Das ist Isebel

Die Männer sind wie Fliegen,
            und keiner ist wie der Geier.
Umschwirren meine Scham,
            bedecken meine Brüste.
Die Männer senken ihre Köpfe,
            wenn ihnen etwas verweigert ist.
Ich sage dir, du allzu Besonnener,
            das sage ich dir, du allzu Ungekrümmter, wo ist deine Hoheit,
und bist du nicht ein Fürst?
            Iss nun etwas, stärke dich, denke nicht an Gott,
mit Gott hat das Menschenleben nichts zu tun,
            das Volk ist kein Weinberg,
die Menschen sind keine Trauben,
            diese Augen der Süsse unterm Sonnenschlag,
iss nun etwas, hebe deine Glieder!
            Die Herzen der Männer sind wie Kahle Berge überm Schaum des Sturms,
die Glieder zerschlagen sie sich und das Kinn an den Lehmmäuerchen,
            die sie mitten ins offene Land von Jesreel gestellt haben,
diese Unkrummen, diese Ungewundenen!
            Gott ist für sie ein Strich durch die Landschaft, eine Grenze durch die Zeit,
ein Strich durch die Rechnung ist Gott für sie,
            und ich erscheine im Fenster mit meinen Aschera-Augen,
und die Männer senken ihre Köpfe,
            pressen ihr Kinn auf die staubige Brust,
und ich höre sie sagen,
            das ist Gevîrah, Königsmutter,
das ist Isebel.

Anrufung des Baal

Von Autor unbekannt, Gemeinfrei, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=931147

Muss auch ich lauter rufen?
            Muss auch ich auf dich warten?
Du schreitest dahin und treibst die Wolken wie Kälber voran,
            du hast deine rechte Hand erhoben wie zum Gruss,
deine rechte Hand am Ohr wie zum Hören;
            du bist gleichzeitig mit Berg,
du bist gleichlaufend mit den Wellen, die bei En-Gedi ausgleiten,
            du bist zugleich eine Frau, die gebären will.

Die Menschen schimpfen dich Baal-Sebub,
            Herr der Fliegen: vom Kahlen Berg stürzt du herunter auf das Opferfleisch,
deine Füsse färben den Bach Kischon rot wie die Lippen unserer Töchter,
            du bist Baal-Zebûl, erhöht unter allen Göttern,
in deiner rechten Hand schwingst du die Donnerkeule,
            in deiner rechten Hand leuchtet die Sonne,
schimmert die Mondsichel:
            wie lange muss ich noch rufen nach dir,
wie lange soll ich noch bitten um Kraft und Geduld,
            wie oft höre ich nur das Rascheln im Geröllfeld,
das Wispern des Korns im Tal der Rafaiter?

Deine Taten haben geweckt Freude und Jubel
            überall, wo Menschen wohnen,
dein Brüllen lässt die Wellen anschwellen und die Berge steigen,
            dein Schrei stillt den Aufruhr der Völker:
bist du denn kein Gott für den Menschen,
            bist du denn auf Reisen, streifst du über den Baschan,
bist du denn eingeschlafen,
            bist du mitten im Tumult meines Heischens,
im Radau meines Heissens bist du etwa eingenickt
            wie ein Onkel, der zu viel vom Opferwein getrunken hat,
musst du etwa nachdenken und worüber,
            ist deine rechte Hand an dein Kinn gesunken?

Mit deinen Hörnern hast du doch das Chaos von seinem erhobenen Thron gestossen,
            mit Keule und Axt hast du die Wasser gespalten,
ihre Gestalt zerbrach, ihre Wirbel zerflossen.
            Ich rufe bis an die äussersten Enden der Erde,
ich flehe bis nach En-Dor, wo heiss das Urmeer ausfliesst wie Jammus Eiter,
            über den du schreitest mit Kraft und Ausdauer.

Deine Stimme, Heiliger

Deine Stimme, Heiliger, klingt immer noch wie die Urflut,
            vermischt mit dem Lehm Ägyptens,
dem kehligen Laut der Disteln, dem Knirschen von vereistem Sand,
            deine Stimme, Heiliger, hat immer noch die hohen hellen Rufe der Lenker von Streitwagen im Ohr,
das raschelnde Zischen ihrer Räder im Schilf,
            den Brustton des Entsetzens in den aufgeworfenen Hälsen der Gäule;
deine Stimme klingt immer noch wie die Hand am Hals einer Frau.

Noch rufst du mich zur Besinnung,
            noch fällst du mir in die Gedanken, in die Träume und in die Hand,
doch dein von meinem Hirn verzierter Bart zeigt unter den Kaubewegungen keinen Gesichtsregung.

Oh, deine Füsse, Heiliger, sind aufgequollen wie die Züge eines Säufers,
            aufgequollen im Honigblutbecken deines himmlischen Herdes;
deine Augen leuchten knisternd wie die Golddisteln an den Abhängen des Kidrontals,
            die tiefen Schalen deiner Hände schöpfen immer noch vom Wasser des Teichs Siloach. SELA

Deine Stimme, Heiliger, trägt immer noch das zurückgehaltene Lachen in sich,
            das du zurückhieltest angesichts meiner Scham,
das du aufspartest für meinen letzten Tag,
            wenn ich mit verdrehten Armen und verkehrtem Auge vor dir stehen werde wie ein      Esel vor dem Berg,
dein Lachen wird dann sein wie das Einstürzen eines zermahlenen Bergs,
            deine heisere lockende Stimme wird dann sein wie eine Sturzflut zu Füssen meiner Altare,
und ich werde wissen, Heiliger, ich werde es wissen, Heiliger,
            wie gross dein Zorn ist und das Erdreich deines Herzens aufsprengt wie Dürre den Boden,
wie gross dein Grimm ist und die Kuppen deiner Nieren aufbrechen lässt wie unterm Stab Mose die Felsen bei Refidim,
die Lenden des Bergs Horeb,
und über mich wird wie Nardenöl fluten das Wort deiner Vergebung.

Mächtig und überhandnehmend

Mächtig und überhandnehmend ist die Hebung eines Herzens, mein Sohn;

            der Mensch mag sich sträuben,

der Mensch mag sich abwenden von dem, was sein Herz aufhebt und weit in die Öde hinausträgt,

            wo es in der Nacht unter dem Ziehen und Kreisen der Sterne erkühlt,

wo es bei Tage unterm Sonnenglast verkohlt;

            nichts wird die Worte seines Herzens mehr ändern: es hat begriffen,

es hat durchklommen die Klippen und Schluchten,

            die Geröllhänge und die Tells hat es erforscht,

weder Abkehr noch Abwehr kann dem Menschen nun helfen:

            mächtig und um sich greifend ist der Gesang eines Herzens, mein Sohn. SELA

Nichts, mein Sohn, nichts kann den mit rasender Luft erfüllten Worten des Herzens Einhalt gebieten,

            und selbst wenn deine schwarzen Augen zu glühen beginnen

selbst wenn deine Zunge im Morgengrauen von einem eisigen Häutchen überzogen sein wird,

            sollst du mit gepressten Zähnen stehen

sollst du die würgenden Worte einbehalten.

Die Frauen singen

Die Frauen singen:
Ihr reitet auf weissen Eselinnen,
Ihr sitzt auf weichen Teppichen,
Ihr zieht zu Fuss die Strassen,
Ihr sitzt an der Strasse nach Timna, wo der Weg nach Enajim abzweigt,
Ihr donnert in euren Wagen daher,
Ihr seid vom Felsvorsprung noch verborgen,
Ihr werdet mit der Schleuder fortgeschleudert,
Ihr habt die Schutzmauer niedergerissen um den Weinstock,
Ihr habt Herzen wie Tamburine,
Ihr habt Nieren wie Felsennester,
Ihr zieht die männlichen Neugeborenen aus den Müttern wie die weiblichen Neugeborenen,
Ihr schüttelt den Staub von euren Füssen am Ende des Dorfes:
Wer ist euer Gott?

SELA

Ist er eine wilde Sau, die im Weinstock wütet?
Ist er ein Esel, der nicht an einem Boten vorbeigeht?
Ist er eine Heuschrecke, die über das Land fällt?
Ist er ein Unwetter, das zur falschen Zeit kommt?
Ist er ein Hirte, der seine Schafe vergessen hat in seiner Trunkenheit?
Ist er ein Weinstock, der die mächtigen Zedern verschattet?
Ist er die Stimme im Traum, die ihr nicht hört?
Ist er der umgekehrte Sinn?
Ist er die Narretei, die recht leitet?
Ist er die Höhle, in der ihr euer Geschäft machtet?
Ist er der Sohn, der einen Mann liebt?
Ist er der Vater, der seinen Sohn fortjagt?
Ist er die Tochter, die ihrem Vater tanzend entgegentritt in Mizpa?
Ist Gott wie Ruben, der lange Rat hält und sich doch nicht entscheidet?
Ist er jemand, der auszieht ohne Hoffnung auf Silberbeute?
Ist er jemand, der weder Speer noch Schild sein Eigentum nennt?
Ist er jemand, der darauf wartet, dass die Frauen sich erheben, die Mütter Israels?

SELA

Sie zerbricht die Waffen der Starken,
Sie lässt die Reichen Schweiss vergiessen für einen Laib Brot,
Sie liebt die Verachteten, sie neigt sich zu den Elenden,
sie bringt sie zu Ehren, so singen die Frauen.