Tod der Metapher

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Schweineglück –
Wünsche dir nicht das Leben eines Schweins.

Der Mensch ist dem Menschen ein Wolf –
Kein Wolf ist so grausam wie ein Mensch.

Dumm wie der Esel –
Der Esel ist beharrlich in seiner Weisheit.

Angsthase –
Niemand springt so gut aus Wegen.

Die Wehrmachtssoldaten sahen den Film über die Konzentrationslager –
Wie ein Mann senken sie Blicke und Köpfe und
Heben die Hände vors Gesicht.

Elefant im Porzellan –
Die Sohlen des Elefanten sind weich und sorgfältig.

Im Haifischbecken –
Das gleichgültige Lächeln des Haifischs.

Der Strauss steckt den Kopf in den Sand –
Wer nicht fliegt, kann laufen.

Friedens-Taube auf dem Dach –
Aber der Spatz äfft Hitlers Reden nach und fällt vom Podest.

Aufstieg

Die schweren Schuhe machen zuerst grosse Schritte
Dann kleinere. Der Atem beginnt zu fliegen
Zu flattern. Du spürst dein Herz im Hals
An dem der Rucksack zieht
Denn im Aufstieg neigst du dich nach vorne.
Krähen fliegen über den Weinberg
Vom See herauf bellen die Möwen.
In deinem Rücken das karierte Tuch des Sees.
Du verschwindest im braunen angehaltenen Wogen des Weinbergs
Man sieht dich nicht mehr.
Du beginnst deine Sprache zu behandeln wie ein Handwerker:
Genau sein in jedem Schritt
In jedem Laut: in kleinen Schritten trägst du deine Geschichte den Hang hinauf
Mit kurzem Atem lässt sich nur das Notwendige sagen
Den Blick nur auf den Boden des Wegs gerichtet
Sind die Ausflüchte verflogen
Denn so drängt sich der Weg auf
Zwingt es dich zum Weg
Hinauf in die Geschichte.
Die andern Worte
Die schöneren Worte und die Synonyme
Die man dir in der Schule und in Büchern beigebracht hat
Schnell hast du sie im Aufstieg behändigt und für zu leicht befunden
Da kugeln sie wie Kastanien den Berg hinunter
Ein wenig wie schwarze Katzen im Garten
Hinunter zur farblosen Fläche des Sees
Und du steigst weiter hinauf
Erleichtert um ein Wissen
Das dir nicht gehört hat
Die schweren Schuhe machen ihre kleinen Schritte
Zwischen den trockenen Flügeln deiner Geschichte.
Dein Atem hat sich beruhigt
Fuss in der Geschichte gefasst
Dein Herz schlägt mit guten Schlägen
Auf das heisse Eisen deiner Erinnerung.
Der Berg ist noch lang und es schmerzt
Den Kopf in den Nacken zu legen
Der Schweiss kühlt deinen Rücken.

Offenbarung 1: Woher kommt mir Rat?

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Ich bin schwach: aber kein Schaf.
Von der Kraft eines Regenwurms:
Kaum schaffe ich mir mein eigenes Loch
Denke nicht einmal an die Überquerung der grossen harten Strasse
Werfe getreu mein Häufchen auf
Wenn es heller wird und ziehe
Die herbstbeschriebenen Blätter unter die Erde
Wenn es dunkler wird: ich singe nicht
Wie der Schnabel der mich erntet.
Aber die Härte der Strasse schafft mir Mühe.
Wo ist nur Mutter Erde?

Ich bin schwach: aber kein Schaf.
Von der Kraft einer ranzigen Frucht:
Kaum schaffe ich mir mein eigenes Grab
Hier auf der harten grossen Strasse
Über die ohne Umkehr die Nacktschnecke
Kriecht und oft ihre Spur nochmals kreuzt:
Ihr silberner Faden trocknet glitzernd ein
Wie ein Zeichen aus einem anderen Land
Das niemand lesen kann. Selbst sie
Scheut meine Säure. Kein Feld
Nimmt mich auf. Ich singe nicht:
Die Füsse auf der grossen harten Strasse
Die Regenwurm Schnecke und mich zertreten
Auf der wir weich und verletzlich liegen
Können das ja auch nicht.

Ich bin schwach: einem verknoteten Traum gleich
Zu einem Viertel zertreten und der Rest der sich immer noch windet
Einem Baumstamm gleich der das Eisengitter umarmt
Das ihn begrenzen will grabe ich meine Füsse in den wegrollenden Sand
In das nachgiebige Fruchtfleisch der Erde
Unbelehrt und unbelehrbar schwach:
(«du wirst noch ein verbitterter Mensch»)
Und von allen Seiten kommen sie
Mit ihren gutbesohlten Worten
Und von allen Seiten wissen sie wie zu leben
Mühen sie sich zu leben wie zu leben sei
Erklären mir das Warum der Kinder
(«Kinder wollen nicht die Ursache der Wirkung wissen
Sie wollen Bedeutung und Grund kennen»)
Beschwören meine Vernunft
(«nur als arbeitender Mann
Hast du einen Wert für andere»)
Beharren auf einmal eingeschlagenen Wegen
(«du beendest dein Studium
Denn man führt Angefangenes zu einem Ende»)
Während rechts und links die Fäulnis
Im dunklen Schlupfloch des Erbguts
An ihrem faulenden Geist keuchen und fleuchend sich stärkt
(«die Frauen steigen hinauf bis zu mir
Und wollen mir an den Kragen»)
Oder
(«ich lasse die Schulden
Aus Spielsucht und Hurerei
Hinter mir: kümmert ihr euch darum»)
Oder
(«wir schätzen andere
Indem wir sie schlecht machen»)
Oder
(«ich sterbe obdachlos und frei
Weil meine Geschwister keine Geschwister sind»)
Oder
(«ich fresse mein Leben in mich hinein»)
Oder
(«ich nage an jeder Entscheidung
Weil Skelette sich nicht regen»)
Oder
(«ich kann mit Geld nicht umgehen»)
Oder
(«das einzige was zählt ist Geld»)
Oder
(«ich habe es ausgerechnet
Ich werde 100 Jahre alt»)
Oder
(«meine Mutter legte ihr Haar über ihr Gesicht
Und ich musste sie darunter suchen»)
Oder
(«da ist jemand mit einer Pistole vor der Türe»)
Oder
(«er ist wieder in Königsfelden»)
Oder
(«Verkehrspolizist – das würde noch passen für sie»)
Oder
(«Schau mal: die Frau da
Die würde ich sofort ficken»)
Oder
(«Kaschdi sam sa sibie»)
Oder
(«wenn ich eine Pistole hätte
Würde ich mir das Gehirn wegschiessen
Und das Blut würde auf diesem roten Bild aufschlagen
Und niemand würde eine Veränderung merken»)
Oder
(«sie ist eine Hexe»)
Oder
(«ich habe mein Leben vergeudet»)
Oder
(«du lebst von der Sozialhilfe
Da bin ich mir sicher»)
Oder
(«ich wünsche euch
Dass dieses Kind in der Gosse landet»)
Oder
(«lass den Bagger dort liegen
Sonst komme ich raus und verhaue dich»)
Oder
(«ich schlage ihn hier und jetzt
Damit er nicht mehr das Bett nässt»)
Oder
(«wie geht’s dem Schwartenfigger?»)
Und im Neonlicht hier unten
Ist die Weichheit der Erde
Fluch und Segen: begrenzte feuchte Sicht
Und in jeder Kehre
(nimmt denn ein Wurm wie ich
Sein Winden wahr?)
Und in jeder Windung des Weges
(weiss denn eine Frucht wie ich
Um ihre Lage?)
Von einer unbegrenzten Durchlässigkeit
Voller organischer Spuren und Vorgängen:
Meiner Schwachheit allmählich mächtig
In aller Mühe allmählich mächtig –

Doch da
In der unklaren Sicherheit
Eingerichtet wie in einem Strumpf
Der Windungen zu viele
Der Räte zu wenige
Mitten in der raschelnden Stummheit des Lebens
Vom Wind umgeben statt von meinen treibenden Schwestern
Auf der herbstlich glatten Oberfläche der Strasse
Neben meinen stinkenden Schwestern
Zwischen Gingkoblatt und Zigarettenkippe
(ah meine neun Gingkobäume am Ende der Freiburgstrasse)
Auf dem Rücken ausgestreckt wie Gregor Samsa:
Der schreiende Wurm meines Kindes ringelte sich im Schock
Und ich verlor die Richtung
Das Gleichgewicht und Vertrauen
Die ich vorher schon verloren:
Aufgegeben hatte: noch einmal: ich bin schwach
Aber das Wühlen und Werken wie zuvor
Kann mich nicht mehr vorantreiben
Noch weniger Schaf als je zuvor
Über meine allzu herbstliche Müdigkeit gekrümmt
Als hätt ich eben meine Kleider zusammengetragen und noch nicht sortiert
In meine saure Nichtigkeit gehüllt
Als hätt ich das einzig Richtige erkannt
Und gelernt: von der Strasse aufgelesen
Aus dem Erdreich gepult
Lausche ich einem knarrenden Deutsch
Aus dem Land der weiten flachen endlosen Traurigkeit:
Der Ernte zwar viel
Die Arbeiter wenige –
Bittet nun den Herrn der Ernte
Auf dass er Arbeiter ausschicke
In seine Ernte. Geht fort –
Ich schicke euch wie Lämmer
Inmitten von Wölfen.
Und ich hörte auch:
Ich schickte euch zu ernten
Worum ihr euch nicht gemüht habt –
Andere haben sich gemüht
Und ihr seid in ihre Mühe eingetreten.

Spiegelgedicht

Du hast keinen inneren Halt
Du saugst an fremden Knochen
Du interessierst dich nicht für mich
Du stellst keine Fragen oder unverfängliche
Du spekulierst mehr als du weisst
Du findest Muttis
                  Die helfen und sorgen sich
Du träumst dich gern hinweg
                  Aus Konflikten und Ansprüchen
Du hast keine Überzeugungen
Du bist angelesen
Du weichst Irritationen aus
Du fragst nie nach
Du suchst einen Kuss und fürchtest den Griff an meine Brust
Du redest von Liebe viel zu schnell
Du bist nicht für die Freundschaft gemacht
Deine Ideen sind geliehen
Dein Schreiben ist nur vorgeschoben
Du läufst kindlichen Vorstellungen hinterher
Du scheust das tiefer Graben
Du schüttest lieber Gräben auf
Du glaubst an den Berg und willst nur das Plane
Du bist von deiner Freiheit überzeugt
                  Als wärst du ohne mich
                                    Und ohne uns
                                                     Überhaupt möglich
Du schmückst dich mit Fremder Wörter und Fremdwörtern
Du tanzt auf allen Hochzeiten
Du hast zu viele Interessen
Du kannst nicht ehrlich sein zu dir
                  Wenn du das mit mir nicht kannst
Du hast noch nie etwas zu Ende gebracht
Du hast noch nie etwas zu Ende gedacht
Du träumst von der Wildnis und suhlst dich auf der Couch
Du liest Bücher und Geschichten
                  Um etwas zu sagen zu haben
Du möchtest nach dem Mund geredet werden
Du willst es nicht unnötig schwer machen
Du verstehst unter Freiheit etwas anderes
Du bist undankbar
Du redest ja nicht mit mir
Du rechtfertigst dich immer
Du machst im entscheidenden Moment dicht
Du willst nicht über die Beziehung sprechen
Du kreist nur um dich selbst
Dein Leben ist nur möglich dank all der anderen
Du hast ein Begehren ohne Worte
Du hast ein Begehren ohne Wissen
Du hast ein Begehren ohne Wirklichkeit
Du hast zu viele Worte
                  Und wenn es darauf ankommt keine
Du hast ein schüchternes Herz
Du bist der Widder im Gestrüpp
Du hattest einfach Glück.


(Bild von Peter H auf Pixabay.)

Diagnose

Auf Geld warten
Keine Ausreden: das ist
Was du kannst: nichts anderes
Kannst du besser
Es ist dir sehr angemessen
Eingewachsen ist dir das Schreiben
Wie das Miom in Mutters Gebärmutter
Das darin über Jahre wuchs
Gross wie eine geballte Faust
Und bei einer Kontrolle plötzlich fehlte
Abgebaut vom Wohlergehen

Keine Ausreden: irreversibel ist das
Ein Makel der Haltung
Falsche Prioritäten und gute Vorsätze
Dazu stehen ist nicht so leicht wie sagen
Ich schreibe
Heisst zugeben
Nicht dazugehören zu können
Nicht dazugehören zu wissen

Denn in meinem Heide-Herz wohnt
Pharao nicht
Keine Schlangen-Stele thront über der Weide
Und die Klumpen der Scham stehen nicht im Weg
Den Währungs-Strömen
Die meine Vorstellungskraft im Tulpen-Gelände meiner Nieren verlaufen lässt
Und die Thrombosenfäuste
Die auf die Stille meiner Schläfe eintrommeln
Lassen mich nicht zu Rhythmen tanzen
Die den Rubel rollen machen

Keine Fluchten mehr: ich kann nicht mit Geld umgehen
Warte immer auf Geld
Lasse mich einladen
Schamröte ist meine Kriegsbemalung
Die ich für euch trage
Die ihr Sicherheit findet im Geld haben
Die ihr Zukunft baut auf Vorsorge
Häuser für die eigene Ewigkeit
«Innendekoration allein hat 30’000 gekostet
Weil wir die Kacheln aus Portugal kommen liessen»

Ich höre das pfefferminzfrische Trippeln der Mäuse…
Ich höre die Kosten der Seitensprünge…
Ich höre die kreischenden Bremsen des Lastwagens
Der euren Sohn erfasst und in die Kuhweide hinausschleudert…
Ich höre die Versprechen eures Gebetes…

Magd und Macht


Ich habe dich zuerst nicht gefunden…
Ich habe dich fast nicht gefunden…
Klein und wenig warst du am Rand des Kreises
Wie eine Mutter lief ich zu dir hin
Wie ein Kind kam ich bei dir an…
Überm tannigen Geruch strecktest du die Hand aus
Bevor ich noch bei dir angekommen war…
Unterm Puder-Gesicht ein Lächeln
Wie das eine gute Wort
Und über den dunkel wogenden Falten von Wange und Kinn
Diese Fruchtwasser-Augen…
Und haltend hielt ich deine blütenleichte Hand
Und haltend küsste ich deine blütenweisse Hand…
Sollen die Besitzer rufend und weisend durch den Kreis gehen
Soll der Aufseher am Gerüst schraubend und rüttelnd seine Zitronenblicke auf uns zielen…
Ich habe auf dich gewartet
Wo warst du denn fragst du…
Wo warst du denn so lange…
Deine Hand an meinen heissen aufgerissenen Lippen
Ich schmecke das Magnesium
Ich küsse die Wurzel deiner Hand und den Schlag deines Blutes
Ich koste den Schweiss von Metall und den Fischduft der Güte
Deine Brust wogt noch…
Aus meinem ganzen Körper dringen Tränen hervor
Auf den Knien lege ich meine Stirn auf deine rechte Hand
Hell und warm wie Asche…
Warum bist du denn so bleich
Du bist ja ganz grün im Gesicht…
Fragst du und bewegst dich im Stuhl wie eine Gefesselte
Und kniend sah ich den Aufseher kommen
Unter den Zurufen der Besitzer sah ich ihn kommen…
Näher kamen die gelben Augen
Muskeln glänzten… schnell
Lass uns gehen sagtest du und haltend meine Hand
Führtest fort aus dem Kreis
Der nach Harz duftete
Nach Hufschlag und Krallen und Lachen
Und nach stiebendem Staub…
Wenig und klein sassest du auf meinem Schoss
Deinen Kopf auf meiner Schulter
Dein glühendes Haar rauschte
Kitzelnde Worte in mein Ohr…
Auf dem Felsen war es still…
Auch kein Wind ging…
Ich habe dich fast nicht gefunden…
Unter uns erstreckte sich die Weide der Welt
Weich wie das Fleisch der Leber
Über ihr kreiste eine grauer Falke
Unermüdlich in der Flaute…
Ich habe dich zuerst nicht gefunden…
Und du legtest deine rechte Hand
Wie der Atem einer Katze
Auf meine nasse Wange…

(Das Bild von Mariae Verkündigung stammt von Simone Martini (1284-1344) und wurde gemeinfrei von Wikipedia heruntergeladen.)

Orangen im Aeschengraben

Über mir tanzt das lichte Laub,
Kühl ist es im gefleckten Schatten.
Langsam dreh ich die grosse Frucht
In meinen Händen: schön zu halten
Ist sie, die Haut ist rosig wächsern,
Riecht wie die Haut von kleinen Kindern.

Lange schon halt ich sie und wiege
Ab ihr Gewicht für mein eignes Leben:
Umbrüllt vom Lärm des Stadt-Verkehrs
(Kaschdi sam pa sibia): Von was werd’ ich
Morgen denn leben? Heute muss sie
Genügen. Gleiche dem Gras, das morgens

Wächst, und am Morgen blüht es auf,
Wächst schnell empor, am Abend schon ist’s
Dürr und verwelkt. Ich stech hinein
In den orangen Globus, Saft schiesst raus,
Fast bis ins Aug, in meinen Händen
Klebriges Blut der Frucht, Tränen

Tropfen herunter, heiss und brennend,
Mitten im Lärm und umhüpft von Spatzen,
Säure süsst meine Lippen, schmatzend
Schlinge ich schnell, ich schlucke gierig,
Denk an die Kinder, die ich verlassen,
Mildigkeit über uns, und unsrer

Hände Tun richt’ auf über uns.


(Image by Ilo from Pixabay.)

Leichte Last

Sorgende Worte sind mein Auftrag
Bergende Blicke sind meine Mühe
Angleichende Ohren sind mein Wohlsein
Ausgestreckte Hände sind mein Abzeichen
Nach Muskat riecht mein Heil
Auf der Zunge vergeht das letzte Salz meiner Zukunft

Hingewandt will ich lauschen
Vorgeneigt will ich erkunden
Mit jungfräulichen Fingerbeeren will ich befinden
Worauf wir uns beziehen
Was uns zweie stützt und hält

Schnuppern am Schweiss der Einsamkeit
Der über unseren Ort gegossen ist wie das Fruchtfleisch der Passionsfrucht
Was den einen quält und die andere stählt
Vorgebeugt die Maschen prüfen
Zählen und prüfen
Prüfen und preisen
Die federleichten Reepe
Preisen und halten
Vorgebeugt wie ein Ringer
Schmecken am Lachen
Was die eine grämt und den andern wärmt

Grade Worte fallen schwer
Kein Leichtes sind präzise Blicke
Im Lebenslärm die Ohren verloren
Schon lange haben diese Hände nicht mehr liebkost
Zunge ist ein dumpfer Hebel der würzigen Wörter
Riechzellen meiner Nase begingen gemeinsam Apoptose

Zuverlässig will ich zeugen von deinem Leben
Zuversichtlich will ich bauen
Woran wir beide glauben
Was uns zweie eint und teilt
Errichten und lichten den Weg vom einen zur andern und zurück
Mit der Nase wühlen im erdigen Schlund der Löwengrube
In dem das Heulen und Zittern süss brennt wie Nelken

Mit den Fingerspitzen die Waage berühren
Die schwankende Mutter der Freundschaft
In deren Schalen aufbewahrt ist
Was die eine freut und den andern reut
Berühren und erhören
Den Hebeldrehpunkt wo sich trifft
Was den einen grämt und die andere wärmt
Erhören und beschwören
Über die ganze Distanz zwischen den Schalen
Ausgestreckt wie ein Kranich im Flug

Sorgende Worte sind mein Auftrag
Bergende Blicke sind meine Mühe
Angleichende Ohren sind mein Wohlsein
Ausgestreckte Hände sind mein Abzeichen
Nach Muskat riecht mein Heil
Auf der Zunge vergeht das letzte Salz meiner Zukunft


(Image by Gennaro Leonardi from Pixabay.)

Die Lücke

(Ein Gedicht für Hirokazu Kore-eda)

Wenn ich aufwache
Bin ich unvollständig
Muss ich eine Lücke füllen
Die in mein Leben hineinatmet
Eine selbstöffnende Pforte
Durch die das Weltall singt
Und die Fragen nach meinem Tun
Und ich setze mich an mein Tischchen
Brenne die vier Kerzen an
Wische mir den Schlaf aus den Augen
Locke die Katze neben mich auf ihren Schemel
Und blicke auf die weisse sich weitende Lücke
Auf dieses atmende Fenster in den Tod
Auf dieses äugende Fenster des Vergessens und des Vergessenen
Und beginne mit grosser Ehrfurcht wie vor einem Altar
Als opferte ich mein Glück
Um es in die Bresche zu werfen
Dieses Glück das nicht das Glück aller ist
Das wie der erste Hauch in eine Posaune ist
Das schüchterne Anreissen einer Saite
Deren Klänge noch unbestimmt und unsicher sind
Als wäre ich ein Kind
Das seine Sexualität und sein Begehren entdeckt
Vor seine einmalige Öffnung tritt
Von der aus das Leben zu beobachten und gestalten ist
Hoch über der Stadt mit ihrem Meer
Auf dem Dach der Schule und die Arme ausbreitend
Beginne ich mit dem in 40 Jahren gewonnenen Vertrauen
Als würde ich um eine Sonnwendfeuer tanzen
Dieser Kluft meine kleinen engen Zeilen entgegenzuhalten
Voll von den süssen unvollständigen ungenauen unverständigen Wörtern
Um das Glück auf mein Glück einzugrenzen
Denn die Lücke lässt sich nicht füllen mit Alkohol oder Völlerei oder Freundschaften
Lässt sich nicht füllen mit Masturbation oder Träumen finanzieller Freiheit
Als jonglierte ich mit Flammenwerfern
Und das Hauchen und Rascheln aus der Spalte nimmt ab
Verstummt nie ganz
Aber nach ein oder zwei Stunden ist die Lücke auszuhalten
Wie eine Tür in der Oper
Ein Fenster wie es sich gehört
Bis ich sie im Schlaf wieder aufreisse
Und das ist mein Glück.


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Eingeboren

Ich bin eingeboren
In die Tiefe des Sessels
Im leisen Räuspern des Leders die Hand an der Stirne
An den pickelfreien Stirne pickend
An den Pickelgedanken pflückend
Die ich zugleich säe
Mit feuchten Augen und fallendem Mund
In die Vormittage hinein
In die kinderlosen Vormittage hinein
Auf dem Eishang der Stirn

Ich bin eingeboren
In das anschwellende Lachen der Plänkler
In die scharfen Witze des Fussvolks
In die rasselnde Heiterkeit eines Aufziehspielzeugs
Das über den Festtisch saust und im Erbarmensschoss von Oma landet
Es riecht nach Kerzenwachs und Zichorie dort
Und ihre kleine Hand auf dem Kopf des Kindes
Schliesst für Augenblicke allen Schall und allen Rauch aus

Ich bin eingeboren
In das Theater des Zorns
In die Ungehaltenheit der eigenen Gefühlswelt
In den Klamauk der gereimten Worte
In das Getrippel der Adjektive
In das plötzliche Lot der Ironie
Das meinen Grund streift und aufwühlt

Ich bin eingeboren
Im verschlungenen Darm
Der in mir seinen Weg findet
Mich mit seinen Fingern ausfüllt ohne zu zeigen
In dem meine Wünsche verwachsen mit ihren Polypenarmen
In dem meine Träume versinken mit den zu kurzen Beinchen
Der um die abgerissenen Senkbleie wuchert
Um mich zu verschlingen und umzubringen

Ich bin eingeboren
Nach Königsfelden
Wo ich isoliert werde
Wo ich gehalten werde wie ein ergrauter Paradiesvogel mit stumpfem Schnabel
Wo ich im Schlaf im Sessel die Zeiten des Zweifels überdauere
Wo ich befragt werde und Auskunft erteilen soll über jemand wie mich
Mit Blick auf die Herbsthänge des Juras
Die zum schweifenden Wandern einladen
Wo ich an unseren Verkümmerungen arbeite
Sie falte und entfalte
Aufblase und zersteche
Diese Schweinsblasen von einem Ich
Diesen Schrumpfwachs
Dieses Klingeln in den Ohren
Diese Widerstände im Denken
Um die ich schlaufe wie der Fluss um die Stadt
Wo mein Selbstmord in den geschlossenen Fenstern im dritten Stock auf mich äugt

Ich bin eingeboren
In die Bahnhofshalle
Ein Engel im Anorak
Dem die Züge nichts bedeuten
Mit allem Besitz im Einkaufswagen
Winters im Pfuusbus
Sommers im Platzspitz und Höngger Wald
Das Reden liegt weit zurück

Ich bin eingeboren
Über die flirrende und unendlich wiederholte Terz in dieses
Sucht mich nicht
Ich bin schon fern
Ich komm nicht mehr zurück
Das sich selbst nicht loslassen kann
Und zitternd überm Schwarzeis des Lebens steht

Ich bin eingeboren
In den Verlust der Erinnerungen
In das Höhlensystem hinter der Stirn
In die verkalkten Verhaltensmuster
Die aufrecht halten bis in den Tod
In die Zitterbeinchen unterm Schwellbauch
In das Gesicht
Dem die Person zu fehlen beginnt

Ich bin eingeboren
In das Saufen und Fressen
In das überbordende Gemüt
In den überbordenden Körper
In das dröhnende Lachen
In das Zuviel an Ich

Ich bin eingeboren
In die in die Luft geschriebenen Verbindungen zwischen den Menhiren
Die moosbedeckt warten auf die Gletscher
Im feuchten Wald
Im Moorland.


(Image by Max from Pixabay.)