die Echtheit der Dinge darin), daher musst du es für alles andere lesen. Und wenn seine Landschaften nicht kartografiert werden können, seine Drohung einer unendlichen Tiefe (oder wenigstens von unendlicher Rezessivität) kann nicht aufgelöst werden, sondern muss zu ihren eigenen Bedingungen akzeptiert werden, als eine Garantie wirklichen Abenteuers. Keine Person „überlebt“ Viriconium je: sie können im besten Fall, nachdem sie hineingesogen worden sind, darauf hoffen, ganz wieder ausgespuckt zu werden (wenn auch verändert). Erkennst du das Verfahren? Es heisst Leben.

Und ist das nicht eine wundervolle Antwort auf R. L. Stevensons Aussage darüber, dass „Bücher ein ziemlich blutleerer Ersatz für das Leben sind„?

Erfunden und/oder wirklich?

Die erste Reaktion auf einen unredigierten, kaum wöchigen Text ist meist dem berühmten ersten Blick bei einer Begegnung oder dem noch berühmteren ersten Eindruck bei einem Vorstellungsgespräch zu vergleichen: die ganze Daseinsberechtigung des Textes, sein „Lebenswert“, wenn du so willst, steht auf dem Spiel.

Die meisten Erstleser*innen oder Ersthörer*innen kennen mich gut, sind Bekannte oder Freunde. Ihre Perspektive auf den Text ist also meist von einem Bedürfnis des „Erkennenwollens“ geprägt: sie wollen die Stimme, die Erfahrungen, die typischen Merkmale ihres Bekannten oder Freundes wiedererkennen im Text.

Dabei unterscheidet sich die Rezeption von Lyrik und Prosa wesentlich. Während meine Gedichte in meinen Erstleser*innen oft Befremden und manchmal auch pures Unverständnis auslösen – denn die wenigsten sind geübte Lyrik-Leser*innen – und eine Ratlosigkeit in Bezug auf meine eigene „Rolle“ sowohl in der Verfertigung des Gedichts als auch in seiner Perspektive oder Tonalität, bietet sich der Prosatext weit besser für mögliche Identifikationen an.

Ähnlich jedoch wie im Gedicht sucht die Ersthörer*in im Prosatext dann aber doch den Urheber, also mich. Sehr gute Freund*innen haben meist keine Mühe, mich hinter den Masken des Erzählers oder der Figuren zu „entlarven“ – wie sie denken.

In den Gedichten rede ich meist von „persönlicher Färbung“. In Prosatexten spiegelt sich manchmal weit mehr: von der persönlichen Haltung in politischen und gesellschaftlichen Dingen über von mir bereits oft referierte prägende Erlebnisse bis hin zur eher dunkeln, melancholisch-pessimistischen Männlichkeit, die für mich prägend ist.

In den Erzählungen jedoch versuche ich mich, „aus dem Fenster hinauszulehnen“. Ich versuche bewusst, meine eigene Perspektive zu verlassen, andere Rollenbilder und andere Gestalten zu animieren. Die Lebenswirklichkeit, wenn du so willst, einer anderen Person aus ihrer Sprache heraus entstehen zu lassen.

Das ergibt sich manchmal ganz spontan, ganz intuitiv. Ein andermal ist es eine lange, quälende und unablässige Suche nach der Form, der Geste. Dabei ist das Schwierigste gewiss das Erschaffen dieser Lebenswirklichkeit, besser gesagt: das wirklichkeitsmächtige Erschaffen dieser Lebensform und -haltung, die du im Kopf hast.

Und manchmal – das ist so wie die Aufzählungen, die sich in deinen Gedichten ausbreiten, wenn du nicht aufmerksam bist: eine Müdigkeitserscheinung – rückst du von dieser Haltung ab und fällst in das eigene Erzählen zurück. Denn darin fühlst du dich ja wohl, vielleicht auch sicher.

Und da komme ich auf den Anfang dieses Eintrags zurück: Freunde und Bekannte unter den Ersthörer*innen erkennen darauf sofort, dass du daraus sprichst, wenn du in deinen „Default“-Modus zurückgefallen bist. Und sie fühlen, dass das Erzählte an Wirklichkeit, an Wahrhaftigkeit gewinnt – und finden es „stärker“ und „wahrer“ als das „Erfundene“, für das du dich so angestrengt hast. Und das vermutlich zu recht. Du solltest vermutlich nur noch von dir ausgehen; das kannst du in den Gedichten besser als in Erzählungen.