Da konntest du nur die Hände erheben

Da konntest du nur beten,
            da konntest du nur die Hände erheben,
in der Schwäche deines Alters, oben auf dem Berg,
            menschlicher Geier mit ausgebreiteten Schwingen,
den Stab, der Schlange war,
            die Schlange, die Stab wurde,
in deiner Schrifthand,
            die seit jeher an die harzüberströmte Herzesrinde deines Volkes pochte und schlug,
«wolltet ihr nicht bedenken»,
            das trampelnd sich auf deinem Weg mühte,
durch die Sandesschluchten und die dünne trockene Luft der Hochtäler,
            die deinem Volk ein Land vorspiegelte,
sonnenseitige Oase,
            eine Stunde lang und einen Tagtraum breit,
ein wenig wie der Schlund Gottes,
            ein wenig wie die stumme Kehle Gottes,
das Gaumensegel von Sennabüschen und Akazien zugestanden,
            die Stimmbänder von den Lockenblüten der Dattelpalmen verhängt,
wie eine trauernde Frau ihr Haar über das Gesicht breitet,
            und so konntest du nur beten,
du konntest nur die Hände erheben,
            gegen dieses Wüstenvolk,
das Adams Auftrag nicht gehört hatte,
            «Staub von der Erde bist du», sagen die Staubigen, die Windigen, die Ziehenden,
sagen die Weder-Noch,
            «Nehmt die Erde in Besitz», sagen die Zähler, die Zeichenerfinder,
sagen die Zeichenfinder und die Aufzähler,
            und so geht es um mehr als Wasser,
hier in Refidim, wo du nur die Hände erheben konntest,
            gestützt auf deine Söhne zu beten begannst,
wie ein Kitzlein nach der Zitze der Mutter stösst,
            da sankst du auf einen Stein nieder,
dein Kissen für die Träume,
            deine Unterlage für Gesetze,
hart wie die versteinerten Nieren deines Volkes,
            und doch sind die Amalekiter nicht geschlagen,
ihr Wille ist nur zerstreut,
            der Bann nur aufgeschoben für jemand anderen,
und du wirst die Kehle deines Herrn nicht betreten,
            wirst deinen Kopf nicht in den gelb umlockten Schoss des Herrn legen,
einen Tagesmarsch lang und einen Geierblick weit.

Dieses Buch

Dieses Buch, das du schreibst mit meinen Fingern,
und ich fühle deine Finger an meiner Kehle wie das suchende Saugen eines liebenden Menschen,
und ich zittere und schäume fast, ich fürchte mich davor,
            du mögest den Ort hinter meinem Ohr erreichen,
diese Verse, die du findest in dem überwucherten Olivenhain,
wo die Schwerter noch klingen und der Ruf «es ist genug» und die Schlange um die Bäume sich noch schlingt,
die wissende nackte freie Schlange,
            es ist wie ein Mund am falschen Ort,
sie sind wie Zähne aus dem Herzen gezogen,
            Weisheitszähne, denen Rolle und Platz verwehrt blieben,
ein Mund, der die Schande liebt und lutscht,
            abstehende, ausstehende Zähne,
und mein ganzer Leib bäumt sich wie ein Engel vor Adam,
            «ich bin besser als er»,
die Schande vor den Frauen,
            die gerissene Wunde in meinem Menschen,
oh Gerechte, Gerechter, Gerechtes,
und die Taten, die meine Hand mit zuckenden, zögernden Fingern erringt und ersingt wie Moses mit schwankem Stab den Felsen bei Massa und Moreba,
sie sind wie Stein und rostiges Erz,
            sie vergiften mein rotes Blut,
sie erreichen mein Erbarmen und finden es ausgeschlürft,
            nicht einmal mehr als Häufchen Salz an den Wänden des Stirnbrunnens,
den du, Gerechtes, in mich getöpfert hast,
            «schliesse dich nicht der Mehrheit an, wenn sie auf der Seite des Unrechts steht»,
heuschen deine Finger an meiner Kehle,
            und die Vögel sind alle verstummt,
eine Grabesstille vor Sonnenaufgang,
            als könne der Tag nicht werden,
dieses Buch, das du mit meinen Fingern,
            lass es, oh Gerechtes,
und ich fürchte mich vor seinem Ende wie vor dem Ende von Nacktheit und Liebesspiel und wortlosen Augen,
            lass das Buch Menschen machen.

Erzähle mir davon, Ruben

Erzähle mir davon, Ruben,
            spricht mir davon, was nicht über deine Lippen will
rede mir davon, wogegen sich dein Herz sperrt,
            berichte davon, was geschieht entgegen dem, was vorzustellen ist,
was geschieht, und niemand greift helfend ein,
            was ohne Ausweg und ohne Ausflucht geschieht,
erzähle mir davon, Ruben,
            wie dir die Rede verdorrt im Mund wie eine gefallene,
wie eine angebissene Frucht in der Sonne.
            Keiner deiner Brüder hat je die Rede versucht,
einsilbig waren sie bis auf Josef,
            der hinter die Vorstellung schaute, als einziger dahinter äugte,
unablässig und gebannt darauf starrte wie auf einen immer wechselnden Fluss,
            der dem Land und dem Erbe entwöhnt war,
erzähle mir von den stummen Gesellen,
            die schwiegen, wenn geschah, was wieder unabweislich geworden war,
die schwiegen zu dem, was geschehen musste wider besseres Wissen,
            die schluckten und duckten, buckelten und murrten mit ihren Händen im Schoss,
die etwas im Feld, im Hang oder an der Strasse zu tun hatten, bei den Lämmern oder bei den Frauen,
            und die Frauen Vieh, Ruben,
und die Frauen Vieh, Ruben,
            erzähle mir davon, wie dein Herz schlägt entgegen dem, was immer kommt,
der Männer letzter Weisheitsschluss, der immer kommt wie bei Judas Sohn Onan,
            und sprich mir auch von Gad, dem Stilleren,
der hoch in den wüsten Bergen seinen Horst gewunden hat,
            seine Hände windet, seine Hände windet,
um von dort über den Fluss zu äugen,
            mit stetem Wunsch und hauchender Gier zu den Rahels hinüberzustarren,
in stummer Verblüffung immer noch darüber, was geschieht ohne Gegensteuer und ohne Umkehr,
            was nicht auszusprechen ist und nicht von der Hand zu weisen,
weil dein Herz sich dagegen sperrt und deine Hand bereits ausgestreckt,
            und Esaus Atem aus dem Süden dir trocken und heiser im Nacken liegt,
erzähle mir davon, was du nicht sagen kannst,
            weil niemand es noch gesagt hat, weil niemand es von dir zu sagen verlangt,
was aber deine Stirne umwölkt
            und deine Nieren beben lässt wie der Karmel in Erwartung von Gottes Gang durch das Land zittert,
und auch die Zedern möchte zuvor ihre Nadeln noch scheiden wie deine und deiner Brüder Frauen ihre Haare raufen darob.

Platz genug

Lange ist es her, als es hiess: es ist Platz genug im Land,
            als es hiess: ich liebe dieses Mädchen,
dieses Mädchen ist anders als die Mädchen in Sichem,
            und Jakob tat, was immer er tat, wenn zu entscheiden war: zaudern und warten.
Sie war doch seine einzige Tochter!
            Sie war doch sein Augenlicht!
Hatte sie nicht einen Platz in seinem wolligen Herz,
            das so lange her schon Erwägungen und Fragen trug?
Sie war doch mehr wert als das Dutzend Söhne,
die sich was einbildeten auf ihre beschnittenen Schwänze!
Sie muss das kostbarste Gut in seinen Augen gewesen sein,
            und er konnte doch nicht die Ohren verschliessen vor dem Ruf:
«Es ist Platz genug im Land»,
            «nach allen Seiten hat das Land genug Platz»,
doch für solche Angelegenheiten hatte er ja seine Sohnesbrut.

            Erinnere dich, jüngster Jakobs, Benjamin:
Wie waren die Hiwiter dazu bereit,
            dich bei sich wohnen zu lassen,
deine Reise war durch die ganze Welt gegangen,
            und immer noch hattest du keinen Platz gefunden,
wo du dein Kopftuch ablegen konntest,
            deine Frauen hatten noch keinen Platz gefunden,
wo sei ihr Haar ausbreiten konnten,
            und Sichem nahm sich deine einzige Tochter,
die ihr Haar noch unbedeckt tragen durfte,
            und Sichem nahm sich deine einzige Tochter,
die noch nicht lange her singend und wackelnd auf deiner Schulter geritten hatte,
            er nahm sie und tat ihr Unaussprechliches an,
das dich noch heute an deinem Platz mitten im Land erstarren lässt,
            und als du davon hörtest, was tatest du da?

Hat Gott die Frau nicht genauso zu seinem Ebenbild geschaffen,
            hat Gott nicht der Frau diesen Platz mit Recht auch zugeteilt,
denn da war so viel Platz, genug Platz war da an deiner Seite,
            an ihrer Seite, an Gottes Seite,
hat Gott nicht gewollt, du sollst hüten statt herrschen,
            aber lange ist es her, jüngster Jakobs,
lange ist es her, als es hiess: es ist doch Platz genug im Land,
            und ein Hiwiter mit einem Gesicht wie du,
aus einem kleinen Volk wie du in einem weiten Land,
           deine einzige Tochter nahm und tat ihr Unaussprechliches an!

Samuel verabschiedet sich

Zum letzten Mal will ich dir, mein Volk Israel, von  Gott sprechen,
            denn ich habe nun genug getan;
oft und oft habe ich dir von Gott gesprochen,
            häufig erschollen seine einfachen Worte verständlich aus meinem Mund.
Du hast jetzt einen König und weisst noch nicht, wie ein König ist,
            ein König aus deinen eigenen menschlichen Reihen,
in all den Jahren seit ich aus Gott rede hast du nicht verstanden in deinem redlosen Herzen,
was ein König ist,
            ein König in Treue und ein König in Frieden.
Ich habe dafür keine Worte mehr,
            meine Kehle schnürt sich zu darob,
ich habe dafür keinen Atem mehr und keine Spucke mehr,
            die einfachen Wörter von Gott in meinem Mund zu rollen,
auf dass du, mein Volk Israel, sie verstehen würdest.
            Du hast dich kaum befreit von den Ascheren und den Baalen,
den ohnmächtigen Pfählen, die steif und ungerührt in das Land hinausblicken wie Rabenbeute im Schlachtfeld;
            hast du denn je gedacht an den Pharao,
gedacht an die Halsstarrigkeit der Reichen,
            die mit ihrem Gold und ihren Gütern meinen Söhnen zugesetzt haben,
und wer kann ihnen vorwerfen, dass sie geschlungen haben, was die Mächtigen geben?
            Die Mächtigen wirst du immer um dich haben,
aber mich wirst du nicht immer um dich haben,
            so lenke denn nun deinen Blick auf Gott, der ein letztes Mal zu hören ist in meinen Reden,
der dir in Treue aus den Frevelhänden der Philister wiedergekehrt ist,
            der dich in Treue aus dem Sklavenhaus des Pharaos herausgeführt hat in dieses Land,
das dir zum Erbe ist schon bevor die Baale und Astarten es überwuchert haben wie die Disteln ein umstrittenes Feld,
            der dich immer schon gemeint hat,
ein Gott für die, die hören,
            ein Gott für die, die ihre götzengleiche Ohnmacht eingestehen und dem Gehörten folgen,
aber die denken und die erwägen,
            für die ist er wie ein Sandsturm,
für die ist er wie eine Herzschlinge,
            ihnen verschliesst er mächtig die Kehle,
je mächtiger sie in ihrer Freiheit erwägen und denken,
denn wenn du treu bist, mein Volk Israel,
wenn du hörst und handelst nach dem Gehörten,
            aber die in Freiheit sich glauben,
werden an den eigenen Worten ersticken,
            werden von den eigenen Taten verschlungen,
werden mit angeschwollener Kehle verenden,
            werden mit verdorrten Ohren und durchbohrten Herzen vergessen werden.

Wo ist Saul?

Bei den Eseln hielt er sich versteckt,
            dort habe ich ihn gefunden, den Sohn Kischs,
Stroh im Haar und Mist im Gesicht,
            so tauchte er auf aus dem Schnauben und aus dem dunkeln Geschiebe von Tierleiben,
und er richtete sich vor meinen Augen auf,
            und er war so gross, so lang wie breit,
und in seinem Antlitz redete die Scham,
            und in seinem Atem stockte das Begreifen.

Aber wer konnte das schon begreifen,
            wer konnte das schon verstehen,
wie das Los auf diesen Jungen fiel,
            der im Stocken wohnt wie andere im Hecheln,
der die Hände hält wie ein Kind, das seiner Mutter den Rocken hält,
            in seinem Gesicht verstummte das Lächeln wie Stockmilch,
und er trat aus dem dunkeln Fauchen und aus den feuchten Schnauzen hervor,
            mit gesenktem Kopf stand er da vor mir,
die Tränenstränge glänzten in seinem Gesicht,
            zogen über sein Gesicht wie morgens auf unseren Gassen die Schneckenspuren,
in seinen warmen Augen ringelten sich trockene Regenwürmer,
            und er war so gross, wie eine Dattelpalme war er hoch,
wie eine Dattelpalme, die sich für eine Feige gehalten hat.

Aber wie konnte ich ihm denn helfen,
            der ich ihn aus dem scheuen Prusten des Stalls in das aufgebrachte Prusten der Volksversammlung geholt habe,
ich fühlte mich wie Abraham am Berge Morijah,
            der sein Lämmchen opfert,
und der Sohn Kischs hielt immer noch die Hände vor dem Bauch wie ein Mädchen, das den
Spinnrocken hält,
             fast wie einen Gefangenen führt ich ihn in die stinkende Runde der Männer an jenem Tag.

Wenn ich ihn auch gefunden habe, bereue ich das noch heute jeden Tag und jede Nacht,
            bei den Eseln hielt er sich versteckt,
und ich pflückte ihm das Stroh aus dem Haar und wusch sein weiches helles Gesicht,
            er stand wie ein Esel, der auf seine Last wartet,
den Kopf gesenkt in Erwartung von Sattel und Last,
            und er war so gross und schön wie die Haut des Granatapfels,
und er war so gross und seine Augen wie das Fleisch der Feigen.

Wie Miriams Lied

Soll er uns nicht tüchtig machen,
            deine Hand für meine Hand bereit;
soll er uns nicht geschmeidig machen,
            dein Ohr für mein Wort und mein Ohr für dein Wort bereit;
soll er uns nicht gefügig machen,
            mein Fürchten in dein Fruchten und dein Fürchten in mein Fruchten wandeln;
soll er uns nicht heilig machen,
            deine Kehle für meine Zunge bereit?

SELA

Ein Mann wird es sein, aber ein Mann soll es sein,
            unter dessen Füssen der Lockenkopf der Flockenblume in der Farbe der Treue sich wiegt,
zwischen dessen Zehen die Dill-Stiele in die Höhe schiessen mit ihren Dolden wie die weiten
vielfiedrigen und vielfriedigen Arme der Güte;
            ein Mann aufrecht wie der Stab eines Hirten in der Mittagssonne,
unter dessen Ginsterbuschbrauen die Augen funkeln wie Miriams Lied,
            dessen Lippen wie Schultern sind, an denen es sich auszuruhen lohnt,
von keinem Joch je noch aufgeraut, von keiner Gier noch zuckend;
            ein Mann, dem Keule und Schwert abhold,
der leise auftritt wie ein trippelndes Kind;
            ein Mann, der nicht von Frieden spricht,
indem er die Fäuste ballt und die Stimme erhebt.

Soll er nicht uns anleiten dann,
            wenn unsere Liebe versiegt unter dem Atem der Feinde;
soll er nicht uns erweichen dann,
            wenn wir die Flüchtenden betrachten wie die Mäuse in unserem Hirsespeicher;
soll er nicht uns sammeln wie den wilden Hafer?

Wie sehne ich mich nach dieser Brust,
breit genug für diese Schlucht zwischen dir und mir;
wie fürchte ich mich vor diesen Händen wie Schaufeln,
            die vorsichtig und ohne Eifer mich auf den Berg tragen, in die wilde Heide,
weit vom Kriegslärm entfernt,
            wo ich mit ihm sprechen werde wie ein Mensch;
wie fürchte ich diesen Kuss zwischen Frieden und Gerechtigkeit,
           in dem ein anderes Leben aufsingt.

Teure, kleine Olivengartenschritte

Jetzt hat er uns gedroht und gedroht,
            jetzt hat er uns gewarnt und gewarnt,
jetzt hat er uns doch genügend beschimpft mit seinen Richterworten,
            mit seinen gerechten Ansprüchen und mit seiner anspruchsvollen Gerechtigkeit,
jetzt hat er doch genug davon gesprochen, wer dieser heilige König auf den umwölkten
Bergen und in den hohen trockenen Wolken und in den süssen Wassern ist,
            der uns bisher in seiner Stimme und mit seinen Beschimpfungen vom Frieden abhielt und den Unfrieden
rechtfertigte,
aber hat er uns denn auch verteidigt,
            dieser heilige König,
bei Eben-Eser und bei Gibea,
            hat er uns die Weiden von Bet-Arwen und jenseits von Kirjat-Baal freigehalten,
hat er das vom Stampfen getrübte Wasser der Quellen wieder beruhigt?

Jetzt hat er uns gemahnt und gemahnt,
            jetzt hat er uns Vorhaltungen um Vorhaltungen gemacht,
jetzt hat er uns doch genügend in den Nieren herumgestochert mit seinen Anstachelungen
zur Gottesliebe,
            einen Gott zu lieben, der unsere kleinen Olivengartenschritte,
einen Gott zu lieben, der unsere olivengrossen Gedanken weit über die Berge bis nach
Aschdod und weit über den Fluss hinaus bis an den Euphrat zu werfen gewillt ist,
            wie kann er uns jetzt auch noch diese Löwenschritte und diese Löwenschreie abverlangen,
wie kann er uns jetzt auch noch dieses Gewimmel von Granatapfelkernen, verstreut bis an
die Enden der Erde und der Zeiten, auferlegen,
            hat er denn ganz und gar vergessen,
wie sehr uns der eigene kleine Weinberg,
            wie sehr uns das Gehen mit den Schafen über die Hügel und durch die Täler genügt,
wie sehr uns das Hocken unter der Tamariske, der langsame Wechsel von Worten in ihrem
Schatten wohlbekommt,
            und doch lässt er uns jetzt das Los werfen,
das noch immer auf Unfrieden fiel.

Der beste Herrscher

Gott ist ein treuer Wegleiter,
            ein scheuer Wegbereiter,
ein Kiesel zugleich und der Vogel im Himmel über dem starren Stein;
            Gott ist ein sanfter König, der nichts beschönigt,
er ist der beste Herrscher,
            ihre Häscher sind Spatzen und Lämmer.
Die Heilige ist wie das Meer,
            das alles schluckt und doch Leben trägt,
ist wie der Angeklagte, der Richter ist,
            ist wie der Mächtige, der im Stadttor seine Hand ausstreckt zu deinem Mantelsaum.
Gott herrscht seit den Anfängen, die ohne Ordnung waren,
            Gott regiert mit leichter Hand,
mit scharfer Feder in der Hand steuert Gott ihr Volk,
            das willig seinen Nacken unter die Joche fremder Götter drängt,
und Gott hält sein Herz aufgesperrt,
            nur leicht ist sein Angesicht verzerrt von der Geduld,
nur ein wenig zuckt sein Augenlid von der Aufmerksamkeit,
            er beugt sich aus seinem Thron auf Zion weit vor,
um die Gesichter seiner Frauen und Männer, seiner Töchter und Söhne sehen zu können,
            weit neigte er sich aus seinem Horst, um die Herzen seiner Töchter und Söhne, seiner Mütter und Väter erfüllen
zu können mit einem Atem,
salzig und schuppig wie das Meer, das über die Ufer tritt,
            staubig und struppig wie das Land, das bebt unter ihrem Schritt:
Keiner der Wege, keiner der Stege führt zu ihm,
            ausser ihr lasst fahren euer Stampfen und Stossen,
ausser ihr breitet nicht länger eure Wünsche über das Land, das müde müde Land,
            ausser ihr beschreitet die Wüsten mit ihren wüsten Pfaden nicht mehr,
als fändet ihr im Taumel von Tröckne und im Stammeln der Hitze jene Boten, die euch nach
dem Mund redeten,
            ausser ihr fasst an den Haaren das Schaf,
das grünäugige Schaf, das in eurer Mitte blökt wie eine Prophetin,
            und schert es: Gott nimmt langsam Überhand in seiner Ohnmacht,
Gott stiebt auf vom staubigen Platz wie eine Horde von Spatzen,
            langsam regt sich seine Zunge eines Herrschers in seinem trockenen Gaumen
wie eine Schnecke, die über die Mauer des Olivengartens kriecht.

Ein Volk von Sängern

Das ist ein Volk von Sängern,
            von erhobenen Armen und erhobenen Stimmen,
denen immer alles abverlangt wird,
            die bereits viel zu vieles über sich ergehen liessen,
das ist ein Volk mit einer Kehle aus Honig und Sand,
            sein Gesang ist wie das erste Grün in den Bäumen,
sein Gesang ist wie das letzte Haus im Dorf,
            in dem eine Witwe sanftmütig und still ein Leben fristet,
ein murmelndes Leben,
            ein härenes Leben,
doch an Abenden im Winter und an Morgen im Frühling hörst du eine Stimme aus den Fenstern fliegen,
            scharf wie Scherben und helle wie das Lachen eines Mädchens,
und die Federn des Lieds streichen dir über das gefaltete Gesicht,
            wie die liebkosende Hand einer Grossmutter,
die ihren schweren Körper bis zur Türe geschleppt hat und ächzend vor dir steht wie eine teure Regenwolke,
            das ist ein Volk von Sängern in Höhlen und auf Höhen,
von zuckenden Füssen und zuckenden Adamsäpfeln,
            ein Volk von aufgespannten leuchtenden Gaumensegeln,
halb Höhenfeuer halb Rauchsäulen,
            im Singen brausen sie auf und lassen alles Aufbrausende hinter sich,
mit aufglühendem Angesicht und getrübtem Auge stehen sie mitten im Feld, mitten im Geröll,
            ein Volk von Rufern und Bittern am Rande der Wüste,
die sich erheben wie das Meckern eines Lamms und zusammenströmen wie das Heulen der Wölfe hinter den Bergen,
            mit flatterndem Gewand und mit verschattetem Antlitz,
ein Volk von Sängern,
            mit flehendem Blick und wehendem Kopftuch auf die spärlich grüne Ebene vor dem Dorf hinausäugend,
ein flüsternder Beginn in der Kehle der Jungfrau,
            ein donnerndes Ende in der Kehle der Schwangeren,
eine einfache Frau bin ich vor dir, nichts mehr als eine Magd,
            hörst du dieses Volk singen,
und doch hat mich die Heilige angeschaut mit ihrem Herz.