Tausend Fragen

Bist du verbunden mit dem Stein,
fällst zusammen mit dem höckrigen Fels?
Bist du verbunden mit dem Schneestaub,
vermischt mit dem Kurkuma der Steppe?
Bist du verbunden mit dem Mäuerchen um den Weinberg,
reagierst mit dem Huschen der Echsen?
Bist du verbunden mit den winkenden Blättern der Rebe,
erkennst die glasigen Trauben als Augen der Erde?
Bist du verbunden mit dem Flug des Geiers,
zitterst als Feder im sausenden Wind?
Bist du verbunden mit dem Brüllen des Löwen,
gleichst seinem Aas-Atem?
Bist du verbunden mit dem Schaf,
verlierst mit ihm deine Gestalt?
Bist du verbunden mit dem Nachal Mikmash,
dürstest nach dem Sturzbach?
Bist du verbunden mit dem Fels Rimmon,
saugst die Schulde des Menschen auf?
Bist du verbunden mit dem geraden Speer,
träumst davon, dich zum Bogen zu biegen?
Bist du verbunden mit den Disteln,
rollst dem Wind voran?
Bist du verbunden mit der Tamariske im Tor,
vergehst mit ihrem rosa Strahlen, in ihrem Honigtau?
Bist du verbunden mit dem Kiesel unter deinen Füssen,
wirst gestossen und geschoben?
Bist du verbunden mit dem Myrten-Dickicht,
singst in Sicherheit aus ihm heraus?
Bist du verbunden mit der Milch der Ziege,
sehnst dich wie sie nach einem Laib?
Bist du verbunden mit dem Oleanderbusch,
säumst jedes Nachal von Dan bis Beerscheba?
Bist du verbunden mit dem Ruf des Esels,
Gesang Gottes?
Bist du verbunden mit dem Mandelbaum,
blühst auch du zuerst?
Bist du verbunden mit Galiläa,
tauchst deinen Fuss in Olivenöl?
Bist du verbunden mit den Oliven, die niemand abgeschlagen,
sehnst dich nach der Hand der Witwe und der Waise?
Bist du verbunden mit dem Feigenbaum,
werden deine Früchte vom Winterwind geerntet?

Die Rede des Klippdachses

Ich bin ein Geschöpf wie du,
geschaffen für die Flucht,
ein wachsam Ausschau Haltender,
ein in den Höhlen Huschender,
ein in den Felsen Lispelnder,
ein in den Schatten Kotender,
ich richte mich nach den fliegenden Schatten und laufe durchs Geröll,
ich knirsche mit den Zähnen wie einer aus Benjamin,
wenn ich mich fürchte und wenn ich mich freue,
ein weithin Rufender,
leicht Geschreckter,
ein viel Befürchter,
ein wenig Erhoffer,
ein immerzu Sich-Reinigender,
denn der Herr weiss, was für Geschöpfe wir sind,
wir Bedürftigen von Rebenblatt und Traubensaft,
nickend sammeln wir die Ratschläge des Herrn in den Archiven des Kots. SELA

Ja, unsere Pfiffe sind die Töne des Himmels,
in unseren Höhlen regulieren wir das Heilige,
in unseren Schlupfwinkeln rücken wir das Heilige im lauen Schatten zurecht,
bis es kaubar wird,
bis es verdaubar wird,
das Heilige ist immer auf der Flucht und droht unheilig zu werden,
weil das Geschaffene unheilig ist,
weil nur das Ungeschaffene heilig ist,
rein und schandfleckfrei,
drüsenlos,
ausscheidungslos,
weil nur das Ungeschaffene ein Anrecht auf die Schrift unserer einen Kralle hat,
mit der wir für Reinheit sorgen. SELA

Und mein dumpfer Blick aus dem rötlichen Pelz ist weiser als du denkst,
ich verschone dich noch in der Zukunft,
wenn deines Landes Grenzen verschoben sind,
wenn deines Landes Gärten verschrieben sind,
wenn deines Landes Gegner verschieden sind,
ich entdecke in den Höhlenformationen frühe Zeichen für schlecht proportionierte Gerechtigkeit,
für wohlbedachte Sündenandachten,
für bittere Bitten und saure Schandgruben,
auf meinen schwarzen ungespaltenen Tatzen grabe ich mich durch Friedhöfe und Synagogen,
durch Babylon und Zion,
ich eile voraus, ich eile voraus,
ob in Bet-Arwen, Baal-Hamon oder Getsemane,
am Felsen Rimmon oder am Fuss vom Horeb,
ich bin schon da und habe für deine Erkenntnis die Wurzeln entblösst,
die Reben ausgegraben,
und in meinen Latrinen türmt sich der Kot wie ein zweites Fell auf den Felsen,
ein Archiv der Schuld und der Bedrängung,
ein spät gefundenes Buch,
eine geflüchtete Schrift,
ich bin der in deinem Rücken Hockende,
der in deinem Rücken Wispernde,
der in deinem Rücken Untätige,
ich blecke meine Zähne in Häme,
ich sehne mich nach deiner ununterdrückten Ungeducktheit,
nach deinem weit ausschreitenden Gang,
der immer noch zögert.

Über die Liebe

Nichts dauert,
die Zeit der Lieder lauert auf die Zeit der Ketten,
die als scharlachrote Bänder dich kränzten und begrenzten,
und die süsse Honigmilch versauert,
der Libanon ist eingeebnet von dem Gewicht,
das in Verbundenheit wächst,
der Hang von Baal-Hamon ist bald schon Wüstenei,
die würzigen Bärte von grauen Flechten durchzogen,
der Wein und die Worte schmecken nach faulenden Spänen,
der Hennastrauch deines Hügels, das geschwungene Horn deines Gliedes,
das Myrrhenharz verweht,
entleert, entbehrt,
sie dauern nicht, dauern nicht,
die Tauben deiner Augen werden zu Spatzen,
werden zu glatzköpfigen Geiern,
die Zeit der Lieder lauert auf die Zeit der Saat,
und wartet und wartet,
die geduldigen Schritte in Verbundenheit im Granatapfelhain erschöpfen sich am gleichen Refrain. SELA

Der Turm deines Halses schaute hinaus auf das Land,
auf den Garten schaute die Hütte deiner Locken hinaus,
in der Wärme deine Blicke und in der Blüte deiner Königsherrschaft waren sie sicher,
doch schnell musstest du fort von den Lagerplätzen der Löwen,
liefest ohne Zögern hinunter von den Bergen der Panther,
die sich an die Schafe schmiegten, als kennten sie nichts anderes,
die Dauer hat eine Frist,
die Frist ist nicht zuhanden,
keinen Aufschub kennt die Dauer,
denn selbst der Weinberg von En-Gedi lernt die Krallen der Füchse kennen,
denn selbst das rote Band von Rahab war mehr als ein Versprechen,
und die Trauben deiner Brüste,
die Arme aus rotem Gold,
sie schrumpfen und müssen vergehen,
die Schale edlen Weines,
die marmornen Säulen auch,
nichts dauert im Mühlstein der Verbundenheit. SELA

Aber die Liebe zur Heiligen doch wenigstens,
aber die Sehnsucht nach ihrer Nähe doch wenigstens,
die wie eine Lilie aus den Tälern aufsteigt,
hinter den Dornen ihrer Wimpern blitzt es schon,
ihre Wangen von der Röte der Beeren,
ungepflückte Myrrhe ihre Rede,
schwarz wie die Zelte Kedars ihre Berührung!

Über die Schafe

Ich liebe die Schafe nicht,
die der Flöte des Hirten folgen,
ich liebe die Schafe nicht,
die der Stimme des Hirten trauen,
ich liebe die Schafe nicht,
die nichts können als folgen,
ich liebe die Schafe nicht,
die nur zögern beim Scheren,
ich liebe die Schafe nicht,
die nur säumen beim Schlachten,
ich liebe die Schafe nicht, liebe sie nicht. BÊLA

Sie halten ihre Köpfe gesenkt unterm weiten Himmel,
die Nase in der Grasnarbe,
die Nase im andern Arsch,
sie halten ihre Köpfe geduckt unterm Kreisen der Geier,
sie drängen sich dicht zusammen,
ein Fleischhaufen ohne Willen,
ein Wille ohne Intellekt,
ein Intellekt ohne Seele,
eine Seele ohne Würde,
eine Würde ohne Eigenschaft,
da lobe ich mir die Spatzen. BÊLA

Sind wie das Land,
kennen keine Grenzen,
stolpern ins Geröll hinein,
fallen von den Felsvorsprüngen,
erkranken an den Pocken,
lassen sich von einem Büschel verlocken,
fressen die Weide leer,
der Schäfer findet schon eine neue,
staunen den wankenden Schatten des Olivenbaums an,
der vom Sturm redet, während sie kauen,
starren den Fettschwanz des Vorderschafs an, wenn sie fliehen,
wenn sie flüchten, sehen sie nicht weiter als bis zum Fettschwanz des Vorderschafs,
verbeugen sich vor Disteln und vor Eseln,
selbst in den Ruinen des Tempels ist ihnen wohl,
denn Gras wächst auch dort,
denn an Gras wird es nie fehlen,
wird es nie fehlen,
und wenn der Stab kommt,
begrüssen sie ihn getrost,
ich liebe die Schafe nicht,
da lobe ich mir die Wölfe. BÊLA

Und ruft gar einer, Ich bin es,
da laufen sie unverwandt hin,
könnte ja sein, könnte ja sein,
wäre doch gut, wäre doch gut,
raufen sich zusammen und fallen ihm zu Füssen mitten in der Wüste,
mitten in der Steppe springen sie vom hohen Berg,
werfen sich vom Dach des Tempels,
stürzen sich auf die Steine,
mitten in der Wüste schwärmen sie aus wie wolliges Wasser,
das leicht versiegt,
aufgesogen vom Dornendickicht,
in die Dornen und in das Dickicht verlaufen sie sich,
ich komme sie dann nicht suchen,
ich liebe die Schafe nicht,
da lob ich mir die Strausse. BÊLA

Betreten heiliges Gelände im Sturm und verstocken im Schuldenturm,
wem sie gehören, kümmert sie nicht,
Hauptsache Stab und Schlag,
Hauptsache Weidegrund, der gibt,
da lob ich mir die Füchse.

An das Fehlen Gottes

Du bist wie die Morgenträne,
die über das verzogene Gesicht läuft,
das noch keine menschliche Regung zeigt,
die als Schimmer auf den vollen Tränensäcken liegt wie ein Schneckenlauf. SELA

Du bist wie der Löwe, der beim Lamm liegt,
wie die grabende Hand der Mutter im Schoss,
du bist dieses leise Wort in der Kehle,
das sich nimmer löst,
ein Schleimkloss,
ein Kothaufen vor dem Thron,
reiche Gewänder unterm Tor,
du bist der Widerstand beim Küssen,
du bist die Stirn, auf der geschrieben steht, ich bin es,
du bist das Salz, das vergeht,
du bist die Zeit, die versteht,
du bist das Los, das nicht fällt,
du bist die Spucke auf der Backe,
du bist die Blicke im Rücken,
du bist die helle Stelle an meinem Speer, wo ich ihn umklammert halte,
tagein, tagaus,
du bist das Ereignis, auf das niemand gewartet hat,
du bist das Schwein, das wiederkäut,
du bist das Wort, das ich herunterschlucke,
du bist der Wolf, der die Beute teilt,
du bist das Sandkorn, das nimmer auszureiben ,
du bist die jubilierende Leber, die zu lange im Fett gebadet,
du bist das Herz, das durch die Galle watet,
du bist das steife Glied im Morgen,
du bist der Klippdachs im Weinberg,
du bist der Löwe ohne Wabe,
du bist die Gazelle ohne Sprung,
du bist die Frucht, die bleibt,
du bist die Bohne, die nicht treibt,
du bist der erntelose Frühling,
du bist die ungetrennte Spreu,
du bist die Hyäne im Tempel,
du bist die Taube im Haar des Geschickes,
du bist der Fuss im Öl des Traums,
du bist die schwarze, heisse Bahn meines Glaubens,
du bist das leere Bett an meiner Seite.

Constipation Blues

Ein Königreich für einen Löffel Feigenbrei!
Einen Tropfen Rizinusöl für diesen Knollen in meiner Mitte,
in dem sich ballt,
in dem sich klumpt,
in dem sich krümmt,
das Leiden meines Leibes am Geiste,
das Leiden des Geistes am Leib,
die ungenauen Güter dieser Welt,
das andauernde Verlangen nach genug,
die ungewisse Veranlagung des Fühlens,
die fortgesetzte Vorstellung von einem Ende,
das mein Volk sucht,
das auch mich sucht,
ah, in dem sich presst,
in dem sich wühlt,
in dem sich quirlt,
wie ein Mühlstein ohne Esel,
wie ein Dreschplatz ohne Worfel,
wie ein Löwe ohne Riss,
wie ein Weinberg ohne Turm,
die unbewachte Klippe meines Vorsehens,
die unbeachtete Schippe meines Zögerns,
die zusätzliche Braut meiner Vorkehrungen,
das ausgedachte Versöhnungsmahl,
ich zerre an meiner Zunge,
damit sie nicht mehr schreie,
ich schlage meinen Magen,
damit er nicht mehr gebäre die Mären,
von denen ich genährt werde,
ich töte meine Katzen mit Fusstritten,
ich hetze meine Hunde auf die Diener,
einen Schaber für den Anus,
einen Spaten für die Steinbrut,
die ich ausbrüte,
oh, ein Loch, ein Abgrund soll mein Körper sein,
ein saugender Mund,
ein Spalt soll mein Unterleib sein,
weit gespreizt wie die Alraune,
die uns Liebe gab,
als wir noch der Liebe nicht bedürftig waren,
bitter schmeckte der Schoss der Mädchen,
wie ein Zweig Ysop sog sich mein Gedächtnis voll mit Enttäuschung und Hoffnung,
ich wünschte mir die Zunge einer meiner Eselinnen an meinem Anus,
könnte ich nur aussprechen,
was ich in mir trage,
selbst mit dieser zerbissenen Zunge,
ja, selbst mit dieser zerkauten Schnute,
einen Löffel Feigenbrei für dieses ganze Königreich,
diese verstopfte Zuwendung,
diese verhoffte Leugnung,
diese enttäuschte Vermengung,
diese verkopfte Verbeugung,
und wovor, wovor? SELA

Auch mir soll der Strauch verdorren,
die geliebte Tamariske ihren Schatten verlieren,
auch mich soll die Sonne verbrennen,
ah, diese Spaltung des Körpers wegen des Geistes,
oh, diese Spaltung des Geistes wegen des Körpers!

Die zweite Rede des Speers

Mein Verlangen nach Menschen, die die Welt belasten, ist gross,
meine Neugier nach der Welt, die von Menschen belastet ist, wächst an,
meine Scham für die Menschen, die mir ausweichen, macht mich zur Nadel,
die an einem Strickmuster verzweifelt,
zum Weberschiffchen, das unermüdlich auf der Suche nach dem harzigen schadhaften Geruch von Blut zwischen den Stricken der Vorsehung hindurch- und zurückschiesst,
mitten unter Löwen falle ich hin wie eine taube Schlange,
noch warm von seiner Hand,
die meine Hüfte streichelt,
unter Menschenkinder werde ich gestossen,
zwischen zischende Zuneigung werde ich geworfen,
meine Schneide ist schwer wie die Sprache der Philister,
sie zieht mich vornüber zu Boden,
den ich steche wie eine geile Mücke,
doch nicht auf den Boden, der leise von den Knien der Mägde berichtet,
nicht auf die Erde, die von den weiten alten Wegen der Sandkörner wispert,
beschwert von den Menschen,
die sie zu besitzen glauben wie seine Hand mich,
als könne der Schweiss seiner Hand, der mich mittig getränkt hat, mich zu seinem Ding machen,
nicht auf den Lehm dieser Wand, aus dem auch die Menschen sind, habe ich es abgesehen,
der ich knurrend in sie hineinfahre wie ein Hund,
ich habe ein Verlangen nach Menschen, die die Welt besitzen,
ich bin neugierig auf das Blut von Menschen, die nicht durch Schwert und Speer gerettet werden können,
auf dieses würzige Blut, das nach Myrrhenharz schmeckt,
und meine Scham für die Welt, die von Menschen beschwert ist,
von Menschen, stolz wie die Stute vor dem Streitwagen,
stattlich und schön, doch Augen wie Strausse,
meine Scham und Enttäuschung kräftigen sich in Ohnmacht wie Eisen in Wasser,
und man bringt mich seiner Hand, die mich wieder würgt,
die sich an mir hält wie an einem Pfeiler der Erde.

Keiner hat mir das gesagt

Mein Sohn ist leicht in der Liebe,
und ich bin leicht im Zorn,
mein Sohn ist freundlich und zurückhaltend,
und ich bin nachtragend und vorsichtig,
mein Sohn ist schnell wieder ein Mensch,
und ich bleibe noch lange ein Dämon,
wenn die Schlacht vorbei ist,
mein Sohn geht mit Frauen um wie mit Schwestern,
und ich fürchte mich derart vor ihnen,
wenn ich in ihre Gemächer einkehre,
mein Sohn hat ein offenes Ohr für jeden ohne Worte,
aber mich hat er nicht gehört. SELA

Keiner hat mir gesagt,
wie in meinem Rücken mein eigener Sohn sich mit diesem Dahergelaufenen, mit diesem Aufgenommenen, mit diesem Hinterwäldler zusammengetan hat,
ja, mehr noch, verbündet:
unter meiner Tamariske haben sie Hände und Lippen verschränkt,
so hat man es mir gesagt,
unter meinem Ratebaum haben sie sich gesucht,
mein eigener Sohn und dieser schöne Hirte von Lügen,
von keinem habe ich das erfahren bis zuletzt,
als Letzter habe ich es erfahren,
was die beiden mir in meinem Rücken zufügen,
wie die beiden hinterlistig, aber ohne List, als ich abgewandt stand, sich verständigt haben,
und keiner hat mir gesagt,
was dieser Untertan meinem Sohne angetan,
nicht einmal in einem Flüstern,
nicht einmal in einem Säuseln kam es mir zu Ohren,
meine harten Ohren, meine geprüften Ohren haben davon nichts vernommen,
als sässe ich unter meinem Baum vor dem Tor und lauschte dem Schweigen der Steine im Osten,
dem Murmeln des Winds über die unverrückbaren Ahnensteine des Tals,
über dem meine Tamariske schwankt und tanzt,
als sässe ich Stein geworden unter meiner tanzenden schwankenden Tamariske am Abgrund,
war ich taub vor dem stummen Geschehen,
an das mein eigener Kopf gelehnt war,
blind gegenüber den Steinen, die sich wie Männerherzen um mich öffneten und zusammenrotteten,
als wollten sie mich von hoch oben und von tief unten erschlagen,
und alle tragen das Gesicht meines einen guten Menschen.

Die Rede des Abschiedssteins Ezel

Ich gehöre zu den Auserwählten,
ich habe Anteil an der Güte der Heiligen,
die mir ihre Treuen und ihre Verlorenen schickt,
ihre Verachteten und Verfolgten,
ihre Verworfenen und Verfehlten,
die sich in meinem guten glatten Rücken auf diesen einen Schritt in die Fremde vorbereiten,
hinter meiner abgeschliffenen Lippengestalt sich sammeln können für eine einzige Rede, die sie ausdrückt,
die so sehr die Wahrheit sagt, dass Freundschaften und Beziehungen davon verbrannt werden,
ich bin eine Liebende,
ich bin eine Schützende,
ich bin eine Freilassende,
ich bin eine Abstandnehmende,
ich zögere hinaus, was hinausgezögert werden muss,
ich verlängere, was verlängert werden muss,
ich beschleunige, was beschleunigt werden muss,
ich entscheide mich für jene, die nicht entscheiden können,
für diejenigen, die in der Verwirrung geboren,
die in der Ursuppe noch gefangen sind,
über die ich hinausrage wie das Segel einer Mutterstirn,
wie die Flagge einer Vaterbrust,
wie die Faust eines Rächerfreundes,
ich bin Teil vom Plan der Heiligen,
der in Schlingen, Schrunden und schroffen Wendungen verläuft,
von der Heimat in die Fremde, die Heimat ist,
deshalb ist mein Antlitz so glatt und eben,
so ganz ohne Furchen und Rillen,
im Morgenlicht errötet es leicht wie die Backe eines Säuglings,
im Abendschatten scheint es silbern auf wie das leichte, wehende Haar einer Grossmutter,
ich bin ein Teil vom Volk der Heiligen,
ich bin anwesend für die Abwesenden,
ich bin gezählt für die Ungezählten,
ich bin erwähnt für die Unerwähnten,
und selbst der Märchenprinz in meinem Rücken,
der so zittert, dass es ihn fast zerreisst,
dessen Zunge ausgetrocknet ist vor Angst,
dessen Zunge niemals mehr singen zu können glaubt, so sehr klebt sie ihm am harten Gaumen,
dessen dürrer Verstand in der Verfolgung aufblühen wird wie die Hänge des Nachal Michmash, wenn Frühling Regen bringt,
selbst ihn liebe ich mit unverrückbarer Ausdauer.

Doëgs Scham

Ich bin ein Hirte, mein Herr,
ich gehöre dem Sand und dem Blöken der Kamele,
ich gehöre dem flüsternden Blut des Widders,
ich gehöre dem Stolpern eines Kälbchens aus der Plazenta,
ich gehöre dem scharfen schlürfenden Wind,
der dir das Gesicht nimmt und das Antlitz schürft,
ich gehöre dem Sirren der Sterne und dem Drehen der Erdachse,
und ich wünsche mir den Gesang von Esaus Kriegern,
wenn ich höre, wie du haderst mit deinem Leben,
wenn ich höre, wie du dich weidest an deiner Verfolgung,
und ich folge dir, wohin du gehst, mein Herr,
habe mein Erbe verloren,
verloren habe ich längst, was mir gehörte,
und ich folge dir, denn mir gehört nichts,
und was dir gehört, hat doch mir gehört,
und ich zertrümmere die Schädel von Neugeborenen für dich,
ich erwürge die Alten aus dem Stamm Benjamin,
damit die Zukunft weniger das Antlitz eines Wolfes hat und mehr das einer schlachtreifen Zibbe,
ich gehe den Jungen aus dem Stamm Juda an die Kehle,
auf dass sie keine Erlösung über das Volk bringen können,
ich bin dort anwesend, wo du nicht sein kannst,
ich will das tun, was du nicht vermagst, mein Herr,
denn ich bin nicht dort, wo ich sein könnte,
denn ich tue nicht das, was ich vermöchte,
ich will jene verfolgen, die diesem euren Gott taugen,
ich will meine Brüder an deiner Seite rächen,
für meine Schwestern will ich euren Frauen dies und das antun,
und wenn ich fertig bin mit all dem, mein Herr,
werde ich wieder in den kupferfarbenen Horizont hinausgehen,
verschmelzen in der Glut der Steppe,
morgens mit dem Wispern der Minze aufwachen,
abends mit der roten Wärme im Magen unterm kalten Sternenzelt einschlafen,
ich werde mich langsam in meinem Erbe auflösen,
ich bin ein Hirte, mein Herr,
mit den Riten der Einsamkeit verwandt,
ich bin ein Hüter, mein Herr,
mit den Bräuchen der Dünen bekannt,
ich spreche deine Sprache, mein Herr,
die wie das Heulen der Esel ist,
doch behüte ich nichts,
denn ich wurde verraten,
doch bin ich nur allein,
wenn ich Köpfe ernte,
wenn ich Flüche säe,
wenn ich die einen den andern verrate,
die andern den einen an die Klinge liefere.