Position des Schreibenden

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Ich schreibe aus einer Position des Überlebenden heraus. Aus einer Position der andauernden, dauernden Gefährdung, der Verunsicherung und der Unsicherheit. Nichts ist gewiss, manches ist gewährt.

Ich habe bereits mehrfach am eigenen Leib erfahren, dass die heutige Lebenserwartung nichts über die Gefährdung des menschlichen Lebens aussagt. In meiner Kindheit habe ich mir mit schöner Regelmässigkeit den Kopf blutig verletzt; mit acht Jahren hatte ich einen Schädelbruch. Viel später hatte ich nach einem Fahrradunfall einen Hirnschlag. Auf Phasen des Burnouts folgten Phasen der Depression. Ich kenne einige Gleichaltrige, die bereits gestorben sind – durch Unfälle und an Krebs. Dass ich mit 51 noch am Leben bin, ist keine Selbstverständlichkeit.

Ich denke an meinen Vater, dem ich nach einem schweren Fahrradunfall meines Bruders (damals etwa 14 Jahre alt) begegnet bin. Er stand beim Kleinwagen, der mit meinem Bruder zusammengestossen war. Dessen Windschutzscheibe war eingedrückt vom Kopf meines Bruders, aber nicht eingebrochen. In den Rissen des Eindrucks zitterten Haare meines Bruders. Mein Vater stützte sich auf die Kühlhaube des Wagens und sagte mit gepresster Stimme: «Sie wollten mir ihn umbringen.» Dieses «sie» und das besitzanzeigende «mir» drücken sehr gut die Ohnmacht des Menschen vor dem Plötzlichen, Unerwarteten aus, das sein Leben und das seiner Geliebten bedroht und beendet.

Das Unerwartete und Plötzliche ist das, was mein Schreiben bestimmt. Es bricht in meine Gedichte ein, übernimmt sie, überbordend, überfordernd.

Als Überlebender sehe ich die Gefahren, die Unsicherheiten unseres Lebens. Ich schätze mein Noch-Leben-Können. Seit meinen Anfängen als Autor habe ich das Zersplitternde, das Zerstreuende, das Auseinanderfahren von Zusammenhängen, das Auseinanderklaffen von Wunsch und Wirklichkeit, als bestimmend und anspornend empfunden.

Diese verunsichernde oder verunsicherte Weltsicht ist eine ganz und gar positive. Sie erlaubt es mir, den Schärfen und Tabus nicht auszuweichen. Sie vielmehr als Tatsache und als Gutes – vielleicht sogar als Güte oder Gnade –  anzunehmen und mit ihnen das zu machen, was sie mit mir machen: sie in etwas Schönes, Erhebendes zu verwandeln, in etwas Vollkommeneres.

Um es mit einem andern Bild zu beschreiben: Ich verstehe das Leben als einen Lauf über verschiedene Böden: vom ermüdenden Asphalt auf den Kiesweg, durch Schlammgruben und über Schlaglöcher hinweg, auf Katzenkopfpflaster und auf nach einer Seite abfallenden Trottoirs, auf federnden Waldwegen und durch den Dünensand. All diese Unterlagen stellen wechselnde Anforderungen an den Körper, vom Fuss über die Knöchel, die Knie, bis in Hüfte und Rücken. Nur das unablässige Training im Lauf selbst kann einen befähigen, diese vielfältige Bodenbeschaffenheiten zu meistern.

Wohlverstanden: es handelt sich dabei nicht um ein Training zur Selbstverbesserung, sondern um ein Training für ein gutes Leben. Es geht nicht darum, schneller und weiter zu laufen. Es geht darum, überhaupt zu laufen.

Wer sich nicht hinauswagt, der hat schon verloren. Wer sich an das Übliche hält, der ist schon gescheitert. Wer die bekannten Wege beschreitet, der gelangt nirgendwo hin. Wer in Sicherheit lebt und geht, der geht und lebt in Unsicherheit.

Ehrlichkeit und Erzählperspektive

Die Frage nach der Erzählperspektive stellt sich mir bei jedem Text, den ich schreibe, und bei jedem Text, den ich lese. Dabei geht es mir um die Glaubwürdigkeit des Erzählten.

Ich verstehe unter der Erzählperspektive verschiedene Aspekte des Erzählers. Einerseits interessiert mich das Problem der Erzählhaltung, der Fokalisierung, wie sie Genette geprägt hat: in welchem Verhältnis steht das Wissen des Erzählers zu dem seiner Figur(en)? Ebenso wichtig scheint mir aber auch die sprachliche Haltung der Erzählerin zu sein: wie sehr ist diese in der Weltsicht und Weltwissen, mit Bildung und Vorwissen der erzählten Figur(en) begründet?

Mein erster grösserer Versuch einer Ich-Erzählung scheiterte auf die Dauer daran, dass ich in der „internen Fokalisierung“ schrieb. Die „Ich“-Figur sollte nicht mehr wissen, als sie in der erzählten Gegenwart wissen konnte. Um jedoch in dieser Erzählhaltung den komplexen politisch-gesellschaftlichen Zusammenhang zu vermitteln, war sie immer wieder gezwungen, aus dieser „internen Fokalisierung“ herauszutreten. Gleichzeitig erzählte diese Figur mit einer Stimme, die im Wesentlichen auf meinen eigenen, persönlichen Wortschatz zurückgreifen konnte. Das war vor dem Hintergrund ihrer Bildung, ihrer Weltsicht und ihrem Vorwissen unbegründet, daher unglaubwürdig.

So stiess ich auf den Begriff der Ehrlichkeit. Kurz darauf entdeckte ich meinen „Meister“ Ramuz wieder. Er hat in meinen Augen einen regelrechten Kult um die Ehrlichkeit errichtet. Ihm ging nichts über die Kohärenz von Stimme und Haltung.

Nun kannte ich schon zahlreiche Beispiele von „inkohärenten“ Erzählperspektiven.

Da könnte man meinen geliebten Proust nennen, der zwar in vielen Momenten aus der Ich-Perspektive erzählt, dabei auch Stimme und Art und Weise in Einklang bringt, aber immer wieder in eine Erzählung mit auktorialen, allwissenden Zügen ausbricht (mit Genette zu sprechen: von der internen zur Nullfokalisierung wechselte). (Am besten in „Swanns Liebe“ zu erkennen.) Dabei verändert sich nicht die Stimme, wohl aber Vor- und Weltwissen des Erzählers; zudem war ihm nicht nur die Vergangenheit und die Gegenwart, sondern auch die Zukunft offen. Nicht nur das: die erzählende „Ich“-Figur gewinnt Innensicht der erzählten Personen, kann ihre Gedanken und Gefühle wiedergeben.

Ein anderes, geradezu herausragendes Beispiel dafür finde ich in Ishiguros „Ungetrösteten“. Dem erzählenden Pianist (das Ich der Geschichte), der in eine veränderte, entfremdete Heimatstadt zurückkehrt, fehlt einerseits jedes Vorwissen, jede Erinnerung an die Personen und Ereignisse, die sein Leben dort geprägt (und ihn vielleicht sogar fortgetrieben) haben. Die ihm begegnenden Personen verfügen alle über ein reichhaltiges Wissen über ihn, aber aufgrund seiner Verwirrung oder Verlorenheit, seiner möglichen Amnesie, erfährt er immer nur bruchstückhaft, wer er in ihren Augen ist oder sein sollte. Andererseits sind dieser erzählenden Figur immer wieder Sprünge in eine andere Erzählhaltung möglich: Obwohl er gerade vor dem Haus im Auto sitzt, schildert er, was seine Tochter in einem geschlossenen Raum in einem Haus erlebt; es gelingt ihm sogar die Innenperspektive in mehrere handelnde Figuren in diesem Raum gleichzeitig.

Ich will es nicht verhehlen, bei Ramuz herrscht grundsätzlich eine Erzählhaltung der Nullfokalisierung vor. Der Erzähler ist auktorial, dringt immer wieder in das Weltwissen und die Innensicht der erzählten Personen ein. Da er aber sprachlich sehr konsequent ist (alle Personen haben einen ähnlichen Wortschatz, eine ähnliche Sprache oder Stimme), schadet das der Erzählung nicht. Alles, was der auktoriale Erzähler sagt, könnte ebenso eine der Figuren sagen. Der auktoriale Erzähler weiss also alles, aber er drückt es in und mit der Stimme der Figuren aus. Der Erzähler „dirigiert“ einen Chor.

Noch ein Beispiel. In Cixin Lius „Drei Sonnen“ werden Dokumente nacherzählt, die aus der Perspektive der Ausserirdischen (Trisolarier) gesprochen sind. In diesen Dokumenten sollten Begriffe wie „Liebe“, „Kultur“ und andere nicht vorkommen dürfen, denn es handelt sich ja just um Ausserirdische, die ganz anders, unvorstellbar anders sind als wir Menschen (so kommunizieren sie per Licht miteinander, gibt es für sie keinen Unterschied zwischen Denken und Sprechen). Somit müsste die Erzählung eine andere Sprache, eine Code wiedergeben. Da sie das nicht tut, sondern die Trisolarier mit menschlichen Begriffen argumentieren lässt, und dabei immer wieder darauf hinweist, dass ihnen diese Konzepte unbekannt sind, verliert die Erzählung in meinen Augen an Glaubwürdigkeit und Überzeugungskraft. Ich fühle mich als Leser buchstäblich belogen, betrogen.

Ich bin erstaunt, dass mich die Ehrlichkeit so spät prägen will. Ich habe sie als Lyriker nie gebraucht, weil ich der Sprache diente, ihren Stimmen und Melodien nachgab. Nun, da ich selbst zum Erzähler geworden bin, merke ich die Prägungen. Da ist die Schweizer Kultur der Ehrlichkeit, der Geradheit in mir. Da ist der ernsthafte Umgang mit dem Wort in mir, den ich von Ramuz gelernt habe. Da beanspruche ich eine Ehrlichkeit, obwohl und weil ich erfinde, weil und obwohl ich aus der Vorstellung schöpfe. Plötzlich will ich ehrlich sein, wo ich doch darum weiss, dass ich nur selten ganz bei mir bin, in den Gedichten am bestimmtesten.

Ich bin ehrlich erstaunt darüber. Und gefasst auf diese lange Reise: der Auseinandersetzung mit der Erzählstimme. Und vielleicht finde ich früher oder später die „eigene“ Stimme, um ehrlich zu erzählen.

Nachbemerkung: Mein Ziel werde ich erreicht haben, wenn ich die Figur aus Tarrs und Krasnahorkais „Satantango“ in meinen Erzählkosmos eingebaut haben werde, den schnapstrinkenden Arzt des Dorfes, der sich schnapstrinkend verbarrikadiert und alles erfindet und erzählt, was dem Dorf und den Dörflern tatsächlich passiert.


Das Bild oben zeigt den Doktor beim Schreiben. Sehr lesenswerter Artikel von Dávid Dercsényi: „Seven hours without a wasted moment„.

Über die Lebenslüge

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Die Länge der Zeit ist die Prüfung, die allen Aspekten einer Leidenschaft ermöglicht, sich nacheinander zu entwickeln, allen Möglichkeiten erlaubt, sich im Detail zu aktualisieren, dem Authentischen und dem Soliden gestattet, sich eindeutig vom Pseudo und vom Simili zu differenzieren… (V. Jankélévitch, Von der Lüge)

Jeder künstlerisch Schöpfende kennt dieses Gefühl. Ich nenne es die Angst vor der Lebenslüge.
Die Lebenslüge ist, wenn du dich selbst belügst; wenn du dich selbst täuschst. Du bist nicht das, was du zu sein glaubst. Du bist nichts weniger als ein spanisches Schloss. Du bist vorgestellt.
Dieser Betrug findet vor dem Hintergrund der Wirklichkeit statt, die ganz anders ist als du sie möchtest. Die Wirklichkeit ist immer anders, als du sie möchtest; das ist ihr Merkmal.
Dass du so empfindest, macht dich zum künstlerisch Schöpfenden. Es macht dich aber auch zur Lügnerin. Denn wer den Hintergrund nicht akzeptiert, lügt im Vordergrund. Der Vordergrund aber hat keine Tiefe, bevor er nicht selbst Hintergrund wird. (Wenn du zurücktrittst, zurücktreten kannst.)
Im Vordergrund redest du dir etwas ein, stellst dir etwas vor, was dich betrifft. In deiner Person gibt es eine Person, die der Wirklichkeit widerstrebt. (Stellt sie sich die Wirklichkeit vor? Das ist nicht klar.)
Man kennt diese Person. Deine Nächsten kennen sie gut, auf die Dauer kann niemand sie verleugnen. Sie sehen sie, aber sie wollen deine andere Person, die im Hintergrund lebt. Für sie ist diese Person im Hintergrund, ein Statist. (Unbedeutend / weit vom Ufer weg / da war // ein ziemlich unbemerktes Aufspritzen / das war / der ertrinkende Ikarus – William Carlos Williams.)
Womit aber belügst du dich, baust du das spanische Schloss? In meinem Fall mit dem Bedürfnis nach Schreiben. Dieses Bedürfnis ist anfangs gänzlich unbegründet, weil keine Erfahrung es bestätigt.
Und dieses Bedürfnis stört dich in der Wirklichkeit. Du hast eine Familie, du musst für sie sorgen oder mit-sorgen. Das heisst, arbeiten. Findest du eine Stelle, die dich hin und wieder aufblicken lässt zu deinem Schloss?
Du musst dich entscheiden. Du musst dein Leben ändern. Ist es schon zu spät?
Denn diese Lüge, die dich antreibt, sie ist kein Lebenslauf, sie ist keine Arbeit wie die andere. Sie ist, gesteh es dir nur ein, überflüssig, nicht notwendig. Niemand braucht das. Genügt es, dass du es brauchst?
Inzwischen kennst du die Wirklichkeit. Du hast sie erfahren. Und wie ein schlechter Maler hat die Erfahrung begonnen, Perspektiven zu verändern. Die Schatten fallen anders, die Distanzen sind verändert. Ist das noch Hintergrund oder schon Vordergrund – oder umgekehrt?
Du hast mit der Angst vor der Lebenslüge so lange gelebt. Vor dem Hintergrund deiner Erfahrung kann sie nur noch eine Selbstlüge sein.
Es gibt inzwischen Tage, da hängt das spanische Schloss schmelzend mittig im Bild, alles überdeckend.
Das Bedürfnis nach Schreiben ist immer noch da. Die Nächsten haben es so lange in den Hintergrund geschoben! Du hast ihnen sogar viel zu oft dabei geholfen.
Und das Bild hat sich verändert. Das haben wir schon festgestellt, aber es gehört festgestellt. (Ein Baum, der nicht ausgesagt wird, ist kein Baum. – Ramuz)
Alles darauf ist verschoben. Der Hintergrund ist ganz diesig. Denn die Wirklichkeit, die du kennst, hat keine Bedeutung ausser ihrer selbst. Sie mag schon so lange oder noch so lange deine Wirklichkeit sein, das macht sie nicht vordergründiger.
Deine Nächsten sind müde geworden vom Schieben, Wegstellen, Übermalen, Zurechtrücken. Sie äussern ihre Forderungen, Erwartungen und Meinungen kaum mehr flüsternd; Lippenbekenntnisse, die selbst sie nicht mehr ernst nehmen.
Du hast keine Angst mehr, als du zu schreiben beginnst.
Nein, das ist nicht wahr. Es gibt keine Ausreden mehr. Alles, was du in der Wirklichkeit getan hast, hat nichts befriedigt. Du wolltest den Nächsten so sehr glauben. Aber egal, wo das Bedürfnis nach dem Schreiben war, du konntest es immer sehen.
Aber auch eine Selbstlüge ist noch eine Lüge. Im Schreiben aber wird sie wahr, nur in der Tat. Erlaube ihr die Wirklichkeit.
Je öfter du die Lüge begehst, das Schreiben für wichtiger als die Wirklichkeit, die Arbeitswelt, die Freunde, die Familie hältst, desto wirklicher wird sie. Denn inzwischen ist sie der Wirklichkeit näher als die Wahrheit.


Bild nach Pieter Bruegel der Ältere – 1. blistar2. GalleriX, Gemeinfrei, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=5279287

Meister Ramuz

Vor einigen Wochen habe ich für mich das Haus „La Muette“ in Pully entdeckt, in dem der welsche Schriftsteller Charles-Ferdinand Ramuz zuletzt gewohnt hat. Ich war in Lausanne aus dem Zug gestiegen, hatte als erstes ein Werbeplakat von diesem neu eröffneten (?) Museum gesehen – und einen Ausruf der Freude getan: das Haus meines geliebten Ramuz! Da musste ich sofort hin.

Das Haus liegt oben am Hand im alten Dorfkern Pullys, es ist schmal und rosa zwischen andere Häuser gedrückt. Es dient immer noch als Wohnhaus, aber Erdgeschoss und ein Teil des ersten Stocks sind zu einem Erinnerungshaus umgebaut. Das Museum ist sehr schlicht mit hellem Fichtenholz gestaltet, eine ausführliche Audioführung führt über verschiedene Stationen in Ramuz’ Schreibprozess und -welten ein, eine ganze Vitrine ist seiner Grossvaterliebe zu „Monsieur Paul“, seinem Enkel, gewidmet. In seinem Schreibzimmer steht ein riesiger Schreibtisch, der einen Blick auf die beiden niedrigen, vergitterten Fenster bietet, die auf einen terrassierten Garten hinausgehen, der wiederum hoch über dem See schwebt. Im Rücken des Schreibtischs eine ausgelegene Couch und an der Wand ein kleiner Ofen (gerade richtig zum Verbrennen von beschriebenem Papier).

Mir hat es sehr gefallen, dass hier keine Konservierung stattgefunden hat: es wird nicht versucht, diesen Raum so zu bewahren, „als würde der Hausherr jeden Moment eintreten und weiter schreiben“. Doch siehst du auf Fotografien im Raum, wie er ausgesehen hat, als Ramuz noch lebte: der Tisch mit wirklich meterhohen Blättertürmen beladen, aufgeschlagene Bücher überall, der Bücherschrank rechterhand neben dem massiven Pult überquellend, die Couch mit einer aufgeschlagenen Decke. Alle 3 gezeigten Räume in diesem kleinen Museum sind von einer schlichten, modernen Inszenierung, die in meinen Augen sehr dem Geiste seines ehemaligen Bewohners entspricht.

Ich habe meine Zeit in diesem Haus sehr genossen, mit Freudenlauten und Gänsehaut, kleinen glucksenden Ausrufen… Ich war der einzige Besucher, habe mich wieder und neu verbunden gefühlt mit diesem Freund unter allen meinen Lieblingen. Und wie immer bei solchen Wiederbegegnungen nach langer Trennung (oder Verleugnung?) habe ich mich gefragt: Wie konnte ich nur vergessen, dass du mir so nahe bist, lieber Freund und Meister Ramuz? Wie konnte ich nur vergessen oder aus dem Blick verlieren, wie sehr du mein Schreiben geprägt hast?

Rekonstruktion eines Vergessens (eines Vergessenen?)

Ich konnte es vergessen, weil das, was uns prägt, immer ein Unmerkliches, Allmähliches ist. Dieses Allmähliche verläuft im Untergrund deiner Persönlichkeit, deines Denkens und Handelns, ist ihr Grundwasser. Dieses Unmerkliche findet dauernd und unablässig in dir statt, ist etwas Unwirkliches, das in dir flüstert, weiter flüstert. Und es flüstert mit deiner Stimme, mit deiner Sprache.

Ich kann mir vorstellen, dass du es niemals brauchst, weil es für dich dein Eigenes scheint, natürlich und gewohnt.

Als Schreibender aber hast du doch ganz natürlich ein Auge darauf, als Schreibender aber bist du doch gewohnt, auf Töne, Stimmen und Unterschiede zu achten, die in deinen Text Eingang finden, vielleicht gar unbewusst gewaltsam eindringen in ihn, – sie genau zu beäugen und abzuwiegen, als schriebe ein anderer in oder mit dir, inwiefern und in welchem Masse sie „der Wahrheit entsprechen“: Sind die Stimmen und Töne durch dich gegangen, aus der zwanglos „herausgekommen“; sind die Unterschiede angelernte oder angelebte Unterschiede, die deinem neidisch-raffgierigen Verstand entschlüpft sind, der sich nur zu gerne mit fremden Federn schmückt, als seien es die eigenen, oder Unterschiede, die wohl in der Literatur gründen, aber mit dem eigenen Leben (Erleben) geprüft und für wahr befunden, derart verbunden und verwoben wurden, dass sie inzwischen kostbare Ketten des Könnens sind, die dich im Schreiben vor Falschheit und Effekthascherei bewahren?

(Es ist ja noch gar nicht so lange her, dass ich mir bewusst wurde, wie sehr besonders meine Gedichte „in Stimmen“ geschrieben sind; und wie sehr dieses „Schreiben in Stimmen“ schon seit dem Anfang meines Schreibens ein prägendes Element meiner Poetik war und ist.)

Die „Wiedergeburt“ und „Auferstehung“ Ramuz’ in meinen Schreib-Leben findet nun auf zwei Ebenen statt. Zuerst erwecken die bekannten Fotos von Ramuz meine Erinnerung an ihn, und darauf ist das Wieder-Lesen von „Derborence“ (das im kleinen Museum prominent vorgestellt wird) wie eine Heimkunft, ein Ankommen nach langer, mühsamer und vergeblicher Reise. Ich bin zu Tränen gerührt, als diese Sätze und Bilder wieder in mir aufklingen, Resonanz finden.

Die Erinnerung an „une main“ und vor allem „anti-poétique“ überschwemmt mich, viele Wort-Bilder steigen aus dem trüben Brunnen der literarischen Vergangenheit herauf. Selbst jetzt, mehr als einen Monat danach, kann ich mich dieser emotionalen Heimkehr kaum erwehren, fühle mich überfordert davon…

Und es wird noch einige Zeit dauern, bis ich verstanden habe, warum mich seine Texte so gefesselt und geprägt haben – und es ja immer noch und wieder tun… Vielleicht werde ich es nie in Erfahrung bringen, wer weiss…

Und eines wird mir auch klar: Damals, als Jugendlicher, konnte ich gar nicht in der Lage sein, diese Einflüsse bereits in mein Schreiben einfliessen zu lassen. Ich verfügte über eine sehr geringe, begrenzte, enge Lebenserfahrung. Ich verstand zwar die Impulse, die mir Ramuz’ Poetik und Erzählweise verschafft hatte, sah ihre Wahrheit ein, aber ich war als Jugendlicher noch zu sehr davon abhängig, den Text als Pfauenrad gebrauchen zu wollen.

Erste Annäherung

Zuerst muss ich sagen, dass ich keine Lebenserfahrung habe in den Welten, wie sie Ramuz beschreibt und evoziert. Ich bin zwar in einer kleinen landschaftlichen Stadt in der Provinz aufgewachsen, habe vielleicht in meinen Eltern Spuren und in meinen Grosseltern Reste bäuerlich-bescheidener Lebenshaltung und Weltsichten und Einstellungen auf den eigenen Lebensweg „mitbekommen“ – aber für mich stand und auch heute steht der Ausbruch aus dieser dörflichen, provinziellen Enge im Zentrum. Paradoxerweise – und für mich damals ansprechenderweise – zeigt Ramuz in seinen eng ausgezirkelten Dorfwelten gerade auf, wie weit und universell in ihnen der Mensch gelesen werden kann.

Es kann also gut sein, dass mich Ramuz mit seinen Texten darüber hinweggetröstet hat, dass Enge nicht notwendigerweise Weite verhindert, sondern sie sogar ermöglicht.

(So träume ich seit einiger Zeit – noch vor meiner Wiederbegegnung mit Ramuz – , einen Dorfroman zu schreiben: Wie Ramuz die Figuren eines Dorfes miteinander in Verbindung zu bringen, eine Art kleines Biotop zum Leben zu erwecken und ihm beim Lesen zuzuschreiben. Nicht umsonst ist Stephen Kings „Under the Dome“ einer meiner Lieblingsromane!)

Zwei prägende Kunstmittel

Auf der anderen Seite hat mich seine Sprachkraft sehr geprägt. Ich will hier gar nicht auf das berühmte „on“ eingehen oder auf die grammatikalischen Eigenheiten (statt mieux le faire steht einmal le mieux faire in der Bedeutung von ersterem), die sich auch auf seinen Gebrauch der Zeitformen ausdehnen – dafür bin ich zu wenig Muttersprachler (und kein Literaturwissenschaftler).

Doch die langsame, allmähliche Verfertigung seiner Sätze, dieses Stocken, Wiederholen, Innehalten, Abschmecken, nochmals Aufnehmen (als kaue man Wörter und Sätze, um sie zu verkosten), das einem ständigen Abwägen gleichkommt, einem Abwägen im Text selbst, der damit seine eigene Schaffung thematisiert, in den Blick rückt, die Entstehung des Textes sozusagen vor den Augen der Leserin geschehen lässt, ein Miterleben des Schöpfungsprozesses durch das Wort, – diese innere Bewegung, die Ramuz in seinen Texten zu einer äusseren, weil sprachlichen macht, sie ist über die Jahre in der Prosa auch zu Meier geworden. Ich liebe es, in meinen Geschichten Figuren und Umgebung(en) schreibend und unmerklich im Akt des Schreibens selbst zu erkunden und erforschen, erspüren und entdecken, auf ihr langsames Sichtbarwerden hinzuarbeiten…

Und „langsames Sichtbarwerden“ ist für mich auch eines der Stilmerkmale von Ramuz: In allen seinen Texten, so scheint es mir, findet in jedem Moment eine Neuschöpfung der Welt im Text statt. So erinnere ich mich an jene Kurzgeschichte über einen Taupner… (Unerwartet und genau kommt dieses Wort aus meinem „tiefen“ Wortschatz herausgeschossen, ich finde es nicht in meinen Wörterbüchern, aber eine Grasfarbe: taupe, für rötlich schimmerndes Gras, und bin doch sicher, dass es dieses Wort gibt.) Ein Maulwurfjäger oder -fänger, vielleicht auch eine Art landwirschaftlicher Kammerjäger, kommt in ein Dorf (so viele Geschichten beginnen bei Ramuz, wenn ich mich erinnere, mit jemand, der in ein Dorf kommt, von ausserhalb, fremd und doch bekannt). Er kommt ganz allmählich „aus einem Hügel heraus“, steigt ein wenig wie die Sonne über einem Hügel auf, fast aus der Erde heraus wie Adam, so erinnere ich mich an diese Geschichte, tritt heraus in die Geschichte, bis auch die Füsse zu lesen sind, entsteht unter den Blicken des Lesers.

Genauso wie der Korbmacher in „Passage du Poète“, meinem Lieblingsroman von Ramuz, der in ein Dorf überm See kommt und sich mit den Spatzen unter den noch kahlen Frühlingsplatanen auf den kleinen Dorfplatz setzt und dort seine Arbeit tut, damit dem Dorf und seinen Einwohnerinnen den Frühling bringt.

In dieser Erzählhaltung, mittels dieser beiden Kunstgriffe (?) lässt Ramuz, ich kann es nicht genug sagen, die Leserin momentan teilhaben an der Genese seiner Sprache einerseits und an der Entstehung seiner Welt(en) anderseits…

Auswirkung auf das eigene Schreiben

In meinen Texten kommt ein weiteres Element dazu, das vielleicht sogar bei Ramuz angelegt ist: eine pessimistische, mythische und niedergeschlagene, halb begeisterte halb entgeisterte Lebenseinstellung. (Darum liebe ich Autoren wie Dazai so sehr!) Aus diesem Blickwinkel, so scheint es mir, aus der Sicht einer quasi gelähmten, unerwünschten, ungeschickt-glücklosen, ohnmächtigen, fast handlungsunfähigen Person (darum liebe ich König Saul so sehr!), einer in sich selbst verwirrten und mit sich selbst verstrickten Person („ich hatte meinem Gegenüber nichts anderes zu bieten als meine eigene Verwirrung“, zitierte ich Kerouac frei), aus dieser Perspektive heraus sind die beiden oben genannten Stilmittel fast unabdingbar notwendig.

Wenn ich jetzt auf die vergangenen 20 Jahre zurückblicke, in denen ich sogar so weit gegangen bin, bei meinem letzten Umzug alle meine Ramuz-Bücher ins Brockenhaus zu bringen, in der Überzeugung, mein Meister habe mir nichts mehr zu sagen; ich hielt seine Romane für langweilig und unzeitgemäss!, und vor diesem Hintergrund muss ich nun zugeben: ich habe mich in Ramuz getäuscht, damit auch in mir selbst, ich habe die Sünde der Verleugnung begegnen, der Hahn hat zum dritten Mal gekräht, und ich lauf hinaus dem eigenen Haus, hin zu meinem Meister Ramuz, um im Chemin Ravel 2 in Pully wieder zu mir zu kommen und zu dir, mein geliebter Meister!

Einen Roman schreiben: Die Realität kann mir gestohlen bleiben

Ein bekannter Bündner Autor beantwortet in einer Engadin-Literatur-Broschüre die Frage nach seiner Recherche-Methode wie folgt:

Vor dem Schreiben versuche ich, die ganz grundlegenden Schauplätze kennenzulernen, oft entscheiden ganz kleine Details über den Verlauf einer Handlung: steht da und da eine Strassenlaterne, wann geht sie an, wann geht sie aus?

Sicher gibt es verschiedene Genres, die unterschiedliche Bezüge und Haltungen zur Realität haben – der zitierte Autor schreibt Lokal-Krimis, für die Realitätsnähe ein nicht unwichtiges Kriterium ist -, dennoch möchte ich aus meiner Perspektive vehement widersprechen.

Meine Haltung zur Realität ist eine gänzlich andere. Die Realität steht in meinen Augen immer schon zur Disposition; sie ist ein Angebot, das du nützen oder lassen kannst. Das für mich wichtige Momentum beim Schreiben war für mich immer schon der Möglichkeitssinn; ich empfinde diesen Sinn immer wieder als befreiend, weil er Auswege und vor allem Umwege und Anderspfade findet und schafft. Als Autor habe ich nicht das Bedürfnis, das, was ist, zu schildern, sondern das, was sein könnte (sollte?).

Gewiss ist das in vielerlei Hinsicht auch die Absicht und die Haltung des oben erwähnten Autors. Doch in letzter Konsequenz sollen seine Romane und Erzählungen eine «glaubwürdige Realität» beschreiben, die einen Wiedererkennungswert hat; die Leserin soll das Gefühl haben, «genauso ist es, genauso sieht es aus».

Eine ähnliche Haltung kann der Autor auch mit Bezug auf die Sprache einnehmen. So redet Pedro Lenz einmal von einer «Realitätsillusion»; er meint damit, dass seine Sprache erkennbar die Sprache der Menschen einer Sprachregion sein soll, – die Leser dieser Sprachregion seine Sprache somit als glaubwürdig empfinden sollen.

Für mich als Lyriker ist Sprache ein zuerst unwillkürliches, dann willkürliches und letztlich unzuverlässiges Instrument. Ich habe schon mehrmals darüber geschrieben, wie wichtig es für ihren «Beherrscher» ist, in den wichtigen, den ausschlaggebenden Momenten eines Gedichts «das Heft aus der Hand zu geben»: selbst zum Instrument der Sprache zu werden, sich bedienen, behändigen zu lassen. Ich subsumiere diese Haltung jeweils unter Rimbauds «Je est un autre». Damit meine ich: Wenn du mit Sprache schaffst, bist du ihr immer auch ausgeliefert.

Das sage ich als Lyriker, der sich weder der Realität noch der Glaubwürdigkeit in besonderem Masse verpflichtet fühlt.

Diese Haltung bringe ich in meine Rolle als Prosaiker ein: Ich glaube daran, dass eine Realität, im besten Fall sogar eine «Welt», erschaffen werden kann. Als leidenschaftlicher Sci-Fi- und Fantasy-Leser glaube ich auch daran, dass ich mich nicht notwendigerweise an die Gesetze menschlicher Psychologie oder an die Regeln der Physik halten muss, dass selbst der Determinismus der Evolutionswissenschaft mit Methoden und Mechanismen an die Hand gibt, neue Lebensformen zu schaffen. (Darin ist für mich China Miéville ein grosses Vorbild. Man denke nur an die «Geier-Menschen» namens Garuda in seiner Trilogie (Perdido Street Station, The Scar, The Iron Council) oder an die «glucliche», fledermausähnliche Hyänen der Lüfte…)

Und was die Realität einer solchen «Un-Realität» betrifft, berufe ich mich gerne auf einen Ausspruch von C.F. Ramuz, der wiederum mit der Macht der Sprache zu tun hat: «Der Baum ist erst da, wenn du ihn gesagt hast.» (Auf das Eingangszitat angewendet: «Die Laterne ist da, wenn du sie sagst.»)

Ich wünschte mir also für Schreibende mehr Glauben in die Kraft der Sprache, des Worts. Um mit Lao Tse in der Übersetzung von Balts Nill zu sprechen:

«Wortlos de aafang vo himel u ärde / ds wort weckt zähtuusig wäse.»

Wie Romane heranreifen

Seit ich schreibe, bin ich zum Unmittelbaren, Plötzlichen und Unveränderbar-Endgültigen hingezogen. Dieses finde ich in meinem Alltag, in meinen „Geist“-Momenten, in Gesprächen, Büchern, Spaziergängen, in aufgeschnappten Worten, die noch nicht durch die Mangel des Erinnerns und Hinterdenkens gedreht wurden. Als Lyriker hänge ich an dem Unhintergehbaren eines Worts oder Satzes, das mir ein- oder aufgefallen ist, und das ich sofort bemüht bin, in einem Gedicht zu ehren. Und in einem Gedicht will ich diese Momente bannen und noch zuckend bewahren. Ich verstehe zwar den Sinn des Überarbeitens von Texten, aber verstehe meine Texte als endgültig in dem Augenblick, da sie mein Kugelschreiber auf das Papier gewunden hat (denn Gedichte müssen aufs Papier, nicht auf den Bildschirm). Selbst wenn es mir nicht mehr gelingt, die Entscheidungen in einem Gedicht zu rechtfertigen (Adjektive, Metaphern, etc.), ich halte an ihnen fest, denn sie hatten in ihrem Entstehungsmoment ihre Berechtigung, kamen genau dorthin, wo ich sie gebraucht habe, bestanden auf ihrem Recht.
Und ich weiss noch etwas: Reifung geschieht nicht durch Arbeit, sondern durch Erfahrung. Gedichte und Prosa reifen lange heran, bis ich bereit bin, sie zu schreiben; reifen heran, damit ich bereit bin, sie zu schreiben. Ohne Geduld und wiederholtes Versuchen wird kein gutes Gedicht, kein guter Text gelingen. (So möchte ich diesen Text, der hier entsteht, schon mindestens ein halbes Jahr schreiben, aber erst heute wage ich mich daran, weil ich um sein Gelingen zu wissen glaube.)
Seit bald 21 Jahren schleppe ich ein immer grösser werdendes Paket von Texten, Ideen und, ja, „Welten“ mit mir herum. Ich habe diese Welten (jetzt ganz mutig und zuversichtlich ohne die Anführungszeichen geschrieben) immer wieder „angefangen zu schreiben“, immer wieder mich damit abgemüht, ihnen Stimme und Gestalt zu geben. Ja, ich habe sogar ein ganzes Jahr meines Schreibens für einen Roman aufgewandt, den ich bis auf das letzte Kapitel geschrieben habe. Das war vor 3 Jahren, der Roman wird seinen Titel immer tragen, „Jetzt kannst du nicht einmal mehr sprechen“. Er wird immer meiner Tochter gewidmet sein – wie vermutlich die ganzen Romane, die ich nun schreiben werde. Sie drehen sich alle um die Suche nach einer geliebten, vermeintlich oder wirklich verlorenen Person, der Tochter. Und dieses Gefühl des Verlustes ist mein vielleicht persönlichstes Gefühl: in meiner schwierigsten Lebenslage habe ich gelitten unter diesem Verlust, auch im Wissen darum, wie sehr meine Tochter darunter gelitten hat. Aber das nur nebenbei. In keinem der Romane wird die Tochter je gefunden werden…
Seither – seit 2021 – habe ich zwei grosse Gedichtzyklen geschrieben (Ginkakuji-Variationen, Psalmen für Saul) und den ersten Teil einer 7-teiligen Gedichte-Zyklus (Herbstlied in Hochwasser und Hunger, Teil der Serie Etwas lügen). Ich verstehe inzwischen (noch) viel besser, dass alles Schreiben „Dranbleiben“ ist: Ausdauer, Geduld und „Zuversicht“. (Mit Zuversicht meine ich eine eigenartige Mischung von Gutmütigkeit und Toleranz gegebenüber den eigenen Schwächen, kombiniert mit einer positiven Einstellung gegenüber dem Scheitern und der Selbst-Wertschätzung in solchen Momenten des Scheiterns, die die schreibende Person ermächtigt, „einfach weiterzumachen“.)
Vor einigen Monaten (im Februar?) habe ich mich in einen neuen Roman gestürzt. Ich habe dabei alle inneren und äusseren Zurufe ignoriert, die meinten: „Jetzt schreibe doch erst mal die andern angefangenen Romane fertig!“ …
Denn das Bild, das Gefühl, der Zustand, der am Anfang dieses Romans steht, wurde so dringlich, dass es „geschrieben werden musste“. Im Schreiben habe ich gemerkt, dass es eine Art „Urszene“, ein „Urzustand“ ist. Und dass die ganzen Romane, die mich wartend und geduldig bedrängen, alles „Ausfaltungen“ dieses Urgefühls sein werden.
Diesen Urzustand zu beschreiben, ist gar nicht so einfach. Es handelt sich dabei um eine Mischung aus Verzweiflung und Verlorenheit, aus tiefer Depression, aus der allein eine Neukonstruktion des eigenen Selbst, der eigenen Person stattfinden kann. Eine Art Big Bang der Person. Alle meine Gedichte drehen sich vermutlich darum. Alle meine Romane auch. Es ist ebenso ein Zustand der grossen Selbst- wie der grossen Weltverstrickung – im gleichen Augenblick auch ein Zustand des Abhandenkommens der Person sowie des Abhandenkommens der Welt. Die Verzweiflung in diesem Zustand ist so gross, dass sie in Zuversicht übergeht. Die Verlorenheit in diesem Zustand ist so mächtig, dass sie allein in der Gefundenheit münden kann. Aber die Gefundenheit ist letztlich unverfügbar, genauso die Zuversicht.
Mit diesem Roman (Von keinerlei Bedeutung) wurde mir auf einmal klar, wie alle die andern Romane und Romanentwürfe zusammenhängen. Erstmals konnte ich das Netz erahnen, dann erkennen. Es machte mich glücklich, dies erleben zu dürfen. Auch wenn meine Lebenszeit vielleicht nicht reicht, dieses riesige Netz fertig weben zu können, so trage ich es doch bis ans Ende meiner Tage mit mir herum.
Und zum ersten Mal gelingt mir seither eine Sprache, die poetisch ist. Eine Sprache, die zurückgenommen ist. Eine Sprache, die ausufern kann. Ich will es nicht beschwören, aber ich habe das Gefühl, in diesen vier Monaten etwas gefunden zu haben, worauf ich mich seit etwa 2015 / 2016 in der Lyrik stützen kann: eine eigene Stimme.
Aber das wäre nicht möglich ohne das Vertrauen in all diese Reifungsprozesse. Ich bin dankbar, dass ich dies erleben darf. Ich erlebe es, weil ich „drangeblieben“ bin. Was für ein schönes Gefühl.

Ein Gedicht schreiben: Jäger und Sammler

Nach fast 30 Jahren des Schreibens von Gedichten habe ich weder Hemmungen noch überzogene Vorstellungen von meinen Fähigkeiten mehr. Die Hemmungen schwanden zuerst, die Illusionen fielen zuletzt. Jetzt bin ich nur noch Jäger und Sammler.

Meine Vorstellungskraft, so habe ich begriffen, war immer schon eine Kraft, die sucht und findet: eine Antenne für Aussergewöhnliches, Ungleiches, Mankos und Umwege, semantische Krawalle, assoziative Abirrungen.

Antenne ist ein gutes Wort: ein Fühler, ein Spürer. Imagination besass ich immer nur in Massen, auf Anstoss hin, auf Eingabe und Zufall. Doch wenn die Spürnase einmal Lunte gerochen hatte, folgte sie der Spur über weite Strecken, einige Male auch bis an ihr Ende.

Ich lernte Fruchtstände, Stempel und Staubblätter, Fürchte und Fransen erkennen. Und wie in meiner Jugend, als ich mich in der Taxonomie verrannte, hatte ich eine Neigung zum Kompilieren, zum Zusammentragen alles dessen, was fehl am Platze wäre in einem Gedicht, das nur erfunden ist. Ich war ein wachsendes, wandelndes Kuriositätenkabinett.

Und während ich in meiner Jugend den wundervollen Vers von MCSolaar aus «Superstarr» für einen blossen, aber treffenden Spruch gehalten hatte – «je m’aperçois qu’en fait tu jalouses ta bibliothèque» -, so weiss ich inzwischen um seinen ironischen Wahrheitsgehalt und wende diesen Vers auf mich selbst sehr gerne an. Nichts geht über eine gute Bibliothek, das wusste schon Mr. Darcy…

Heute also konzentriere ich mich ganz darauf, auf meine liebsten Themen zu setzen, sie immer wieder aufzunehmen und zu erweitern, sie weiter zu treiben bis dorthin, wo noch niemand zu sein scheint. Ich sammele und lege alles pele-mele in den Beutel meiner Gedichte. Ich jage unerschrocken den unscharfen, minderbemittelten Gespinsten meiner Ideen nach, und wenn ich sie eingefangen habe im Netz meiner singenden Assoziationen , Anspielungen, Zitate und Eigenwesen, dann sauge ich sie gnadenlos bis zum Mark leer.

Und als Jäger und Sammler gibt es nur noch wenige, kaum geschätzte, aber desto notwendigere Fähigkeiten, auf die nicht zu verzichten ist: Ausdauer und Geduld, Aufmerksamkeit und Wanderlust, Entbehrungsbereitschaft und Liebe zur Abgeschiedenheit.

Und über diese verfüge ich inzwischen zur Genüge.

Bild eines Schädels von Australopithecus afarensis benutzt gemäss ShareAlike-Lizenz.

Ein Gedicht schreiben: Die Kürze eines Moments oder Der lange Atem?

Ein Gedicht trägt in seinem Kern den einen (manchmal den auslösenden) Moment in sich. Es ist ganz auf diesen ausgerichtet. Das Gedicht versucht ihn weder zu beschreiben noch zu erklären und vertiefen. Das Gedicht versucht diesen Augenblick zu sagen; ihn vielleicht zu verewigen. Will es etwas anderes, hat es gar eine Absicht oder (noch schlimmer) eine Botschaft, dann ist es eine Lüge.

Eine Kurzgeschichte oder eine Novelle dagegen nimmt diesen Moment, dieses kurze Geschehen in der Zeit, und spinnt ihn in eine Abfolge von Handlungen, verschafft ihm eine menschliche, weltliche Breite und Einbettung. Eine Kurzgeschichte liefert Kontext.

Ein Roman wiederum – das ist der lange Atem. Ein Puppenspiel ist das – und du hältst nicht nur die geschaffenen Figuren mit der rechten Hand im Spiel und lebensecht, sondern wiegst mit der anderen Hand die Kürze der Momente gegeneinander ab. Immerhin ergibt sich aus diesem kontinuierlichen Hintereinander von Momenten die Geschichte. Vielleicht sogar das Leben…

Stell dir vor, du würdest an jedem Ereignis im Lauf deines Tages festhängen wie an einem Gedicht, wie in einem Gedicht. Wäre das nicht furchtbar? Das wäre wie das Waten durch den Lungenschleim.

Alle diese Momente sammeln sich also zu einer Geschichte, zu einem Leben. Sie müssen gewichtet und gerichtet werden. Und mehr noch als die Kurzgeschichte oder die Novelle ist die Aufgabe des Romans das Kontextualisieren: Das mähliche Fortschreiten als ein Gleiten, nicht als ein Stocken und Stolpern, sichtbar und lesbar zu machen. In dieser Konstruktion eines Gesamt-Kontextes, einer Gesamt-Schau ist der Roman zwar eine Lüge, aber eine Lüge, die sich um Wahrheit bemüht.

Lüge ist der Roman nicht nur deshalb, weil er im Gegensatz zum Gedicht eine Aussage und (mehr noch) eine Aufgabe hat. Er ist in meinen Augen eine Lüge – und hier wage ich mich auf meine intellektuellen Äste hinaus, – weil eine Geschichte immer vorgibt, den Überblick zu haben oder wenigstens zu halten. Wenn eine Geschichte noch zudem die vorherrschende Tyrannei der Autor*in nicht offenbart, wie sie in den meisten Gedichten niemals herrschen wird, dann ist die Lüge schon Betrug geworden.

Ich schreibe diese Überlegungen hier vielleicht aus dem Bedürfnis, um mir eine Ausrede für meine bisher mangelnde Ausdauer einerseits und für meine bisherige Unfähigkeit des Zusammenhaltens andererseits zu (er)finden. Als möglicher Romanautor soll und muss ich diese Punkte einordnen, einbetten, in eine Perlenkette drehen. Ich soll und muss vorgeben, den Anfangs- und Endpunkt meiner Geschichte zu kennen, ja einen Plan zu haben für alle diese gewichteten, gerichteten Ereignisse, zumindest einen Weg oder eine Wegstrecke im Auge zu haben. (Dabei gilt es auch, die alltäglichen Seiten einer Handlung aufzuzählen, wie ich mich bereits in einem anderen Blogartikel beklagt habe.)

Doch empfinde ich so? Verstehe ich das Leben so? Als zusammenhängende, kohärente und in sich stimmende und stimmige Geschichte?

Mitnichten. Wie soll ich die einzelnen Ausschläge der Gefühlsnadel denn bewerten, ohne sie abzuwerten? Ist das Schnüren eines Schuhs wirklich weniger wichtig als der erste Kuss?

Aber es ist ja gut: Ich weiss, wohin ich gehöre: Zum Schnüren des Schuhs oder zum Flug der Wolke, die aufzeigen, wie der erste Kuss werden könnte.

Ein Gedicht schreiben: Ostinato

Musik lässt sich als eine Form oder Entsprechung von Zeit lesen.
Ein deutlicher Anfang; wenn auch manchmal fast zögernd, flüsternd, sehr leise (Sibelius‘ Violinkonzert). Eine ausführliche, von Durchführung(en) und Fortführung(en) geprägte „Mitte“, die mit den Anfang zusammenhängt, aus ihm entspringt – und in das Ende zeigt, führt, das eine Bilanz, eine nochmalige Ver- und Aufarbeitung der musikalischen Ideen und Motive erfordert?, verlangt?, bedingt?
Ein Widerspruch zu diesem Verständnis von Musik oder diesen Erwartungen an Musik (oder Zeit) ist das musikalische Motiv des Ostinato: eine musikalische Figur wird immer wieder, wenn auch moduliert, minim verändert oder verschoben, wiederholt; ad libitum, da capo, ad infinitum.
Man sagt, Sibelius habe deswegen seine 8. Symphonie nicht fertigschreiben können, weil ihm sich genau diese Form immer wieder aufgedrängt habe. (Denke an Tapiola, das aus einem fast unendlichen Ostinato besteht, an Finlandia.)
Vor diesem Hintergrund scheint sich Sibelius eine andere Form von Musik (oder Zeit) angeboten zu haben: eine diskontinuierliche, eine stockende, eine nichtlineare. Diese Zeit (oder Musik) würde es ermöglichen, aus der Geraden, dem Endlichen, dem Gerichteten in einen Kreislauf auszubrechen, der keinen Zwecken und Erwartungen mehr zu gehorchen verpflichtet ist.
Je länger ich schreibe, umso klarer wird mir diese Notwendigkeit, „in einen Kreislauf auszubrechen“. Denn nicht nur ist das zeitliche Leben selbst unzähligen Repetitionen unterworfen (Schlafen, Essen, Zähneputzen, Duschen, Lachen, Weinen…), auch die Welt, die Natur verläuft in einem Kreislauf (Jahreszeiten als schönstes Beispiel). Mein Bemühen wird es also zunehmend sein, diesen Kreislauf mit Ostinato-Formen zu spiegeln und „einzufangen“.
Wie das die Musik schon kann, die Lyrik schon geübt, aber noch nicht genügend zugespitzt hat.

Ein Gedicht schreiben: Moderne Kunst?

(Mit Dank an otrags für das Bild.)

Anlässlich der Vernissage meines jüngsten Gedichtbandes machte mir mein Freund, dem ich den Band gewidmet habe, ein starkes Kompliment. Auch wenn ich mir nicht sicher bin, ob ich es im Augenblick richtig gehört und richtig verstanden habe, denn in  jenem Moment war ich noch ganz im Rausch aus Angst, Nervosität und stolzer Begeisterung über das Vollbrachte, so will ich das, was ich hauptsächlich davon verstanden und mitgenommen habe, so formulieren: Nach langer Beschäftigung mit moderner Kunst habe er oft noch seine liebe Mühe damit; das Verstehen, Einordnen, Einschätzen falle ihm schwer wie den meisten; für ihn seien meine Gedichte gerade vor diesem Hintergrund interessant, weil sie ähnlich kompromisslos auf ihrem Daseinsrecht beständen wie viele moderne Kunstwerke, ähnlich kompromisslos unverständlich – in einer Form von Widerstand oder bewusster Verweigerung gewohnter Sichtweisen und überkommener Lesarten und -gewohnheiten; dass ich in dieser trotzigen, auf das Eigene, den eigenen Weg beharrenden Art lebe und schaffe, sei für ihn immer wieder ein Ansporn, sich der modernen Kunst und auch meinen Gedichten und Texten offen und bereit zu nähern. (Ich will es nochmals sagen: Es kann durchaus sein, dass ich das Kompliment meines Freundes ganz falsch verstanden und aufgenommen habe – und ich es hier also verzerrt und verfälscht präsentiere; wie das so oft mit an mich gerichteten Botschaften passiert.)

Dieses Kompliment kreuzt nun mit meinem poetologischen Nachdenken, das von einer nicht gesuchten Kritik angestossen wurde, die Klingen. Diese Kritik hat mir als Lyriker nahezulegen versucht, wenn ich auf mehr Anerkennung stossen möchte, bekannter und gelesener werden möchte, sollte ich meine Art zu schreiben ändern. Genauer: ich solle zugänglicher, verständlicher, dem Alltag und Empfinden der Lesenden näher schreiben; eine Sprache und eine Form finden, die gehört, verstanden, eingeordnet und geschätzt werden könne. Es ist dies ein Ratschlag, den ich schon zu oft gehört habe, um ihn noch wahrnehmen (vergessen denn annehmen) zu können.

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In diesen Texten lerne ich verarbeiten und annehmen, wer ich als Lyriker bin. Nichts im Leben scheint mir dabei schlimmer als fehlende Selbstreflektion. Seit meinen ersten ernsthaften Anfängen vor 30 Jahren habe ich immer wieder versucht, meine Poetik zu verstehen und in kurzen Texten darzustellen und zu erfassen. Dabei haben mich drei Gefühle immer begleitet: Trotz, Wut und Scham.

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Beschämung und Bescheidenheit

Fast jede meiner Lesungen vor nicht-lyrik-affinenem Publikum endet in einem Gefühl der Scham.

Scham darüber, dass meine Gedichte ein weiteres Mal auf anscheinend taube Ohren und von stereotypen Erwartungen verstockte Herzen gestossen sind.

Ich fühle mich über die immer gleichen Bemerkungen – «das ist doch kein Gedicht», «ich habe nichts verstanden» – und wohlgemeinten Anregungen – «vielleicht solltest du einfacher schreiben», «in deinen Gedichten sind einfach zu viele Bilder» – entwürdigt  und erneut in eine Ecke gewiesen, aus der ich doch gerade, allen meinen Mut zusammennehmend, herausgetreten bin.

Nach der erste Erschütterung jedoch erkenne ich, dass ich kein Recht habe, meinen Gedichten solch einen Verrat anzutun. Wie andere, zugänglichere Gedichte haben sie eine Lebensberechtigung. Denn aufgrund ihres inneren Reichtums sehe ich meine Gedichte durchaus als Lebewesen an; jedes Mal, wenn ich frisch an eines herantrete, erweist es sich als verändert, weist eine neue Gestalt und Tragweite auf, zeigt seine mächtige Sprach- und Spannkraft.

So trete ich aus meiner Scham zurück in meine Bescheidenheit, in meine Demut. Ich wechsle vielleicht die Ecke, in der ich zuvor gekauert und gedichtet habe, aber nicht meinen Eifer und meine Versessenheit: Dranbleiben, dranbleiben, dranbleiben.

In dieser Bescheidenheit kann ich gut leben, genährt von der Scham: Nichts kommt zwischen mich und meine Sprachkunst, nur der strenge innere Richter kanzelt mich ab, wenn ich mich gehen lasse oder zu wenig konsequent bin.

Geduld und Wut

Zurück in meiner engen Kammer, die ich mit meinen Kugelschreibern weite, hat sich mein Gefühl verändert. Unbändig bäumt sich in mir die Kreativität, die Schaffenskraft und Schaffensfreude auf. Mit Beharrlichkeit horche ich auf diese Wut, die eine Wut aus Ohnmacht ist – die schönste Art von Wut.

Ein Zorn auch auf diesen Drang zum Schreiben. Er ist der Brunnen der Gedichte, der mich flutet. Murmelnd und schnaufend überquillt er noch stärker als zuvor.

Doch grundlegend ist die Wut über die Enge und Genormtheit dieser Welt, in die hineinzuschreiben ich mich bemühe – wohl wissend, dass ich sie niemals werde überschreiben können, vielleicht aber manchmal betäuben.

Als ich vor Jahrzehnten zu schreiben begann, war es mein erklärter Wunsch, mit einer ganz und gar eigenen Stimme die menschliche Erfahrung auszudrücken. Denn keine der Stimmen, die ich sonst vernahm in der literarischen Welt, sprach es so aus, wie ich es sagen würde. Das war mein allererster Antrieb.

Heute habe ich diese Stimme gefunden, geschaffen, ausgearbeitet – eine deutliche, eine unverwechselbare Stimme; sie ist die Frucht meines geduldigen, gehüteten Zorns, der immer wieder auf Anlässe stösst wie ein Irrender in einem Spiegelkabinett, – der immer wieder Gründe und Atemwege suchen muss, wie mit den Leiden und Lasten menschlichen Empfindens und Erlebens umzugehen, mit den eigenen Schwächen und Stärken hauszuhalten ist.

Trotz und Widerstand

Mit diesen beiden Bewegungen verbindet sich der tief in mir sitzende Trotz, Scheu und Abscheu in einem, gleichzeitig Verneinung und Entgegnung, aus dem heraus meine unverwechselbare Stimme stöhnt und schreit.

Wie ich mein Leben nicht nach den herkömmlichen Erwartungen und Vorstellungen leben, nicht dem Mammon Erfolg und dem Moloch Konsumismus opfern, keinen Besitz anhäufen und das Gute im Überfluss und in der weltschädigenden narzisstischen Machbarkeit suchen möchte, – so will ich auch mein Schreiben in Klarheit und Freiheit, in Kargheit und Armut, in Authentizität und Treue gegen diese Welt richten: ihr eine Sprache, ihr eine Kreativität entgegenhalten, die nicht nur ihre Abgründe, sondern auch ihre Möglichkeitsräume offenbart – und letztere sind keinesfalls mit den Machbarkeitsräumen von Wissenschaft und freiem Markt kompatibel…

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Das Kompliment meines Freundes, mit de mich diesen Text begonnen habe, ist vor dem Hintergrund dieser Überlegungen und Deklarationen mehr als ein Ansporn: es wird zu einem Auftrag.

Wie die moderne Kunst für viele Menschen eine unverständliche, verschlossene und verunsichernd-herausfordernde Kommunikationsform ist, die aber laut und deutlich «anti» sprechen und meinen kann, so will ich nun auch meine Texte mit einem neuen Selbstbewusstsein schreiben: eine eigene, von mir selbst geschaffene und verfochtene Kunstform, die sich immer radikaler auf neue Sprachwelten einlässt, um sie wie ein Antidot als Bereicherung und Befremdung in die verstandene, genormte und machbare Welt einzuspeisen – dieser Welt aus meiner Kreativität jene Möglichkeitsräume einzuschreiben, die mir in ihr immer fehlen werden.