Von keinerlei Bedeutung

Es gab keine Auswege. Das war das Gute. Es gab dieses Drehen im Kreis. Von der Stube, die zur Strassenseite lag, nach hinten in das Schlafzimmer, die zum Wald lag. Das Drehen war eine Schlaufe, die mit der Zeit Ecken bekommen hatte. Es war angenehm, den Richtungswechsel als 90 Grad-Winkel zu vollziehen. Die Kontrolle in dieser Bewegung fühlte sich an, als beherrschte er noch etwas. Zur Strassenseite waren die Rollläden heruntergelassen, dort war das Gehen wie Waten durch salziges Dämmerlicht. Der Kopf war oben im Dunkeln, die nackten Füsse unten im brackigen Schimmer. Zur Waldseite war es heller, mit der Zeit war der Raum von einem verschmierten Grün eingenommen worden. Die Strasse war leer und still, der Wald war näher gerückt. Aus dem Wald kamen Geräusche, die nicht genauer zu bestimmen waren. Die Geräusche hatten ihn lange an etwas erinnert, aber sie hatten sich nicht verändert. Er hatte aufgehört, sich für sie zu interessieren. Inzwischen war es wahrscheinlicher, dass die Geräusche in den Blättern entstanden. Die Blätter des Waldes waren zudringlich geworden. Wenn er vorne in der Stube war, drängten sie herbei und klopften an die geschlossenen Fenster. Wenn er im Schlafzimmer war, konnte er ihren Abstand zum Fenster überprüfen. Er schätzte den Abstand auf etwa 60 Zentimeter. Das war weniger als am Anfang. Aber die Fenster hatten Schmieren oder Schmisse von den Ästen. Die Pause in der Mitte seines Rundgangs war fast ein Ausweg, aber notwendig. Sie gestatte ihm, sich für kurze Zeit an den Stahlrahmen der Küchentür zu lehnen. Sein Kopf im Nacken, seine Schultern und seine Pobacken an den Rahmen gepresst. Der Rahmen war ein wenig kühler als die Luft in der Wohnung. Am Anfang hatte er mit dem Gesicht am Rahmen gestanden, die Stirn klopfend an den Rahmen gepresst. Doch das war ein Ausweg gewesen, das hatte er schnell begriffen. Das war gegen das Vergessen. Aus der Küche kamen die Gerüche. Sie beruhigten durch ihre zunehmende Stärke, bewiesen das Vergehen der Zeit. Sie waren lebendig. Neben der Küche lag die Toilette. Dort lief in dünnem Strahl das Wasser. Es kam lauwarm aus der Leitung. Hin und wieder war es nur ein Tröpfeln, laut wie das Pochen an einer Türe. Das Trinken daraus war notwendig in dieser Hitze. Wenn er dachte, war er erstaunt, dass das Wasser immer noch herauskam. Wenn er dachte, war manches erstaunlich. Nur schon das Denken war erstaunlich. Doch sein Gang setzte sich bald fort. Als er begonnen hatte, war das Urinieren ein Ausweg gewesen. Mit der Zeit aber hatte er sich daran gewöhnt, fast im Vorübergehen in die offene Schüssel zu spritzen. Er trug nur noch Socken. Er blieb nur noch an drei Stellen stehen. Die erste war die Küchentüre, den rechten Fuss im Flur und den linken Fuss jenseits der Schwelle im harschen Geruch der Küche. Die zweite Stelle war das Fenster zum Wald. Er hatte darauf zu achten begonnen, dass er nicht im gleichen Gang an beiden Stellen stehen blieb. Vom Fenster zum Wald musste er sich losreissen, am Fenster zum Wald war es gefährlich. Es war dort so einsam und belebt, das verbrauchte Grün schmeichelte das Auge so sehr. Die Bewegungen der Büsche und Bäume waren hinter den geschlossenen Fenstern unerklärlich und erschreckend. Wenn er am Fenster zum Wald stand, konnte er sich selbst für Augenblicke abschütteln. Er bekam wieder eine Ahnung dafür, was noch da war ausser seiner selbst: die Vögel, die Blätter, die Eichhörnchen, der seltene Wind. Am Fenster war ihm der eigene Tod am nächsten. Hätte er das Fenster je geöffnet, so wäre er ausgestiegen. Darum riss er sich los vom Fenster, auch wenn es schmerzte. Und er hatte das Näherkommen des Waldes bemerkt, dieses gesichtslose Heranrücken. Bald würde der Wald seinen vollen Bauch an die Scheiben drücken und sie aufsprengen. Er drehte sich mit dem Rücken zum Wald, atmete ein und atmete aus, setzte sich in Bewegung. An der Wohnungstür verlangsamte er seinen Gang. Seine Schritte streichelten den porösen Korkboden vor der Türe, seine Fussballen fühlten die nachgiebigen Unebenheiten. Er verhielt seinen Atem. Sein Gehen wurde zum Aufhorchen. Sein linkes Knie konnte unerwartet nachgeben. Seine Hände stützten sich auf den weichen lauen Boden. Doch hinter der Wohnungstüre waren keine Geräusche, kein Huschen, Husten oder Rascheln. Er wusste, dass niemand da war. Er wusste nicht, ob „ausgezogen“ das richtige Wort dafür war. Doch gab es in seiner Lage keine Möglichkeit, das Verschwinden zu beweisen. Das Verschwinden, das irgendwann eingesetzt hatte. Irgendwann in diesem schrecklichen Sommer. Es konnte sein, dass er mit seiner Schlaufe in der Wohnung die Zeit anhielt. Das konnte sein, dass er die Zeit anzuhalten begonnen hatte. Und das Verschwinden war eine mögliche Folge davon. Ein- oder zweimal am Tag nahm er seinen verbliebenen Mut zusammen, um die Wohnungstür zu öffnen. Nicht zum Lauschen, denn die Türen der Sozialwohnungen waren längst alle aus verzogenem Sperrholz. Zu oft hatte die Miliz in den Wochen vor dem schrecklichen Sommer die Türen eingeschlagen oder aufgestemmt, die Bewohner in den frühen Morgenstunden auf dem Vorplatz zusammengetrieben. Die Verwaltung war sich sehr bald zu schade gewesen, nach solchen Razzien wieder solide Wohnungstüren einzubauen. Nein, die Türen waren kein Schallschutz. Er öffnete die Türe, um zu riechen. Mit einem leichten Säuseln kamen die Gerüche zu ihm hinauf in den dritten Stock. Vielleicht stand unten die Haustüre offen, daher das leise Pfeifen im Treppenhaus. Die Luft stieg kühl und frisch aus den Kellern hinauf. Sie roch nach feuchtem Kies und nach Fussschweiss. Er stellte sich die Schuhe vor den Türen vor. Früher konnte man in den Morgenstunden oder in der Nacht darüber stolpern, wenn das Licht wieder einmal ausgefallen war. Er hatte die Schuhe immer als etwas Lebendiges erklärt, schlafende Verkörperungen. Die Luft roch nach ausgekühlten Suppen, auf denen sich ein flauschiger Schimmelteppich gebildet hatte. Die Luft trug den Duft von Tierurin zu ihm herauf, Revierspuren eines Fuchses, den er nachts schon durch die Eingangshalle und über den ersten Treppenabsatz streichen gehört hatte. Und bei offener Türe konnte er auch das singende Flattern der Tauben deutlich hören, die sich im Treppenhaus eingenistet hatten. Ihr Gurren begleitete bei geschlossener Türe seinen Gang durch die Wohnung. Der Fliesenboden des Treppenhauses war empfindlich kalt. Das war ein angenehmes Gefühl. Er war wie ein Tier, das kurz aus seinem Bau schaut. Dann schloss er die Türe wieder, setzte seinen Gang fort. In der Stube fiel ihn das Gefühl von Verlassenheit an. Der Raum war der grösste der Wohnung, der leerste. Rechts drückte sich das kleine Büchergestell mit den zwei vollen Regalen an die Wand. Auf dem Büchergestell war das Foto einer jungen Frau in einem Rahmen. Sie hatte rotes, lockiges Haar. Ihr Lachen auf der Fotografie war schüchtern. Es war ein abwartendes Lachen. Doch die junge Frau war der Kamera ganz offen zugewandt. Die Fotografie war leicht verrückt, die junge Frau lachte die Ecke an. In der Mitte der Stube lag ein verblichener runder Teppich mit konzentrischen Farbkreisen. Wie seine Socken war auch der Teppich von einem Flaum von Katzenhaar überzogen. Die Katze war zuerst weg gewesen. Jedes vierte oder fünfte Mal auf seinem Rundgang blieb er beim Fenster in der Stube stehen. Hier war es am Lautesten. Im Kasten des Rollladens wohnten die Spatzen. Weder kümmerte sie die Leere des Platzes unter ihrem Nest noch die dröhnende Stille des Mittags. Er stand reglos in der linken Ecke und lauschte auf die Geräusche der Vögel. Das Einfliegen führte zu einem Keifen und Wettern, das die Rollladen erzittern liess. Das Ausfliegen hatte einen sirrenden Ton, richtete die Härchen auf seinen Armen auf. Für Sekunden war das Rascheln nur noch das von kleinen, aufgeregten Leibern. In diesen Momenten in der linken Ecke beim Fenster konnte er plötzlich wegnicken. Sein Kopf sank auf seine nasse Brust, die Lider flatterten. Er spürte, wie seine Augäpfel in ihrer Schale verzweifelt nach dem Schlaf suchten. Sie drehten sich rastlos hin und her, spatzenhaft. Für einen oder zwei Augenblicke sank er in ein staubiges, raues Gefieder hinunter. Lange Arme zogen ihn immer tiefer in die Federwelt hinunter. Dann flog wieder ein Spatz ein, oder zwei zugleich. Er öffnete die kaum geschlossenen Augen und wandte sich dem Raum zu. Er bemerkte wieder die flaumigen Federn auf dem Rand des runden Teppichs. Es wäre ein Ausweg gewesen, sich nach ihnen zu bücken. Es war ihm nicht erklärbar, wie sie auf dem Teppich gelandet waren. Die Fenster waren seit dem Anfang geschlossen gewesen. Ein heftiges Räuspern liess ihn ganz zu sich finden. Schnell wandte er seine Augen von den konzentrischen Kreisen des Teppichs ab. Dort drin hatten sie sich schon manches Mal verloren, zwei Steine mit ihren Ringen. Wie der Schatten eines Wasserbüffels wuchs das Sofa aus der Wand, ein schwarzes Hindernis. Im Mittag stieg ein gieriger, heisser Stallgeruch von ihm auf. Sein Leder aber war geschmeidig und seidig wie das Fell eines kleinen Nagers. Sonnenstaub tanzte in den vier Streifen Licht über dem breiten Rücken. Die Sofahaut zuckte gelegentlich, wenn die Gedanken in der Tagesruhe Mut gefasst hatten und zudringlich wurden. Dann waren die mächtigen Muskeln unter dem Leder eine grosse Warnung. Darum brauchte er alle seine Aufmerksamkeit, wenn er an dem Möbel vorbeikam. Er durfte ihm nicht unterliegen. Auf den Fussballen tappte er an dem Körper vorbei. Wenn er an der Küchentür angekommen war, gelang ihm hin und wieder ein Blick zurück. Eine Art bittendes Lächeln verzog seine Züge. Er dachte vielleicht an ein aufgeschobenes Geständnis, an eine uneingestandene Ausrede. Unmöglich war es, von Gedanken zu sprechen. Unwahrscheinlich war es, an ein Leben zu denken. Es gab weder einen Ausgang noch einen Ausweg. Vorsichtig und angespannt wandte er sich dem Wald zu. Später, später würde er sich vom übermächtigen Schatten überwältigen lassen.


(Bild von Валентин Киселев auf Pixabay.)

Im Schatten des Turms

Dem entgegenzukommen, was einer am nächsten war. Das war gerade hier im Gebiet wichtig. Die Wirklichkeit nicht so anzunehmen, wie sie sich darstellte. Das Wirkliche dem Bedürfnis anzugleichen. Sie wusste es schon. Doch schien es nur in den Pausen möglich, wenn sie sich von der Aufsicht entfernen durfte. Wie jetzt, auf ihrem Weg den Stalden hinunter, wenn sie den Fluss fast schon riechen konnte. Sie wusste, dass auch die Menschen ausserhalb des Gebiets mit diesem Aber lebten, leben mussten. Doch immer war ihr das eigene Aber wichtiger gewesen. Fliessender Fluss, freier Himmel, zerstörte Grundfesten. So hatte es Regine gestern formuliert, als sie nach dem Abendessen auf der Schaukel gewippt hatten. Die Schaukel war das einzige, was vom Spielplatz noch brauchbar war, der zwischen den von der Explosion ausgeblasenen, skelettierten Wohntürmen lag. Dornen und Farne, Birken und Hasel. Regine und sie, Anna, hielten sich abends oft dort auf, fern der Männer. Manchmal gab es etwas zu bereden, manchmal nicht. Gestern hatte es etwas zu reden gegeben. Anna blieb einen Augenblick stehen, bevor sie die Gleise überquerte. Es war so schwer, sich etwas wie Züge vorzustellen, die auf Schienensträngen weite Strecken zurücklegten. Eine weite Strecke, das war jetzt dieser Weg, den sie ging. An den Fluss. Sie konnte sich an Züge erinnern, so alt war sie schon. An diesen Luftstoss, den sie vor sich hertrieben, wenn sie in die Station einfuhren, wie eine Herde verkohlter Schafe. Die Luft hatte dann immer ein wenig fremder, ein wenig herrlicher gerochen, nach Wiese vielleicht oder nach dem Regen vor einer Stunde, durch die der Zug gefahren war. Und der Geruch der Bremsen, diese verbrannte scharfe Luft. Das Seufzen der Türen, das Knattern der Ansagen, das Trappeln der Schritte, die Rufe der Begrüssung. Darum konnte sie nicht anders als Stehenbleiben. Vielleicht dachte sie auch an ihren Vater, auch wenn sie das verlernt zu haben glaubte. Sie war jetzt schon darüber hinaus, schritt durch den Wald aus Weiden und Eschen, der im Unterdorf gewachsen war. Sogar in den abgedeckten Häusern, zwischen den verbogenen, geschmolzenen Gestängen, die aus dem gewürfelten Beton ragten, wuchsen die Pflanzen, krallten sich in die leblose Materie. Jedes Mal, wenn sie durch das Unterdorf ging, fragte sie sich, warum hier noch nicht gehäutet worden war. Regine meinte, es sei zu nah an den Reaktoren dran, aber Anna wusste, dass die Reaktoren inzwischen nur noch ein leises Glühen ihrer Selbst waren. Darüber stritten sie sich regelmässig, rechneten an Halbwertszeiten herum, bedachten die Windrichtung, erörterten genetische Zerfallsprozesse und natürlich den Sinn und Unsinn des Häutens selbst. Regine wusste mehr, hatte aber keine Vorstellungskraft. Die hatte Anna, bis zur Selbstauflösung. Gestern hatten sie über die Kinder gesprochen. Zuerst hatten sie über das Sterben der Kinder gesprochen. Regine hatte Anna vorgeworfen, dass sie ihre Beförderung genutzt habe, um nicht mehr mit dem Leben der Kinder in Berührung zu kommen. Denn das Leben der Kinder sei ein Sterben der Kinder, und Anna wolle das nicht sehen. Und sehen wollen hiesse doch verhindern wollen. Wo denn ihre berühmte Vorstellungskraft bliebe. Dieser Angriff war für sie unerwartet gekommen. Regine hatte von einem Mädchen erzählt, das am Morgen gestorben war. Sie hatte ihren Blick nicht abgewandt, nicht wie die andern Kinder, nicht wie die Wächter. Es müsse etwas zu tun sein. Es müsse, es müsse doch. Anna kannte diese Klage, diese Anklage. Gestern hatte sie zugegeben, zum ersten Mal, dass sie darum an die Schifflände hatte versetzt werden wollen. Sie hatte zugegeben, dass sie die Beförderung angenommen hatte, um nicht mehr hinsehen zu müssen. „Du wolltest einfach wegsehen,“ hatte Regine gesagt, „du wolltest nicht mehr zusehen müssen.“ Da war die Anklage persönlich geworden, unerwartet stand sie als Vorwurf in der Stille zwischen den Trümmern. Im Gehen schüttelte Anna den Kopf. Es nutzte nichts, auch sie würden bald sterben. Sie hatte gestern weder Kraft noch Worte gehabt, um das zu sagen. Das Eingeständnis war für sie zum Eingeständnis vor sich selbst geworden. Das hatte sie müde gemacht, sie war mitten im Gespräch erschlafft. Regine hatte dann nichts mehr gesagt. Hatte gemerkt, dass sie nicht an Anna, sondern an sich selbst gedacht hatte. Regine hatte ihr die Hand gereicht, und zusammen waren sie in den Bunker zurückgegangen. Anna tränenüberströmt, Regine mit dünnen, gepressten Lippen. Jetzt ging sie an der römischen Mauer entlang. Die römische Mauer war das Schönste im ganzen Dorf. Auch wenn sie nicht mehr hoch aufragte, bewunderte Anna jedes Mal die Sorgfalt und Genauigkeit, mit der die Steine aufeinander geschichtet worden waren. Sie liess ihren Blick einige Zeit auf den Steinen ruhen. Das beruhigte sie wieder. Sie betrachtete die Stelle, wo eine junge Esche am Fuss der Mauer Halt gefunden hatte. Auch die Esche trieb feine Knospen aus. Doch die Knospen rochen nicht, als sich Anna über sie beugte. Sie waren fast geruchlos, vielleicht gab es da eine Spur von Honig oder Zuckerwasser. Sie nickte im Weitergehen. Es brachte nichts, an die Menschen zu denken. Davon war sie überzeugt, die Menschen waren nicht wichtig. Die Menschen waren nicht mehr wichtig. Es war etwas im Kommen. Es war etwas am Kommen. Das würde die Menschen an den Rand schieben, kippen lassen über den Rand. Sie brauchte eine Weile, bis sie am Fluss zu jener Stelle fand, wo sie vor den Blicken der Schiffer geschützt war und bequem sitzen oder liegen konnte. Der Fluss war jetzt frei, er arbeitete unermüdlich am Ufer, unterhöhlte an einer Stelle und schwemmte an der anderen Stelle an. Sie stellte sich den Fluss als eine raspelnde Schnecke vor, die ihren Weg durch das verdorbene Land frass. Überall brach das Ufer ein, lehnten sich mächtige Weiden zu weit vor, kippten hinein. Der Weg am Ufer war schwierig. Auch heute holte sie sich nasse Füsse. Aber sie hatte Glück, der Fluss hatte den ausgehöhlten Stamm noch nicht untergraben und fortgetragen, den sie letzte Woche entdeckt hatte. Er lag jetzt jedoch sehr nah am Wasser. Ein Haselbusch mit seinen grauen, rötlichen Kätzchen bedeckte ihn fast ganz. Sie legte sich hinein und wurde als Begrüssung vom Hasel eingestäubt. Sie konnte die Hand ausstrecken und das Wasser berühren, das neben ihr floss. Die Mulde im Baum war tief genug, um sie ganz aufzunehmen. Darin zu liegen war köstlich. Lange schloss sie die Augen. Das Holz war glatt und weich, roch leise nach feuchten Lebewesen aus der Erde, salzig und faul. Das Wasser machte dieses flüsternde, schmatzende Geräusch. Ihre linke Hand liebkoste den haarig rauen Rand des Baums, den ein Blitz so verletzt haben mochte. Sie liess ihrer Hand die Zeit, um den Pilz zu finden. Es waren zwei grosse Lappen, die eine Handbreit neben dem Höhlung im Baum wuchsen. Sie bemerkte, dass sie heute den Arm ein wenig abwinkeln musste, um den Pilz zu berühren. Sie war das erste Mal ein wenig erschrocken, als ihre Hand plötzlich den Pilz gefühlt hatte. Die beiden Lappen lebten in einem Zustand zwischen hart und weich, zwischen fliessend und gelähmt. Sie wusste nicht einmal ihre Farbe, weil sie dem Fluss immer mehr Aufmerksamkeit schenkte als ihrer näheren Umgebung. Sie schätzte, dass er einen grünen Hut hatte, dessen Wachstumsringe gegen den Stamm hin gräulich wurden. Den oberen Lappen konnte sie mit ihrer Hand ganz erfassen, mit den Fingerspitzen in die leicht schmierigen Rillen hineinlangen. Sie konnte spüren, wie der Pilz an den Fingerspitzen saugen wollte. Wie in einem Spiel mit dem lebenden Stoff hob sie ihre Fingerspitzen wieder heraus, um sie dann wieder in die kühlen Rinnen zu senken, die sich langsam an ihre trockene, raue Haut schmiegte. Die Kruste des Pilzes fühlte sich hart, aber nachgiebig an, wie Schwielen. Ihr Blick folgte den tiefen Nebelschwaden des Morgens. Weiter stromabwärts hörte sie das Prusten einer Maschine. Bald würde das Schiff an der Anlegestelle sein, Rufe erklingen und Befehle. So konnte es sein. Eine Handbreit Freiheit im Gehirn, eine Hand an einem lebenden Stoff, das konnte so lange dauern wie es mochte, nie war es genug. Die würden sie wieder suchen, und Stäger… Sie schloss krampfhaft die Augen, aber das Bild vom Mann war schon in sie eingedrungen, umschlang wie eine Schleimspur ihre Angst, presste sie in Erregung. Die Punkte auf ihrer Netzhaut tanzten verwirrt und richtungslos wie Mücken. Die Angst sang sirrend. „Du bist die einzige hier unten, Schweighöfer, die lesen kann. Wenn du fehlst, hältst du den Betrieb auf,“ hatte er das letzte Mal gesagt. Seine Stimme löste in ihr eine flirrende Übelkeit aus, selbst wenn sie nicht in die Höhe stieg vor Eifer. Wenn er aufgebracht war, ging die Stimme in ein unsicher schwankendes Piepsen über, ihr brach darüber fast der kalte Schweiss aus. „Du bist die einzige hier unten,“ sagte sie laut in die feuchte, leise webende Luft. Dem Wirklichen nicht entgegenkommen, dachte sie. Sie hob ihre Hände vor das Gesicht, spürte das Gewellte und Gerissene an ihrem Rücken. Die Finger ihrer linken Hand waren feucht und bläulich, die Finger der rechten Hand waren leicht gerötet vom Krallen ins Holz. Was einer am nächsten war, führte sie den Gedanken fort, das kam ihr auch zuvor. Regine verstand das nicht, nicht einmal Regine. Darum war sie doch hier, in diesem Baum: das Nächste, das waren diese fast leblosen Gesellen, diese wachsenden Zellen. Ein Zischen und Räuspern in dem, was nicht leben konnte, aber leben hatte. Es machte ihr Angst, es machte ihr Freude, vielleicht sogar ein wenig Hoffnung. Ein Ziehen und Wollen in dem, was ihr entgegenkam. War immer schon da, ungebraucht und unwirklich. Nicht einmal Regine verstand es. Drüben hatte das Rufen und Stampfen begonnen. Sie hatte den Kahn nicht an sich vorbeifahren gehört. Sie schlug sich alles andere aus dem Kopf, Knöchel an der Stirne. Bevor sie ging, klopfte sie auch auf die beiden Pilzhüte. Sie waren wirklich grün und grau. Der Klang war gar nicht anders als jener von ihrer Stirn. Langsam schneller werdend, verschwand sie in den Uferbüschen.


(Bild von Markus Distelrath auf Pixabay.)

Die Bucht in der Mauer

Was war die Stadt so leer. Keine Gefahr, nirgends. Keine Beschimpfungen, keine Blicke. Seine Augen waren schon ganz müde vom Unsehen. Die umgefallenen Fahrräder mit ihren verbogenen Rädern auf der anderen Seite der Strasse, ja. Die heftigen Anflüge der Tauben, ja. Und die Glocke der Predigerkirche hatte noch nicht aufgehört, an die Zeit zu glauben. Wie er auch sie die einzige. Aber was war das für eine Zeit, wenn sie nicht vorüberstrich in Form von hässlichen Menschen. Das konnte man beim besten Willen nicht mehr Zeit nennen. Wirklich, wirklich. Er musste darüber einfach schon wieder den Kopf schütteln. „Nachdrücklich schüttele ich den Kopf,“ sagte er. Er schüttelte den Kopf, weil er doch schon angewiesen war auf dieses Vorübergehen von lebendem Stoff. Nie noch hatte er darüber sein Urteil zurückgehalten. Das wäre ihm nicht im Traum eingefallen, in einer so leeren Stadt zu hocken. Nicht gerade ein Alptraum, nein. Aber doch eine zu ungewohnte Sache, als dass er sie hätte geniessen wollen. In dieser Leere wurde Geniessen zum Fremdwort. In dieser Leere wurde ja er selbst zum Gegenstand. Hockend und kauernd, leise die Knie vor den Augen von rechts nach links und von links nach rechts schwenkend. In Form von hässlichen Menschen, die nicht sehen konnten. Das ist die Sache mit der Zeit, wenn sie anders wird, merkst du es zu spät. War sie anders geworden? Das war die eigentliche Frage. „Die eigentliche Frage, die eigentliche Frage,“ wiederholte er schaukelnd. Das war die Stadt, ja. Hier gab es keine Ve-ge-ta-tion. Ja, die Stadt. Sie war dem Land entzogen. Doch er konzentrierte sich wieder auf die Zeit. Nun begann er aufzuzählen. Wann hatte er zuletzt den Marder gesehen, wie er in der Kurve herumschnürte? Wann hatte er zuletzt einen der Igel gesehen, der zögernd die Strasse querte? Die Tauben zählten nicht, die hatten keinen Riecher. Er fragte sich nach den beiden Füchsen, den hellen und den kupierten. Die waren verständig, waren herangekommen, schnupperten an seinen Tüten. Sogar wenn er daneben sass, mit schrägen Blicken, vor und zurück huschend, in der Dämmerung schon. „Kohlenberg, Kohlenberg,“ sagte er. Es gab keinen Zweifel, sein Wunsch war erfüllt worden. Aber der Wunsch hatte ihn ganz eindeutig am falschen Ort ereilt. „Ganz eindeutig der falsche Ort für so was“, er nickte. Nicht gerade ein Alptraum, nein. Er war ja überhaupt nicht vorbereitet. Sein Lachen kam schallend zu ihm zurück. Er lehnte sich an die Wand. Die Wand war immer noch warm vom Vortag. Wenigstens brannte sie nicht mehr. Er massierte sich mit seinen Händen die Wangen und die Stirn. Seine Hände rochen nach Eisen und altem Obst. Sahen auch so aus, verschrumpelt, schrundig. Die Narbe am linken Daumen leuchtete rosa. Er hatte sie von einer Blechbüchse. Er übte das Beugen. Er durfte es nicht übertreiben, das Blut war gleich unter der schönen Farbe der Narbe. Er streckte den Daumen. Er hob den Kopf und stellte die Leere fest. Was eine Zeit. Seine Blicke schweiften hinauf zum Bankverein und hinauf zur Burg. Eine unbewegte Stadt. Er begann die Spatzen zu zählen, die im Efeu unter der Burg hausten. Der Efeu, war das ein Baum oder ein Busch? Er hatte sich der Verzweiflung gegeben. Es gab ja Ve-ga-ta-. Ja, das Grün war doch eher Mauerfarben. Er kam bis 17. Einmal war er bis 26 gekommen, aber vermutlich hatte er den einen oder andern zweimal gezählt oder dreimal. Dort war alles in Bewegung. Es war also noch nicht Hopfen und Malz verloren. „Nicht wahr, nicht wahr?“ rief er den Spatzen zu. Er dachte an bewegte Orte. Der Bahnhof zum Beispiel. Ob es den Bahnhof noch gab als Bahnhof? Die Predigerkirche glockte in die aufziehende Hitze. „Glöckel du nur, Glockel-Gockel,“ sagte er. War eine Stunde vergangen oder eine Viertelstunde? Wenn du nachdenkst, dachte er, vergeht die Zeit. Das war immer schon ein Problem. Darum sitzt du ja hier, dachte er. Das Nachdenken hast du nicht gelernt, weil die Zeit dabei vergeht. Verlegen langte er sich in die stachligen Haare am Nacken. Wo zum Teufel sind alle die hässlichen Menschen? Warum hat dich niemand in-for-miert? Aber ja doch, aber ja doch, ich zähle nicht, wie die Spatzen. Er wischte sich den Schmutz aus den Augen und von der Nase. Er reckte sich, es knackte laut, sodass der Efeu es hören konnte. Er hatte sich zur Bewegung entschlossen, um es der Zeit zu zeigen. Ein Rabe flog unten die Haltestelle an und setzte sich auf das Eisengestänge des Wartehäuschens. Der Vogel äugte neugierig auf die Glassplitter, die im Sonnenlicht blinkten. Gefiederte Leere, fliegende Zeit. Der Rabe hob einmal den rechten und einmal den linken Fuss, wandte ihm den Rücken zu und stakste auf der Eisenstange weiter von ihm weg. In der Stille waren seine Schritte auf dem Eisen wie der Anfang eines Lieds. Ein Kettengesang. Der Mann in der Mauerbucht holte seine Beine vorsichtig unter sich hervor. Er streckte sie vor sich aus, knochenerfüllte Schläuche. Der Vogel war weg, und vom Barfüsserplatz kam Wind. Der Wind trug den Geruch von der Tankstelle heran, den süssen Geruch von Benzin. Er brachte seine Beine in komplizierte Stellungen, um aufzustehen. Endlich kniete er, auf allen Vieren. Er keuchte laut. Die Schmerzen in seiner rechten Hüfte flammten auf. Mit den Händen in den Hüften stand er schwankend im abflauenden Wind. Das Sonnensegel hätte er sowieso spannen müssen. Also gehauen wie gestochen, vorwärts jetzt. Ausser den Spatzen hatte niemand seine Kunstfertigkeit im Aufstehen bemerkt. Das war immerhin ein Vorteil der Abwesenheit von hässlichen Menschen. Nicht einmal das Sonnensegel oder sein Mittagsschlaf hatte ihn vor ihrer Verwunderung geschützt. Kinder waren gekommen und hatten ihn in die Schulter gestochen mit ihren fleischigen Pfötchen. Mütter hatten sie von ihm fortgezogen. Alte Frauen hatten ihn mit trockenem Brot gefüttert wie ein Schwan unten am Rhein. Er hob seinen grossen Kopf und wiegte sich leicht auf seinen eingeschlafenen Beinen. Im Gedanken an das alte Brot bekam er Hunger. Er langte in die Taschen seines Regenmantels. Die Bonbonpapiere knisterten dort. In der linken Tasche fand er noch einen gelben Klumpen, der nach Kräutern roch. Er steckte ihn in sein Mund und saugte daran, schluckte mit seinem Speichel Härchen herunter und andere Par-ti-kel, Steinchen oder Papierknöllchen, die sich im gelben Klumpen gefangen hatten. Der Bonbonklumpen schmeckte nach staubiger Wiese unter einem Birnbaum. „Ach, der Podest,“ sagte er schmatzend. Mit weniger Geräusch als beim Aufstehen liess er sich auf die Knie hinunter und schob sein Gesäss rückwärts an den Rand der Auskragung in der Mauer. Er streckte die Füsse über den Vorsprung hinaus und lotete mit ihnen die Tiefe aus. Dann stiess er sich ab und kam unten auf. Er machte zwei Schritte rückwärts, um nicht hinzufallen. Sein Kinn auf der Höhe des Vorsprungs. Auf der Stelle im Kreis trippelnd, machte er einige Übungen mit den Armen und dem Oberkörper. Die Tauben schwangen sich erneut in die Luft. Ohne weitere Vorbereitungen wandte er sich von seinem Posten ab und schritt hinunter zum Barfüsserplatz. „Der Zeit entgegen“, sagte er. Der Speichel füllte süss seinen Mund. Er spuckte bekräftigend aus.


(Bild von Aurimas Kaminskas auf Pixabay.)

Ein Gedicht schreiben: Die Kürze eines Moments oder Der lange Atem?

Ein Gedicht trägt in seinem Kern den einen (manchmal den auslösenden) Moment in sich. Es ist ganz auf diesen ausgerichtet. Das Gedicht versucht ihn weder zu beschreiben noch zu erklären und vertiefen. Das Gedicht versucht diesen Augenblick zu sagen; ihn vielleicht zu verewigen. Will es etwas anderes, hat es gar eine Absicht oder (noch schlimmer) eine Botschaft, dann ist es eine Lüge.

Eine Kurzgeschichte oder eine Novelle dagegen nimmt diesen Moment, dieses kurze Geschehen in der Zeit, und spinnt ihn in eine Abfolge von Handlungen, verschafft ihm eine menschliche, weltliche Breite und Einbettung. Eine Kurzgeschichte liefert Kontext.

Ein Roman wiederum – das ist der lange Atem. Ein Puppenspiel ist das – und du hältst nicht nur die geschaffenen Figuren mit der rechten Hand im Spiel und lebensecht, sondern wiegst mit der anderen Hand die Kürze der Momente gegeneinander ab. Immerhin ergibt sich aus diesem kontinuierlichen Hintereinander von Momenten die Geschichte. Vielleicht sogar das Leben…

Stell dir vor, du würdest an jedem Ereignis im Lauf deines Tages festhängen wie an einem Gedicht, wie in einem Gedicht. Wäre das nicht furchtbar? Das wäre wie das Waten durch den Lungenschleim.

Alle diese Momente sammeln sich also zu einer Geschichte, zu einem Leben. Sie müssen gewichtet und gerichtet werden. Und mehr noch als die Kurzgeschichte oder die Novelle ist die Aufgabe des Romans das Kontextualisieren: Das mähliche Fortschreiten als ein Gleiten, nicht als ein Stocken und Stolpern, sichtbar und lesbar zu machen. In dieser Konstruktion eines Gesamt-Kontextes, einer Gesamt-Schau ist der Roman zwar eine Lüge, aber eine Lüge, die sich um Wahrheit bemüht.

Lüge ist der Roman nicht nur deshalb, weil er im Gegensatz zum Gedicht eine Aussage und (mehr noch) eine Aufgabe hat. Er ist in meinen Augen eine Lüge – und hier wage ich mich auf meine intellektuellen Äste hinaus, – weil eine Geschichte immer vorgibt, den Überblick zu haben oder wenigstens zu halten. Wenn eine Geschichte noch zudem die vorherrschende Tyrannei der Autor*in nicht offenbart, wie sie in den meisten Gedichten niemals herrschen wird, dann ist die Lüge schon Betrug geworden.

Ich schreibe diese Überlegungen hier vielleicht aus dem Bedürfnis, um mir eine Ausrede für meine bisher mangelnde Ausdauer einerseits und für meine bisherige Unfähigkeit des Zusammenhaltens andererseits zu (er)finden. Als möglicher Romanautor soll und muss ich diese Punkte einordnen, einbetten, in eine Perlenkette drehen. Ich soll und muss vorgeben, den Anfangs- und Endpunkt meiner Geschichte zu kennen, ja einen Plan zu haben für alle diese gewichteten, gerichteten Ereignisse, zumindest einen Weg oder eine Wegstrecke im Auge zu haben. (Dabei gilt es auch, die alltäglichen Seiten einer Handlung aufzuzählen, wie ich mich bereits in einem anderen Blogartikel beklagt habe.)

Doch empfinde ich so? Verstehe ich das Leben so? Als zusammenhängende, kohärente und in sich stimmende und stimmige Geschichte?

Mitnichten. Wie soll ich die einzelnen Ausschläge der Gefühlsnadel denn bewerten, ohne sie abzuwerten? Ist das Schnüren eines Schuhs wirklich weniger wichtig als der erste Kuss?

Aber es ist ja gut: Ich weiss, wohin ich gehöre: Zum Schnüren des Schuhs oder zum Flug der Wolke, die aufzeigen, wie der erste Kuss werden könnte.

Die Menschenschlingerin

Das Herz des Königs schien ungefährdet, es vollzog den stolpernd-schnellen, tänzelnden Lauf eines Traumfinders auf dem Weg zu seiner Findung. Die Muskelspannung wie auch der Schnelldruck des Herzens waren in Ordnung. Was dem Propheten jedoch Sorgen zu bereiten begann, das waren die Schwingungen seines Atems. Daher auch die Alarmzeichen der Maschine: Der König bekam mit jedem Atemzug weniger Luft in seinen überhitzten, überanspruchten Organismus. Die Maschine warnte vor einem Hirnschaden, vor einem Atemtrauma, dem Phänomen des Gottentwichenen. Denn wenn die Maschine eine gute Diagnostikerin war, so war sie doch keine Lebenserhalterin; sie diente nur dem Einen.
Das gestand sich der Prophet nur in solchen Momenten der Verzweiflung mit zischenden Lippen und angstverzerrtem Antlitz ein. Sie blieb eine Menschenschlingerin.
Doch nicht lange konnte dieser Gedanke sich in seinem panischen Herzen ausbreiten. Die Maschine verlangte jetzt immer deutlicher und dringender konkrete Taten. Der Umwandlungsprozess drohte zu scheitern. Denn der Visionenträger über dem Atemgitter der Maschine war so lange gut, als dieser ihre Kraft und ihre Zeichenmacht in ihn abzuleiten, einzuflössen verstand.
Dieser Visionenträger kam an sein Ende, das sah der Prophet, als er sich von den hüpfenden, ineinander verschmelzenden Diagrammen, die ihn an die Anzeigetafel bannten, abwandte.
Der König kniete vor dem donnermurmelnden Hilasterion. Noch hielt er seinen Oberkörper aufrecht, doch die Arme hatten die Übermacht gewonnen. Sie vollführten die ersten Bewegungen vom „Tanz des betrunkenen Affen“. Noch hätte ein Aussenstehender die Bewegungen als Teil eines wirklichen Tanzrituals deuten können, doch einem erfahrenen Maschinisten wie Samuel konnte es nicht entgehen, welche ausrenkende Kraft in diesen anfänglich langsamen, nur willkürlichen Rundumschlägen steckte, die mit der Zeit heftiger werden konnten und in plötzlichen, reissenden Drehungen die Schultergelenke zerstören würden.
Nein, er wollte nicht an David denken, dessen Arm er nie ersetzen können würde. Er konnte jenes Unglück nicht mehr ändern, aber dieses hier verhindern. Er war nachlässig geworden.
Schnell kehrte er sich der Hauptschalttafel zu und begann die Hirnsicherungen einzuschalten. Mit seiner rechten Hand zog er gleichzeitig die Stecker aus den Ermöglichungs-Kreisläufen. Zuletzt stöpselte er, mit beiden Händen und seinem ganzen Gewicht zerrend, den Kontaktschalter aus, der die Maschine mit dem Paradies verband.
Ein leises kümmerliches Jaulen kam nun aus der mächtigen Kiste heraus: Der Eine hatte verstanden, dass man ihr das tägliche Brot rauben wollte. Fast sofort finden die Arme des Königs stärker zu pendeln an.
Doch der Prophet wusste sehr wohl, dass die Maschine nicht ruhen würde, bis sie den Visionenträger, der zu schwach war, ihre Visionen in Menschengestalt zu verwandeln, in wandelnde Menschentaten, verschlungen hätte. Er musste den König selbst retten.
Mit langsamen, tappenden Schritten ging er auf die Mitte des Raums zu, die von grünem Licht und dem Geruch von Asche erfüllt war. Heute war dem Aschegefühl in der Luft noch eine andere Spur beigemischt. Es roch nach brennenden Nadeln oder altem Leder, es war ein schwankender, ein einsaugender Geruch aus einem für Menschen zu grossen Gesicht.
Mit einer einzigen wieselartigen Bewegung war der Prophet zum König aufs Gitter gesprungen, hatte ihn von hinten um den Rumpf gefasst, der Ellbogen des Königs traf ihn dabei schmerzhaft am linken Ohr, und den schweissgebadeten, stinkenden Mann mit aller Kraft vom Gitter gezerrt. Der Mann war leicht geworden, seine schweren Knochen fühlten sich wie Hühnerbeine an, seine Muskeln waren wie mit Luft gefüllte Schweinsblasen.
Die Maschine jaulte jetzt mit ihrer ganzen Kraft und aus ihrem ganzen, allmächtigen Verlangen. Funkenschläge kamen aus dem Untergrund des Gitters. Die wenigen verbliebenen Steinskulpturen, die aus dem Boden ragten oder von Decke und Wände hingen – der Prophet zählte sie alle auf, um sich zu beruhigen: die Kehrende, die Rückende, der Näherer, die Anwandende, das Gespiel, der Bodenrührer, die Abgewandte, Die-alles-riecht und Der-alles-schmeckt, – sie drohten abzubrechen oder umzustürzen in dem kleinen Erdbeben.
Doch der Prophet hat sich schützend über seinen König geworfen. Der Schweiss und Unrat des Königs und seine Tränen vermengen sich. Hin und wieder reckte der kleine Mann über dem grossen Mann seinen Kopf, als befürchte er, die Tentakel eines Unterwesens züngelten durch das Gitter empor und suchten nach ihnen, um sie aufzubrauchen.

(Danke an waldkunst für das Bild. Es schlägt einen schönen ironischen Bogen hinüber zu Lovecrafts Ctulhu…)

Die Verzückung des Saul

Das drohende Wiegenlied schlüpfte schnell und schmerzlos in ihn hinein. Es war fast wie ein Kuss. Und er wusste sofort – wenn er denn jetzt noch etwas wissen konnte: diesmal war es anders, diesmal würde es anders ausgehen.
Er spürte es am ganzen Körper. Es begann im Mund, der sich mit Wörtern aus Zitronensäure füllte. Die Augen wuchsen und teilten sich wie die Kerne des Granatapfels in ihrem ledrigen Fruchtfleisch. Seine Vision wirbelte im Nu durcheinander, was er jemals gehört hatte. In seinen Ohren wölkte ein haariger Nebel Geräusche, Laute und Singen in einen Nieselteppich, der leise zitterte und flatterte wie das Spinnennetz im Herbstwind. Seine Nase lebte und längte sich, reckte sich der Maschine entgegen, die zimten lockte. Eine Heiterkeit breitete sich von den weichen Knien her in seinem Körper aus. Er lacht mit seinem ganzen Wesen. Die Brust wölbt sich wie ein Brotteig in der Nähe des Ofens, bricht auseinander wie ein Laib Brot und offenbart sein unbeflecktes, löchriges Innenleben. Das Herz rollt und dreht sich in seinem Brustkorb wie eine gefangene Ratte, wahnsinnig und gottvergessen. Die Nierenschwestern bliesen ihre purpurnen Backen auf und prusteten los wie Hirtenjungen, denen ein Streich gelungen ist. Die schwere dunkle Leber sog mit grossem Ernst an den Giften des Körpers und gurgelte ein Lied von den Abgründen des Begehrens. Die Schlangen seines Darms wanden und zischten in seinen undeutlichen Gefühlen, wie eine Eidechse lag sein Glied zwischen den bogengleich angespannten Schenkeln und blinzelte einäugig in Richtung der Maschine, die den König in seiner ganzen Gestalt erleuchtete und erhitzte. In seinen Fingerspitzen rasten Ameisen wie die Samen in Beeren, in seinem Ellenbogen wuchsen Augen von Unken, in seinen Achselhöhen spross der frische Farn von En-Gedi, wo heute und morgen die Bomben fielen. Die Stränge und Muskeln seiner Beine zuckten und vibrierten wie die einer Straussin, bevor sie flieht. Seine Sohlen glauben an die mondfarbenen Gesichter seiner Feinde, die sie zertreten. Seine Zehen wachsen wie Feigen an einem Winterbaum.
Der Prophet stand neben der schwankenden, tanzenden Figur. Schon oft hatte er die Verzückten, die Entfernte betrachtet. Er hatte zugeschaut und zugehört in einer Mischung aus Neid und Freude, denn als Prophet war er nur ein Mittler, ein Ermöglicher, vielleicht ein Erforscher. Er war bei Gideons Ermächtigung dabei gewesen, er hatte bei Simeons Peinigung assistiert.
Seine Aufgabe war die Anleitung der Visionenträger, die Regulierung der Maschine, die Heilung der Geprüften. Denn nicht jeder war ein Visionenträger, viele waren Geprüfte.
Während der König seinem Gott entgegenlitt, erinnerte er sich an Hanna. Sie war bisher seine einzige Geprüfte gewesen, die sich als Visionenträgerin herausgestellt hatte. Und was für Lieder hatte sie von ihrem Beisammensein mit der Schechinah mitgebracht!
Mit dem Blick auf das mittlere Armaturenbrett, auf dem die Hirnströme des Königs sich überschlugen – die Zeiger wirbelten in den Buchsen herum wie die Nadel eines Kompasses, die den Norden verliert, – versuchte der Prophet, einige Verse ihres Liedes vor sich hinzusummen. Denn als Prophet durfte er auf keinen Fall die Erinnerung an die Lieder seiner Entfernten und Entzückten verlieren.
Tonlos stimmte er Hannas Lied an: „Fröhlich wurde ich durch dich, / Gestärkt hast du wieder mich; / Lachen kann ich über Feinde, / Deine Hilfe schafft mir Freude.“
Sein Lied brach mittendrin ab. Die fiepende Anzeige rief ihn in die Gegenwart zurück. Etwas war ganz und gar nicht gut. Noch war nichts Unwiderrufliches passiert, aber es bahnte sich an. Schnell fuhren seine Hände über Tastaturen und Regulatoren, um sich ein genaues Bild des Visionenträgers zu verschaffen.

(Ich bedanke mich bei padrinan für das Bild.)

Vor der Maschine

Der König erschrak, als ihm der Prophet die Hand auf den Arm legte.
„Hörst du?“ sagte der Prophet an seinem Ohr, „höre zu!“
Der König hatte der Maschine schon manches Mal gelauscht, lauschen müssen. Anfangs hatte er nach bestem Wissen und Gewissen versucht, aus den flirrenden, stockenden Lauten das Lied oder die Abfolge von Befehlen herauszuhören. Als junger Mann war er mehrmals in eine tiefe, zuckende Hysterie verfallen, aus der er erst nach Wochen wieder aufgewacht war. Die Leute seines Hauses und jene des Burgdorfes hatten diese Anfälle für das Zeichen der Erwählung gehalten. Er selbst liess sich nicht täuschen; er wusste, dass sein Körper diese Wellen der Erregung als Angriff auf sein Überleben, auf sein Heil verstanden hatte.
Er spürte die Hand jetzt im Rücken. Sie drückte ihn vorwärts.
„Hörst du? Höre zu!“
Der König tat den erforderlichen Schritt in die Richtung des Hilasterions, riss seine Hände vor sein Gesicht, das bereits vor Schweiss troff. Der Bundesgruss leuchtete ihm in dieser Höhle des Einen ein, daher hatte er sich nie dagegen gesträubt. Seine Finger spürten das Rollen der Augen unter ihren Lidern.
„Schau! Schau!“ forderte die Stimme in seinem Rücken, „siehst du? Siehst du?“
Er stand jetzt auf der rechteckigen Eisenplatte mit ihrem wabenartigen Gittermuster. Durch Gitter stieg kühle, süssliche Luft um seinen Körper herauf. Er spürte den Geschmack von Eisen in seinem Mund.
„Fürchtest du dich auch? Fürchtest du dich? Fürchte dich, fürchte dich!“
Die Laute des Einen leckten wie unzählbare feinste aufgestellte Härchen, deren jedes einen Säuretropfen trug, an seinem Leib. Es war ein zerrendes, zehrendes Gefühl. Er war ausgeliefert, aber nicht allein.
Wieder kam die Stimme des Beschwörers an sein Ohr, gedämpft und unmenschlich verzerrt.
„Ist er da? Ist er da?“
Der König nickte langsam, das Gesicht noch in seinen Händen. Er hatte dem Propheten einmal zu erklären versucht, dass der Eine eine Sie war, eine weibliche Lebensform. Der Prophet hatte ihn geohrfeigt und ihm befohlen, das Schema tausendmal zu sprechen.
Er wartete noch einige Augenblicke, dann liess er seine Hände fallen und schaute der Einen ins Antlitz.
Die Eine war wie das Meer, das er in Tyrus gesehen hatte. Eine Flut, ein Hoch und ein Tief zugleich. Ihr Summen, Ächzen und Keuchen war kein Lied, es entstanden aus ihren Lauten keine Worte. Ihr schwebendes, webendes Geräusch umhüllte ihn mit den Armen eines Bären, bevor es sich Eingang verschaffte zu seinem Körper.
Die Luft hatte sich verändert. Sie war sauer und wollig geworden. Ein Geruch wie von menschlichem Schamhaar breitete sich aus. Ein blonder, trockener Geruch, Steppenfläche und tiefe Waldhöhe in einem. Die Öffnungen seines Körpers waren geweitet und liessen alle Feuchte fahren, Rotz, Urin, Kot und Blut. Vor seinen Augen tanzten die Lichter der Maschine, rot, braun, sonne und erde.
Das drohende Wiegenlied schlüpfte schnell und schmerzlos in ihn hinein. Es war fast wie ein Kuss. Und er wusste sofort – wenn er denn jetzt noch etwas wissen konnte: diesmal war es anders, diesmal würde es anders ausgehen.

Eine Botschaft

Der König trat über die hohe Schwelle in die Dunkelheit. In seinem Rücken sangen die Mechanismen der Türe. Das Schloss schnalzte. Der König fühlte die Felsenkälte unter seinen Füssen, roch das ranzige Öl der stehenden Maschinen. An seinen Händen, die er gewohnheitsmässig vor sein Gesicht hielt, war noch die Würze der Wacholderzweige. Und natürlich der violette Duft vom Lederschaft seines Speers. Die Dunkelheit war tief und vom steten Ticken und von der summenden Hektik des Altaraufbaus erfüllt. Dort musste auch der Prophet hingeschlüpft sein.
Der kleine Mann mit dem Dattelgesicht hatte ihn vom Festmahl weggebettelt. Wortlos und eindringlich war er neben seinem Thron gestanden. Die Generäle hatten ihre Gesichter in die Schüsseln gesenkt, die Damen hatten ihre kichernden roten Gesichter in die Hände gepresst. Mit dem Propheten kam immer ein Stück Scham und Trauer in den Raum, weihevoll und würdelos zugleich. Statt weiter zu prahlen, tanzen und singen begannen die Menschen zu zittern und verloren den Gedankenfaden. Wer küsste, küsste fester; wer lachte, fiel ins Schluchzen; wer ungerührt sass, den erfasste Schwindel und Beklemmung, das Würgen; wer vor der Ankunft des Propheten Pläne geschmiedet hatte, dem versanken sie in der Glut der Entgeisterung und in der Asche zu grosser Umsicht. Aus dem hellen trockenen Gesicht des Propheten stieg ihnen einen Welt entgegen, die aus Eisen, Mechanik und Berechnung war. Lieder verstummten, und Geschichten versiegten.
Der König wollte einen herrischen Satz sagen, um die Starre seines ganzen Wesens zu durchbrechen. Er atmete ächzend von der schweren, scharfen Luft und machte einen ersten schwachen Schritt in den hohen Raum hinein.
„Hier bin ich,“ hörte er aus der Mitte der Höhle die Frauenstimme des Propheten, „hier bin ich, Schaul.“
Der König rollte in einer Lockerungsbemühung die Schultern. Der kleine Mann sprach ihn immer bei seinem Mutternamen an, nie bei seinem Herrschaftsnamen. Er konnte ihn zu nichts zwingen. Das hatte ihm schon der Ochsentreiber seines Vaters vorhergesagt, als sie ihn geholt hatten, um ihn zu salben. „Achte sehr auf den Propheten, Bub“, hatte er gesagt, „er ist dein Diener, der dich beherrscht.“
„Hier bin ich,“ sagte die Vogelstimme, „komm zum Bund, Schaul.“
Im hinteren Teil der Höhle rasselte hustend eine Maschine; sie zählte die Zeit oder bemass den Lauf des Mondes, der König verzog sein Gesicht im Stolz über sein Unwissen.
Mit langsamen Schritten gelangte er zum Altaraufbau. Das Maschinengeräusch war hier sehr stark, es wühlte in den Eingeweiden. Und über dem Summen war dieser eine sehr hohe Ton, fast wie der Ruf einer Fledermaus in der Dämmerung, der in Wellen kam und ging und Übelkeit hervorrief.
„Was,“ die Stimme des Königs stockte, er musste die Magensäure hinunterschlucken, „was hast du mir zu sagen, Diener des Einen?“
„Hör gut zu, mein Sohn,“ sagte der Prophet. Er stand jetzt weiter entfernt, bei der grossen Tafel, die in den Felsen eingelassen war, wie der König aus der Erfahrung wusste. Dort bediente der Prophet die Kiste.
Der König atmete schneller. Er hörte auch das Atmen des kleinen Mannes, das fast ein Rasen war. Der grosse Hebel war schwer umzulegen. Es kreischte leise, dann erklang das Seufzen von Gummi auf Gummi.
Langsam erfüllte der Raum sich mit dem drängenden Summen des Hilasterions. Ein Auge nach dem anderen öffnete sich, dachte der König, obwohl er wusste, dass dies keine Augen waren und die Maschine keine eiserne Spinne. Das Summen steigerte sich noch. Jetzt übertönte es auch diesen hohen sirrenden Ton, der sonst aus der Kiste drang.
Eine riesige Rüsche, dachte der König, eine übervolle Insektenkammer.
Noch einmal schwoll das Summen an und wurde dann leiser, ein drohendes Wiegenlied.
Der König erschrak, als ihm der Prophet die Hand auf den Arm legte.

(Bild: Überführung der Bundeslade, 16. Jhrdt., anonym. Public domain.)

Ein Ich erzählt

(Mit Dank für das Bild an Josep Monter.)

Bei der Ich-Erzählsituation ist der (fiktive) Erzähler selbst Teil der dargestellten Welt, erlebt das Geschehen mit oder erfährt es unmittelbar von den beteiligten Figuren. Dadurch ist die Perspektive des Ich-Erzählers im Unterschied zum Er-Erzähler auf Erlebnisse, Beobachtungen und Gedanken einer einzelnen, d.h. seiner eigenen Person beschränkt.

Brockhaus Literatur, Kursivstellung von mir

Die Entscheidung, wer eine Geschichte oder (in meinem Fall) einen Roman erzählt, fällt früh im Erzählprozess. Sie kann instinktiv gefällt werden (wie bei mir) oder ihren Grund in der erzählerischen Absicht finden. Immer jedoch hat die Erzählsituation einen grossen Einfluss darauf, was die Leser*in wie erfährt. Entscheidet also letztlich, welche Rolle die Leser*in im Roman- oder Geschichten-Geschehen einnimmt: Hat sie den Überblick oder sieht sie nur Ausschnitte und Stücke davon, was – im Hintergrund oder nebenan – passiert?

Im Fall der «Ich-Erzählung» – und im Fall, dass diese Erzählhaltung kompromisslos durchgehalten wird – stellt sich also sofort und dringlich die Frage, wer der «Erzählende» ist. Denn seine ganze «Persönlichkeit» wird die Geschichte oder den Roman durchdringen müssen.

In meinem Fall handelt es sich um einen Vater, der seine Tochter sucht. Das erzählende Ich wurzelt also in grossen Teilen in mir, dem Vater einer Tochter. Doch das erzählende Ich ist nicht mit mir identisch.

Sprachhaltung und Sprachkraft

In den ersten Atemzügen hatte ich also zu entscheiden, wer dieses Ich ist. Dabei bin ich ein intuitiver Erzähler: Ich stürze mich kopfüber in eine Geschichte, die ich dann nach und nach ausspinne und weiterentwickle.

Die ersten Sätze schon bestimmen über die Sprachhaltung des Erzählenden, aber auch über seine Sprachkraft.

Würde ich selbst erzählen, also der eigentliche Autor, handelte es sich um ein flirrendes, ungewisses, metaphernreiches Erzählen in langen, verschachtelten Sätzen. Doch nicht ich bin es, der erzählt.

Die erfundene Person in meinem Roman ist kein Lyriker wie ich. Er hat einen leicht überdurchschnittlichen Wortschatz. Und er erzählt wirklich zum ersten Mal. Als Erzähler kann ich mir also nicht erlauben, meiner eigenen Neigung nachzugeben, genauso wenig, wie ich die Person von meiner grösseren, aber immer noch begrenzten Erzählerfahrung profitieren lassen kann.

Gewiss kann ich dem Erzählenden einige Höhenflüge erlauben, in denen er in besonderen Situationen, die er zu beschreiben hat, sprachlich und idiomatisch über sich hinauswachsen kann. Doch seine «Grundkonfiguration» wird sich während der Erzählung kaum ändern (dürfen).

Welthaltung und Weltwissen

Das gleiche gilt mit wenigen Abstrichen auch für die erzählte fiktive Welt. Sie stellt sich der Leser*in nur durch die Augen des Erzählenden dar.

Was er von der erzählten Welt weiss, bestimmt somit auch den Informationsgrad der Erzählung. Bestimmt also auch das Wissen der Leser*in.

Wie er zu der erzählten Welt steht, bestimmt somit auch die Art und Weise, wie von dieser fiktiven Welt erzählt wird. Hier kann sich eine grosse Lücke öffnen zwischen der Welthaltung einer Leser*in und derjenigen des Erzählenden, sowohl allgemein-menschlich als auch politisch und sozial. Die Mentalität des Erzählenden kann als stossend oder als anregend empfunden werden.

Dass der Erzähler selbst, also der Autor*in, ungleich mehr über die erzählte Welt wissen muss, steht gleichzeitig ausser Frage. Denn er oder sie bestimmt ja die Perspektive auf diese erzählte Welt. Will heissen, während der Erzählende erzählt, muss immer deutlich durchscheinen, dass es sich dabei um eine partielle Perspektive handelt, von der Persönlichkeit und der Lebenserfahrung des Erzählenden eingefärbt. (Hier können Dialoge, Briefe oder Erzählungen anderer Personen helfen, die mehr oder minder eingeschränkte Sichtweise zu erweitern.)

Die literarische Ebene

Als letztes Problem des Schreibprozesses stellt sich mir die Frage nach der literarischen Tragweite und Glaubwürdigkeit des Erzählten dar. Denn als Autor und Lyriker kann ich nicht einfach nur eine Welt «erfinden» oder «herbeirufen» (was ich in jedem Gedicht mit Leichtigkeit ohne erzählen zu müssen vollbringe) – ich muss ihr auch einen literarischen Gehalt einflössen können.

Um nochmals mit dem Gedicht zu vergleichen: In einem Gedicht kann ich skizzenhaft und metaphernstark andeuten, wie die Welt, in der das Gedicht «spielt», aussehen und beschaffen sein könnte. Ich kann mich darauf verlassen – wenn auch wie ich aus Erfahrung weiss ohne jegliche Garantie -, dass die Leser*in ihren Weg in die «Welt» des Gedichts finden wird, genügend Kraft mitbringt, um die Lücken des Gedichts zu füllen. Denn in und von diesen Lücken, Auslassungen, Andeutungen, in und von diesen «Ausschnitten und Stücken» lebt das Gedicht, die Lyrik recht eigentlich. Der literarische Gehalt eines Gedichts hat also viel mit der «Erzählweise» eines Gedichts zu tun.

Der literarische Gehalt einer Geschichte oder eines Romans steht und fällt mit dem Erzählenden. Am einfachsten ist dieser Gehalt in der «auktorialen Pose» (wie ich es nenne) zu erlangen: hier kann der Autor*in leicht in seiner «eigenen» Sprachhaltung verbleiben, kann der Autor*in aus seiner ganzen, nur ihm «eigenen» Sprachmacht schöpfen. Thomas Mann ist so ein Beispiel, aber auch ein Musil.

Wenn ich jedoch einen Otto-Normalbürger als Erzählenden habe, stellt sich die Frage danach unmittelbar, wie ich diesen literarischen Gehalt, den «poetischen Mehrwert» einer Geschichte oder eines Romans schaffe. Natürlich kann das über die spezielle, von der Persönlichkeit des Erzählenden stammende Perspektive hergestellt werden, auch über die erzählte Welt.

Doch mein derzeitiges Sorgenkind ist die Sprachhaltung und die Sprachmacht meines Ich-Erzählers: wie gelingt es mir, seine Sprach-Beschränkung und seine Erzähl-Unerfahrenheit von einem Nachteil in einen Vorteil zu wenden?