Essen: Schauen

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I

Ich esse solange das Gleiche
Bis es mir gleich wird: langsam
Beginnt der Geschmack zu schweigen.


Die Zunge befördert
Auf der Baustelle der Aneignung
Stahlhart und stumpf
Bolus um Bolus
Ins Ausscheiden.

Aufschwellend
Un-Schwamm
Kauere ich im Schatten
Überm weichen
Erdteil.

(Ich fürchtete mich
Vor dem Schlucken:
Würde ich Schlange?)

II

Mein Anteil Erde:
Ich ringe mit nichts –
Nichts ringt mit mir.

Mein Fett:
Weder Schwimmblase noch Schild.
Ich bin niemand Feind und
Weder hoch noch tief.

Ränge jemand mit mir
Ich träte schnell vorwärts
Aus dem Ring.

Erhöbe ich mich aus klammem Einstreu
Niemand kennte mich.
Niemand fände mich
Sänke ich in die Dämmerzone.

III

Ich esse zum Essen.
Gänse müssen sich so fühlen.
Ich habe einen offenen Hals.
Ich bin eine Röhre.

Ich esse rutschend:
Rutsche essend ins Fortwähren.
Ich halte nicht an mich
Weil nichts mich hält.

Die Erde wie der Geschmack
Ohnegleichen:
Farblos wie Wasser
Hart wie Kot.

Klassentreffen

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Das ganze Leben liegt dazwischen
Die Jugend ist vorbei
Die Kinder bald ausgeflogen

Lügen hilft: Keine Zeit scheint vergangen
Anekdoten halten sie fest
Fast unverloren

Die Welt hat sich weiterbewegt
Niemand ist noch so
(Hinter seiner Jugend-Larve)

Ich verabschiede mich dann mal
Ich hätte viel früher schon
In mein Leben zurückgewollt.

Dastehen

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Ich will nicht mit einem Ständer
Dastehen, im Ernst und weiss,
Noch viel mehr muss sich verändern,
Will gar nicht, was ich schon weiss,

Entsprechen. Ich möcht verheissen
Ungestützt, was niemand kennt,
Geschützt von Geschirr aus Meissen,
Langsam wie die Scham mich brennt,

Gerötet und gestellt an Ränder,
Die immer Konkretes heischen,
Als sei ich ein Samenspender,
Ungeprüft und ohne Feilschen.

Ich will nicht mit einem Ständer
Dastehen, mit vollen Händen. 

Nichts

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Links die Erde
Rechts der Himmel –
Dazwischen ist die Kacke am Dampfen.
Ideen entstehen aus Armut.
Aus Niedergesunkenem wird hilflos
Liebe: schmeckt nach nichts
Denn gaumenlos gebiert die Erde
Strauch – Strauch – Strauch.
Darüber ist die Angst mit einer Stimme
Ausgekratzt: Morgenbrot für nichts
Dem nur Liebende Worte geben –
Worte wie Zweck und Ziel und Weg.
Wenn die kommen
Stehl ich mich draus.
Lege mich vor die Notaufnahme.
Aber links muss die Erde sein und
Rechts muss der Himmel sein.
Das ist zwingend. Lebend
Komm ich ja zu nichts. Nichts
Ist ein Feuer unterm Hintern.
Verstohlen äug ich an den Jupiter.
Hände Arme und hohle Wangen –
Immer nimmst du meine Ideen und machst sie zu deinen
Sagt der Geruch der Erde liebreizend.
Nicht im Mindesten lässt sich nichts
Ausdrücken: Liebenden erscheint es
Blind. Ein in der Ekliptik versenktes Auge
Von rechts nach links ziehend:
Unterm notdürftigen Pflaster
Kehrt sich die Zeit um.
Decke auf und kratze. Lebend
Hat die Liebe keinen Stand. Liebend
Komm ich hier nicht raus.
Mein Körper riecht schon steinig.
Ich habe keine Mittel mehr
Die ich ausdrücken könnte
Wie Pfeffer oder Pusteln.
Wenn ich um das Schwingen der Erde weiss
Sehe ich auch den Himmel schwingen.
Meine Zwänge sind keine Mittel mehr
Mit denen die Ideen hilfloser werden.
Das Unten kann mir gestohlen bleiben
Für das Oben sorge ich schon selbst.
Wenn die Kacke am Dampfen ist
Gehe ich eine rauchen. Das hilft
Beim Werfen von Strauch in Magenbrot.

Eine rauchen

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1

Du nimmst meine Ideen
Und machst deine daraus.
Du willst immer nur gehen,
Allein bleib ich im Haus.

Du kannst schon ganz gut wickeln
Und mit Kindern Radau.
Du wirst immer nur nicken,
als wär’s eine Art Stau:

Geduld, nur zu, und weiter…
Dann kommst du angerannt
Und willst alles nur heiter,
nicht das, was schon bekannt.

Sind wir denn noch zusammen?
Musst du jetzt eine rauchen?

2

Du kannst es nicht verstehen,
dein Ich, Ich ist ein Graus.
Ich kenn deine Ideen
Doch, sie sparen mich aus.

Spiel ich mit, wird es heissen
Ich sei viel zu entspannt,
Soll am Riemen mich reissen –
Der Scheiss, der ist mir bekannt.

Auch ich schlaf nur in Bitzen.
Du sagst, ich mache blau.
Du willst ja gar nicht wissen,
wie sehr es sich hier staut.

Ich kann fast nur noch stammeln.
Ich geh jetzt eine rauchen.

12er Tram

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Es gibt keine Totschalen mehr
Nagerkappen steigen Wut
Gewöhnsamkeitsübungen und nackt
Schamhandschuhe aufgelegt
Überstunden aus künstlichen Herzen
Erkunden Unterhaltung

Es gibt keine Angelmatten mehr
Neukommsägen fluren Kalltag
Um Kalltag bis Sammelkretern
Markerschütternde Morbulierungen
Kehren Lesbarkeiten in Turmalin
Strahlend und bezahlbar zugeladen

Die Möglichkeit einer Flucht

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Ich möchte hinter Mauern schauen.
Nicht hinter Mauern leben.
Vor Mauern vor Mauern
Sagen die hinter den Mauern.
Denken die an die Mauern
Wenn sie sie schon nicht sehen?
Denn die Mauern sind zu sehen
Wen sie stören. Hinter ihnen
Erwarte ich das was ungetrennt
Fruchten könnte: Aber die Mauern
Sind doch gut sagen sie und schauen daran vorbei
Als wäre das das Leichteste.
Vor den Mauern ist hinter den Mauern
Sagen sie und umgekehrt.

Ich möchte nicht nur hinter Mauern schauen.
Ich möchte ohne sie leben.
Meinen Karren in jede Richtung ziehen können.
Was hinter den Mauern ist
Gehört auch zu dem
Was vor den Mauern ist.
Seit ich schauen kann denke ich
Halb mit und halb ohne Mauern.
Füchte ich mich davor
Was dahinter ist: dasselbe Land
Mit seinen Kirschen einfach
Ohne das fruchten müssen
Und mit der leichten Furcht
Und niemals umgekehrt.

Gedicht von der körperlichen Gegenwart

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Unter Eichen: Keller im Sommer.
Moment meiner Kleinheit angemessen.
Weiter unter ihren schwankenden Hüften
Fehlen mir Hände dafür.

Lippen wie kaum getrocknete Illuminationen
In lange schon aufgeschlagenen Büchern.
Hüften warten. Türangeln zu anhaltenden Umgebungen:
Halten können was nicht zu halten ist.

Deine leichte alte schwere Hand an der Stirn.
Aber sie fand mich doch.
Mein Atem reichte nicht aus für diese Freude.
Selbstverständliche Hände meiner Kinder.

An Füsschen riechen. Auf Bäuchlein prusten.
Zum Einschlafen die Hand schenken.
Ihre sandige Haut und meine sandige Haut.
Mein Atem schwebt immer noch über ihren Schürfungen.

Mollige Haut auf meinem Bauch.
Ich hatte nachts noch am Feuer geschrieben.
Abstieg in die ruhigen Atemzüge meiner Familie.
Oben das Kreischen des letzten Trams.

***

«Nadler» sagte ich und stiess ihm
Meine Hand vor die Brust wie die Zunge eines Froschs
«Nadler» sagte ich und sah ihn zurücktreten von mir
Und in seinem Gesicht das taube Widerstreben
«Nadler» wiederholte ich und legte meine Hand auf sein Schulterblatt
Zog ihn so schnell zu mir heran
Dass er nicht einmal seine Ellenbogen in meine Brust stossen konnte
Hielt ihn mit beiden Armen fest
Kurz streifte mich sein herber Atem
Und ich sagte «Nadler freut mich freut mich»
Und spürte wie seine Brust vor Nähe knirschte.

***

Halte mich noch einmal so fest.
Meine Muskeln durchbohrend mit deinem Fingerdruck
Auf dass ich dir genau zuhöre
Und nicht auf den Puls in deinen Fingerbeeren horche.

Meine Kinder bergen mich in sich.
Selbst wenn ich gestorben bin
Wird ihr Körper noch von mir sprechen.
Höre noch einmal das verschwommene Singen von Blut im Bauch.

Lange warte ich auf die Rede der Borke.
Mein Bauch ist ausser sich vor Kälte.
In der Tiefe schürfen Organe mein Leben.
Gerüche steigen auf – Hymnen und Flüche.

Ich schriebe gern auf eine seidige flaumige Fläche
Grosse Zeichen vom Krüppelwald auf meinem Rücken.
Weder habe ich deine Sommersprossen ausgezählt
Noch die dazu gehörenden Sätze gefunden.

Berliner Mauern

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Bevor es dir geschieht
Kannst du nichts begreifen.
Und dann wird dir die Zeit nicht reichen.

Die Zeit war dein Feind.
Du stauntest nicht darüber
Wie du immer anranntest.

Du kamst zu spät zum Frauenarzt
Sie war schon im Ultraschall.
Du setzt dich ins Kalklicht des Wartesaals.

Auch bei der Geburt würde dir die Gala die Treue halten.
Langsam trocknete der Schweiss.
Er roch süss nach Kohlestaub.

Da seid ihr auf der Strasse.
Mitten im Steinkalmar der Stadt.
Die Häuser äugen aus ihren Schusslöchern.

Sie redet nicht und heult undeutlich.
Sie geht langsam. Ihre Hand fehlt dir jetzt.
Die hätte dich getröstet.

«Warst du schon einmal ausser dir?»
Davon hast du keine Ahnung.
An einer Mauer schürfst du dir den Handknöchel.

Einmal ist sie eine Mauer
Trocken und hart und dann ist sie
Weich und warm und zieht an deinem Glied.

Die Zeit ist nicht dein Feind.
Du rennst gegen die Sicherheit an.
Davon begreifst du nichts.

Du dachtest ein wenig an die Prinzessin Caroline von Monaco.
Und an ihren Prügelprinzen. Ihre Hand lag auf deinem Bauch.
«Ich brauche dich hier und jetzt,» sagt sie.

Nichts (zu) sagen

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Die Amsel ist sehr laut
Von der Regentraufe herunter.
Ob das andere Geschrei
Von hinter den Dächern
Antwort heisst? Ich beginne so sage ich
Mit meinen täglichen Verrichtungen.
Bald wird die Amsel Kinder haben
Aggressive Anflüge üben.
Ich habe auch Kinder.
Ich sage das bewusst.
Mit Bedenken. Es ist angesagt
Dass ich mich um sie kümmere.
Kümmern ist wie trösten
Nur besser. Was kann es mir
Dass ich beides nicht kann?
Ich esse immer das Gleiche.
Ich sage immer das Gleiche.
Ich finde meine Bücher nicht mehr
Auf doppelt und dreifach beladenen Regalen
Rechnungen auf Tischen begraben
Unter Katzenhaar und Katzenstreu.
Ich räuspere mich. Bleibe redlich. Verrichtungen
Ermöglichen Verantwortung
Verantwortung erschöpft sich im Gleichen
Das ich immer esse. Im Waschmittel
Und Toilettenpapier. Bevor die Amsel schreit
Halte ich mein Können aus dagegen
Dass es gleich ist: das Wiederholen
Macht es nicht gültiger.
Die Kinder gleichen mir zum Fürchten.
Bald sind es keine Kinder mehr.
Da bin ich aber froh. Vielleicht ist die Amsel so laut
Vor Schrecken? Dass das Leben
Saglos gilt? Ich kümmere mich nicht
Um Antworten. Ich mache nichts
Weniger als gleichen. Trösten
Ist nicht kümmern. Ich habe weder Ahnung
Noch Meinung. Beides ist gültig. Im Regen
Rückt die Birke heran und drückt
Im Wind ihr Haar an meine Fenster
Wie forschende Augen. Oh nein
Den Geruch des Kellerlochs vergesse ich nicht:
Gleichheit und Gleichmachung gelernt. Interessiert
Erkunde ich Vernichtungen.
Was ich kann
Bleibt sich gleich.
Gültig ist es nicht.
Aggressives Anfliegen
Üben will geübt sein.