Deine Stimme, Heiliger

Deine Stimme, Heiliger, klingt immer noch wie die Urflut,
            vermischt mit dem Lehm Ägyptens,
dem kehligen Laut der Disteln, dem Knirschen von vereistem Sand,
            deine Stimme, Heiliger, hat immer noch die hohen hellen Rufe der Lenker von Streitwagen im Ohr,
das raschelnde Zischen ihrer Räder im Schilf,
            den Brustton des Entsetzens in den aufgeworfenen Hälsen der Gäule;
deine Stimme klingt immer noch wie die Hand am Hals einer Frau.

Noch rufst du mich zur Besinnung,
            noch fällst du mir in die Gedanken, in die Träume und in die Hand,
doch dein von meinem Hirn verzierter Bart zeigt unter den Kaubewegungen keinen Gesichtsregung.

Oh, deine Füsse, Heiliger, sind aufgequollen wie die Züge eines Säufers,
            aufgequollen im Honigblutbecken deines himmlischen Herdes;
deine Augen leuchten knisternd wie die Golddisteln an den Abhängen des Kidrontals,
            die tiefen Schalen deiner Hände schöpfen immer noch vom Wasser des Teichs Siloach. SELA

Deine Stimme, Heiliger, trägt immer noch das zurückgehaltene Lachen in sich,
            das du zurückhieltest angesichts meiner Scham,
das du aufspartest für meinen letzten Tag,
            wenn ich mit verdrehten Armen und verkehrtem Auge vor dir stehen werde wie ein      Esel vor dem Berg,
dein Lachen wird dann sein wie das Einstürzen eines zermahlenen Bergs,
            deine heisere lockende Stimme wird dann sein wie eine Sturzflut zu Füssen meiner Altare,
und ich werde wissen, Heiliger, ich werde es wissen, Heiliger,
            wie gross dein Zorn ist und das Erdreich deines Herzens aufsprengt wie Dürre den Boden,
wie gross dein Grimm ist und die Kuppen deiner Nieren aufbrechen lässt wie unterm Stab Mose die Felsen bei Refidim,
die Lenden des Bergs Horeb,
und über mich wird wie Nardenöl fluten das Wort deiner Vergebung.

Mächtig und überhandnehmend

Mächtig und überhandnehmend ist die Hebung eines Herzens, mein Sohn;

            der Mensch mag sich sträuben,

der Mensch mag sich abwenden von dem, was sein Herz aufhebt und weit in die Öde hinausträgt,

            wo es in der Nacht unter dem Ziehen und Kreisen der Sterne erkühlt,

wo es bei Tage unterm Sonnenglast verkohlt;

            nichts wird die Worte seines Herzens mehr ändern: es hat begriffen,

es hat durchklommen die Klippen und Schluchten,

            die Geröllhänge und die Tells hat es erforscht,

weder Abkehr noch Abwehr kann dem Menschen nun helfen:

            mächtig und um sich greifend ist der Gesang eines Herzens, mein Sohn. SELA

Nichts, mein Sohn, nichts kann den mit rasender Luft erfüllten Worten des Herzens Einhalt gebieten,

            und selbst wenn deine schwarzen Augen zu glühen beginnen

selbst wenn deine Zunge im Morgengrauen von einem eisigen Häutchen überzogen sein wird,

            sollst du mit gepressten Zähnen stehen

sollst du die würgenden Worte einbehalten.

Die Frauen singen

Die Frauen singen:
Ihr reitet auf weissen Eselinnen,
Ihr sitzt auf weichen Teppichen,
Ihr zieht zu Fuss die Strassen,
Ihr sitzt an der Strasse nach Timna, wo der Weg nach Enajim abzweigt,
Ihr donnert in euren Wagen daher,
Ihr seid vom Felsvorsprung noch verborgen,
Ihr werdet mit der Schleuder fortgeschleudert,
Ihr habt die Schutzmauer niedergerissen um den Weinstock,
Ihr habt Herzen wie Tamburine,
Ihr habt Nieren wie Felsennester,
Ihr zieht die männlichen Neugeborenen aus den Müttern wie die weiblichen Neugeborenen,
Ihr schüttelt den Staub von euren Füssen am Ende des Dorfes:
Wer ist euer Gott?

SELA

Ist er eine wilde Sau, die im Weinstock wütet?
Ist er ein Esel, der nicht an einem Boten vorbeigeht?
Ist er eine Heuschrecke, die über das Land fällt?
Ist er ein Unwetter, das zur falschen Zeit kommt?
Ist er ein Hirte, der seine Schafe vergessen hat in seiner Trunkenheit?
Ist er ein Weinstock, der die mächtigen Zedern verschattet?
Ist er die Stimme im Traum, die ihr nicht hört?
Ist er der umgekehrte Sinn?
Ist er die Narretei, die recht leitet?
Ist er die Höhle, in der ihr euer Geschäft machtet?
Ist er der Sohn, der einen Mann liebt?
Ist er der Vater, der seinen Sohn fortjagt?
Ist er die Tochter, die ihrem Vater tanzend entgegentritt in Mizpa?
Ist Gott wie Ruben, der lange Rat hält und sich doch nicht entscheidet?
Ist er jemand, der auszieht ohne Hoffnung auf Silberbeute?
Ist er jemand, der weder Speer noch Schild sein Eigentum nennt?
Ist er jemand, der darauf wartet, dass die Frauen sich erheben, die Mütter Israels?

SELA

Sie zerbricht die Waffen der Starken,
Sie lässt die Reichen Schweiss vergiessen für einen Laib Brot,
Sie liebt die Verachteten, sie neigt sich zu den Elenden,
sie bringt sie zu Ehren, so singen die Frauen.