Ruts Lied über Moab

Moab, du hohes Land, du bist ein zerschlagener Krug, aus dem die Gerste rinnt,
du wirst Angst haben wie eine Frau, die in den Wehen liegt, mein Land voller Maulhelden,
so steige herab von deiner stolzen Höhe,
du bist ein Wein, der vom langen Lagern duftet,
ich rufe das Heulen nach Horonajim,
aus dem Staub steigt auf der Gestank faulender Vorräte, verdorbener Früchte,
deine Stiere fallen vom Fleisch,
deine Trauben verdorren in der Mittagshitze,
der Adler stimmt über dir seine Lache an. SELA

Holon, Jahaz und Mefaat,
ich rufe euch zu,
Dibon, Nebo und Bet-Diblatajim,
ich blicke auf euch,
Kirjatajim, Bet-Gamul und Bet-Meon,
ich fürchte um euch,
Kerijot, Bozra und Kir-Moab,
ich fühle mit euch,
und weh dir auch, Betlehem, Heimat in der Fremde,
willst du etwa bis zum Himmel erhoben werden? SELA

Mein Land voller Maulhelden,
die Kiefer werden euch zerschlagen,
die Küfer werden euch heimsuchen,
sie leeren alle Krüge und zerbrechen sie in tauend Stücke,
der Wein wird die Erde blutrot tränken,
die Gerste vom Wind über die Steppen Moabs davongetragen werden,
nicht die Treue wird dir mehr lächeln,
nicht in Liebe wirst du aufstöhnen,
Hilfeschreie entringen sich dir,
Tränen werden deinen Durst stillen,
Kreischen ist dein täglich Brot,
ein Krug bist du, gebrochen und geschändet,
ein tönernes Gefäss, das seinen Töpfer vergessen hat,
ein irdenes Wort, das niemand mehr haben will,
selbst deine Esel trauern. SELA

Holon, Jahaz und Mefaat,
ich rufe euch zu,
Dibon, Nebo und Bet-Diblatajim,
ich blicke auf euch,
Kirjatajim, Bet-Gamul und Bet-Meon,
ich fürchte um euch,
Kerijot, Bozra und Kir-Moab,
ich fühle mit euch,
und weh dir auch, Betlehem, Heimat in der Fremde,
bis zur Unterwelt sollst du hinabsteigen. SELA

Moab, mein Land in der Höhe,
ein saurer Wind streicht über deinen Weinberg,
er bringt deiner Gerste den Flugbrand,
der Staub füllt deine Mäuler ganz,
Sidon und Tyrus hören deine Klagen,
du wirst in den Felsspalten deine Nester bauen,
fristest in der Wüste ein Leben wie der Wacholderbaum. SELA

Holon, Jahaz und Mefaat,
ich rufe euch zu,
Dibon, Nebo und Bet-Diblatajim,
ich blicke auf euch,
Kirjatajim, Bet-Gamul und Bet-Meon,
ich fürchte um euch,
Kerijot, Bozra und Kir-Moab,
ich fühle mit euch,
und weh dir auch, Betlehem, Heimat in der Fremde,
willst du etwa bis zum Himmel erhoben werden?

Noomis Lied

Mara hiess ich mich,
aber es gab noch Korn,
Verbitterte nannte ich mich,
doch es gab noch Treue,
die Brust Gottes war keine Faust. SELA

Das Land Juda war ausgehungert,
das Volk Juda war ausgetrocknet,
kein Korn neigte sich im Wind,
auf den Dreschplätzen wirbelte Staub,
die Kühe und das Kleinvieh längst geschlachtet,
rundumher nur trockene Brunnen, leere Speicher,
da floh ich auf die Felder Moabs,
half beim Ernten, half beim Dreschen,
denn selbst in der Fremde fand ich Wohlgefallen,
denn in der Fremde fand ich Menschen vor Gott,
der nährt und nimmt, nichtet und nährt,
der säugt und sammelt,
der liest und lässt,
der zerwirft und zerstreut,
und die Felder Moabs haben mich genährt. SELA

Noomi hiessen sie mich,
denn es gab wieder Korn,
Liebliche nannten sie mich,
denn es gab stets Treue,
die Brust Gottes ist keine Faust. SELA

In der Fremde fand ich eine Freundin,
an die ich mich hing,
die sich an mich hing,
wo du hingehst, da geh ich hin,
wo du bleibst, da bleibe ich,
wo du stirbst, da will ich begraben sein,
so sagt Rut,
ein Mädchen aus den Feldern Moabs,
dein Volk ist mein Volk, dein Gott ist mein Gott,
der dich nährt und tränkt, nichtet und nährt,
wo du fremd bist, da bin ich fremd,
wo du ankommst, da will ich ankommen,
und seien es die Felder Judas. SELA

Mara hiess ich mich,
aber es gab noch Korn,
Verbitterte nannte ich mich,
doch es gab noch Treue,
die Brust Gottes war keine Faust. SELA

Das Land lief über vor Gerste,
das Land war feucht wie die Zunge Gottes,
das Land ist wie der Brunnen von Gibeon,
und Rut liest Ähren,
liest Ähren für mich auf den Feldern Judas,
liest Korn um fliegendes Korn auf den Feldern Judas,
für mich und sich,
eine Frau unter Wölfen,
aber einer sagte zu ihr,
so tauche dein Brot in die säuerliche Tunke,
scheue dich nicht beim Lesen des Korns,
und die Felder Judas haben mich genährt,
sie und mich, zwei Frauen unter Schakalen,
doch Schaddaj, der nährt und nichtet, nimmt und nährt,
sandte ein Antlitz, das sich uns zuwendet,
tauche nur deinen Bissen in die Würztunke, so sagte der Held meiner Freundin,
die in der Fremde Treue findet,
Heimat hat in Juda und in Gott, der nährt und nichtet,
auf den Feldern Judas nimmt und nährt.

Noomi hiessen sie mich,
denn es gab wieder Korn,
Liebliche nannten sie mich,
denn es gab stets Treue,
die Brust Gottes ist keine Faust.

(Für das Bild bedanke ich mich bei geraldfriedrich2.)

Das letzte Mahl

Du bist eine Waise,
du bist eine Witwe,
verlassen und verloren bist du,
deine Kehle lechzt nach einem Gastmahl,
das nicht nähre noch stärke,
nach einer letzten Speisung, die erfülle und erlöse,
so zerreisse nicht Kleid noch Körper,
zerreisse das warme, ölige Brot,
tunke ein in den Saft des Bratens,
streue Dill wie Aleph über die Linsen,
blättere das Schin des Korianders über das saftende Opfer,
schenke ein vom herben Wein,
stosse auf die Hand deines Sohnes,
finde die Hand deiner Mutter in der dampfenden Schüssel,
zerbeisse den Kümmel und schmecke seine dunkle, bauchige Schärfe,
die dir Tränen bringt,
auf dass du weinest über die Gottesgaben,
auf dass du preisest die, die dich mit ihren Gaben so reichlich erfüllt hat. SELA

Schenke nach vom mundverziehenden Wein,
der gemacht ist für die Fröhlichkeit,
für Tanz und Lied,
lass das Brot saugen vom Olivenöl wie die dürre Kruste deines Herzens,
lass dein Herz sich ausdehnen und weiten wie dein Land unter dem Regenguss,
glaube für Augenblicke an eine auffliegende Erde,
an eine in den Himmel flatternde Einsicht,
aufsteigend aus dem Schattendickicht deines Morgens,
an eine heile Leber,
du bist ohne Freude,
du bist ohne Zuneigung,
doch rolle die Nüsse auf der Zunge,
fühle sie knacken unter deinen Zähnen,
aufbrechen wie verhärtete Muskeln,
fühle den beissenden Rauch des Feuers in den Augen,
spüre den beissenden Knoblauch und die Würze der Zwiebel,
weide dein Auge am schweren, runden Feigenkuchen,
das wie Samech in seiner Runde ruht, feucht und fett,
verlass dich auf das Fleisch,
wie ist die zarte Schulter des Kalbs doch verlässlich,
so neige dich über das Rückenfleisch des Kalbs,
erkenne das leise seufzende Reissen, wenn du es teilst, als Gesang der Güte,
als Lied der Liebe,
als Einsicht in Gemeinschaft,
Gemeinschaft im Hunger, Gemeinschaft im Durst,
schenke ein vom bescheidenen Wein,
der nach Zimt duftet,
lass dir den Honig in den Bart rinnen und wische ihn nicht ab,
denn die, dich erschuf als Witwe und Waise, will dir wohl.

(Mit Dank an Vilkass für das Bild.)

Antwort eines Toten

(Bild mit Dank an GDJ.)

Du bist schon tot,
ich nenne dich mein Bruder nun,
du hast die Grenze schon übertreten,
du hast dich von dem Lebenden mitten im Leben abgewandt,
du blickst in die Richtung von Zweifel und Niedertracht,
rückwärts gehend blickst du vorwärts,
ganz wie Menschen tun, doch suchst du nicht nach der Frage,
die hinter der Grenze dich längst gefunden hat,
die hinter den Schatten deiner gewärtig ist,
du hast verlernt, wie es ist, in den Armen eines Menschen zu wohnen,
verschlossen ist dir längst die Freude des Wiedersehens,
du hast vergessen, wie es ist, eine Eselin zu hüten,
verlaufen hat sich das Tier schon lange in den Tälern vor Kirjat-Jearim,
der Herr hat über dich gesagt, was es über dich zu sagen gibt,
fortgedreht hast du deine Schritte vom Weg, der in die Abgeschiedenheit führt,
wo du gefunden werden konntest,
unsäglich sind die Dinge, die dir offenstanden dort hinter dem Ochsengespann,
ausgeträumt sind die Lebewesen, die unter deinem Antlitz gedeihen konnten,
bevor du noch hinter dem Ochsengespann versteckt auf etwas wartetest, das dir schon gegeben war,
das du schon erhalten hast,
und doch hast du nie davon gekostet,
hast davon nie noch probiert,
prüfend wogst du die Dinge und die Wesen in deinen schweren Händen,
als könnest du sie brauchen,
als könnest du sie wenden,
in deinen trägen Händen lagen Wesen und Ding,
schwer vor dem Entschluss und schwerfälliger nach dem Entschluss,
du hast nichts aufgehoben,
nichts hast du aufgenommen,
du warst keiner, der annimmt,
ein grauer Wanderer im grausamen Grenzland von Ohnmacht und Entmächtigung,
ich fühle mit dir, mein Bruder, glaube mir,
ich sehe dich fallen nach diesen Worten wie eine Zeder auf dem Libanon,
fallen aus der Hand des Lebens in die Klaue des Todes,
in die Asche und die Knöchelchen am Feuer sehe ich dich stürzen,
entkräftet und entmachtet,
dem süssen Staub des Dreschplatzes zugewandt,
und schon beginnt deine Zunge zart in dir zu schmelzen,
die Worte und Dinge sind ihr schon genommen,
verschlucke dich nicht an ihr, wie ich es tat,
wie ich meine vielgebrauchte Zunge zerbiss und zermalmte,
noch hat dich niemand gefunden,
diese für zu leicht befundenen ungeschlachten Körper eines verbrauchten Mannes,
der mehr als nur ein Haus hätte behüten können mit seinem mächtigen Schatten,
mehr als nur ein Fohlen hätte nach Hause führen können,
umschwärmt von den Müttern, umtanzt von den Töchtern Benjamins,
du bist schon tot,
eine Spanne trennt dich noch von mir,
und wieder hast du mich nicht danach gefragt, mein Bruder,
der ich warte darauf, seit ich dich hinter dem Ochsengespann hervorgeholt habe,
wolltest wieder nicht suchen,
im Suchen gefunden sein,
was hinter Ding und Wort denn ist,
was webt und strebt hinter den Werkzeugen.

Die weise Frau von En-Dor

(Saul vor der Totenbeschwörerin in En-Dor, von Jacob Cornelisz van Oostanen, 1526)

Die Scham wächst in der Dunkelheit,
liegt wie Pech auf deinem inneren Gesicht,
als könntest du es vor dem glühenden Eifer der Sucherin verborgen halten,
und mag selbst der Bart deiner Fehler mit Asche bestreut sein,
aus Trauer oder Wut,
der Grimm und die Schuld mögen dich beugen wie das Gras im Morgen,
das wild blüht und unverwandt verwelkt,
wie die Fliege, die dich jetzt noch ärgert,
dein starres Gesicht mit dem Eifer umfliegt, der Aasfresser antreibt,
denn tot bist du schon, mein Sohn,
dem Tod entkommst du nicht mehr,
das Los spricht nicht mehr für dich,
der Traum gewinnt keine Kraft aus der Scham,
noch speist ihn die Furcht vor der eigenen Schande,
vor dem eigenen Ende kann der Traum dich nicht länger bewahren,
nur Hilfeschreie bleiben dir von Treue und Liebe,
als könntest du bewahren in Schwärze den letzten Schimmer von Ehre,
den letzten Abglanz des Geschöpfes, das sich aufbäumt gegen die Mauer aus Freiheit und Blösse,
die von der Heiligen um dich gezogen wurde,
weil sie dich hegen wollte,
weil sie dich lebend wollte,
und ich antworte dir, sage du mir, was du siehst, mein Sohn,
der wie das Mutterkorn in der Worfschaufel springt und hüpft,
der wie der Spinnenbiss am Leib des Volkes juckt,
dem selbst der Trauerschurz fehlt,
bloss und versklavt stehst du da, grosser Mann,
wie ist dein Gesicht da innen schon geschrumpft,
wie ist sein Blick schon abgewendet,
bestürzend ist es, wie deine Eingeweide in sich zusammengezurrt sind,
lehrreich ist die Enge deiner Kehle,
und dein verschattetes Gesicht, das innen liegt wie der Samen in der Frucht,
denn nur noch eines bleibt dir von all den andern,
die die Sucherin in dich gelegt hat,
doch angeschlagen ist deine Frucht, geschändet und geritzt ist ihre leuchtende Haut,
die dunkeln Finger der Heiligen haben sie schon berührt und gezeichnet,
das sage ich dir, das sehe ich,
und die Scham ist keine Scham vor deinen Schwestern und Brüdern mehr, mein Grosser,
auch die Heilige hat dich nicht verlassen,
die Scham ist Scham vor dir,
du Verschatteter und Verschattender,
nichts leuchtet mehr,
nichts leuchtet dir,
so schaue denn hin!

Vorzeitige Totenklage

Vorzeitig muss ich dich beweinen,
ein guter Mensch am falschen Ort,
der am Wort würgte wie Welpen,
vorzeitig ist deine Zeit erloschen wie das Morgenrot,
ein Unwürdiger, der einherschritt unter Steifhalsigen,
unter Nackenstarren wandtest du den Blick im Tanz und in der Blösse auf das niedere Wort,
da rissen die Feinde die Mäuler auf wie brüllende Löwen,
liessen dir nicht einmal den Trauerschurz,
da kauertest du im Rot mit den Abgerissenen, den Hysterischen, den Ledrig-Ärmsten,
fingest dich in ihren Worten,
fielest in ihre Gnade,
die von jenen, die ihre Fehler für gerechtfertigt halten, Ungnade geheissen wird,
von jenen, die ihr Gelingen an das hohe Wort hängen, aber nicht einmal über das niedere Wort hinauskommen,
vorzeitig willst du dich verabschieden,
umstellt von Bitterkeit und Qual,
zertreten wie die Trauben in der Kelter sind deine Taten vor der Zeit,
schon als du hinter den Ochsen hervorgezerrt wurdest, mein Bruder,
war dein Gesicht spitz wie das eines Vogels im Netz der Heiligen,
da begannst du dein Stottern und Kauen auf Kies,
dein Zähneknirschen über einer Aufgabe vor einem Volk,
das hinlänglich weiss und hinländlich tut,
als sei das Wort ein Hobel oder ein Hebel,
und mancher wollte es zupfen wie eine Zither,
und die greisen Häher des Landes waren vorzeitig in ihren Traumbärten versunken,
in denen das Opfermark sich mit dem Salböl und dem eingetrockneten Wein paarte,
da waren sie wie Geier über den Müllhalden draussen vor den Toren,
vorzeitig krächzten sie von deinen Vergehen,
von deinen verlaufenen Mühen stimmten sie Spottlieder an,
denn du bist anders als die Worte, die sie für das Wort gehalten haben,
ein guter Mensch zur falschen Zeit,
und die Unwendigen, die Zugedeckten, die ihre Mäuler aufreissen wie Trauerkleider,
wandten sich vorzeitig von dir ab,
ein Festmahl machten sie aus deinen gelenkigen Stümmelworten,
mit diesen unverborgenen und unverbogenen Worten,
es tobt und brennt in meinen Eingeweiden,
zu früh werf ich mich in den Staub.

Klagelied von 100 Penissen

Der Schleier ist uns genommen,
die Namen sind uns genommen,
abgeschnitten wurden unsere Namen,
ein Messer schnitt uns ab vom Dreschplatz,
unser Tempel wurde zerstört,
unsere Namen sind vergessen,
niemand spricht von unseren Vätern mehr,
von den Vätern unserer Väter ist die Rede verstummt,
das Auge unseres Fleisches starrt unbedeckt in ein fremdes Antlitz,
das auf dem Dreschplatz liegen gelassen wurde,
ein Korn ohne Wert, ein Samen ohne Würde,
unsere Hände weisen nicht mehr auf die Schrift der Zeugung,
die Buchstaben der Schöpfung sind dem Fleisch genommen,
die weissen Lettern der Liebe,
die blaugrüne Korona unseres Gemächts leuchtet nicht mehr rot wie der Sturmmond über dem silberschwarzen Haar
unserer Freundinnen,
die Nachbarn mit grossem Glied sind wir nicht länger,
keine Zukunft hat die faltige Macht unserer Hand mehr in diesem Land,
keine Vergangenheit hat dieses lidlose Auge mehr im Blick,
hier in den Brennnesseln, hier in den Minzeblüten,
unser Gemächte hat die Macht verloren,
verloren sind unsere Namen und die unserer Kinder,
auf die keine Hand mehr zeigen kann,
das Messer Ismil hat für uns nicht aufgeblitzt,
keine gute Tat war dies,
und unverschleiert ist das Land bar der Freude und der Luft,
in unserem Namen war unsere Hand,
in unserer Hand war unser Namen,
blökenden Böcken gleich stehen wir in der Verwüstung,
in der Ödnis jaulen wir als Schakale,
aufgerichtet klagt unser Finger den Schnitter an,
denn niemals werden wir auf dem Dreschplatz das Streifen von Frauenhaar mehr spüren,
die Milch unseres Tempels verschütten,
fluchen deinen Söhnen, Israel,
sie werden an ihrem eigenen Haar hängen von den Bäumen wie die Vorhäute über dieser Brautnacht,
nie mehr werden unsere Frauen sein unsere Streitwagen und Lenker,
die Rösser unseres letzten Atemzugs sollen euch zertrampeln, mit ihren Hufen über den Dreschplatz stampfen.

Die dritte Rede des Speers

(Rombout Van Troyen, David zeigt Saul den Wasserkrug und den Speer)

Es gibt ein Gericht,
das scheidet Feind von Feind,
und einen Arm des Gerichts,
der mich stösst in die eherne, arme Erde,
in die ungerührte Mutter,
unten bei den Lagerplätzen der Löwen,
oben in den Bergen der Panther,
ein Instrument, das trennt,
und in der Trennung eint,
und mit schweren Gliedern wird der Mensch aus seinem Schlaf aufstehen,
um nach seinem Feind zu rufen,
mit grosser Sorge wird der Mensch nach seinem Feind rufen,
denn das Knistern in der Morgenluft wird sein wie das Rascheln der fliegenden Spreu über dem Dreschplatz,
und eine grosse, grosse Befremdung wird den Menschen ergreifen,
da wird er nach seinem Wasserkrug greifen,
da wird er nach mir greifen,
aber ich wurde in den gelben, spröden Abhang seines Lebens gestossen,
doch bin ich nicht dieses Instrument,
doch bin ich nicht Teil der Rüstung der Ewigen. SELA

Überall gibt es Zauberer bei den Philistern,
die den Menschen auf den Dreschplatz treiben,
die den Menschen aus dem Weinberg vertreiben,
überall gibt es Befehle, die den Menschen an den Rand seiner Verantwortung treiben,
die den Menschen aus seinem Willen vertreiben,
und der Mensch steht mit hängenden Armen herum und wartet auf eine Feindschaft,
und die Zauberer beschwören die Panther wie die Löwen im Namen der Gazelle und des Schafes,
und die Befehle schiessen aus den Erwartungen hervor wie ein Pfeilhagel,
und die Feinde sind gefunden,
aber es sind keine Feinde,
und der Wasserkrug ist verloren und zerschlagen,
und das Holz meines Schafts erzittert vom Stoss in die Erde,
die meine Scheide leichthin durchbohrt,
wie ein Vorschäler durchbreche ich die harte Kruste,
und die Rufe der Feinde schallen weit über den Platz,
bist du es, bist du es, sagen sie,
und ich verstehe, was sie sagen,
für einen Moment frei von den Zungen der Zauberer, von dem lockenden Drängen der Befehle,
ich war in deiner Hand,
du wurdest in meine Hand gegeben,
und die helle Stelle an meinem Schaft,
wo er mich zu halten liebt,
ist hörendes Auge, sehendes Ohr,
ich bin das Instrument dieses aufgebrochenen Menschen,
vor dem sich sein Leben schält,
das trockene, mit einem knirschenden Laut,
denn der Regen ist noch fern.          

Hinten in der Höhle

(Bild mit Dank an Geralt.)

Mein Gesicht ist blau,
ich fühle meine Lippen nicht mehr,
meine Wange ist taub,
weiss meine Fingerbeeren und Augäpfel,
ich herrsche nicht einmal mehr über mich,
Allmächtige, wie du,
Gebärende, wie du. SELA

Stockfleckig mein Horizont,
ein Drehen und ein Wenden,
Bänder von Anfängen,
und wie ein Strauss presse ich über ihnen,
mit keuchendem Wort,
mit fliehendem Auge,
das sich nachts aus seiner Höhle stiehlt,
um in anderen Gesichten heimisch zu sein,
in dem Gesindel der Gütigen Träger findet,
die sie nicht mehr in jene finstern Schlundenden meiner Kehle führen,
wo der eingetrocknete Schaum meines Speichels sich  mit dem pelzigen Kot meiner umgedrehten hängenden Träume
mischt,
denn, Erbarmerin, ich zerre an meiner irdischen Kette,
Flüchtende, ich würge an meiner Werdung. SELA

Es gibt keinen Ort mehr, an dem meine Nase eine Verbindung findet mit den weichen Schössen,
mit den Polsterhängen des Libanon,
mit dem rezenten Geruch von junger Erde,
keinen Ort für meine Knie,
an dem sie ruhen könnten in alter Zuversicht,
der Boden sticht, die Erde bricht,
unter meinem Gewicht verändern sich die Säfte im tiefen erschöpften Boden des Landes,
durch die Risse in der Kruste dringt Licht bis zu den uralten Keimen hinab,
die nicht länger mehr dort unten, dort hinten alleine und aus sich wachsen dürfen sollen,
denn auch ich, Allhörende, verwende meine knirschende Stimme zu deinem Lob,
denn auch ich, Fernträumende, verwende meine Nächte zum Träumen. SELA

Mein Gesicht ist rot,
mein Rabenatem hat die Farbe von Pech,
ich kriege keine Luft,
und unter mir, hinter mir häufen sich die Haufen von herausgedrückter Angst,
und ich lese in ihren schnell getrockneten Gesichtern die braune Anteilnahme an jener Erde,
Schöpferin, die ich geschaffen,
Tätige, die ich geboren.

Ich bin es

Ich bin es,
ich werde noch,
ich bin es,
ich war schon,
aus mir stammst du,
aus meinem kehligen Dreschplatz,
aus meinem Muttermund,
der geduldig spricht von dem einen Wort,
das ihm entschlüpft,
das sie hergibt,
ich bin es,
ich werde noch,
ich bin es,
ich war schon. SELA

Die Haut des Kieselsteins,
die Haut des Olivenbaums,
die Haut der Traube und des Kirschkerns,
die Haut der Schoten vom Karobbaum,
das bittere Albedo des Granatapfels,
die Spelzen der Gerste,
die das Licht zum Wachsen gescheut hat,
das Lid eines Ungeborenen,
die Zunge des Esels,
die Wimpern des Fuchses,
die in den Achseln wachsenden Zwiebeln der Lilie,
und ihre Samen aufgereiht wie eine Rolle Schekel,
die tropfende Wabe der Bienen,
ich bin es. SELA

Die Strähnen vom Flachs,
das Haar der Spinne,
die Linie des Horizonts,
die Haut der Welle,
die reifend bricht,
die Haut des Windes,
die dich kühlt,
sie langt bis in dein dunkles Herz,
und die Alraune mit ihrem Gesang,
Du-Dah-ee, Du-Dah-ee,
dringt tief in die Erde ein,
die steifen Beine der Zicke,
die Hasenscharte deines Vaters,
das Zungenbein deiner Mutter,
ich bin es,
war es,
werde sein. SELA

Die Lippen des Gliedes,
die Lippen der Vulva sprechen von mir,
der Kot der Fledermäuse auf dem Felsboden der Höhle,
Darmpech und Biestmilch,
der aufgestellte Schwanz der Ziege,
die angelegten Ohren des Esels,
das Schnüren des Fuchses,
die Poren deiner Nase,
das Pochen deiner Halsschlagader,
die Schneide des Grashalms,
das Häutchen des Nagels,
der Staub im Spreu,
das Korn im Auge,
ich bin es,
ich war schon,
ich werde noch,
du komme zu mir,
du komm zurück,
ich bin ja da,
ich werde es sein,
falte dich nur,
ich nehm dich zurück,
du bist ja mein.