Neinjahr

Nichts ist neu: kann dein Herz einen Entschluss ausführen
Den es gestern nicht ausführen konnte?
Schnell verstummt die Rakete.

Nichts ist neu: kann sich etwas ändern in deinem Leben
Weil ein anderer Tag angefangen hat?
Schnell verlöscht das Feuerwerk.

Nichts ist neu: wo sind sich Menschen in die Arme gefallen
Denen Hass in die Wiege gelegt wurde?
Lange liegt der Rauch über dem Köpfen.

Nichts ist neu: wo sind Männer aufgestanden
Um Frauen vor Gewalt durch Männer zu schützen?
Schnell verklingt der Jubel.

Nichts ist neu: wo sind die Kinder
Die die engen Stirnen ihrer Eltern spalten?
Lange geht‘s nicht mehr.

(Image by Karuvadgraphy from Pixabay.)

Marianne

In der weiten Stadt du
Mit Fragen für mich
Hast du schon einmal geliebt?
Unter verwindeten Haaren
Denn der Wind in der weissen Stadt will dir wohl
Das jüngste Gesicht einer Frau
Die Nasenspitze resolut in den Himmel gedreht
Die grauen Augen wie rollende Katzen im Meer

Unsere Zettel flattern durch die Marmorgalerien der Stadt
Über die Marmorbrücken hallen die Rufe unserer Augen
Durch die weiteste Stadt springt der Ring deines Rocks

In der weissen Stadt du
Mit Fragen für mich
Ich finde Hände halten gut für den Anfang und du?
Und ich lese
Du möchtest noch nicht geküsst werden
Höchstens unter Brücken im Geraspel der Zeit
Und ich schreibe
Ich möchte deinen Körper leuchten sehen zwischen all den Kuttenschatten wie eine gute Narbe
Und für Jahre erhalte ich keine Blicke mehr
Verschwindest du zwischen den Vätern
Die Marke deines Lächelns stempelt den zu blauen Himmel mit dem Anschein einer Wolke

Du findest mich in der weiten Stadt
Als langtest du nur kurz in deine Handtasche
Grau umfängt mich der Rock deines Blickes
Kühl und ingwern
Ich finde dich auf der Treppe die nicht endet
Und ich schreibe
Mein Zettel zerknittert und nass von meiner Wange
Ich liebe deine Knöchel und die lockende Wade
Weiss wie die Stadt
Du sagst
Du wirst noch zum Italiener
Und du sagst
Komm zu mir
Breitest deinen Rock über meinem Kopf
Die Wärme deines Geschlechts auf meinem Scheitel

In der weissen Stadt du
Ich zähle die Perlen deines Lachens
Und lege sie in mein Gedicht
Und Fragen werden Antworten
Antworten werden Fragen
Deine Wangen verfärben sich abendlich
Und wo nichts mehr lebt in Steinen
Reichst du mir einen Orangenschnitz

(Das Bild „Das Rätsel der Uhr“ von Giorgio di Chirico ist gemeinfrei.)

Moskau-Scheremetjewo

Gedeckte Rolltreppen
Gehen
Sicherheitskontrollen in Grün-beige-braun
Gehen und warten
Asphalt-Hitze nass
Warten und Gehen
Niemand weiss Bescheid lauter Nicken
Passkontrolle: sie drehen und wenden den Ausweis wie ein rotes Stück Fleisch in ihren Händenund reichen ihn durch ihre Reihen weiter bis nur noch das betende Ringen der Hände zu sehen ist
M. steht vorne und redet redet
Redet mit heller werdender Stimme
Als raschelten darin Mammutknochen und nicht Dreckswäsche beugt sich der Dragoner über die drei Koffer
Nicht stehen bleiben weitergehen
Weitergehen
Wieder turmhoch alles von Grün-beige-braun verstellt
Sicherheitsschranken
Die Koffer ängstlich zuckende Tiere
An der Schulter die Tochter
Eine aufgeschreckte nasse braune Möwe
Tapsend an der Seite
Leer ist die Rollbahn
Nur Zelte bis an ihr Ende
Menschen keine
Nur wir ohne Pass
Noch ein Checkpoint unter der glasigen Sonne
Im lichten Nieseln eine letzte Schranke
Ein letzter Check vor dem Flugzeug
M. parlamentiert mit einer anderen Matrone
Sehen alle aus wie mit Gerstenbrei gefüllte Uniformen
Laue Borschtsch-Augen und heisse Kirschkernwörter
Ein nickendes Njet säuberlich nickend an das nächste Njet gereiht
Klickende Klarheit Njet
Grün-beige-braun neben der Tochter an meiner Schulter
Passwendehände suchen an ihrem Gesäss und ihren Brüsten nach weiteren Herkunftsmerkmalen
Stösse vor die Brust
Augen auf Abzeichenhöhe
Angespannte Schritte vor der Brust
Angespannte Schritte im Kreis um 3 Menschen
M. macht die Matrone auf Speisereste zwischen den Vorderzähnen aufmerksam
Und ein Kompliment zum Kuchen auf dem Kopf
Warten und gehen
Wind zerrt an den Zelten auf der Rollbahn
Die Matrone reisst an M.
Die plötzlich ihren Pass in der Hand schützend vor sich hält wie ein blutiges Feigenblatt
Reisst ihr sämtliche Merkmale vom Leib
Identifikation unmöglich
Auf der Rollbahn atmen die Zelte verhalten
Wohlgenährte Gesichter vor dem prustenden Lachanfall
Stehendes Warten und gehendes Stehen im Kreis von Grün-beige-braun
Drüben die gedeckten Fluggasttreppen
Die drei Meter in den Himmel führen
Erfüllt von den auffliegenden Möwen
Unter dem Kopfschütteln des Drachens auffliegenden Möwen
Die sich auf den ausgeweideten Koffern niederlassen
Gehen und M. suchen
Warten und auf M. hoffen
Im Heulen der fernen Motoren
Die es gibt immer noch gibt
Abzeichen auf Augenhöhe
Griffe im Rücken
Schnelles Gehen zu schnellerem Warten
Gedeckte Fluggasttreppe mit einem Loch Himmel darin
Dahin geht es also
Zurück
In das ungestempelte Visa des Himmels.  

(Dank an Gianna für das Bild.)

Weiten / Zandvoort

Windspreiten über dem Sand
Windschreiten auf dem blossen Land
Ohren-Drachen
Ohren-Rachen

Die losen Fäden von Perücken
Zusammengefallen
Eingetreten zwischen Muscheln
Die losen Fäden von Albdrücken
Ich bin lieber zornig als traurig
Zerzaust wie die Mähne eines Kindes
Die seltsamen Kammern der Angst ergiessen ihre Engen
Pfeifend und surrend
Rieselnd und fliessend
In die Strandgras-Schöpfe: gelbe warme Sosse Abschied

Ein Geschöpf des Windes ist wohl besser als ein Geschöpf des Landes
Ein Geschöpf des Regens ist wohl besser als ein Geschöpf der Sonne
Ein Geschöpf des Endes ist wohl besser als ein Geschöpf der Industrie

Die Türme müssen dort hinten stehen als Grenzer
Die Schornsteine müssen da hinten stehen als Panzersperren

Schritte werden Meilen
Brüste Menschheitsgeschichte
Alles schreit verstummt im Wind
Zuerst nach Grössenwahn
Ich bin lieber zornig als traurig
Aber was hilft hier Zetern
Hier unter den Wettern
Hier unter der Sprache der Boliden
Albatros-Ohren und Albatros-Schreiten
Torkelnde Gewissheit und Sand auf den Zähnen
Die salzigen Haare eine Maske
Ein Geschirr über dem Schädel
Wogegen
Wer behändigte es

Aus den Ohren quellen die sauber schillernden Mut-Mütter
Die ersten Regungen von Freiheit
Von Abgelassenheit
Von stampfendem Kleinmut
In den Windspreiten über dem Sand
Von tobender Stille
Von ausgelassener Ruhe

Nichts bist du mit Wut
Nichts bist du mit Trauer

Füsse Flügel
Sandige Zunge eingerollt in die Stimmbänder
Leben wie eine der gestrandeten Quallen
An denen die Sturmvögel picken
Wie an Lebern und wie niedrig auch gefallen
Der Himmel auf die flache Scheibe
In der Münzen eben noch klingend und singend gerollt
Über dem Sand spreitet Wundhaken Wind
Diese röhrende Welt
Dieses Ende der Welt.

Mondaufhängung

Versuchte Aufhebung zum Mond
In einer angespannten Gaze und in
Violettem Tundraleder
Auf Kohlebergen mit genügend Schaumk-oben
Im aufgesplitterten Bug
Die Armaturen säuberlich aufgereiht
Accounted for und ein r-r-r-rosa Schiff wird kommen
Schwarze Mondscheibe und besch-sch-sch
Das Ross des Ringgeistes kreuzt kopflos die Beine
Aber noch kein Tanz accounted for
Nur das Rasseln des Sisyphos
Mit dem roten Tuch für den Stier
Und der Finger Gottes steckt im Hals der schwanken Garderobe
Und die Fahrräder fahren geräuschlos an ihm vorbei
Und wird beschiessen die Stadt und im Gaumen
Könnte es der Wind sein auf allen Vieren
Und die Hose hat ihr Gesicht in die Balken gehängt
Ver-r-r-ursachte Aufbahrung
Winkel 25 % über der Felge
Und Stelzen schrummen über den Beton
Mondreizung schwarz und ein rosa Schiff
Wird kommen gibt Licht hinein der Mond
Morgenlich-
T um 9 Uhr accounted for
Versuche die Schlüssel
Das Rad die anderen Anhängsel
Blue moon und strange fruit
Die-ier Gedankenlohe-Ross kreischen mehr
Als die Parallelbojen und der Schrei des letzten Mannes da oben
Von den Paraboldünen erstickt
Oben auf dem schwarzen Haufen
Mit rotem Haar wird besch-besch-beschiessen die Stadt
Und Burchemeista setzt sich in die Äste des Apfelbäumchens.

Promenade

Zeit verkürzt den Raum.
Erfahrung weitet ihn.

Der Weg am Fluss zu kurz.
Seine Länge für ein Kind
Schwer einzuschätzen. Der Pausenplatz:
Eingefallene Lunge einer Kindheit.
Wo der Volg war
Mit seinem Reichtum:
Coiffure Yvonne. Die Luzernerstrasse
Immer noch ein steiler
Motorisierten Wildwest.

Für einen Moment
Bei der chemischen Reinigung
Als röche ich Lauge
Stärke und Trockenheit.

Erfahrung belebt den Raum.
Zeit verengt ihn. Plötzliche
Nähe. Zischen und Pfeifen
Des Dampfkochtopfs
Als schnitte ich Zwiebeln
Bei Oma in der Küche.
An den Händen den weißen Schaum von Kartoffeln.

(Mit Dank an fietzfotos für das stimmige Bild.)

Mein Vater preist die Bananen

Bananen das ist
Bananen
Weisst du was das ist
Bananen – niemand
Niemand weiss was das ist
Ich meine Bananen
In allen Regalen Bananen
Ist so ein Register denn je leer
Das ist ein Geheimnis
Bananen ein gut verhütetes
Geheimnis gelb geheim
Verstehst du überhaupt
Was ich sage von den Bananen
Eine neue Welt liegt da in den
5 und mehr Finger Bananen
Wenn du weisst was ich meine
Das ist ich sage Bananen
Viel mehr ist als das Wort
Banane so viel mehr wert
Als die paar Stutz und das ist
Bananen leuchten in unseren
Weisst du was ich mache
Oben zupfen und zärtlich reissen und ziehen
Und diese Fäden hier gehören auch dazu
Zu der Banane liegen ein wenig ledrig auf der Zunge
Und eigentlich die Schale
Nein die kann ich nicht essen
Über Bananen könnte ich mich verrennen
Die sollte ich vielleicht nicht essen in der Nacht
Und die Schale nun ja aber Bananen zum
Verrennen in die beerigen gelben Unfälle
Umfälle meine ich und von dem was
Was ich nicht sagen kann
Und auch du nicht
Wir alle nicht
Denn wenn ich es sagte
Bananen das sind
Weisst du was ich meine was Bananen sind
Dann könnte es niemand Geregeltes
In seiner Kegelform von Regulation
Begreifen auch wenn er sie ergreift
Hält ich weiss es genau
Alles Affen und Laffen halten in Händen
Und können und werden es noch und nöcher nicht begreifen
Ahahnen über Bananen
Bananen in den Regeln
Zugreifen zugreifen
Günstig zum Wegwerfen
Günstig zum Davonrennen
Bananen über Bananen
Da möchte ich gleich singen
Nächtens ess ich Bananen
Habe geträumt von Waranen
Kundig schäl ich Bananen
Werde noch zum Schamanen
So muss das doch klingen bei allem war recht ist
Ah was mach ich nur mit diesen Bananen
Mit denen niemand weiss was anzufanen
Weil niemand kundig genug
Für das Ergreifen sitzen
Mit ihren Bananen immer noch
Auf Bäumen was Zähneputzen
Ich halte doch hier eine Rede
Nein ein Parlament nein die wird nicht enden
Das wird nicht enden wie die Bananen nicht enden
Noch beim Zähneputzen denke ich an
Bananen und bin um meinen Schlaf gebracht
Ich komme schon Bananen
Ihr seid auch so Affen mit den Bananen
Die ich fortgegessen habe
Hast du bemerkt wie sie konisch
Ironisch in meiner Hand liegen
Was Zähneputzen aha ja so
Schon wieder die hört mir gar nicht zu
Wie die andern vor ihren
Schubladen voller Bananen
Schalen voller jetzt lass mich doch

Stadtgefühl

(Danke für das Bild, _Leon.)

Die Fahrt dauert. Im Bus herrscht Schweiss und Gummi. Die Wut dauert.

Zu künstlich, heisst es. Zu wenig sinnlich.

Die Fahrt dauert. Schweissiges Eisen. Hinter den Gesichtern schwankt ein Hut, ein Bekannter. Er nickt mir von weitem zu, er trägt eine Sonnenbrille. Ich schwanke, ob ich mich zu ihm durcharbeite. Ein Hund steht mir mehrmals auf den Fuss.

Schweissiges Eisen. Eine alte Frau atmet mir ins Gesicht, Melisse und Kotze. Die Wut dauert an. Dafür habe ich meine Kinder aufgegeben.

Die Fahrt dauert an. Als der Bus am Neuweiler Platz unerwartet bremst, stösst meine Nase in die rotschwarze Achsel eines Mannes, der Brusthaar im Gesicht trägt. Es riecht nach Sonnenblumenöl.

Nichts bleibt von der halben Stunde unter den Linden, unter dem arbeitsamen Summen, unter dem gelben Pelz der fallenden Blüten. Die Wut kehrt wieder.

Es fehlt die Poesie, hiess es. Beobachte die kleinen Geschehnisse und Ereignisse im Alltag, es steckt da so viel Poesie drin, wird mir gesagt. Die Fahrt dauert an.

Leise wurzelt der Geschmack vom Schlaf auf dem Zungenstumpf, Beere – Kaffee – Banane. Die Wut dauert an. Schweissiges Eisen. Die Wartezeit im Rücken schmerzt. Die Hitze ist trocken, die Haut einer Zitrone, eine Vorhaut.

Die Fahrt dauert. Auf der Hose ein weisser Strich vom Geigenbogen, der sich nicht wegklopfen lässt. Jemand ruft meinen Namen. Der Geruch von Eisenstangen und Handschweiss. Das Kind winkt von hinten und unten.

Ich wechsle einen zwinkernden Blick mit seinem frisch rasierten Vater. Die Fahrt dauert an.

Die Fahrt dauert an. Einen ganz anderen, schlichteren, natürlicheren Ansatz für dein Schreiben finden, heisst es. Schreibe weiter, anders, wird geraten. Die Gesichtshaut juckt.

Wie lange habe ich an der Bushaltestelle gewartet? Ich schaue auf die Zeit. Für wen hält sie mich? Ich sollte nicht mehr in die Stadt gehen.

Was habe ich dort verloren?