85 ist keine Grenze

Verschworen sind sie alle gegen mich,
als könnte dieser Judäer ihnen abends Weinberge schenken,
nachdem er sie morgens verschlungen hat,
als könnte dieser Steppenwolf ihnen Äcker pflügen mit seinem einen Schwert,
als könnte er ihnen eine Herrschaft im Stile Gottes aufrichten,
eine Heuchelherrschaft, eine Meuchelherrschaft,
wo er doch vor mir nur auf einem Flecken Land von der Grösse meines Fingernagels sicher ist,
und selbst wenn die Fangarme meiner Häscher sich um meine Füsse winden,
werde ich ihn bis ins Kupferland im Süden treiben,
wo die Edomiter jene feine Grenze niemals überschreiten, die zwischen Treue und Verrat schwirrt,
wo die Edomiter den Sand nicht fruchtloser halten als die Kamelscheisse,
verbündet hat dieser Judäer auf seiner Flucht meine eigenen Leute,
jene vom Stamm Benjamin,
die selten mit Schönheit beschenkt,
die selten mit Trauben behängt,
die selten mit Liedern bedrängt,
die selten mit dem Lachen des Wolfs bedankt,
auch sie auf einer Grenze kauernd,
mit verkniffenen und roten Gesichtern auf einer Grenze kauernd,
die sich zwischen Verrat und Gewalt ausspannt,
nein, zwischen Anmassung von Gewalt und der Ohnmacht in Gewalt liegen diese meine Brüder bereits begraben,
verschüttet liegen diese meine Schwestern bereits zwischen diesem Fehlen von Gewalt und dem Aufsteigen von Gewalt,
und 85 Menschen sind dafür zu wenig,
als könnten diese 85 Köpfe, die du mir gebracht hast, Edomiter,
die mir zu Füssen liegen wie Dunghaufen vor den Ställen der Judäer,
etwas verhindern, was ich gesehen habe,
was ich mit entzückender Kraft keimen gespürt habe,
und 85 Köpfe sind dafür eine Kindergabe,
ein Land habe ich kommen gefühlt,
einem Land ins Antlitz geblickt,
das im Stile Gottes kupferfarben mit Gewalt beschrieben,
das im Stile Gottes kupferfarben glüht vor allgegenwärtiger Ohnmacht,
die mit Gewalt beschritten wird,
eine Meuchelherrschaft gegen die Wehrlosen,
eine Heuchelherrschaft gegen die Mächtigen,
und überall die Grenzposten mit einem Gesicht von Kamel und Wolf.

Bericht eines Sachwalters

Einen halben Tagesmarsch kam er weit, der Märchenprinz,
atemlos kam er nach Nob, als liefe er seit Rimmon,
seine Knie wackelten, als sei er nach Jericho hinab und hinauf,
mit fliehenden Augen bettelte er um Brot,
seufzte er nach Wasser,
und nicht um Weisung einzuholen suchte er mich auf, mein König,
hatte er denn vergessen, wie sehr ihn Samuel liebte,
hatte er denn auf seiner Flucht den Glauben an eine Zukunft verloren,
die Gott der Herr nur jenen verleiht, die Staunen können wie das Kind, mein König,
doch stand er winselnd im Schatten meines Olivenbaums,
den ich über dem Grab meiner im Krieg gefallenen Söhne wachsen lasse,
doch stand er fluchend auf jenem Boden, wo noch nie ein Bruder den anderen, eine Schwester die andere verraten hatte,
er hatte grossen Hunger und wollte Weisung hören,
und ich habe Auftrag zur Weisung,
seit Eli von seinen Söhnen verraten ist,
seit in Silo die Herrlichkeit Gottes des Herrn verstummt ist,
seit Samuel selbst seine Rede ausgeredet hat,
seit die Propheten weissagen davon, wie die Zedern aus dem Libanon hinabsteigen auf die Schultern Gottes des Herrn,
auf den Berg zuschreiten, wo Jakob auf seiner Flucht einen Stein für seinen Kopf fand,
aber auch du bist nur einer dieser Äste, die Gott der Herr abschlagen wird in naher Zeit,
und der Märchenprinz, abgeschlagen und ohne Zukunft, mit einer Lüge auf der Lippe,
hiess mich die heiligen Brote bringen,
fünf an der Zahl,
sie werden nicht mehr,
es waren fünf an der Zahl,
mehr waren es nicht, mein König,
hiess sie mich mit dem Öl meines Baums bestreichen,
auf dass sie ihre Steinhärte verlören, die sie für Gott den Herrn angenommen hatten,
auf dass sie ihre Schneidehärte verlören, die sie für Gott den Herrn angenommen hatten,
denn sie waren für seine Weisung bestimmt, für sein Antlitz gebacken,
aber er, der alles verloren hat vor deinen Augen, mein König,
trat bald schon meinen Töchtern zu nahe,
denn das getränkte Brot stellte seinen Mut schnell wieder her,
seinen Übermut, mein König, seine Bestimmung,
und schnell gab ich ihm das Schwert des Philisters, des Grossen,
seine Klinge breit wie der Ast einer Eiche im Eichgrund,
jenen Lästerer, den deine Männer im Pfeilregen erstickten,
nachdem er Gott den Herrn verhöhnt hatte.

Unter den Propheten

Gottes Geist hat die Männer verschluckt,
hat die Männer aufgefressen und ausgespuckt,
die du uns geschickt,
staunen und stammeln, stottern und stampfen, ächzen und schreien hat er sie gelehrt,
die Männer, die du ins Haus der Propheten geschickt hast, sind andere,
die Männer sind nackt und herrlich. SELA

Wieder steht mir die Heilige im Weg,
wieder will mir die Strafende den Weg vertreten,
wieder hat sie Ohren und Herz verschlossen vor meinem Schritt. SELA

Gottes Name hat die Männer erbeutet,
hat die Männer erfasst und entlassen,
die du uns geschickt,
tanzen und raunen, mauzen und kauzen, rufen und rasen hat er sie gelehrt,
die Männer, die du zum Haus der Propheten geschickt hast, sind keine mehr,
sind wach und fern. SELA

Wieder kreuzt die Heilige meinen Streit,
wieder stellt sie mir eine Falle,
in die ich gesogen werde,
gezogen von ihrer Zuneigung. SELA

Die Ohnmacht Gottes hat die Männer verbogen und verborgen,
hat die Männer entgrätet,
entschuppt und entblösst hat sie die Männer,
die du uns geschickt,
verdrehen und hellsehen, weissagen und ertragen, quaken und twerken hat sie sie gelehrt,
die Männer, die du vor das Haus der Propheten geschickt hast, sind am Leben,
kurz und bündig, frei und mündig,
chronisch-panisch, wandel-andel. SELA

Wieder stösst mich die Wahrende hinein in die Erde,
stampft die Gewahrende mich hinunter in ihren offenen Leib,
wieder will sie nicht wahrhaben meine Wünsche und Würde,
wieder kommt die Sicht über mich,
will mich bewahren,
will mich erfahren,
will mit mir verfahren, wie es ihr beliebte und beliebt,
schon zucken meine Glieder. SELA

Die Anwesende hat den Mann errungen,
hat den Mann bezwungen,
ohne grosses Ringen hat sie ihn entsetzt,
hat sie ihn ersetzt,
mit Heulen und Klappern hat sie ihn hingestreckt,
wie ein frischer Wurm wälzt er sich im Dreck,
Schaum von Gottes Wort verspritzt er laut und schrecklich.

Wie mein eigen Leben

Komm zu mir, mein Lieber,
tritt heran, mein Liebster,
nähere dich sehr,
rücke herzu,
zu kurz sind meine Arme,
zu gross ist deine Schönheit,
deine Locken sind wie ein Wasserfall im Nachal Arguot,
deine Brust und deine Schultern schöner als die einer Frau,
ich träume von Flügeln, dich zu fassen,
ich wünsche mir die Wurzeln eines Olivenbaums, um dir immer Schatten zu spenden,
den Lauf des Strausses, um dir zuzueilen,
den Fuss einer Muschel, um bei dir zu bleiben,
hier ist mein eigen Rock,
hier ist mein eigen Mantel,
vollgesogen von meinem Eifer für dich,
gewürzt mit meiner Neigung für dich,
komm zu mir,
sammle meine Freudentränen über deine Ankunft,
den Tau des Dankes über so viel Schönheit und so viel ungetrübten Spiegelglanz,
jeden Augenblick meines Lebens möchte ich neigen wie eine hochwachsende Rose zu dir,
deinen Geruch aufsuchen wie eine Biene im frühen Frühling, wenn die die Morgen noch frostig sind,
jeden deiner Atemzüge möchte ich vor mir hertragen wie Trompetenstösse über der Mauer deiner Augenbrauen,
tritt heran, meine Liebe,
scheu dich nicht vor meiner Liebe,
hier ist mein eigen Schwert,
hier ist mein eigen Bogen,
hier ist mein eigen Gürtel,
in deinem Schatten ist nichts mehr vonnöten ausser Ehrlichkeit und Hingabe,
nimm alles zu dir,
du bist wie mein eigen Leben,
ich liebe dich wie mein eigen Leben,
wo du gehst, will ich gehen,
wo du ruhst, will ich ruhen,
nähere dich sehr, mein Lieber,
die Arme um dich sind zu wenig,
Lippe und Zunge reichen nicht für dich,
kühle mich mit deinem Lächeln, das wie das Rieseln von Steinchen unter Kinderfüssen ist,
lass mich wohnen in deiner Magengrube,
lass mich flüchten in deine Kniekehlen,
denn da kommen andere herbei.

Michals Lied

Ich fürchte mich vor ihm,
ich fürchte mich für ihn,
er ist ein Strom von Schafen, von einem Bärenjungen vor sich hergetrieben,
er ist eine Flut von Katzen, den Häutern entflohen,
er ist ein Geschiebe von Geschichten, in dem du warm erblühst,
das liebe ich an ihm,
für den ich den Hausgott in meinem Bett schlafen lasse,
für den ich meinen Vater zu verachten lerne,
den ich in meinem Schosse wie ein Kuckuck hege,
er sagt sein helles Barburim, barburim,
es gellt in meinen Ohren,
meine Ohren verwittern,
können seine Beschwichtigungen nicht hören,
seine Ausflüchte, die wie Versprechungen klingen,
wie stolpernde Töne eines einzelnen Huhns allein im weiten Hof,
und ich trage meine Sorge an meinem Hals wie eine Kette aus Bärenzähnen,
ich laufe mit meiner Sorge von Hof zu Hof, als suchte ich Gefährtinnen für einen Tanz,
die Sorge klingelt an meinen Knöcheln wie Schnecken,
meine Sprünge sind schmutzige Kinderhände,
die Tränen im staubigen Gesicht verreiben,
und ich fürchte um die Augen meines Vaters, in denen leise die Flamme der Torheit flüstert,
ich fürchte die Augen meines Jungen, meines treuen roten Burschen,
der so lebhaft ins Bett hüpft am Ende eines Tages,
flatternd mit den Armen wie ein Perlhuhn bei der Flucht,
als sei er eine Geiss vor dem Bocke,
eine Gazelle vor der Löwin,
ich fürchte sein Kichern, das seinen Geschichten niemals genügend Glauben schenkt,
ich habe Angst vor jenem Funken in seinem Herzen, der nicht menschlich ist,
der selbst im Hochsommer das Nachal Michmash für den Jordan hält,
die Tröckne für die Flut, den Fall mit dem Flug,
und so hänge ich nun in dieser Nacht ein Seil aus meinem Fenster,
an das ich ihn hänge wie damals Rahab ihre Gäste,
als solle er sich ein Land erobern, das ihm zugesprochen ist,
als solle ich seine Feigheit mit dem Widerstand einer Frau bedecken.

Der Knabe unterm Pfeil

Der Pfeil fliegt hoch,
der Knabe läuft,
wie hoch fliegt der Pfeil,
wie weit läuft der Knabe,
am Abschiedsstein vorbei,
durch Dornen und sandige Mulden,
näher dem Himmel der Pfeil,
näher dem Erdboden der Knabe,
im stolpernden Lauf, im gebogenen Flug,
der Knabe eilte voraus einmal,
der Pfeil schnellte schon weiter,
die Rufe des Herrn wie das Krähen des Hahns,
die Befehle des Herrn in seinem Rücken wie das Ächzen eines Mühlsteins,
der Knabe wie ein Stöckchen nah über den Boden geschleudert,
der Pfeil wie die Grenze zwischen einem Menschen und einem anderen Menschen,
schmal wie die Kehle zwischen Himmel und Horizont,
aus der die Zukunft kommt,
wie der feine Riss im Bein des Stuhls, auf dem der Geliebte die Geliebte in seinem Schosse wiegt und hegt,
doch was ruft er «weiter draussen»,
doch was ruft er «suche weiter weg»,
ich sehe den Pfeil doch fallen,
sehe doch den Pfeil in langsamem Drehen um seine Achse im Fall,
muss meinen Schritt schon hemmen,
soll ich denn durchbohrt werden von oben her aus dem grünenden Himmel,
da steckt der Pfeil schon im kiesigen Grund,
schon kippt er aus dem Stand, findet keinen Halt,
ein alter Mann, der noch und wieder vom Tod seiner Töchter und Söhne hören muss, fällt er seitlich hin,
die silbernen Federbüschel seines Kopfes leuchten einmal noch auf,
und leise klappert das Hölzchen auf den Felsenrücken,
der sich wie eine Faust rundet unterm Menschen,
es klingt wie der Fall eines Stöckchens auf dem Spielbrett, das nicht sorgfältig eingesteckt wurde,
die Spieler waren voller Hast und hatten einen Plan,
die Hände zitterten ihnen vor dem Ziel,
ihre Hände schwebten überm Spielfeld wie Pfeile im Flug,
seitlich liegt das Stöckchen mit seinem Schakalkopf auf dem Holzrücken des Spiels,
doch was schreit er «weiter draussen», «weiter draussen»,
da habe ich den Pfeil doch schon in der Hand und bringe ihn zurück.

Das Lied des Pfeils

Heute stelle ich niemand nach,
heute habe ich kein Ziel, das mich will,
einen unschuldigen Stein kann ich treffen und von ihm abprallen mit einem Geräusch wie Kinderlachen,
im trockenen Boden kann ich mich nach viel zu hohem Fluge einbohren und haltlos umsinken,
doch noch liegt meine Wange an der Sehne,
doch noch liegt meine Spanne an der gespannten Sehne,
noch bin ich glücklich zu preisen, dass mein Flug Gutes wie Böses verheissen kann,
und der Junge, der mich aus dem Köcher zog, ist glücklich zu preisen, dass er einen Freund hat,
für den er mich aufgespart,
für den er mich bestimmt,
heute bin ich ein Pfeil der Freundschaft,
ein Pfeil für die Sorge und Liebe,
eine Botschaft für eine Grasnarbe, die nichts um ihr Glück weiss. SELA

Und im Flug, den ich nun Widerwillens nehme,
im Flug durch frühen grünen Morgenhimmel vergesse ich mein Zischen über dem Auge, das fehlt,
über dem dunkeln Schatten im Himmel,
den die Menschen feiern,
denn sie wissen um seine Anwesenheit in der Abwesenheit, wissen es im Voraus,
denn sie wissen, was abwesend ist, kann anwesend sein, auch wenn es nicht zu sehen ist,
wie der Junge da in den Dornen, sein Gesicht vom Hoffen ganz zerpresst,
als läge er wie ich gerade an einer Darmzunge, die aufs Zuschnappen wartet,
an einer trockenen Darmzunge, die jederzeit zum Singen bereit ist,
wie der Junge, der mich angelegt hat, als spielte er mit meinem Flug um den Jungen im Gebüsch,
mit seinen verkniffenen Lippen seinem Vater mehr gleicht, als er je wissen wird,
und jetzt streift die schwere Morgenluft meine pfeifende Kehle,
das Leben ist in mir,
der Flug ist mit mir,
und ich höre den Lauf des Knaben unter mir,
und ich schlage ein im Geröll, das aufstiebt wie flehende Hände,
und der Schütze ruft mit Silberstimme,
hat denn jemand meinen Gesang gehört?

Die erste Rede des Speers

Ich war in seiner Hand,
seine mächtige Pranke wärmte mich und würgte mich,
ich lag allezeit in seiner Nähe,
er war mein Eleasar von Ahoach,
ich war sein Weberbaum,
mit dem er seine Geschichte wob. SELA

Ich war sein Einziger,
ich war sein Weniger,
ich ragte heraus,
ich erhob meinen spitzen Kopf über die Menge,
ich war mitten unter Löwen,
ich kam aus den Flammen,
ich kam von den Bergen des Libanon,
und wenn ich flog, blitzten in den Gesichtern der Menschen die roten Zungen im dunkeln Gaumen auf,
und ich sah ihre vielfarbigen Zähne kleckern und aufeinandergepresst wie schadhafte Gefängnisgitter,
und wenn ich stiess, ergötzte mich das weiche Geräusch aufplatzenden Fleisches bis zum Schaft,
ich war allezeit in seiner Hand,
für seine Hand war ich gemacht,
ich war ein Freund in seiner mächtigen Hand. SELA

Er war mein Jischbaal,
der von Gott nichts wusste,
nichts lernte von Gott ausser seiner zufälligen und zungenzerbeissenden Macht,
die ihm nahe war in mir,
dem seltenen Prüfstock,
dem aussergewöhnlichen Fleischeswerkzeug,
und kämen auch die Menschenkinder mit glatten Reden zu ihm,
er wusste um mich, ich war ja da,
er brauchte nur seinen Kopf nach rechts drehen, da stand ich schon,
ich sagte, Ich bin hier,
und er riss mich aus dem trockenen Fleisch des Bodens und legte mich auf seinen hitzigen Schoss,
dass Berater und Bewacher und Sänger und Diener aufstiebend zur Seite zurückwichen,
oh ich liebte den Geruch dieser Handfläche,
schwielig war er und erdig und eiterbitter,
so riecht der Mensch, flüsterte mein Schaft der Klinge zu,
so riecht der Zorn, flüsterte die Klinge zurück,
so riecht die Scham, erwiderte der Schaft,
so riecht die Ohnmacht, antwortete die Klinge. SELA

Er war mein Schamma,
ich war sein Tuchbaum, an dem seine Geschichte sich aufspannte in all den dunkeln Farben, die wir lieben,
und seine rechte Hand war mir nah wie andern ihre Halsschlagader,
mein Holz roch nach Mensch,
ich war von seinem Blut,
ich war von seinem Fleisch.

Mein Sorgen-Sohn

Mein Sohn lebt in seiner eigenen Welt,
die ihm nur offen steht,
er schüttelt seine hellen Locken und verlässt die Grube unseres Lebens,
hinterlässt dunkeln Schatten und zögerndes Licht,
der Rest von uns soll sich mit der Fantasie zufriedengeben,
mit den widersprüchlichen Taten und den wiederkehrenden Bedenken,
mit dem ausdauernden Abwägen und den unmenschlichen Verträgen,
doch mein Sohn ist fern davon,
durchstreift die Gärten mit seinen Freunden,
durchdringt die schönen Schatten der Höhlen am En-Gedi,
wo das Rauschen der Quellen mit dem Rauschen des jungen Bluts zusammenklingt,
diese Jugend hat eine Stimme,
auf ihren Köpfen schimmern die Hörner von Gazellen, die schnell daraus springen,
diese Jungen sind zu Menschen geworden, die die Liebe Gottes verdienen,
das Wohlgefallen aller Frauen,
doch mein Sorgen-Sohn,
seine Wirklichkeit trägt ihn weit hinweg,
da steht er Hand in Hand mit meinem Feind, dem Märchenprinz,
ihre Locken wie die rollenden Perlen in den Händen der tyrischen Mädchen,
ihre Schritte tragen ihre schweren süssen Herzen leicht durch die Felsenwelten wie Straussenläufe,
ich sehe meinen Sohn in seiner eigenen Welt versinken wie zwischen den Lippen des Abendsterns,
mein Zorn verklingt,
mein Wehmut, oh Abendstern, ertränkt die Freude über diese Frucht an meinem öden Baum im ausgeleerten Wein,
mein Grimm erschlafft,
die Leber reisst an meinem Leben wie ein Komet im Himmel an meinen Wünschen,
mein Sorgen-Sohn streunt mit dem Märchenprinzen Ohr an Ohr durch die Gärten der Stadt,im Schutz der Tamariske küssen sie sich,
kichernd wie die Smaragspinte im Nachal Arugot,
die Augen meines Sorgen-Sohnes entfalten sich wie die Blüten der Kordien,
und der Vater meines Feindes legt mir am Schiloach beruhigend die Hand auf den Arm.  

Horror vor dem Sänger

Weich und schmierig ist es um mich her,
erstickende Wachsmomente häufen sich um mich auf,
eine Reihenfolge von lächerlichen Kränkungen legen sie mir zu Füssen,
ein Gewusel von Kleinigkeiten sucht mich heim,
ein Bienenstock, der aus Ameisen besteht,
und siehe, da kommt der Sänger mit seinem gekitteten Gesicht,
da kommt der Sänger mit seiner verlaufenden Stimme,
mit seiner Bärenstirn kommt er zu mir,
als habe ich ihn gerufen, auf dass er mir den Morgen beschmiere mit seinem Geheul,
das ganze Generationen zerstört,
ausgemergelt, hysterisch, nackt,
mit dem Terror von nebenan im Ohr,
so kauere ich im Schatten des Throns,
ich höre seine Sandalen quieken auf dem Steinboden,
ich sehe sein Lächeln schmelzen im unschuldigen Licht des Wüstenmorgens,
der mich getröstet hätte,
gäbe es nicht die Menschen,
die mit ihren schleimigen Mienen wie Mauern auf mich einreden,
ich rieche seinen Milchatem voller Mutterzimt,
ich schmecke die Dichte seiner Generationenlast,
das zähe Rinnen seiner Traumen zerläuft in meinem Gaumen zu einem würdereichen Würgimpuls,
als steckte ganz Israel dahinter und darin,
ich ertaste die zitternden Klammern seiner Harfe,
mit der ich festgezurrt werden soll wie ein Kamel,
das nicht gebären kann noch will,
ein ausgelieferter Reim erklingt bereits in der Höhle meines Herzens,
eine ausstehende Vision erhebt ihren zuckenden klappenden Schädel,
da kommt der Sänger mit seinem Hasengesicht,
mit seinen vorstehenden Händen auf der Brust,
da kommt er mit seinem hechelnden Lächeln,
als könne er ganze Generationen für immer verstören,
in Strömen von Licht,
die in Stauböden kauern,
in den kalten Nächten Visionen erschauen,
als könnten sie die Trauer und den fliessenden Menschenbrei, der sie umwallt, verschlingen,
ohne je die Stimme zu erheben.