Singen soll ich nun,
anstimmen muss ich nun, wovon die Rede war,
einen Trost erbringen, dem ich versprochen war,
ein Lied vollbringen, das nicht von mir sprechen wird,
jenen Worten Raum geben, die für mich bestimmt waren,
für meine Siege und Sünden,
ich fürchte mich vor dem Lied,
dem ich in den Schoss falle,
vor dem Gesang, der mich erstickt;
in das Falsett verfallen von Ruhm und raschem, rechten Loben,
ansingen gegen den Schatten eines kruden Fehlers,
einer Kehle den Atem zurückgeben mit meiner Stimme,
die nichts mehr weiss von ihrer Stimme,
die nichts mehr weiss von einer Stimme,
ich soll das Worte jenen geben, die es den anderen schon immer in den Mund zu legen verstanden,
muss mit der Harfe klimpernd den Menschen dienen,
das Werben des Bülbüls entringen dem Halse des Storchs,
das unermüdliche Gurren der Tauben im Regen darbringen,
die Geister rufen, die im Schlummer des Hochmuts aufgehoben sind,
die Herzen erregen, die im Schlund der Einbildung ruhen,
halb verdaut und halb aufgelöst,
ein Sänger soll ich sein vor dem Herrn, der in Ungeduld und Zerschlagenheit brütet,
der tief in seinem starren Hals noch immer den Verlust eines Esels betrauert,
ich, der ich meine Schafe betrauere, die ich verlassen habe für die donnernde, steinige Stadt,
für die eisigen Mienen des Rats,
singen muss ich nun, das Wort ergreifen in dem Moment,
da es erblüht und noch nicht ausgerissen ist,
die nasse Schwester Wurzel allein im Schlamm stecken liess,
ein Lied darbringen, das ich nicht in mir trage,
die Stimmung aus der Luft greifen wie den Staub eines Gewürzes über Mutters Töpfen,
die Stimme schlagen wie eine Münze,
auf der nicht mein Bild ist,
mit eigenen Worten von fremder Rede reden.
Kategorie: Psalmen für Saul
Märchenprinz II
Die Frauen sagen:
Zehntausend hat er erschlagen,
mit blossen Händen hat er sie erwürgt,
seine Schultern sind schmächtig wie ein Steg übers Wasser im Mondlicht,
seine Schenkel sind zart wie Distelstängel, leuchten wie Milch,
doch trifft uns sein Auge,
erweckt er in uns ein Rufen und Heulen,
doch trifft uns seine Stimme,
entlockt sie uns ein Seufzen und Keuchen,
denn Zehntausende hat er dahingerafft mit einem Schlag,
Zehntausende sind gefallen von seiner linken Hand,
hört ihm nur zu, hört ihm nur zu,
auf zur Ernte, sagt seine Hüfte,
seine Hüfte ist wie unsere, schmal und schmiegsam,
auf zur Ernte, reich wird sie sein,
schaut doch, wie hoch seine Sohlen den Staub aufwirbeln, als tanzten sie,
seine Geschichten sind wie ein heisser Finger auf unseren spröden Lippen,
Geruch von Zimt und Nelken in unseren Nasen. SELA
Die Männer sagen:
Niemand kann sagen, was noch wird,
mit so einem Mann an unserer Seite müssen die Völker zittern,
niemand kann behaupten, die Zukunft bleibe verhüllt,
mit jeder Geschichte entblösst er das schadhafte Angesicht des Zufalls mehr,
jedes Wort, das er an uns verschwendet, stärkt unsere Lenden,
und wenn seine Hüften sich wenden,
ob er sich bücke nach einem Steine,
ob er sich einen Schlag verneine mit schnellem Fusse,
entlockt in uns ein dumpfes Gefühl von Macht und Freude,
und unsere Hälse lockern sich wie die Garben im aufkommenden Abendwind,
und unsere Kehlen straffen sich wie die Taue eines Bootes,
das stampft in der Flut,
niemand kann sagen, es gibt keine Freude mehr,
denn mit seinen Geschichten,
wenn er die Hände sprechen lässt unter seinen herausstechenden Augen,
die grün sind wie der Frühlingshimmel,
mit wenigen Worten erweckt er Zehntausende zum Leben,
und wir eilen zu unseren Frauen mit Ungestüm und Anmut,
und sie haben wie zum Tanze ihre Röcke gerafft.
Märchenprinz I
Über diesem Menschen liegt ein Glanz,
er kann die Zeiten wenden,
über diesem Menschen liegt ein Zeichen,
er stülpt die Menschen um,
über diesem Menschen liegt ein Morgen,
ausgestreckt über viele Morgen des Sandlandes,
als wüchsen flüsternde feuchte Wälder darüber hinweg,
über diesem Menschen liegt eine Abkunft,
die in fernen Zeiten ankommt. SELA
Auf seiner silbernen Zunge liegen die Laute wie Beeren,
in seinen Augen glänzen die Zusagen wie Quallen,
seine Nase kennt keine falsche Richtung,
seine Kehle ist nicht verknotet,
sein Herz noch nicht verschattet,
und was er sagt, ein Bergbach. SELA
Lasst euch nur täuschen,
denn es ist schön, derart getäuscht zu werden, Töchter Zions;
lasst euch nur locken,
denn es ist schön, derart verlockt zu werden, Söhne Zions;
der Weg ist nicht weit von Jesreel nach Schur,
vom Esel zum Schaf,
vergesst es nicht. SELA
Dieser Mensch hat Geschichten mit sich,
du denkst an Jakobs Leiter, doch hörst du Jakobs Hüfte knirschen,
und die Mandelbäume blühen wohl zuerst,
doch vergiss darüber nicht den Oleander und den Lavendel,
und je mehr dein Herz und deine Brust sich öffnen,
desto stärker sei du auf der Hut, Benjamin.
Die Honigschlecker und die Speichellecker finden leicht Gefallen an der unerklärten Schönheit;
Die Wiederkehrer und Wiedehöpfe loben leicht seine ungelogenen Reden,
und noch ist kein Wurm erschienen, der dieses Herz spaltete,
auf dass wir die Schattenköttel seines Denkens erspähten;
die Mädchen pressen die Knie zusammen,
die Buben messen ihre Muskeln vor dem Spiegel,
die Marktfrauen verlassen ihren Stand,
die Torhocker kommen angerannt,
als regnete es Denare,
doch hier schüttelt einer nur sein honigrotes Haar.
Höre, Israel
Höre Israel, das Lied erklingt,
das Lied erhebt seine Kehle wie die Gazelle überm flirrenden Staub ihren Hals streckt,
eine Stimme singt,
eine Stimme erbringt ihr Leben für dich,
höre Israel, dein Gott ist ein Lied,
das sich aufschwingt in die Himmelsglocke,
von der rechten Hand der Heiligen gehalten und ausgeblasen von ihrem ständigen Geist,
und das Lied entringt dir deinen ganzen Willen,
erringt dir neue Kraft und Zeichen,
aufleuchtende Zeichen im stiebenden Staub,
dein Antlitz, Israel, dein Antlitz wird blau von dem Gesang,
denn es wird dir den Atem rauben,
und deine Augen, Jakob, werden grün mit weissen Wolken darin,
werden wie die Weiden von Bet-Awen,
und bald werden deine Ohren, Benjamin, verständig hören auf das Lied,
bald werden deine Ohren beständig hören auf das Lied,
als riefe ein Eselsfohlen nach seiner Mutter,
als schlüge eine Grossmutter die Milch,
aufmerken wirst du, mein Volk,
aus dem schweissverklumpten Dreck wirst du dein Antlitz erheben,
dein gezeichnetes Antlitz, dein erschöpftes Antlitz, dein ungläubiges Antlitz wirst du aufrichten und straffen wie eine Faust aus dem Sickersand,
höre, Israel, dein ganzer Wille und deine ganze Kraft sei auf die Taten der Heiligen gerichtet,
denn ein Lied erklingt mit einer Kraft und einem Willen,
stärker als die Ochsen vor dem Pflug,
länger als des Geiers Flug,
und das Lied wird heilen die Wunden des Wartens,
und das Lied wird schliessen die Scharten des Trotzes,
und das Lied wird brechen den Willen der Widerstreber,
und das Lied wird öffnen die Lippen der Mütter,
die verschlossen waren über den staubblinden Kelchen der Kinderherzen,
und aus der Stimme des Lieds tritt ein roter Mensch hervor,
und du hörst die silberne Zunge.
Es gibt nichts mehr zu sagen
Es gibt nichts zu sagen,
nichts gibt es nachzutragen,
eine stumpfe Stille macht sich breit,
ein leises Rascheln steigt in den Kehlen der Menschen auf, das ein Lächeln werden kann,
ein Lachen kann es niemals mehr werden,
dafür ist sein Unheil zu fett am Horizont hingelagert,
dafür ist sein Gesicht zu ausgedehnt über unsere Vergangenheiten verschmiert,
zu viele Worte hat er in Anspruch genommen für seine Verweise und Anweisungen,
das Recht ist ermüdet von seiner Beanspruchung durch all die kleinen Netze und Fallstricke hinter den Nebensätzen,
er hatte nie etwas zu sagen als das eine,
und ausgerechnet darauf haben wir gehört,
er hatte einen Wortschatz aus drei Wörtern,
Gott, er, Herr,
Herr, er, Gott,
und die haben ihm bis ans Ende genügt,
was für eine armselige Kreatur er doch war,
und in der Stummheit unserer Verzweiflung wissen wir noch nicht mehr,
als dass jetzt langsam unser vielstimmiger Reichtum zurückkehren kann,
nicht nur die stiernackigen Götter und die pfauenhüftigen Göttinnen,
aber auch das Reden über unsere tiefen Wunden im Herzen, über die zerschnittene, verätzte Leber,
das Sagen, was mit unseren Händen geschehen ist, während dieser Ungeist sein Regime geführt hat,
gibt es denn noch ganze, nicht kupierte Finger,
das Aussprechen, was mit unseren Schritten geschehen ist, seit dieser Genaue mit seinen vielen Stolperknöpfen und verbotenen Töpfen ihren Lauf behindert hat,
was für Umwege sind wir gelaufen,
wie viele Male war der richtige Weg der falsche Weg,
in wie vielen Sümpfen sind wir steckengeblieben,
und es waren doch Bergwiesen mit kitzelnder Luft und Kräuterblüte,
es gibt nichts zu sagen,
nichts gibt es hinzuzufügen,
lasst uns endlich aufhorchen auf die raschelnde Welt,
die er so lange verbaut hat mit seinen Worten.
Samuel kann nicht mehr
Wie lange schon habe ich euch vorgesprochen, was ihr sprechen sollt,
wie lange schon habe ich euch entschlossen und entschieden darüber belehrt, was für ein Handeln ihr lernen sollt,
was für ein rechtes Denken euch leiten soll in den schwanken Zeiten auf trostlosem Boden,
ich habe euch Gewitter gezeigt und Regentromben,
ich habe euren Zähnen das Knirschen und euren Herzen das Glühen beigebracht,
doch war es ein Wahn, vergebliche Mühe, nutzloses Sorgen,
denn nichts kann euch vom Weg der Menschen lenken,
nichts wird euch je dem Danke zuführen und der geduldigen Stille,
denn nicht nur seid ihr ein Volk zwischen Mühlsteinen,
ihr seid ein Volk der Freude und des Augenblicks,
möge sich auch der zähe Stoff der Skrupel an eure Fersen geheftet haben,
möget ihr auch einen gerechten König erhalten haben,
und selbst in jenen Stunden, da ich Werke tat, die euch erwärmten und ernährten,
Wort des Herrn,
selbst in jenen Momenten, da mein ganzes Trachten auf eure Rettung und auf eure Schlichtung gerichtet war,
so spricht der Herr,
habe ich eure Kehlen nur säuselnd gestreift und kaum den Schatten einer Sommerwolke über euer Herzenswort geworfen,
und seht mich an, ihr Zutraulich-Unduldsamen,
ihr Hintergedanken-Ausbrüter,
ihr Einspruch-Übenden,
ihr Ausheckervolk voller Gottesargumente,
ihr gerechtigkeitssüchtigen Frevler,
seht auf mich, ein aufbrechendes Versprechen,
ein wirkungsloses Abführmittel,
ich habe das Sagen und Deuten satt,
ich finde keine Anlässe mehr dafür oder aber ungezählte,
ich höre eure Taten auf meiner Leber trommeln,
ich spüre eure Werke über meiner Glatze knattern,
die Berge würdet ihr versetzen, gäbe es ein Mittel,
das Meer würdet ihr ausschlürfen, könntet ihr es tun,
und bräche heute die Sintflut über euch herein, ihr wolltet sie verursacht haben.
Was kann er denn dafür?
Mein Herr, ich kann nicht mehr,
lass mich ziehen, sterben will ich,
ich kann nicht mehr ansehen, was dem Menschen von deiner Kraft geschieht,
was den Menschen empört und verwirrt, verwirrt und empört auch mich,
meinen Körper will ich loslassen, mein Herr,
er soll für dich keinerlei Wert mehr haben noch Würde,
ich brauche eine andere Form für mein Wesen,
ich kann nicht länger mehr zusehen und beistehen bei dem,
was deine Hand mit ihrem eigenen Willen unter den Menschen anrichtet,
und sie glauben immer noch an dich, mein Herr,
dem ich meine Worte heute verweigern will,
den ich nicht mehr Herr nennen will,
denn was hat er getan,
was konnte er denn dafür,
hast du ihn verbrannt, um ihn zu verbrennen,
hast du ihn verbannt, um ihn zu verbannen,
hast du ihn fallengelassen, um seinen Sturz mit anderen Stürzen zu vergleichen,
an denen du einst gefallen gefunden,
dort in deiner Menschenlederbibliothek,
ich kann nicht mehr, wenn ich an ihn denke,
als ich ihn herausgelesen habe für dich aus der Menge,
so erinnere dich doch,
hinter den Karren hatte er sich versteckt,
hinter den Pflugscharen,
hinter den Ochsen,
im hohen Gras; SELA
ich streichelte mit meiner alten Männerhand seinen verkrampften sanften gebeugten Nacken,
ich habe ihn aufgerichtet aus seiner Kindergestalt,
ihm unter die Achseln gegriffen und ihn mitgeschleppt,
seine Füsse waren wie die Flossen eines Fisches, als sie den Boden berührt haben,
seine Stimme wie die einer ausgestossenen verletzten Hyäne,
sein ganzes Gesicht wie die Ferne in der Wüste,
was hatte er mit dir zu schaffen,
was mit diesem Volk, das zu quälen du dich immer wieder milde lächelnd entschliesst,
ich nehme meine Hand von dir,
meine Zunge soll verdorren im ersten Laut, den sie für dich ausstösst,
du Menschenbraucher, du Menschenschädiger,
was kann er denn dafür?
Ist das noch ein Mensch?
Das ist doch nicht normal,
da muss doch was gemacht werden,
das kann doch nicht wahr sein,
der König verstummt in krächzenden Widersprüchen,
in Eselslauten voller Zorn und Häme,
ein Mensch ist das ja fast schon nicht mehr,
ich fühle mich entwürdigt, wenn ich ihn nur ansehe,
ich spüre nur mehr entsetzliche Verzweiflung, die sich gegen all sein eigenes Wollen sperrt,
ich sehe ihn auffahren von Träumen, die ihn hinwegtragen in Länder,
wo von dem Menschensinnen nichts mehr gilt,
wo Trümmer sich tummeln und auf Ruinen Runen rollen wie die Augen von Dämonen,
ich höre ihn mit triefenden Lefzen Geschichten murmeln von tollenden Hunden,
von hüpfenden, tropfenden Röcken und kalbenden Bergen,
von rechtssprechenden Ratten und versengten Katzenschwänzen,
ein König kann doch nicht verschwinden im schmierigen Gelände seiner aufgeblasenen Vorstellungen,
das ist doch nicht normal,
das kann doch nicht wirklich hier und jetzt geschehen,
ich verstehe nicht, was ihm passiert,
der König war doch so ein stiller, ein guter Mensch,
der immer zuhörte und sich für die kleinsten Details meiner Familiengeschichte interessierte,
aber seht ihn jetzt einmal an,
er nennt mich einmal Benjamin und einmal Ikabod,
er weiss die Namen nicht mehr,
er weiss ja kaum den eigenen mehr,
ich musste es ihm einflüstern, als gestern die Philisterherolde bei ihm sich vorgestellt haben,
ich musste ihm sagen, was zu sagen ist,
das ist schon fast eine Katastrophe, ein Gräuel im Hause des Königs,
und die Ärzte kommen nicht auf sieben Schritte nahe,
er spuckt und keift sie an, als wollten sie ihn vergiften,
doch plötzlich wird er still und wandert zum Fenster,
seine Augen schimmern gelblich,
seine Lippen zittern wie bei Kindern vor dem Weinen,
und er schaut aus dem Fenster und lächelt,
lauscht dem Schrei der Strausse.
Ein Mensch in der Fremde
Ein Mensch in der Fremde fühlt sich wie ich,
eingesperrt im Verschlag einer Sprache, die ein zehrendes Fieber ist,
zum Nicken verdammt in einem Volk, das von Übermut angeführt wird,
in der Fremde bin ich, in der Fremde,
ein Abgesandter der Vernunft im Lande des Rasens,
ein Tappender im Reich der Wettläufer,
ein Amputierter im Reich der Vollständigen,
denn mir fehlt jeder Glaube,
denn mir fehlt jede Gewissheit,
es fehlt mir am Herz, das sich über den Bedürfnissen schliesst,
es fehlt mir an der Kehle, die sich über einen Fremden verengt,
über einen Ungleichen, über einen anderen,
ich fürchte mich nicht vor der Verdammnis, die ein Gott aussprechen kann, der nirgends zu sehen ist,
ich habe keinen Anlass, am Lauf der Dinge zu zweifeln,
keinen Beweis habe ich für eine lenkende Hand hinter diesem oder jenen Lebenslauf,
ein Mensch in der Fremde kann sich nicht verlassener fühlen als ich,
ein Strick um den Hals von den Geboten,
ein Joch am Hals von den Vorschriften,
eine Kette am tänzerischen Knöchel für einen gerechten abgemessenen Weg,
zwischen den überhohen Werken hindurch, die die Menschen aufzurichten aufgerufen sind,
bei Strafe vollbringen müssen,
als gebe es einen grossen Plan, den zu befolgen die Menschen geboren sind,
doch sogar in der Fremde weiss ich um die Schattentiefe dieser Vorlagen,
weiss ich um die Salztümpelgründe dieser Vorhaben,
ein Mensch in der Fremde wie ich kann es nicht länger aushalten,
glühend vor Fieber und Trotz,
so hoch sein Stuhl auch aufragen möge über die herrische Zwergenbrut,
umschlossen, umflutet von Flüchen und Wahrsprüchen,
aus tiefen Klüften dringenden Sandbitten,
erstickt im Alltag von nagenden Vorwürfen,
oh lieber will ich am schweissweichen Jochholz nagen,
lieber will ich vom Kuchen des Kieses essen,
lieber will ich der Mutter in den platzenden Schoss kriechen,
lieber als in der Fremde ein Mensch zu sein.
Salbung ohne Öl
Aus Wünschen gepresst,
im Dunkeln gekeltert,
im Kühlen gereift;
aus Armen geschlagen,
der Zukunft entnommen,
mit Sonne versponnen,
dem Herrn entronnen,
den Menschen genommen,
von Zweifeln befruchtet;
den Kehlen erspart,
niemals erhitzt,
es war nicht für Fische gedacht,
es war nicht für Frauen gedacht,
es war nicht für das Brot bestimmt;
Stirnen sollte es salben,
Berufungen äufnen,
Auftrag des Herrn, Wort des Herrn sein. SELA
Doch gibt es keinen Speik mehr,
keinen Herrentrost,
keinen Herrenrat,
kein Herrenlos:
mein Sohn, mein Sohn, es fehlt das Öl,
das kostbare Öl. SELA
Ich salbe dich im Geist,
ich worte dich zum Herrn,
ich öle dich mit Zutrauen und Zuversicht,
die Wurzeln fehlen uns,
die schleichenden Wurzeln unter unseren Füssen,
in den weit entfernten Bergen,
niemand bringt sie mehr über die hohen Berge hierher,
niemand weiss davon zu erzählen,
wo die Wurzelstöcke weilen in den hohen Klüften und Triften weitab vom vererbten Land,
wo sie ihre wohlriechenden Fäuste ballen,
als wollten sie einige Zukünfte ausharren,
bis die Welt ihren Geruch wieder würdigen werde,
als könnten sie mit ihren knolligen Erdknospen dem Volk einen weiteren König,
einen nächsten Gerechten ersparen,
doch nein, mein Sohn, es taugt auch so,
die Liebe meiner Arme,
die Wärme meiner Worte,
das Vertrauen meiner Erinnerungen will ich über deinem roten Kopf auspressen,
der leuchtet wie der Abend auf den weit entfernten Bergen,
denen auch der Schnee jetzt fehlen mag,
ausgiessen die strenge Liebe des Herrn über einen neuen König,
über einen besseren König will ich den Segen sprechen,
Wie geheissen will ich den Segen sprechen,
doch fehlt uns das Öl, mein Sohn,
der Speik hat sich in die Schlünde und Schrunden verkrochen,
ein Bild des Königs von heute, mein Sohn,
die Reisenden berichten von Wüsten, Erdrutschen und Fluten,
wer weiss, was der Herr damit sagt,
doch meine Wünsche sollen dir genügen, mein Kind.
