Das Grosse Festmahl

Lasst die Vögel singen und festen,
fressen und sich sättigen sollen die Vögel des Himmels alle,
und während die Schafe klagen mit den Löwen,
die Panther jammern mit den Ziegen,
kommt, versammelt euch zum Grossen Fest,
das die Heilige versprochen hat und ausrichten will
für heute und immerdar,
der Rabe kommt krächzend über die Leichen von Königen,
der Ibis steht ungerührt auf den geschwollenen Bäuchen der Soldaten,
sein ungestimmter Ruf stimmt mit den Himmeln überein,
die Sommergäste kommen auch,
von denen du im Herbst keine Spur von ihrem Weg über den Himmel mehr sehen wirst,
sie finden ihren Weg,
du gurrende Turteltaube, der jauchzende Bülbül,
die Straussin stakst durch unsere Freude mit ihrem wehen «Ya-annah»,
die Wachteln wälzen sich im Sandkuchen der Königskinder,
die Smaragdspinte baden im Blut der Generäle,
und lachend überfliegen die Kittim den reich gedeckten Tisch der Heiligen,
sie haben ihr Auge auf die unanständigen Körperteile geworfen und wissen zu warten auf das Verschmähte,
auf die Nicker haben sie es abgesehen, die am Rande hockten, am Rande hockten,
nickten und nickten und nickten,
die Adler nippen am Becher des Zorns,
den die Heilige ihnen reicht,
und alle werden satt, niemand muss hungern, niemand muss dürsten,
und alle ruhen sich aus auf dem Mantel voller Eiter und Augen,
lasst die Vögel singen und ihr blutgeflecktes Gefieder spreiten und schütteln über den Frevlern,
lasst sie satt werden im Grossen Festmahl,
bevor die Lilien in den Himmel schiessen aus den Knochen,
bevor die Lilien ihre ausgebreiteten Antlitze errötend über alles weiten,
als gebe es Vergebung in einer Blüte,
in einem Frühling werden wir aufreizen die Toten zum Tanz,
im Lärm der Vögel das Schwirren des Schwertes nicht mehr hören, das über unseren Köpfen saust,
seit die Heilige ihren Mund geöffnet hat,
und wann wird sie ihn wieder schliessen,
und wann wird sie ihn wieder schliessen,
nie mehr wird sie ihn wieder schliessen,
sie wird ihn schliessen, wenn die Vögel weiterziehen,
wenn sie weiterziehen in den Süden,
wenn sie weiterfliegen in den Norden,
um Nester zu bauen in den Speichen des Himmels,
der sich vor unseren Augen dreht und dreht und weht und weht,
wenn sie satt sind, werden sie weiterfliegen,
wenn sie satt sind von den Leichen des Rats,
schreibe das auf, schreibe es auf,
zögere nicht länger, warte nicht zu,
und sie fliegen auf,
und sie fliegen weiter,
in den Norden und in den Süden,
alle Vögel werden satt von unserem Fleisch,
das ist der Tag der Heiligen,
es ist kein Tag für falsche Propheten,
kein Tag für gute Könige,
lasst die Vögel festen und singen,
ihren Hunger stillen an unserem Fleisch.

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Das Bild (gemeinfrei) ist stellt das Wiegen des Herzens dar, das der ägyptische Gott Thot, der einen Ibis-Kopf trägt, in der Unterwelt vornimmt. Diese Prozedur entscheidet, was mit der Seele des Verstorbenen geschehen soll.

Die Totenklage des Märchenprinzen

Wir dürfen uns glücklich schätzen, in einer grossen Zeit zu leben,
in einer Zeit der geschwungenen Schwerter,
in einer Zeit der geworfenen Speere,
in einer Zeit der gesungenen Lieder,
in einer Zeit von Verrat und Verhöhnung,
in der Taten zu spät getan werden,
in der ein König vergisst sein Königsein,
in der ein König vergisst die leitende Faust des Himmelsherrschers,
in der zuletzt doch die Kleinen und die Aufrechten aus dem Stamm Juda den Sieg davon tragen,
wenn auch die Grossen und die Mächtigen aus dem Stamm Benjamin schadlos bleiben;
darüber wollen wir uns freuen. SELA

Wir sind hier versammelt,
vor dem Kopf des Königs Saul unsere Köpfe zu beugen,
und was für ein Kopf war das,
schwer zu übersehen,
doch schwer zu verstehen,
ein Geist von schwankender Überzeugung,
eine Kehle mit unsicherem Ruf,
ein Teil Güte und ein Teil Wüten,
ein Welpe vor Gott,
eine Echse vor den Menschen,
er ist nicht mehr, er ist gestorben,
er ist tot, er kommt nicht mehr,
er kann nichts mehr tun,
weder Gutes noch Schlimmes,
es gibt ihn nicht mehr und es wird ihn nicht mehr geben,
er ist tot, dahingegeben ist er,
dahingenommen ist er. SELA

Du wirst sterben, und ich werde sterben,
wenn meine Zeit kommt, und wenn deine Zeit kommt,
das wirst du tun, das wird mir geschehen,
das Volk selbst wird sterben,
eine Zeder, vom Sturm gefällt und entwurzelt wird es sein, mein Volk,
doch was für Untaten hat es vollbracht,
doch was für einen Heilsatem war ihm gegeben,
und dieser König war nicht gut,
und dieser König war nicht niemals schlimm,
sein Atem war faul vom Zweifel,
seine Augen getrübt vom Abwägen,
seine Taten waren eine Anfangen,
und immer liess er euch warten auf seine Entscheidung,
und immer musstet ihr ihn in den Kamp bannen,
und selbst seinen Tod wollte er einem Knecht überlassen,
einem Knecht wollte er seinen Tod überlassen, einem Knecht,
doch neigen wir unsere Köpfe vor diesem Kopf,
der uns von Verrätern und Verhöhnern gebracht wurde,
der selbst ein hämevoller Höhnender, ein verratener Rätselnder war,
schaut ihn euch nochmals an,
auch dieser Kopf war glücklich, auch wenn er tot ist,
im Tod war er noch glücklich,
auch dieser Kopf schätzte das Glück und die Freude, meine Freunde,
aber über Jonatan, seinen Sohn,
aber über Jonatan, seinen Sohn,
darüber lässt sich weder singen noch reden.

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(Das hier gewählte Bild ist gemeinfrei; ich danke WikiImages dafür. Es zeigt Sarah Bernhardt als Hamlet in der Ersten Szene des 5. Aufzugs.)

Zwie-Gesang der Hyänen und Töchter in den Ruinen

Was tanzt ihr Mädchen auf den schiefen Türmen und aufgebrochenen Toren in den Ruinen,
was verrenkt ihr im wilden Reigen eure schönen Kehlen,
was erklingen eure Stimmen heiser und scharf wie die lidlosen Augen der Sterne über der Einöde,
was tummelt ihr euch in der Wüstenei,
wo sind eure Mütter, wo eure Väter? SELA

Wir haben unsere Freude verloren wie Tränen im Sand,
unseren Müttern wurden die Zungen gezogen,
unseren Vätern wurden die Köpfe genommen,
unseren Brüdern versiegten die Herzen,
und wir raufen unsere Haare im Tanz und heulen ein Kelterlied,
denn unser Leben wurde geprüft und verworfen,
auf den Rücken von Schaben rollen unsere gütigen Augen,
im Gebiss der Füchse hängt unsere blutende Scham,
und ihr könnt nur lachen, nur lachen! SELA

Was sollen wir uns weiden an eurem Leiden,
unsere Zähne blecken über euren trockenen Brüsten,
was sollen wir leiden an eurem Leiden,
uns schrecken an eurem Schrecken,
was johlt ihr blind und nackt und mager auf unseren Ruinen,
was vertreibt ihr unsere Trostferne mit Geheul,
hier, wo keine Heilige ihre Gesetze mehr aufrecht zu halten gedenkt,
weil jeder jaulend sich selbst der Nächte ist,
weil jeder jammernd von sich selbst nur klagt? SELA

So ist die Welt, so ist die Heilige,
eine Grube für die Aufrechten,
eine Falle für die Unschuldigen,
ein Netz für die Freiherzigen,
ein Speer für die Zögernden,
und so zappeln wir mit unseren Körpern,
und so zeigen wir an, was uns und allen Frauen geschehen ist und noch geschieht,
zähneklappernd und jauchzend wollen wir die Heilige loben in der Wüste,
die von Thymian duftet und singt vom geschäftigen Reiben des Sands,
loben wollen wir sie für die guten Taten an den Müttern und Töchtern,
mit zuckenden Leibern wollen wir entweihen unsere Zucht,
die von den Männern kommt wie eine eiserne Umarmung,
und von den Tanten, und von den Tanten,
entwürdigen wollen wir unsere Körper im Sand und Staub der Einöde,
unter eurem beistehenden bellenden Lachen wollen wir mit verdrehten Kehlen und entwurzelten Gelenken die Unschuld gewinnen,
den unbekannten, den unbefleckten, den freien Körper.

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(Bild aus „Ecrits sur la danse d Isidora Duncan“, 1927, von Antoine Bourdelle (1861-1929), gemeinfrei, gefunden auf Wikipedia.)

Davids Lied über die Amalekiter

Warum hat Saul dieses Volk nicht vom Erdboden gefegt?
Warum hat er dieses Volk an der Kehle gekitzelt, um es wieder stark werden zu lassen?
Warum hat der König nicht den Fluch des Herrn an diesem Volk vollstreckt?
Warum hat er dieses Volk nicht in seinem Blut gesotten? SELA

Alles fällt zurück auf die Unschuldigen,
alles schlägt jene, die Unrecht ausbaden;
alles ist zum Zeichen für die Zweifler,
alles ist Lebewesen,
scheues schützenswertes Lebewesen für jene mit dem Kinn in der Hand,
ein fein gesponnenes Netz erkennen sie dort,
wo ich nur Fäden und Fallstricke sehe,
die ich durchtrenne,
die ich abschneide;
alles fällt zurück auf die Unschuldigen,
alles schlägt jene, die Unrecht ausbaden. SELA

Zuerst haben wir geweint, geheult,
die Säfte verliessen uns,
ohnmächtig sassen wir in den Toren Ziklags,
dann wurden alle von Zorn erfasst und wollten mir an die Kehle,
steinigen wollten sie mich,
doch ich, der Wache mit der Rache, nahm sie zum Heiligen,
der würde sie uns in die Hände geben,
der würde sie uns unter die wütenden stampfenden Sohlen legen,
da sprangen sie auf an meine Seite,
wollten mitwirken bei der Gerechtigkeit, die ich anstiften würde,
den Fehlern Sauls nicht eingedenk,
mitmorden würden sie, auslöschen helfen den Brand dieses Volks,
dann habe ich sie am Schopf genommen wie eine gute Gelegenheit,
durchzog die Wüste und fand sie dort am Bechern und Zechen,
denen habe ich es gezeigt,
es lagen nur noch Leichendinge im purpurnen Sand,
und mit den Köpfen habe ich gekegelt,
alle gestohlenen lieben Menschenwesen waren noch unversehrt,
das war ein Schmusen, Küssen, Beieinanderliegen,
Ahinoam oben und Abigajil unten und umgekehrt,
das war Davids Beute. SELA

400 Lebewesen konnten fliehen,
400 Lebewesen wurden verschont,
400 unschuldige Mitgehangene und Mitgefangene sind noch am Leben,
400 Lebende sind am Leben von diesem Volk,
können von Gerechtigkeit erzählen,
von diesem Volk, das aus der Wüste muss,
um Leben und Recht zu finden. SELA

Alles fällt zurück auf die Unschuldigen,
alles schlägt jene, die Unrecht ausbaden;
alles ist zum Zeichen für die Zweifler,
alles ist Lebewesen,
scheues schützenswertes Lebewesen für jene mit dem Kinn in der Hand,
ein fein gesponnenes Netz erkennen sie dort,
wo ich nur Fäden und Fallstricke sehe,
die ich durchtrenne,
die ich abschneide;
alles fällt zurück auf die Unschuldigen,
alles schlägt jene, die Unrecht ausbaden.

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(Bild aus dem Egbert-Psalter, 10. Jahrhundert; gemeinfrei.)

Die letzte Bitte

Ich weine nicht vergebens, wenn ich dich sehe,
ich trauere nicht umsonst, wenn ich dich ansehe,
in meinem ganzen Leben konnte niemand an mir vorübergehen, ohne Schade zu nehmen,
ich war eine Plage für jeden gütigen Menschen,
ein böser Geist war ich,
ich war der Widergänger,
ich war der Seelenfänger,
meine Taten haben für mich gesprochen,
meine Worte haben nach Furcht gerochen,
wie seltsam hat es sich gefügt, dass ein Lügner mir verzeihen muss,
ein Geschichtenflechter mir die Krone vergibt,
die ich zu tragen hatte zu meiner Vollendung,
ich wünsche nichts ungeschehen,
ich will nicht Wohnung nehmen in Vergangenheiten,
hausen mit all den Gräueln, die mir und dir geschehen in gleicher Weise,
ich will nicht vergeben, was vergebens war, mein Sohn,
denn bist du nicht mein Sohn, Märchenprinz? SELA

Ich trauere nicht für mich,
ich weine um den Rausch, der mich gehalten hat die ganze Zeit, die man Leben nennt,
rufe ihm scheu wie einer Geliebten nach, die man verraten hat,
immer noch voller Hoffnung,
das hätte ich nicht gewollt, am Schluss noch von der Hoffnung etwas zu erhoffen wie ein törichter Mensch, der alles glaubt,
der schlingt und säuft,
als wäre das Leben ein unterbrochenes Festmahl,
ich verfluche diesen Rausch, der mich im Leben gehalten hat,
ich flüchte in die Trauer, wie du in die Berge flüchtest,
als könnte ich dir etwas antun, mein Sohn,
ein Narr, der an das Heilige und das Schützende von Steinen glaubt,
stosse sie nur an, schon rollen sie,
Köpfe oder Menschen, selbst ihre Kinder rollen,
da kommen sie,
selbst die Berge sind nicht anders, ein Rütteln genügt,
da kommen sie wie harte Wolken hernieder und zerschlagen Bet-Arwen, Schilo, Rama und mein geliebtes Jabesch,
Hügel werden sie sein, unfruchtbare Glatzen im Land meines Volkes,
die Menschen werden auf ihnen die Steine finden für ihre eigenen mageren Häuser,
ich weine um die Dürre dieses Lebens, mein Sohn,
ich trauere um den Hunger dieses Lebens,
es war eine Plage in unserem Blut,
ist diese Plage denn nicht abzuwerfen? SELA

Doch jetzt schwöre mir bei deiner Urmutter Rut, der Gütigen, Duldsamen und Mutigen,
schwöre mir, dass mein Sohn, den du liebst,
dass sein Söhnchen Merib-Baal von dir verschont werden.
Zeige damit, dass du den Rausch nicht kennst,
der mich verdorben hat.

(Bild von Gustae Doré, gemeinfrei.)

Das Schwert aus meinem Mund

Lange habe ich den Mund verschlossen vor dir,
geduldig habe ich meine Lippen aufeinander gepresst,
denn ich wollte dir nicht schaden,
ich wollte dich nicht wandeln,
im Wandeln dich nicht verletzen,
ohne Harm wollte ich dich lassen,
so lange warte ich schon darauf, die Rüstung meines Mundes abzulegen,
gegen dich mit meinem Wort ins Feld zu ziehen,
die Hoffnung hat das Schwert geschmiedet,
dein Zögern und Zaudern hat den Stahl abgekühlt,
scharf ist sein Mund wie die bittere Frucht der Liebe,
heisst ist sein Mund wie eine Flamme,
ich werde dich damit schlagen,
ich werde dir damit Wunden reissen wie die Bärin, die ihren Wurf verteidigt,
doch halte ich immer wieder inne,
hast du mich angesteckt,
hast du das Wort vom König verdorben,
hast du das Wort des Königs abgestumpft,
das ein einziges schnelles treffendes sein soll,
ein Leid zufügendes,
ein Flächenbrand über Generationen im Körper meines Volkes auslösen wird,
hustend und um Atem ringend werden sie durch die umwölkte Gegenwart torkeln,
nur um sich in der Vergangenheit wiederzufinden,
ein solches Wort will gut gesprochen sein,
eine solche Tat will gut erwogen werden,
nochmals will ich es mir verkneifen,
seine Kraft einschätzen und seine Macht stählen,
ich will dieses eine Wort noch in meiner Scheide stecken lassen,
ich zweifle, ob es bereits genügend geschliffen ist,
will es noch einmal besehen und gewichten,
den Arm meiner Zunge stählen und üben,
denn ich fühle meine Leber schwer in meinem Bauch lasten,
schwanger ist sie mit Unmut und Groll,
und meine Nieren sind zerschlagen von der Erwartung,
meine Nieren wollen in deiner Galle baden und triumphieren,
ein gutes Wort, eine gute Tat will ich wetzen in meinem Herzen,
und hörst du nicht mein ruheloses raues Brummen und Summen,
das Volk meiner Worte,
sie alle warten auf ihren Flug, auf ihre Blüte,
spürst du seine lullende Kraft, seine betäubende Macht,
denn Schmerzen sollst du nicht leiden,
wenn ich das Schwert aus meinem Mund an deine Kehle lege.

(Danke an prawny für das schöne Bild.)

Brief an Jabesch

Schreibe an den Engel in Jabesch:
Du bist meine treue geliebte Stadt überm Jordan,
verborgen in den Felsen des Nachal Jabesch,
umschlungen von den Wassern Gileads,
hierher stammen meine Mütter,
die mich weinend und klagend in den Schlaf gesungen haben,
als ich allein und ohne Freund litt an den Untaten meines Stammes,
nicht umsonst will ich dich gerettet haben vor den Ammonitern,
nicht umsonst sollst du immer noch mit beiden Augen hinunterschauen auf den spärlichen Jordan,
hinüber nach Schilo und ins Gilboa-Gebirge;
du warst wie tot und bist doch noch unter den Lebendigen,
wie klein war deine Kraft,
und doch hast du dich mit der Macht aus der heiligen Quelle aufgebäumt wie der Bergbach im März,
du Tröckne mitten im Olivenhain. SELA

Schreibe an den Engel in Jabesch:
Du hast dir Mühe gegeben wie ein Sohn, der seiner Mutter lachend und stolpernd die verdrückten Blumen des Feldes bringt,
du warst geduldig wie die Steine in den Ruinen im Lande Benjamin,
du liebst mich mehr als am Anfang,
und ich denke oft an jene Tamariske vor deinem Tor,
wenn errötend erblüht über den Steinhaufen deiner Gräber,
geduldig sammeltest du deine Knochen zusammen,
ruhig und gefasst richtetest du deine Blicke gen Westen,
auf die Höhen Benjamins,
woher dir Verderben und Rettung gekommen ist,
du wurzelst tief im steinigen Boden,
und ich denke oft an die leuchtende purpurne Haut deiner Mädchen zurück,
die mich immer freudig begrüsst und für mich getanzt haben;
du bist das Kleinod unter den Städten Gileads,
in den Schroffen und Schrunden deines Tals verlaufen sich die feigen Feinde, die auf die Nacht hoffen,
und die Wasserfälle sind wie die Röcke eines tanzenden Mädchens,
für dich gibt es Hoffnung, Stadt der Mütter,
Burg der Ferne,
Trutzwall der Geduld,
die nicht leicht den Tyrannen weicht. SELA

Schreibe an den Engel in Jabesch:
Steht bei dir nicht der Baum des Lebens?

(Bild mit Dank an die Seite des wissenschaftlichen Bibellexikons im Internet.)

Brief an Ziklag

Schreibe an den Engel in Ziklag:
In der Tochterstadt Beerschebas sehe ich schlangenwindige Dinge geschehen,
Märchen über Märchen, Zungen über Zungen,
Prophetenworte aus Straussenmund,
ein Verbannter haust in deinen Mauern,
einem Ausgestossenen hast du deine Tore geöffnet,
dem Verbündeten meiner Feinde,
den gottlosen Schweinefressern,
einem Ismael, der die Wüste verdient hat,
einer Hagar, die keiner Lebendigen zu begegnen würdig,
an keinen Brunnen, an kein grünendes Tal hättest du diesen da lassen dürfen,
doch habe ich dir versprochen,
ich würde dir Menschen schicken, die zum Totenreich gehören,
das in der Leere vor deinen Toren liegt,
Menschen, die aus Raubzügen ihre Kraft ziehen,
die die Schlüssel meiner Städte zerstören,
weil sie Worte haben, die mir genommen wurden. SELA

Schreibe an den Engel in Ziklag:
Du bist am Tor zur Wüste in den Süden,
die sich wie ein heisser Atem vor Juda öffnet,
an der Schwelle zum sandigen Himmel,
über den die Adler ziehen,
die hinweg sich heben von den glühenden Felsen,
die nicht länger lauern über den kühlenden Höhlen,
was für ein Los, was für eine Aufgabe hast du dir gewählt,
an der Grenze zur Leere die Fülle zu suchen,
hast du daher diesen Flüchtigen aufgenommen,
der mit Engelszungen von gerechten Zeiten spricht,
der mit Seidendüften bei deinen Töchtern liegt,
seine Haare wie die Schlingen des Nachal Gera um deine Ohren windet,
seine Unterwelt-Gesänge wie ein Rückkehrer aus der Wüste stammelt,
in der Tochterstadt Beerschebas den Schwur versiegen lässt,
die Treue zum Schwur verdorren lässt,
den die Lebendige Hagar zugesprochen hatte,
den die Lebendige ihrem fröhlichen Sohn hingestreckt hatte wie einen Zweig jener Tamariske,
die sein Vater auf den rohen Felsen pflanzte,
was hast du mit Raubzügen,
was hast du mit stockenden Märchen denn zu schaffen? SELA

Schreib an den Engel in Ziklag:
Ich werde meinen Mund mit Schwertern füllen.

(Bild der archäologischen Städte Tell-a-Shera benutzt gemäss der Creative Commons Attribution-Share Alike 4.0 International Lizenz.)

Brief an Maon

Schreibe an den Engel von Maon:
Hundsfötter beherbergst du,
auf deren Tellern das Fleisch von Götzenopfern liegt,
in deren Kehlen Gesänge von Propheten keimen,
die niemals der Heiligen zugewandt waren,
ihr ganzes Sinnen und Streben ist darauf gerichtet, den Falschen zu helfen,
den geschaffenen Dingen und Zäunen Zuneigung zu schenken;
das Horten von Worten,
das Markieren von Tieren,
das Wiehern über Träume,
das Schäumen über Bitten,
das Weiden von unreinen Geistern,
das Ausweiden von unreinen Tieren,
das Gieren nach dem wilden Wald,
das Häufen von Schätzen,
das Setzen von Grenzen,
das Lauschen auf die Sprache der Lenden, –
all das sind Dinge, die die tun, die du beherbergst,
und ich kenne ihr Tun,
ich erkenne sie an ihren Taten,
ihre Worte sind das Rasseln einer Schlange im Sand an deiner Schwelle;
all das sind hundswütige Dinge. SELA

Schreibe an den Engel in Maon:
Hundswütige Dinge höre ich von dort, wo du wohnst,
deine Traube fault, ich rieche sie bis hierher,
und was die Teufel in deinem Hause auch hören, sie vernehmen es nicht,
und was die Streuner in deinem Hause auch sehen, sie erkennen es nicht,
in ihren Fellen hocken Zecken und Läuse,
ihre Lefzen sind schwarz vom vertrockneten Schaum,
ihre mageren Rippen sind Dolche,
ihre Bisse sind giftig,
und der Atem, den sie von der Heiligen haben, ist verdorben und vertreibt selbst die Geier,
die sonst an den Müllgruben warten auf die schlechten Taten,
und selbst deine Worte, mein Bote vor Ort, mein Ohr für Gott, mein Auge für den Thron,
selbst deine Worte schmecken ranzig und nach altem Käse,
ich kenne die Enge deines Hags, die Tröckne deines Hains, den Staub an deiner Schwelle,
Gerber sind diese da,
sie tun der Erde dies und das an,
und du sitzt im Rauch deiner Güte,
deiner Herbergskunst eingedenk,
während die Steppe sich weitet unterm Ruf des Adlers, der weiterzieht,
während die Zedern fallen auf den Höhen,
die Wacholder glühen und glimmen,
die Brunnen versiegen;
siehe, ihre Speicher sind voll, ihre Frauen sind schwanger,
ihr Wort ist Bellen,
ihr Gehorsam Hecheln,
und ihre Bäuche schwellen. SELA

Schreibe an den Engel in Maon:
Aber eines haben sie gut gemacht, die Hundsfötter,
verjagt haben sie den Märchenprinzen,
verjagt samt seiner seidenen Zunge,
vertrieben samt seiner jaulenden Truppe.

(Ich verdanke das Bild bei Balouriarajesh.)

Gesang des Adlers

Die Geier kreisen wieder,
sie versammeln sich an den Opfertöpfen,
sie rotten sich zusammen über den Müllgruben,
in meinen Sehgruben hat sich genügend Licht angesammelt für deine Dunkelheit,
ich werde nicht leicht geblendet,
ich ziehe bald weiter,
ich lasse meine Nickhaut über dich fallen,
ich sehe die Ratten übers Gebirge fluten,
mit leeren Fängen wende ich mich südwärts. SELA

Ich habe alles gesehen,
ich habe den Schatten gesehen,
der aus dem Licht fällt,
bevor der Augenblick vorüberschnellt,
ich kenne den Ursprung von Licht und Ruhe,
ich weiss um die Anfänge der Mühen,
ich sehe die Schatten im Weiss,
die weissen Flecken im Schatten,
ich kenne die Ideen,
die sich aus dem Nest werfen,
ich sehe dich irren,
im Auge noch den Tod. SELA

Die Geier kreisen schon,
die Schakale streichen wimmernd um die Füsse der Berge,
die Wölfe kommen von den Höhen Moabs herunter,
die Strausse stehen plötzlich in den Toren,
vom Westen kommen die hellhäutigen Kolonisatoren,
vom Osten kommt das Rasen der Reiterscharen,
ich ziehe weiter,
meine Weile habe ich aufgebraucht,
meine Fänge fassen keinen Streit der Menschen,
wo Tote liegen, stelle ich auch mich ein,
trage meinem einen Jungen Mark und Darm herbei,
auf dass es stark werde für den Himmel,
unter dem die Geschöpfe leben. SELA

Ich habe alles gesehen,
ich habe den Schatten gesehen,
der aus dem Licht fällt,
bevor der Augenblick vorüberschnellt,
ich kenne den Ursprung von Licht und Ruhe,
ich weiss um die Anfänge der Mühen,
ich sehe die Schatten im Weiss,
die hellen Flecken im Schatten,
ich kenne die Ideen,
die sich aus dem Nest werfen,
ich kenne die Einsamkeit auf weiter Flur,
sie lässt dich heiser rufen,
die Wege derer, die über die Erde beineln, denkst du zu lenken,
doch wer hört schon deinen Gesang? SELA

So singt der Adler und zieht gen Süden.

(Das Bild verdanke ich Rethinktwice.)