Flucht-Gedicht 2

Leicht sind vergessen Schulden
Und Rechnungen. Schnell etwas schlingen,
Nudeln und Chips. Die Folgen
Mit Starkalkoholpegel bingen;

Kohlenhydrate geilen
Genauso auf wie Illusionen,
Schuldvoll-erregt noch einen
Runtergeholt, Millionen

Male den gleichen Ablauf –
Die Freunde erschöpft vom Spendieren
Nehmen mit Nachsicht Anlauf…
Verständnis, das wird nicht rentieren:

Kann viel zu gut verdrängen,
Das hilft vor diesen Zwängen.

Guaven fallen lassen

Sie schenkte sich einen Brandy ein.
Die Zeit reizte sie, liess sich im Gaumen
Herumrollen; sie hasste die Launen:
Als wüchs ihr scharrend ein drittes Bein!

Im Warten schwindet der Spielraum mehr
Und mehr, füllt sich mit kreischendem Sound
Von den Ibissen, niemals erstaunt –
Auf Dächern die Affen im Hin und Her:

Guaven lassen sie angekaut
Ins Gras fallen, krakeelen schnell weiter,
Noch nicht fertig, noch nicht, nicht gescheiter –
Sie denkt an Bürokratie und schaut

Ins Glas: Fensterchen ohne Ausschnitt.
Zuerst ohne die Kerzen, dann mit.

Keine Ausreden

Es gibt keine Ausreden
Vor dem blanken Morgen –
Und such nicht nach Auswegen,
als gäbs ja noch morgen –

Dein Schaffen ist Aufgabe,
und du scheust die Hürde?
Und wart nicht auf Eingabe
Nur im Tun ist Würde,

im Tun, wenn die Müdigkeit
Fantasie vernebelt,
im Tun, wenn du Sprödigkeit
mit Kaffee aushebelst,

nur im Wort ist Würde,
erleichtert die Bürde.

Der Winter kommt

Die Armut setzt aus, du füllst das auf,
Was ausgegangen war. Der Winter kommt,
Die Wohnung ist warm. Die Tasse summt,
Du schlürfst von dem gelben Tee, schaust auf:

Die Schränke nicht leer und alles bereit
Für Durststrecken, Zeiten ohne Geld:
Toilettenpapier ist aufgestellt
In Türmen, die Dinge aufgereiht:

Es gibt wieder Nudeln, Linsen, Reis
Und Mehl, Tomatensosse, Nüsse
Und Honig, für heute Schokoküsse,
Und Zahnpasta, Seife, Büchsen-Mais.

Du fühlst dich beschenkt, hast was du brauchst.
Du flüsterst zum Tee, auf den du hauchst.

Autobiografie

Es ist mein Erbe
Unterdrückte Wut,
Die blinde Scherbe,
In der ich nicht gut.

Die Vaterkerbe,
Die noch weiter geht,
Mit starken Verben
In die Ader schlägt.

Bevor ich sterbe,
Möcht ich noch die Furcht
Im Wort-Gewebe
Tilgen bis zur Frucht.

Kein Grab aus Erde:
Ein Horn voll Werden.

Dazu nein

Es gibt die Anwege, schwarzer Stein:
Und wenn Körper wie Wellblech sich krümmen,
Und wenn Mädchen die Plätze erstürmen,
Dann ist, was wird, menschlich-saurer Keim.

Es gibt die Wartezeit, Bellen kaut
Am Selbst-Lob, an dem Vergebens auch,
Und du, Abendgestalt, wie der Rauch,
Du fühlst dich wieder nicht angeschaut.

Es ist, was wird; der Duldermut
Ist schon scharf auf die Kluft gerichtet,
Die schwarz brennt in den Tagen, den schlichten,
Wo nichts verrichtet als Niemandsgut.

Es gibt die Haderer; dazu nein.
Sie schenkte sich einen Brandy ein.

Brandy

Sie schenkte sich einen Brandy ein.
Zuerst ohne die Kerzen, dann mit.
Obwohl einfacher Cognac-Verschnitt,
war dies doch besser als stille sein.

Die Wärme stieg in der Kehle auf,
und da, wo der vergangene Tag
wie sich windende Haarballen lag,
Erhob sich plötzlich ein warmer Schnauf.

Ein Wort ums andere kam hinzu,
Gebet, Knäuel aufdröselnder Spruch,
und schnell, heiss wie ein brennendes Buch
Verglühten all die Warum, Wozu,

Verloren sich in dem Kerzenschein
Und liessen sie in den Spielraum ein.

Unter den Brettern

Ich seh dichs ja mit dankbar gesenktem Kopf erdulden,
Das Brust-an-Brust-Gedrücke, die Hände auf dem Rücken,
Das leicht verschenkte Kosewort, sauer wie ein Gulden,
Den viele Hände hin- und hergedreht; aus freien Stücken

Hervorgetreten aus der Scham möchtest du die Lüge entblössen
Wie freigelegte Gletscherbahn, fein geschliffne Steine,
Ein Rieseln halb aus Schande, gespiesen von Verstössen,
Die niemand meinten als wieder nur dich selbst, ja, weine

Und schneuze dich im Morgen, gestiegen aus dem Schragen,
Der ungeteilten Schweissstatt, dem Gleisbett fremder Träume,
Erschöpftes Nieseln unter den Brettern, die kaum tragen
Den ausgelassnen Tanz und das Stampfen, dort in Räumen,

Wo Hände unumwunden den kalten Sand erkunden;
Dass jemand Lügen traut, das ist doch nicht dein Verschulden.

Der Schwindel

Du weisst, wie selten unwirklich nahe Ziele sind,
Wie rasend sie im Auge verlieren ihre Wut, das Kreissen
Nach mehr und mehr vom Gleichen, von Leere voller Spind,
In dem die feinen Beine mit kühlem Streichen kreisen,

Die Nähe dehnt sich aus, Universum tollen Sinns,
Die Zungen lappen schal, Allianzen finden Zwecke,
Die Reibung stillt die Töne; der Einfluss dieses Dschinns
Mit Namen «Bin gleich da», wie erklingt er aus den Hecken,

Als könntest du hineinragen lang und bis zum Steiss
In diese Kehren-Welt, in das dichte dünne Toben,
Wo rasend um dich dreht die Bedingung ihre weiss
Geglühte Kost, mit spitzem Gefinger schält ein Oben

Aus all dem Schwindel, kauerst du in schweissgetränkten Mulden.
Ich seh dichs ja mit dankbar gesenktem Kopf erdulden!

Leere Schränke

Du siehst den Schnee schon liegen in deinen eignen Wänden,
Du denkst, es fielen Reiskörner, die aus Stille stechen
Den ersten Ton, der dir aus den steifen lauen Lenden,
Den unberührten, steigt, ein Gesumm von roten Rechen,

Die deine letzten Vorräte schnell zusammenkehren,
Als seien sie die Infektion, die Genesung endlich brächte;
Du würdest gerne umkehren, würdest gern vermehren
Die Leere deiner Schränke, die eigne Stimme schächten,

Die scheuen Pferde satteln, von hoch hinab erzählen,
Warum das deine Welt ist, das Reissen heisser Saiten
Im dunkeln Schaft des Herzens erklingen lassen, wählen
Den schmalsten Ton, der spitzen Gewalt verkühlt entgleiten.

Ich seh dich singen, stilles Stechen, du – vom Hunger blind –,
Du weisst, wie selten unwirklich nahe Ziele sind.