Ich will gar nicht erst anfangen mit den Milchaugengäulen vor der Hochzeitskutsche auf dem Sanktmichaelshügel
Und unten in der Milchsuppe die Schärpen aus Krähen
Ein Beginn wie unwirtliches Gebet am Anfang eines Wintertages
Noch verklebt vom Schweiss der Träume
Ausgespannt über mein Atlantis-Leben zwischen zwei Kontinenten: doch einfach gehen lassen
Wie der Ausblick von der Rigi auf mein Heimatland
Da drüben der Lindenberg mit seinen Pappeln und seinen Rapspupillen wie die Streifen eines Luchses
Dort die verschlungenen Reussgründe und weit hinten die Säule des Atomkraftwerks
Wie dieser Ausblick durch die Augen geht und einen Moment oder zwei eine Art Erkenntnis aber keinen Halt findet
Weder Dauer noch Erwiderung kennt
Kann ich diese Träume nicht gehen lassen
Denn diese Milchaugengründe
Zeigen mich als Kern
Als Samen: die tiefsten noch nicht ausgeschabten Wundhöhlen
Die ausgehöhltesten noch nicht ausgeleuchteten Rücken gefüllt mit dir
Diesem Abschatz der Träume
Diesem Spiegelgrund von Furcht und Abscheu
Scheu und Fürsorge: eine bronzene Frau zierlich wie eine Pappel mit diesem starkgelben Auge eines Ziegenbocks
Einer geschmeidigen Stimme und ich im Palace auf einem Balkon mit Sicht auf die Savoyer Alpen
Das bittere Prickeln von Champagner auf der Zunge und eine Kälte auf der Stirn wie eine Eisenkrone
In meinen Ohren ein ständiges Tapiola wie eine Zentrifuge
Und die Kinder mit ihren gestreiften Krawatten hinter dem Hotelkasten
In seinem Moosschatten und du leitest ihr Spiel an
Lachend tragen sie sich über die abschüssige feuchte Erde
Die leise nach russischem Tee fünfmal aufgebrühtem russischem Tee schmeckt wenn auch du prustend hinfällst
Und alle Kinder auf dich stürzen wie ein Spatzenregen: und wieder ihre Lagerfeueraugen und ich mit gesitteten Huckleberry-Schössen in der Bar am Fenster mit Aussicht auf ein Bourbakipanorama über einem Gedicht wie eine Gletschermühle und da heulen die Sirenen auf und auch du
Hechtest mit aufgestelltem Kragen in die Kellergewölbe des Molochs: die Träume einfach weggeben
Weggehen lassen: das ist doch nicht möglich
Als seien sie vollgeschissene Windeln die so schnell wie möglich vor die Türe gestellt und der Abfuhr übergeben werden sollten: mit aufgestelltem Kragen und voller Wut über diesen unnötigen Krieg
Der über unsere Köpfe hinweg geführt wird und schätze die Stärke des Kaffees immer noch ab in deinem Mund und rufe ihren Namen
Der sich wie Zahnschmelz anfühlt
Wie die Ohren eines Esels in deinem Gesicht
Und deine Stimme gleicht den Kartoffelessern
Und ich zähle mit meinen Kollegen die Kinder durch
Ihre weichen Visagen wie Äpfel unterm Baum und da sehe ich sie
Ihren schlanken schimmernden Körper in eine Isidora-Duncan-Toga gehüllt
Ach diese besaiteten Glieder
Und du fühlst in dir jesseninen
Was noch nie gejessenint haben kann du weisst es
Wie ein Gletschersee überflutet es das Tal deiner Vernunft
Deines ganzen bisherigen Lebens: und wiehernd wie ein Gaul auf der Nebelkoppel unterm Zeigefinger einer Tanne
Deine Stirne wie ein Storch beringt
Überfliegst du die Deponie deines allzu südlichen Lebens und kannst wieder Spanisch mit grosser Zuverlässigkeit und deine Worte und ihre Worte sind wie das zarte helle Krächzen einer Krähenkolonie in den Bäumen eines Morgens im Emaus
Und ich sehe den Kellner herbeieilen mit einer Rechnungsfahne in der Hand wedeln
Und wieder beginnen die Sirenen ihren liebevollen seufzenden Gesang
Über die Lautsprecher wird uns befohlen die Gamellen sorgfältig und gewissenhaft zu säubern
Und ich denke was heisst hier Gamellen
Wir haben doch immer im Speisesaal diniert
Die Gamellen sind doch sauber geblieben mit einigen verkrusteten Speisespuren vom letzten Sommer vielleicht
Und der Kellner beginnt zu erklären und ein Wort fliesst durch die Menschen hier unten
In ihrer Lebensnacktheit
Zechpreller
Zechpreller
Und die Augen entkleiden mich bis auf die Fasern meiner eigenen Geschichte und sie
Diese Stimme die meine Nieren mit Honig und mit Flüsterfingerliedern getränkt hat
Dieser Körper der meinem Körper angelegen und wie Südamerika zu Afrika gepasst hat über die Abgründe von Sprache Spucke und Spiel hinweg: wendet sich ab
Zechpreller und du stehst auf der Treppe im Kellerschacht und hörst die Engelsstimmen der Kinder lachen
Lachen und es ist wie feiner Regen der hart wie Reiskörner dir ins Gesicht prasselt
Schlägt und ich fühle den Anstieg in den Beinen
Als zweigte ich gerade von der Mohrentalstrasse in die Kantonsstrasse ab hinauf nach Besenbüren
Also 30 Jahre jünger
Aber ausser Atem wie ein alter Mann und wache auf im Schweisse deines Angesichts
Sehe die Krähe in der Birkenkrone sitzen
Die sich von ihrem Anflug noch leise wiegt
Wie jeden Morgen um die gleiche Zeit
Und ich schmunzle einen Moment und einen zweiten Moment und weiss
Diesen Traum gilt es fertig zu träumen um dich zu retten
Denn du weisst so gut wie ich
Dass auch die Hochzeitskutsche dir damals vor 30 Jahren mehr oder minder plötzlich
Zu einer Begräbniskutsche wurde oder wenigstens werden konnte
Und ich wende mich zur Wand
Die kalt und weiss ist mit einem Kaffeefleck darauf und suche erneut Rettung im Traum:
In einem sauren Schöpfungsgebet
Das mich dauert: das mir die Wahrheit über dich zu sagen immer wieder verspricht
Selbst wenn ich es wegschöbe wie eine Liebe
Die ich nicht erwidern kann: wie die rieselnden Hautschuppen meiner Nächte: auch dieser Traum gehört nun zu meiner Person
Wie die Sterne und Igel auf dem Meeresboden hinterm Hotelkasten.
Kategorie: Sommergedichte
Letztes Mal
Keine Forderungen bitte
Jetzt mehr: keinen Maximalismus mehr
Bitte: weder Heidelbeeren noch Mondrausch
Mehr: du willst nur gut
Anliegen: einfach gut anliegen
Das wäre schon alles: könnte schon
Alles sein: und gebrauche nicht solche
Wörter: überhaupt keine Wörter
Überhaupt kein Wort: reicht dein Atem
Nicht reicht das Schnaufen nicht
Hier wo ich mich mit meinem Weinglas
Eingenuschelt habe: es könnte ja wer weiss
Beschwöre es nur: das letzte Mal sein
Für mich: wenn mein Herz einübt
Anzusteigen die die unmöglichen
Tränen ihre spiegelnden Nagelköpfe
In das Benediktus schlagen: anreigen
Sag es nicht: gegen die Väterfürchte
Die deine Hände zu unerschlossenen
Ölsänden anlegen: dein Glas ist wieder
Leer und jetzt kannst du dich auch nicht mehr
Aus diesem Gedicht stehlen: musst dir
Aneignen was an dir zerrt wie eine
Mutterforderung: das war das letzte Mal
In der Nacht eines Menschen nach Sternen zu fischen
Das war das letzte Mal: den Hauch eines Menschen
Das Dickicht deiner Brust kräuseln
Und das Faultier in den Baumkronen nochmals
Vom Fliegen träumen zu lassen: das letzte Mal
Anneigen zu lernen: die Schwere einer Brust
Zu wiegen: das hätte schon alles sein können:
Hast du dich etwa gefürchtet: die letzte Chance
Für deinen Echsenleib zu beweisen: du spinnst ja
Aber keine Forderungen bitte keine Vorstellungen
Jetzt: kein Zirkus hier im Gedicht: denn Warane sind Kolibris
Auch wenn das vermutlich eine Hypothese bleibt
Jetzt: über die Feuerleiter in die Augen eines Menschen
Einsteigen denn brennt nicht dort ein Öllicht
Trüb wie Spülicht oder mein Morgenkaffee
Das Doktor Mabuse dort verbrochen hat:
Das Buch das die Welt schafft: du willst doch nur ausweichen:
Aussteigen statt noch einmal an diesen Menschen zu denken
Der bereits ruhig im Schlaf atmet während du seinen Gedanken
Noch einmal weiterspinnst: und meine Zahnbürste
Hat ja keine Forderungen oder Ansprüche oder Sehnsüchte
Bitte jetzt: mein Kissen braucht kein mitfühlendes Ohr
Nur meines und den Arm darunter
Todesangst
Mein Sohn fürchtet den Tod.
Ohne Vorwarnung
Bricht der Schrei aus ihm heraus:
Nicht wie Sirenen in Friedenszeiten.
Mein Sohn ist in meinen Armen.
Sein Körper zittert und windet sich
Wie eine Muschel unter dem Zitronentropfen.
Ich musste hell auflachen über seine Angst:
Abwehr und Sorge in einem. Ironie
Schäumt in meiner Kehle wie heller Schmerz.
Hier helfen keine Worte.
Und doch braucht mein Sohn
Jetzt Worte. Meine Hände auch
Die über seinen Rücken streichen.
Mein Sohn fürchtet sich nicht wirklich
Vor einem Meteoriten
Der die Erde treffen könnte und alles Leben darauf
Auslöschen. Er fürchtet vielleicht nicht einmal
Seinen eigenen persönlichen Tod.
Niemand Lebendes kann sich den Tod vorstellen.
Ich sage: «Wir Menschen sind Lebewesen
Die um ihren Tod wissen können.
Eine Ameise: eine Forelle: ein Rotkehlchen
Glaube ich leben wie Kinder:
Für sie ist das Leben unendlich
Fast ewig. Ich stelle mir vor
Sie sind wie Kinder ihr ganzes Leben
Und plötzlich sterben sie. Dann sind sie tot.
Vielleicht geht es sogar den grossen Tieren so:
Löwen: Bären: Walfischen.
Und ich sage: «Ich finde es gut
Dass du an den Tod denkst.
Das gehört dazu
Um ein Mensch zu werden.»
Aber mein Sohn hat Angst vor dem Tod.
Jetzt hat er Angst davor. Ich muss ihm sagen
Dass ich keine Angst davor habe.
Ich versuche ihm mit Zahlen zu helfen.
Er ist 12 und ich 47. Wenn er nur so alt wird wie ich
Wieviele Jahre wird er dann noch mindestens zu leben haben?
Mein Sohn findet heraus: 35.
Das ist fast dreimal seine jetzige Lebensspanne.
Langsam beruhigt er sich und schmiegt sich an.
Ich denke an meine nächste Operation.
Ich denke mit meinem Sohn im Arm
An meinen Grossvater
Der im Dementenheim endlich mit 97
Ausgelöscht ist: Er kann gar nicht sterben
Denn in all den Erinnerungen ist er jung und
Krakeelt und hat uns Enkel in seiner rauen Art gern:
«Der Rabe sitzt ab. Der Rabe fliegt auf.»
Ich hänge die Todesanzeige für ihn gut sichtbar in der Küche auf.
«Ich weiss auch nicht wie es sein wird aber ich finde es gut
Dass unser Leben ein Ende hat» sage ich nach langem engen Schweigen.
Nicht meine Mutter
Du bist nicht meine Mutter
Dein Name wird anders unter den Glocken
Deine ganze Gestalt verjüngt und zugespitzt
Und die Spritzer des Weihwassers schmecken
Halb und halb nach Öl und Kolostrum
Und die Rüstungen gleissen im Morgenlicht
Und die nah gerückten Partkettriemen riechen nach Sirup und Streit
Wie ein vorgestreckter Kopf ohne Haar
Du bist nicht meine Mutter
Das wird klar: von der Kirchturmspitze
Bis in die Güllengrube ändert sich vieles
Und dein Name wird blauer mit jedem Wort
Deine Augen gleichen nicht mehr James Stewart
Deine Hände sind keine Zelte in der Wüste mehr
Und selbst dein Vater mit seinem Musterkoffer
Zerfliesst unter den Rufen auf dem Pflaster wie Butter
Herbstanfang
Du führst mich in unsre windige Standt zurück
Die Berge wölben sich wie Brauen über den Himmel
In der Fromagerie blähen die Ziegenkäse ihre Backen
Die hängende Unterlippe der Schwimmhalle fällt auf die Trödelstände
Und als meine Mutter stehst du über einem Bohnentopf und fürchtest
Die langen Kabel des Bügeleisens und im verkehrsreichen Mittag
Setzt du mich an den Ausgang des Parks
Um in den engen Gassen
Die es in unserer Stadt nicht gibt
Nach einer letzten Spur von unserer Wohnung zu suchen
Und unser Sohn
Geschrumpft oder verkümmert
Hat das Lesen verlernt und hängt mit seinem Schinkengesicht
Über dem Wort «boshaft» und kann es nicht lesen
Kann es nicht lesen oder sagen und du
Kommst zu mir und zeigst mir deinen mondblauen
Unterleib mit seiner grinsenden Narbe
Und machst dich unten herum frei
Mitten in der windigen Dämmerung in unserer Stadt
Und ich denke noch einmal werde ich wissen
Wie du schmeckst ein letztes Mal
Nach langer Zeit das letzte Mal.
Hinter mir
Hinter mir die Körper meiner Gedichte
Und wenn mich auch manchmal das Gefühl einer morgendlichen Morgue beschleicht
Kühl und von Lachgas erfüllt
Erstaunen sie mich und ich sehe ihre mangelhaft schönen Gestalten
Die sich zu zeigen nicht gelernt haben:
Rieche den Zimtgeruch ihres Schweisses
Ertaste die Ausstülpungen und Auswüchse und Wolfe’schen Wülste an jenen Stellen
Wo kein vernünftiger und auf Gesundheit bedachter Mensch sie erwartete
Höre ihre spitzen Schreie und die seltsamen Inflexionen ihrer Dialekte
Und sehe ihre offenen verkrusteten Hosen und das graue Mammuthaar ihrer Brüste
Das aus den schweissgelben Hemden herausquillt –
Hinter mir schlurfen diese Unterweltsgeschöpfe
Diese Anderweltgeburten
Durch den Bahnhof eines Samstagmorgens im Sommer
Ich möchte… I

(für Joy Harjo)
Ich habe keine Heimat –
Ich erbe keinen Gesang –
Von meinen Leuten höre ich nur
Einsilbige mehrfach abgeleckte Briefmarken
Die du an den Wind haften könntest
An den nicht besonders behaftbaren Wind
Der durch die vom Land abgetrennten Kleinstädte
Und durch die Gehirne voller Entspiegelung
Kriecht und selbst die Föhnwelten
Niemals erreicht
Antiseptisch und redlos schlurft
Und mochte auch der Fluss im Frühjahr
Die Keller schwemmen war das eine Sache
Für einen Satz
Dem man alles abgespart hatte
Und einige Allzweckflüchte
Denen die Bodenhaftung längst abhandengekommen war
Wurden in den Wind geworfen
Wie leicht entflammbares Reisig
Dem das Licht von den Kronästen entzogen worden war
Flüche und Sätze wie die Vorderbeine eines Raubsauriers
Rückentwickelt und grad noch gut zu Gabel und Messer
(Jetzt nimm doch nicht ständig den Finger dafür!)
Lebende und gebräuchliche Fossilien
Ich verstand nicht warum niemand
Sich selbst aufheben wollte
Aufleben wollte in dem Begradigten und Erschlossenen
In dem Sänger von Massenware gekauft
Einen koffeinsüssen und hungerschaffenden Sirup
In unsere Kehlen legten und mit den Hüften zuckend
Von einem Begehren sprachen
Das wie ein zusätzliches Organ in uns wuchs
Wie eine Kettenreihe an uns zerrte und unsere Kehlen
Waren belegt vom Teer namens
Was sagen die andern –
Denn meine Leute sind kein Volk
Kein Stamm und ankern ohne Botenstoffe
Ungefährdet und unvertrieben
In der berechneten Welt
Die noch nie gesungen hat -
Ein sesshaftes Horssolvolk…
Und ich erbe keinen Tanz
Mit dem was im Kosmos zirkelt
In deine Hüften und Lenden fährt:
Als wären Wurzeln Flügel aufhebt
Was dich festhält in ein besser gewusstes Geheimnis
Keine Kraft aus dem Torfboden
Die die Scham überzähliger Träume verwandelt
Kein Stampfen-Signal
Keine jederzeit mögliche Stampede
Über dich hinausreichend: das die Wirklichkeit
Erschüttert auf dass ihr Mark austritt
Und auf dich tropft wie gute neue Wörter:
Ein Ich wäre jetzt… und du…
Das weiter wirkte als nur in die eigene Kindheit und
In den Bauch deiner Mutter: wie gute neue Wörter
Denn höre ich nur
Einige wenige davon
In ein Gedicht gestreut
Gleich den Überschwemmungsmarken in den Häusern am Fluss
Gleich den skelettierten Wäldern auf dem Peloponnes
Gleich den Jugendlichen
Die um Freiheit und Gemeinschaft
Vor keiner Autorität mehr zurückschrecken
Gleich den neurofibrillären Tangles im Stirnlappen meines Vaters
Gleich den Salzkrusten auf meinen Hemden
Spüre ich den Klimawandel
Und ich weine heisse Glückstränen
Mit denen ich den Grund aufweiche
Für ein nächstes Gedicht und ich weiss
Ich bin vom Weg abgekommen und ich denke an meinen Sohn
Der sagt: Mann Papa das sind aber viele Flaschen
Und ich erbe dieses Nomadengefühl
Das mich in die Sprache wandern lässt
In die ariden Zustände kurz vor der Verblödung
Die genauso wenig Heimat ist
Wie die überteuerte Zweizimmerwohnung für die äthiopische alleinerziehende Mutter mit ihren beiden Söhnen:
Ich habe keine Heimat und ich erbe kein
Gospel und keine Leidenswege
Die ein ganzes Volk traumatisieren
Meine Vertreibung findet noch statt
Und wenn ich zu viel getrunken habe
Sehe ich das Gedicht aus meinen schwankenden individualisierten Gliedern aufsteigen
Mit einem Hammel einem Hahn und einer Ente
Und es gibt nichts Schöneres
Als ein Gedicht zu schreiben
Das aus den Gleisen fällt
Denn daraus wird kein Schuss mehr fallen
Und hallen über die Steppe:
Die Herden werden zurückkehren
Schlingpflanzen und Pilze werden die Städte bewohnen
Kartäusernelken werden die Asphalte spalten
Und der Haufen zusammengepapptes Papier
Über das die Insekten huschen mit ihren haarigen Finger
Als könnten die Buchstaben damit besser entziffert
Besser verstanden werden wird bald fast schon Humus sein:
Ich erbe keine wirklichere Wirklichkeit
Keinen Herzensknäuel und kein
Geraubtes Land: das alles
Hat nichts mit mir zu tun
Und ich denke ich bin ein eigenes Volk
Das in Geschichten und meinen Kindern
Mehr schlecht als recht überlebt:
Aus diesem ungetanzten Wirbel
Den ich anrühre mit guten alten Worten
Und der nichts zu tun hat mit dem faden Säuseln
Das durch deine Städte streicht
Aufsteigen in die Kronen der Sumpfzedern
Auf dass du stolperst über die Luftwurzeln:
Ich habe keine Heimat und die Boten
Die mein Blut durchströmen
Waren der kargen Kost ausgeliefert
Die Geschichtenlosigkeit heisst:
Ich ersöffe gäbe es nicht
Die guten neuen Worte
Die mir die Tränen treiben
Im Schlick einer Mangrovenwelt
Aus dem Insekten sich erheben
Wie die vergessenen Reiche von Horten und Bewahren:
Jedes Gedicht ist Abrahams Zelt
An dessen Eingang Sara lacht.
Sommerabend mit Diane
Die erste Fledermaus taumelt
Niedrig durch den Himmel
Der erst erbleicht vor der Nacht.
Die Amsel tappt über das Glasdach meines Balkons
Singt prüfend eine halbe Strophe und fängt
Einen schweren Käfer ab. Dann
Kommen die Störche aus dem Elsass herüber
Langsam und schwer
Lange fliegende Nasen
Und es liegt am Buch das ich lese
Dass ich an das Kitzeln der Schamhaare an der Nase denken muss
Und an den erdigen Geschmack auf der Zunge
Als schlürfte man den Boden eines Kiefernwaldes.
Immer wieder blicke ich nach Westen
Weil der Wolkenschaum da hinten
Mich an etwas erinnert
Aber es fällt mir nicht ein:
Könnte ein Atompilz sein oder
Pieros Feuersbrunst oder einfach
Ein Schlot. Ja das wäre schön
Einer dieser alten Männer zu sein
Die mit den Händen in ihren tiefen Taschen
In einem Kinderbuch tageweise auf das Meer
Hinausblicken.
Endlich Abschied
Und die Müdigkeit hält mich in ihrem weichen Muskelkrampf
Fest: das Angesicht ihres Beharrungsvermögens sieht wie immer
Lächerlich aus: wie der mangelnde Ernst eines Chargeurs
Angesichts eines Contrecoups aus haargleichen Spitzfindigkeiten
Die sich über dem ausgedehnten Archipel der Zähmung die Hand reichen
Und was auch immer geschieht: schwerfällig
Raffe ich mich auf mit den Händen auf den Knien
Die sich in den Spiegeln deiner Wider-
Deiner Anderworte brechen wie Boxernasen:
Ich fühle das blaue Licht der Applikationen bis in die Liftschächte meiner Vorurteile
Und die Müdigkeit befällt mit ihrem weichen Bonmot aus Neugier und Abscheu
Selbst die hinteren Stufen meines Menschenhasses: Ja
Ich sehe diesen Kropf
Der mir aus deinen Augen entgegengewachsen kommt:
Vermag nicht länger deine Partei zu sein:
Deine Partie zu spielen wie ein Kniebeugereflex –
In der Abgeschiedenheit liege ich auf uringelben Spannteppichen und höre
Das Wiehern von stiefmütterlichen Gesangsübungen
So unerhört natürlich dass künstlich
Aber niemals gekünstelt bitte sehr und ich spüre
Das Nachlassen der Anspannung hinter meinen Ohren
Während doch noch ein letzter Finger von Eis
Mir über die Stirne fährt und in die Birne:
Was gäbe ich für die Ansichtskarte von der Savanne
Die ich schützend und wissenden Auges in mir herumtrage
Wenn ich deinen Aussagen glauben schenken darf:
Einen ungelernten weissen ungeleckten Fleck von unbestimmter Durchlässigkeit
Einen ungebannten weissen spröden Fleck korrigiere ich mich
Und drehe mich der Schimmelwand zu die mir näher ist als du
Die mein Leben bisher ganz gut imprägniert hat:
Deine Aberworte mögen wie Monsun wirken woanders
Hier handelt es sich doch nur um verunglückte Konjunktionen –
Und ich wende mich von den Brandherden und von den Rodungen nur zu gerne ab
Während im Freitagabend das was ich getan habe das
Was ich unter dem Wiehern der Hochzeitskutschengäule noch sein kann das
Was ich einmal und wieder und wieder wünschte und nicht
In ein Pourparler überzuführen die Courage hatte
Unter dem erhobenen Chitinschwanz ein letztes Mal aufscheint.
Holbeinplatz
Hier bin ich wieder
Auf dieser Halbinsel im Abendverkehr
Und der Staub fliegt auf
Und die Spatzen baden in den Sandkuhlen und zetern
Zetern. Hier bin ich wieder
Markiere meine Weile mit dem Dennersack
Und ertrage die Dauer in Bierschlücken.
Die kommenden Tage und Wochen und Monate und Jahre erstrecken
Erstrecken sich grund- und endlos
Vor mir wie die Tonsur der beiden Ahornbäume
(günstiges Gras und Buschwindröschen)
Und ich brüste mich vor den Spatzen und mit dem Gedanken an den alten Schosshund
Der von seinem ebenso alten Frauchen an der Leine hinterhergezerrt wird
Hinterhergezerrt und mit zärtlich gehässigen Worten ermahnt wird
Einzige Fortbewegungsart: würgend gegen die Gehrichtung gestemmt:
Und kann nicht anders als an Rilkes Panther denken
Den mein Sohn und ich noch 2011 im Jardin des Plantes
Die Stäbe seiner Betonbühne haben abschreiten sehen:
Plötzlich kommt heftiger kalt beissender Wind auf und Wolken verdecken die Sonne
Kälte des Biers und Tages vermischen sich
Und ich zähle die Münzen aus meiner Uhrentasche 2.65 bleiben mir noch
Rechne: das sind noch 4 Dosen – Du und ich
Wir werden eines Tages bei Sonnenuntergang durch eine Hintergasse
Schlurfen und in den Mülltonnen stöbern
Denke ich und finde mich momentan wieder zurecht
Anders besaitet zu sein und wie eine Bremse aufzukreischen
Und nicht im Windschatten zu sitzen
Aus eigenem Verdienst nicht:
Nicht verstimmt: anders besaitet
Vielleicht gar den falschen Lack zu tragen –
Hier bin ich wieder
Im Rücken den Chor meines Sohnes
Die jungen Stimmen schwingen sich
Ooh – oh – Ooh – oh – oh – oh – Ooh
In die Höhe und die einzelnen Ohs verschmelzen zu einem Glissando
Vermelzen und werden mitten im Lauf ausgebremst
Einer besseren Artikulation wegen und die Sonne kommt wieder hervor
Aber jetzt macht es auch keinen Sinn mehr
Das Bürohaus wirft seinen Schatten auf den Platz aber immerhin
Die Luft ist blütenweiss – und ich denke
Es ist nichts dabei so zu enden und eine Gruppe Jugendlicher
Kommt spuckend und labernd auf den Platz
Verstreut ihre «Wallas» und «Alter, ich schwör» und «Diggas» und läuft
Breitbeinig mit ihren Energydrinkdosen in den Händen zwei, dreimal über den Platz
Und äfft die modulierenden Stimmen des Chors nach und meine leere Dose
Springt von der unebenen Fläche der Bank und klappert über den Kiesplatz.
