Von all den Göttern verlassen,
von den kleinen, schrumpfenden,
von den grossen, aufgeblasenen,
von all den Freunden, die ich nie hatte,
von all den Frauen, die ich nie liebte,
umgeben vom Fliegenvolk meiner Diener,
die meine Augen und meine Kehle verkleben,
rufe ich meine Scherbenwörter in die Eselställe, wo mein wahres Volk lebt,
murmele ich meine Trümmerfreude in die Ratssitzungen meiner Feinde,
die noch an Götter glauben,
an empfindungsfähige Götter,
an gestaltungsmächtige Götter,
die keine Göttinnen kennen,
die keine mahlenden Freuden empfinden,
wenn die vertrampelten Träume ihre Rüssel recken,
wenn ihre zahnlosen Münder eine Posaune ansetzen, die Ekzeme und Exkremente über das Land mit seinen aufrechnenden Göttern wirft wie seltener Schnee;
von all den Göttern verlassen, doch eine will mich doch nicht lassen,
fährt mir sanft mit ihrem knöchernen Zeigefinger über die Schläfen,
trägt die Stürme meiner Nieren in das Ausklingbecken,
hebt die russigen, ätzenden Wolken meiner Sorgen in die hölzerne, goldbeschlagene Schale für den Dünger ihrer Wurzeln,
sieht die Jesreel-Ebene wie ich überflutet,
hört das mächtige Andonnern des Meers am Karmel und weiter oben das Krachen der Kiefern im Libanon,
all die hohen, geraden Kiefern umgehauen von einem Meteoritenwind,
diese Göttin ist dankbar statt meiner,
nicht wie die Schrumpfköpfe, nicht wie die Schwellklöppel der anderen Götter,
die nach dem Samen meiner guten Taten lechzten,
die meine Wörter aufsogen, bevor sie noch ein Lied formen konnten,
die meine Gedanken nicht der Rede wert hielten,
die meine Gefühle als Plänkler einsetzten in ihren gerechten Kriegen;
nein, die Götter mögen mich verlassen haben,
aber ich habe noch Augen zum Sehen,
ich habe noch ein Herz zum Verstehen,
und ich sehe die Welt sich öffnen vor mir wie das Auge einer von Geburt an Blinden.
Kategorie: Psalmen für Saul
Das Lied eines Sohnes
Langsam kommt es zu mir, mein Lied,
vorsichtig nimmt es seinen Weg,
allmählich erst wird es sichtbar im Schatten der brüsken Schönheit des Manns,
ich kehre mich ab, um ihm besser zugekehrt zu sein,
mein Lied ist eine sorgfältige Hand auf deinem Knie,
mein Lied ist Augenabwenden vor so viel offenem Blick,
es ist verlegen um Blicke und verlegen um Worte,
an deinen Knien richtet es sich umsichtig auf, du schöner Sänger,
dem die Töne verrutschen, aber nicht die Züge,
leise ringt sich mein Lied zu einem ersten tappenden Ton durch,
der sogleich verklingt im Lärm der Worte, die um dich gemacht werden,
im anhaltenden Getöse, das dich begleitet,
und noch ein zweites Mal besinnt es sich auf dieses Zittern in der Kehle, auf dieses leere Schlucken in der Kehle,
ich senke die Augen,
ich vertreibe die Hand des Vaters von meinem Hals,
diese russigen, klebrigen Dinge, die er Wörter nennt,
mit denen er mich zu lieben vorgibt,
ich verdrehe meinen Hals in dieser sorgfältigen Übung,
und ich weiss, alle bemerken diese Anstrengung in meinen Zügen,
ich fühle mich Augenblicke lang als eine Winde, die sich in Richtung Himmel zwirbelt,
es kommt zu mir, langsam und in seiner Scheu ungeheuer stolz,
ein abtrünniges Wesen von Geburt,
ein untrügliches Zeichen für meine Liebe zu diesem jungen Mann,
es ist ein Lied auf sein rotes, lockiges Haar,
seine Gazellenfigur und seinen Kamelgang,
und ich singe es mit sanftem Vertrauen die grossen Worte,
die immer die grossen Dinge begleiten,
es schlürft vom Honig seiner Anwesenheit,
es sieht nur ihn,
wie eine Schlange, die eine Ratte fixiert, sieht es nur ihn,
doch welche Töne, welche Tonfolgen spinnt es ausdauernd und anhaltend in die Halle hinaus und hinaus in die Gassen Gibeas,
hunderte von kostbaren, bedeutenden Tonfolgen,
ein schwebendes Gespinst von Benommenheit und Achtung ist mein Lied.
Das Lied eines jungen Menschen
Ohne Zögern erhebe ich meine Stimme,
denn ich kenne meine Wörter,
sie sind nicht zum Fürchten wie die Dinge,
sie rücken nicht von der Stelle wie das Lebendige,
und ich singe von der Liebe und von Trost,
ich summe von Einsamkeiten und Leeren, von Schwere und Bären,
ich stimme mein Lied an, ohne zuvor mit den Lidern zu zucken,
ich habe eine unverwüstliche Melodie im Herzen,
das fest und sicher wie ein Wort hier in meinem Brustkorb, prall gefüllt mit guten Gefühlen wie eine Blase Wein, hier in einer guten Seite aufsteigt,
ich habe eine unverdingliche Tonfolge in meiner breiten Kehle,
ich trage auf ihrem Kamelrücken die Wölfe meiner Lust und die Füchse meiner Zärtlichkeit in die Bankette meines Vaters,
ich fange mit einem Patschen auf das stille Wasser der Zisternen die trüben Gesinnungen der Diener und Gesellen ein,
ohne Hast und ohne Stocken treibe ich die bereitwilligen Wahrheiten in dem Saum meines Kleides vor mir her,
will sie gerne den Mächtigen bieten,
will gerne in ihrem Glanz ein wenig mich sonnen, ohne dass mich ein Spritzer ihrer Leidenschaften und Spiele träfe,
ich singe mit den Wörtern, die jeder kennt,
gute Gefährten sind sie mir,
treu und handlich finde ich sie immer bereit,
ich finde an ihren Pfoten noch an ihren Schnauzen etwas Verwerfliches,
nichts Entsetzliches gibt es daran,
nur den zarten Fleischgeruch und die wiederholte Aufforderung zum Kraulen,
ich führe mein Lied wie eine Feder um die Nasen der alten Menschen, die in ihrem Trübsinn versinken,
ich schwinge mein Lied wie einen Rock um die schwere Arbeit in den Strassen,
ich hebe mit meinen singenden Augen die Hocker im Tor in andere Umstände,
ein Wort genügt,
ein Wort, das jeder kennt,
ein Wort wie ein Gesicht, das zu dir zurückkehrt,
wie leicht ist mir das Singen und wie gut.
Das Lied eines Menschen
Mein Lied ist schmal,
ein Fädchen und Rinnsal,
ein Fiepen, ein Rasseln,
ein aufgedrehtes Band von mageren Tönen ist mein Singen,
entringt sich meiner Brust, bar jeder Kraft,
entringt sich meiner Brust wie der Klang eines Fusses im Morgengras,
entklingt meinem Leben wie das Rascheln von Salz, das Zischen von Fett,
das Lied eines Menschen ist ein Kieselgeräusch im volltönenden Gesang der lebenden Wesen,
die breiten Wortklingen schwenken im Sonnenlicht,
weite Röcke schaukeln im offenen Land,
ein Schälchen voll schalen Weins trage ich vor mir her, leicht zu verschütten, wenn ich zu singen beginne,
die Grösse meines Auftrags schrumpft vor der ausgebreiteten Festlichkeit von Gedeihen und Verzeihen,
mein Lied ist ein Knurren im Schatten, ein Murren in der Hoffnung, ein scharfes Keuchen vor dem Tag,
und die Tage kommen,
und die Tage kommen und erwarten mich,
erwarten mich mit ihrem leichtfüssigen Puls am Hals,
erhaschen mit ihren sorgfältig ausgebesserten Netzen noch die kleinsten Elritzen meiner Freude im schnell aufsteigenden Pegel der Betriebsamkeit,
mein Lied ist nicht geschäftig,
auf dem Grund meines Liedes glänzen einige Kupfermünzen,
der Schatten des Tores liegt schwer auf meinem Singen,
wie die Hand eines Vaters liegt er noch immer auf meinem Singen,
ruht in den Winter-Schrunden meiner Kehle,
steifer Rahm einer unerklungenen Klage,
mein Lied ist wie die Spur einer Schnecke, im Mittag schnell getrocknet,
die Liebe hat keinen Einsitz genommen in meinem Singen,
sie wandelt dort draussen vor den Pforten der Stadt,
wo die jungen Hirten galantieren,
sie kreist über dem Kidrontal mit ihren ihren spitzen Schreien,
und ich singe für mich in meinem Thronsaal,
weiss nicht mehr, ob ich König bin oder Bettler,
Bettler oder König,
allein am langen Tisch ohne Gefährten,
denn die Gefährten fehlen,
denn die Gefährten fürchten mein keuchendes Singen,
fliehen mein rauchiges, haariges Wort,
singe mit letzter Kraft, pfeifend und eifersüchtig auf die Laute,
die zu den anderen geschlichen.
Nach Ägypten, nach Ägypten!
Ein Weg steht offen, Mutters Arme,
nach Ägypten, nach Ägypten,
auf, auf,
die Zähne ausgeschlagen,
die Stirnen wundgeschlagen,
auf, auf, in den Süden, durch die Wüste, dem Mutterschosse zu,
wo Frösche Feinde befielen,
wo Blut noch Wasser ist, dick und klar,
nach Ägypten, nach Ägypten, nach Ägypten wollen wir ziehen,
dem Gewitter voraus, dem Namen voraus, den Mahnungen entgegen,
ich will mich werfen in das Frischwassergrün des Nils, wo Krokodile plänkeln,
ich will am grünenden Finger Gottes lutschen und die Nilpferde aufscheuchen aus Grunzen und Gurgeln mit meinem Jubeln,
auf und auf, ihr meine Ferkel,
nach Ägypten wollen wir,
dem Sklaventag in den Schoss sinken, müde von Freiheit,
müde vom halben Gehorchen, mein Gott, mein Gott,
was bist du doch für ein furchtbarer Regent,
halb Widder, halb Wiedehopf,
und ich will mit euch hinfort ziehen mit einem grünen, starren Lied auf den Lippen,
in den Schlund des Nils wollen wir blicken,
das Blut von den Türstöcken schlecken,
das unsere Vormütter vergossen haben für unsere Vorväter,
auf nach Ägypten, wo uns ein Weg begrüsst wie die Schenkel einer Mutter,
wie die geduldigen Schenkel eines Weinbauerns,
der vor seinen Toren kauert und aufsteht,
kauert und aufsteht,
um über Mauer und Feld auf die verdorrten Weinstöcke zu äugen,
und Gott wendet nichts, Gott wendet nichts, Gott wendet nichts,
immer noch krümmen sich dort im Weinstock die Blätter meines Volkes grau und braun zusammen,
werden immer noch nicht die Faust, noch nicht die Faust,
auf, auf, meine Frösche, meine Böcke,
nach Ägypten, Ägypten, meine Zirpen,
mit wunden Jammermandibeln, mit schorfigen Knien,
lasst das Beten sein, lasst doch das Beten sein,
ich will euch aufbrechen heissen,
ihr knorrigen Gehorcher, ihr knurrenden Fliegen,
nach Ägypten, nach Ägypten,
wo Pharaos Herz im Pfuhl blüht.
Eine Mantelspitze, ein Königtum
Dies ist deine Mantelspitze,
dies ist dein Königtum,
denn wer zerreisst, dem wird entrissen,
was er zu halten versucht.
Du hast es nicht vermocht, das festzuhalten, was dir gegeben wurde festzuhalten,
du hast es nicht gekonnt, ein Ausführender des Höchsten zu sein,
und er hat kein Verständnis für Zauderer,
und er hat kein Verständnis für Selbstdenker,
du hast es nicht erlernt, dem einfachen Wahrsprüchen zu folgen,
die doch jedem einleuchten mussten bei seiner eigenen Heiligkeit,
du hast kein Vertrauen in diese eigene Heiligkeit gesetzt,
du hast der eigenen Heiligkeit keinen eigenen Wert zugestanden,
und diese Mantelspitze behalte du nun,
soll sie dir Mahnung sein deiner Kraft, doch nicht deiner Macht,
und diese Mantelspitze behalte du nun,
soll sie dir Halt geben in dem kommenden Abrutschen,
deine klammernde Hand verwunden mit unzähligen Rissen wie von Disteln am Abhang. SELA
Du hast hast mehr als nur zerrissen den Stoff, der uns schleierhaft verband,
du zupftest und rupftest am Knüppel, das dich mit dem Höchsten verknüpfte,
mit steifen Fingern löstest du allmählich den sanften Knoten, den ich dir in die Hand gelegt hatte,
löstest von dir den Stoff, der dich zu dem Höchsten zog und zerrte,
noch ehe die letzten Tropfen des Salböls dir von der Nase und den Lippen troffen,
vertrautest du mehr auf des Menschen Geschick als auf des Höchsten Gebot,
und das Gebot ist doch der grosse Mantel, der über uns alle ausgebreitet ist,
der umfängt, bewahrt und zusammenhält,
sein Mantel allein hat mehr Verstand als alle in Gibea, mein Sohn,
und da kniest du mit einem Fetzen Stoff, staubig und fast schon ohne Farbe,
mit einem Fetzen Stoff, der nach Talg und Altersschweiss und Strassenkot riecht,
begehrst von mir Vergebung,
doch wer bin ich, dir zu vergeben?
Können Menschen denn denen vergeben, die der Höchste aus seinem Körper gerissen hat,
haben Menschen denn die Macht, jene aufzurichten, die der Höchste in den Sand gesetzt hat,
in den zerrinnenden Sand? SELA
Dies ist eine Mantelspitze,
dies ist ein Königtum,
dessen Gänze du mit Zaudern zerrissest,
und es reut den Höchsten sein Vertrauen in den Menschen.
Agags Sterben
Dem Ende trat ich gelassen entgegen,
die Stirn übergossen von der Morgensonne,
mein schwarzes Haar wie die silberne Krone einer Akazie in der Steppe,
unter den kleinwüchsigen Bauernfeinden leicht geduckt wie eine geschmeidige Löwin, aus deren Fell Funken springen,
meine Mutter kann nicht klagen über meinen Tod,
mein Tod war ein grosses Lied, das leise ganz hinten in der Kehle einer Lebendigen entspringt,
ich trat meinem Feind, dem schweinsäugigen Wortwürger,
der immer vor einer Zukunft blinzeln wird, die er nicht versteht,
der ich jetzt entgegen gegangen bin, noch entgegen gehe,
gelassen, denn es schreckt keine Todesgefahr,
so stehe ich noch in Gilgal, im Kreis der zwölf Steine, den Wind im Haar,
höre die Luft in den Flügeln der Geier, verstehe die Lobpreisungen der Raben,
denn sie wissen wohl, was Gelassenheit bewirkt im Lebendigen,
wie eine Türe in der Nacht sich öffnet, wie die Schatulle einer Braut,
ein Atem voll Zimt und ein zischendes Erstaunen,
so trat ich vor,
so verstand ich mein Sterben,
die Frauen des Bauernvolkes verbargen die Röte ihrer Wangen,
die Männer des Hirtenvolkes hoben die Furchen ihrer Stirnen in das Licht des Morgens,
sie warteten wohl darauf, dass ihr Gott sie glätte,
ihnen den heiteren Sinn eines Amalekiters verleihe,
der dem ersten Schnitt mit dem Stolz auf seine Mutter entgegentritt,
die ihn mit Gelassenheit genährt und mit jener Ergebenheit gestärkt hat,
die einem Schenkenden zukommt,
und als mir der Arm fehlte, lächelte ich,
und als ich in die Knie fiel, lächelte ich,
die Todesgefahr verstand ich, verstand die Gelassenheit,
denn die Kraft meiner Mutter verliess mich nicht,
und nie werde ich sie alleine lassen,
denn die Kraft meiner Mutter verlässt mich nicht.
Aus enger Kehle
Mit enger Kehle bitte ich dich, Prophet,
mit stockendem Herzen, das die Augen rollt, wünsche ich dein Wohlgefallen,
das du über meinen Entscheidungen zerbrochen hast;
richte dein Vertrauen wieder auf,
ich will es wie ein Sohn verdienen,
ich will es wie einen Gottesfelsen im niederen Staub sich erheben sehen,
in dem Staub, in den ich mich wie Menschen es tun bereitwillig werfe,
denn ich habe mich vergangen an der Freiheit,
die von der Herrlichen kommt, die von der Heiligen geschenkt ist, Prophet,
gedenke meiner Absichten, bedenke meine Unbildung,
ich war doch allein, um mich nur Männer mit Lanzen und Ungeduld;
habe ich nicht gesiegt,
ist nicht der Sieg auch ein Zeichen für mich,
liest du wieder nur Lettern von Verderben in der Leber der Vögel,
die du öffnest wie meine im Herz rollenden Augen,
ich spüre das Ungenügen bis in die entferntesten Mördergruben meiner Nieren,
meine Zunge selbst zieht sich zischen und zögernd zusammen, Prophet,
so nimm doch meine Hand und richte mich auf aus dem Sand, in den ich mich schon immer werfe,
denn braucht der Mensch nicht einen Deuter, der mit deutlichen Hinweisen zu seiner Seite steht, damit der Weg ihm leicht werde,
und weisst du denn nicht, wie schwer mir jeder Schritt gefallen ist,
seit du mich überbürdet hast, wie schwer jeder Schritt im Schleier der Entscheidungen war,
den du mir übergeworfen hast wie einer Braut,
wie selten du meine Hand geführt hast,
wie wenige Male du mir die Tränen von den Wangen gewischt hast,
wie mein Herz nach dem Schlag deiner Zunge gelechzt hat,
nach einem Kennzeichen im Staub,
in den ich, der Grosse, mich wie Menschen es tun, vor dir, dem Grauen, schon an so vielen Wegmarken gebückt habe,
Sand auf der Zunge und Knirschen im Herzen,
freiwillig und bereitwillig habe ich mich niedergeworfen
noch bevor dein Auge mich getroffen hat,
und kaum hast du die Bewegung meines Rückens beachtet,
nie hast du mich aufgerichtet,
als könnte ein Mensch von allein in der Freiheit die Richtung finden für seinen Weg zur Heiligen,
für seinen Aufstieg zur Herrlichkeit,
doch du hast mir immer Abstiege gereicht, Prophet;
so schreie ich nun aus enger, trockener Kehle und bitte aus blutleerem Herzen,
in dem die Augen in Schrecken starren,
und will von dir das Leichteste, Prophet,
eine ausgestreckte Hand.
So schreie nun
Da schreist du nun,
die ganze Nacht erhebst du schon deine Stimme,
du winselnder Tropf, du Wortspeier mit Bedauern,
ertrinkst in Skrupeln,
so schreie nun.
So rufe nach Hilfe in der Wüste,
suche nach Rat im Wind,
befehle dem Regen die Fruchtbarkeit und nicht das wütende Unterspülen der Äcker und Felder,
so bitte um Nachgiebigkeit den Felsen, auf dem du schläfst,
und vergesse nicht die Reumut der Schneeschmelze, die den Fluss anschwellen lässt für eine kurze Zeit,
vielleicht kann dich das trösten.
Lege deine Liebe ab wie den Schorf auf den Knien eines Kindes,
setze deine Liebe der Witterung meiner Wünsche aus,
die unweigerlich sind und kommen aus einem Rand von unbesonnter Herzenstiefe,
willst du etwa zweifeln an meinen Umschlüssen, an meinen Kehrtwenden,
bin ich denn ein rollender Stein, den du eben dem Felsen zum Opfer gebracht hast,
machst du da den Beweger alles Bewegten zum Verschütter alles Aufgedeckten, Aufgeplatzten, Aufgebrachten,
willst du da etwa den Erreger alles Erregten zum Beschützer alles langsam versagend Anwachsenden und Aufbrechenden ernennen,
hast du die Liebe nicht verdorben mit deinem Vertrauen in die Schwäche eines wankenden Herzens,
in den stockenden Atemzug einer zarten Kehle,
so lege nun die Liebe endlich ab,
denn sie ist nicht das Beil, das dir die Hügel der Gegenwart kahlschlägt,
auf dass du besser das Kommende erspähen könnest,
auf dass du im Untergrund der steifen Erde die Spuren der Fährten entdeckest,
um auszusprechen, was sich ankündigt,
du Redner unter Ameisen, du fortgeblasene Drohne.
So schreie nur um Erbarmen für den Menschen,
der selbst entscheidet,
so beklage nun den Menschen,
der meine Freiheit begreift und benutzt.
Immer auf die Schwachen
Immer auf die Schwachen hast du es abgesehen,
von denen schlachtest du reichlich,
die Schwachen liegen dir gut in den Händen,
schmiegen sich an deine Brust wie die Sehne eines vererbten Bogens,
perlen von deinen Lippen wie ein altgedienter Fluch,
von denen kannst du nie genug bekommen.
Immer wirst du die Starken hüten wie dein eigen Kind,
das du niemals opfern würdest,
immer willst du die Starken für dich behalten,
fährst ihnen mit deiner unerwartet weichen Hand tröstend über die Kehle,
als könntest du keiner Fliege was zuleide tun,
doch die Schwachen werden niedergeschnitten,
doch die Schwachen gibst du den Mühlsteinen,
sollen doch die Esel an ihnen gefallen finden. SELA
Ein Sterben sollte es geben, mein König,
ein Schlagen und Stechen stattfinden,
das nicht genug von denen überleben,
die sich brüsten,
die ihre Herzen aufwerfen wie Wachttürme an Weinbergen,
eine Feindschlingerin, ein Entkerner, eine Entkräfterin,
ein entwurzelter Berg, der sich über die Meisten wälzt,
die denen an die Leiste schnalzt,
die sich für im Kern gerecht halten,
die sich für mit Kraft gesegnet wissen,
eine Gurgel, die denen an die Gurgel spränge,
die noch nicht zittern,
die das Zittern noch nicht erlernt haben,
und ich, König, möchte das Rieseln hören,
das ihre Flüche und Knochen machen,
wenn ich sie den Schweinen vorwärfe. SELA
Gehen nicht die Gebete der Schwachen zu den Starken hinauf,
um sie in die Nase zu zwicken wie die Pollen des Haselbuschs im Frühling,
sinken nicht die Bannsprüche der Starken zu den Schwachen hinab,
um ihre Kehlen mit Russ zu schwärzen? SELA
Ein König, der am Leben bleibt,
ist nicht genug,
ein Starker, der noch atmet,
was hat er je für dich getan?
