Jahresrückblick 2025

Wenn du schreibst, ist jedes Jahr ein Scharnier-Jahr. Manchmal geschieht vieles in kleinen Schritten; in Tritten und Stufen, die du scheinbar mühelos überwindest. Hin und wieder aber gibt es diese Momente in deinem schöpferischen Prozess, die dich unverhofft viel weitertragen.

Das vergangene Jahr ist reich an solchen Momenten. Sie geben mir Zuversicht, „dranzubleiben“, „weiterzumachen“.

Das Jahr 2025 beginnt eigentlich schon im Dezember 2024. Im Schreiben eines (erfolglosen) Antrags an die Literaturkommission beider Basel habe ich mehrere Dinge erlebt oder festgestellt. Davon will ich nur zwei erwähnen: Ich kann geduldig und ausdauernd an der Verbesserung eines Texts arbeiten, der eine vielköpfige Jury anzusprechen hat; ich erkenne, wie reich meine literarische Erfahrung schon ist, indem ich einen literarischen Lebenslauf erstelle. Mit diesem Bewusstsein starte ich ins Jahr: Ich bin ein Autor, mein Talent ist die Sprache, das Erzählen. – Ich werde im Lauf des Jahrs weitere Anträge stellen; den letzten wiederum diesen Dezember 2025 – für den aktuellen Roman „Nagelprobe“.

Ausdauer und Geduld auch mit meiner ersten Novelle. „Ne me quitte pas“ heisst sie nach einem von Brels berühmtesten Liedern. Es handelt sich dabei im buchstäblichen Sinne um Autofiktion: ich schildere (nicht zum ersten Mal) meine erste, unerwiderte Liebe. In dieser Geschichte, die ich gerne im Frühjahr 2026 publizieren möchte, verwebe ich drei verschiedene Ebenen miteinander – und verneige mich vor meinen grossen Vorbildern Dazai und Ramuz: Dazais Geschichte «Hundert Ansichten des Fuji-sama» spiegle ich in einer Rahmenhandlung, in der das «erzählende Ich» zusammen mit einem Freund just im Restaurant / Gasthaus «Tenka Chaya» auf dem Misaka-Pass wohnt; Ramuz’ Ehrlichkeit spiegle ich in der Liebeserzählung: einfache Sätze, nachdenklicher Ton; meiner derzeitige Liebe zu Isekai-Mangas und -Animes gebe ich nach, indem ich die Liebeserzählung mit drei Geschichten aus «Anderwelten» verflechte, die sich alle um gelungene oder misslungene Liebesbeziehungen drehen.

Ein weiterer Meilenstein ist mein ONO-Auftritt im Februar 2025. Im Rahmen des dortigen Lese-Sessels trage ich meinen ersten Prosatext überhaupt vor Publikum vor, bei dem es sich zudem noch um eine Sex-Szene handelt.

Aus meiner intensiven Beschäftigung mit dem Yijing und dem Taoismus entsteht im Laufe des Frühjahrs 2025 ein neuer Zyklus. Wie er heissen wird, ist derzeit noch nicht klar. Ich stelle den Zyklus im Mai 2025 fertig. Es handelt sich dabei um 64 Sechszeiler, 14 Vierzeiler und 2 Langgedichte, die in einer komplexen Struktur miteinander verflochten sind. Das Herz des Zyklus sind die 64 Sechszeiler, die von den 64 Orakel-Tetragrammen inspiriert sind, sie spiegeln und erweitern.

Dieser Gedichtzyklus ist für mich ein riesiger Fort-Schritt. Ich gebe darin meinem Bedürfnis nach, die Sprache hinter mir zu lassen. Dabei missachte ich sowohl die Semantik als auch die Grammatik. Wörter ersetzen Sätze, Wörter werden Dinge. In einer extremen Dichte komprimiere ich Weltsicht und Weltgefühl. So sehr, dass es sich dabei fast um eine Geheimschrift handelt. Ich bin sehr neugierig, wie ich diese Gedichte vortragen werde!

Aus einem Traum geboren, entsteht seit Juni ein neuer Roman. Er trug zuerst nur den Titel «Engadiner Roman», heisst inzwischen offiziell «Nagelprobe». Seine Entstehung, sein «zu-mir-kommen» hat mich überrascht. Die Dringlichkeit, diesen Anfangsimpuls umzusetzen, war sehr hoch. Im Gegensatz zu meinen bisherigen Romanen wie «Von keinerlei Bedeutung» finde ich von Beginn weg eine belletristische, einfache Stimme – und ironisiere das eigene Leben, in dem ich dem Ich-Erzähler meinen Namen gebe. Überhaupt: dass ich nach «Jetzt kannst du nicht einmal mehr sprechen» (2023/24), in dem ich just am Ich-Erzähler gescheitert bin, «aus heiteren Himmel» einen neuen Versuch starte, der diesmal gelingt, beglückt mich sehr. Dieser Roman nimmt meine Schreibzeit den Rest des Jahrs fast ganz in Anspruch. Derzeit befinde ich mich im 24. Kapitel, ungefähr auf Seite 170.

Parallel zur täglichen Schreibarbeit am Roman überarbeite ich lange schon lektorierte Gedichte, die aus den Jahren 2016 und 2017 stammen. Ich hatte sie vergessen oder verdrängt, entdecke sie im Herbst 2025 neu. Daraus entsteht mein Gedichtband im Eigenverlag namens «Es ist soweit», den ich im Oktober anlässlich von «Züri liest» präsentiere. – Die Gedichte erweisen sich als wirksam, als stark. Erstmals trage ich sie auswendig und frei vor. Ich fühle mich ermächtigt und stark. Die Rückmeldungen überzeugen mich nachträglich davon, dass die Publikation eine gute Entscheidung war. – Eine zweite Lesung im ONO-Lesesessel im Dezember bestätigt meinen Eindruck. Die Gedichte sind gute Gedichte.

Von diesem Erfolg angespornt, nehme ich einen alten Gedichtzyklus wieder hervor. «Meine russischen Verse» ist in meinen Augen eine Sammlung von 134 «Jugendgedichten». Ich nennen sie hier «Jugendgedichte», weil sie eine Vorstufe zu meiner «erwachsenen» Phase darstellen, die mit «Jahr dazwischen» (2017) beginnt. Diese «Jugendgedichte» stammen aus den Jahren 2004-2011. – In einer radikalen «Relecture» lese ich einen Satz pro Gedicht heraus; Sätze, die mir auch heute noch gut und wichtig scheinen. In einem weiteren Schritt wähle ich je 10 Sätze für ein komprimiertes Langgedicht aus; so entstehen 13 Langgedichte. Ich gebe ihnen den vorläufigen Titel «Wiederaufbereitungsanlage». Ich befinde mich derzeit in der Überarbeitungsphase dieses Gedichtzyklus.

Angestossen vom Austausch mit meinem Mentor (wie ich ihn bei mir nenne) Thomas Kunst beginne ich in der persönlich schwierigsten Zeit meines Jahres, im Dezember, im Kriseninterventionszentrum der UPK mit einem ersten Sonettenkranz. Diese 14 resp. 15 Sonette drücken meine Gedanken aus, die ich im Austausch mit Thomas gewonnen habe. Es ist eine Art Beschwörung der Demut und Einfachheit. Der Titel dieses Gedichts ist «Lass es sein». – Und wie häufig in solchen Fällen, löst dieser erste Versuch weitere aus: diese Woche beginne ich mit einem weiteren Sonettenkranz, den ich vorerst «Weihnachtssonette» nenne. Der Impuls stammt aus Geschichten von Silja Walter, die mich in ihrer biblischen, bildhaft-konkreten Sprache unglaublich gepackt haben – eine unbedingte Lese-Empfehlung, eine Wieder-Entdeckung für mich.

Und jetzt bin ich wieder am Warten: am 15. Dezember habe ich fristgerecht meinen dritten Antrag in Folge bei der Literaturkommission beider Basel eingereicht. Ich habe einen Werkbeitrag von 12’000 Franken beantragt, was mir eine dreimonatige Schreib-Auszeit ermöglichen würde. Mal schauen, ob die Jury diesmal erkennt, dass hier jemand schreibt, der gefördert werden sollte. Daumen drücken ist angesagt!

Was bringt das nächste Jahr?

Wenn nicht den Werkbeitrag, so sicher das Ende des Romans „Nagelprobe“ (April 2026). Danach steht Überarbeitung an. Und natürlich weitere Geschichten: einige warten schon länger auf ihre Entstehung! So eine Geschichte über die Rückkehr eines Schweizer Söldners in sein Heimatdorf. Die Geschichte ist nur in Dialogform gehalten, fast ein Theaterstück; sie spielt im späten 17. Jahrhundert.

Was lyrisch passieren wird, ist derzeit noch nicht klar. Ein Zyklus ist nicht in Planung, meine Prosa-Arbeit braucht aktuell alle meine Schreibzeit auf.

Sicher aber sind einige Publikationen und hoffentlich damit verbundene Auftritte: der „Yijing-Zyklus“ und die „Wiederaufbereitungsanlage“ sollten im Frühjahr bzw. Herbst wiederum im Eigenverlag publiziert werden; ich hoffe auch, die Novelle „Ne me quitte pas“ im Frühjahr zu publizieren.

Liebes-Szene

Dann streiften wir uns die Fetzenreste unserer Kleider ab und stiegen in den Moorsee hinein. Schnell wird es tief, wir müssen schwimmen. Vom Wasser aus ist die Richtung schwer zu bestimmen. Wenn wir Wasser treten, um uns zu orientieren, fahren unsere Beine in die kalten Wasserschichten des Sees, während unsere Brüste im wärmlichen Wasser der Oberfläche baden. Wenn man das Wasser schluckte, schmeckte es sehr leise nach öliger Baumrinde. Endlich haben wir wieder schlammig-wegsinkenden Grund. Auch unsere Leiber sind schwarz und klebrig vom See. Einige Zeit stehen wir keuchend und schmunzelnd auf dem Ufer. In dieser Zeitspanne hebt sich die Sonne hinter den letzten Bäumen des Waldes hervor, saugte mächtig am Sumpf und am Nebel. Mit der Sonne steigen hinter uns Geräusche auf wie Libellen. Doch ist in unserem Rücken nichts zu sehen ausser den Espen des Mooses, ausser dem feuchten leeren Horizont. Es sind fröhliche Kinderschreie, die von dort herüberklingen; manchmal auch ein Platschen oder der klatschende Lauf von nackten Füssen, die Stimme einer wachsamen Mutter. Ich glaube fast, auch meinen Namen zu hören: «Fritz! Frie-drich!» Doch musste ich mich getäuscht haben, denn auf Nelies schwarzem Gesicht zeichnete sich Freude ab. Sie wandte sich mir mit einem weissen Lachen in der schwarzen unteren Gesichtshälfte zu und sagte: «Hörst du? Sie ruofen uns schon!» Alle meine Haare standen zu Berg, als mich Nelie am Unterarm erfasst und zu sich heranzieht. Um mich her heben viele Espen ihre vielfachen Hände im plötzlichen lauen Wind, die Äste klappern wie abgenagte Nagerknochen, eine Begeisterung wie Mondschein, und die Sonne schleift ihren überhitzten Körper durch das vielarmig knisternde Moos. An meinen Haaren zupft das Stimmchen des Windes, kalt wie Draht. Das Lied der Espen sirrt durch meine Muskeln und schiesst in meine Nerven. Kurz streift mich Übelkeit. Die Mutter ihres Liedes kommt noch näher, kommt mir entgegen aus nächster Nähe wie von weit her. Sie berührte mich mit ihren Brüsten, stiess mich mit ihren Hüften leicht zurück. Umhüllt von ihrem stechenden Geruch schloss ich die Augen, stolperte einen oder zwei Schritte zurück, meine Füsse im elektrischen Drahtgewirr, das kleine Stösse in meine Schenkel schickt. Ihre Hand hält leicht und bestimmt meine Hoden wie trockene Pflaumen. Birnenhart drücken mich ihre Brüste. Aus dem Dorngestrüpp meines Bauches steigt mein Glied herauf mit seinem kirschenroten Auge. Meine Hände halten ihre anderen Wangen. Sie sind so kühl und schwer. Sie passen genau in die Schalen meiner Hände. Sie gurrt, ihre Augen haben ein Herbstgrau. Die Schreie unserer künftigen Kinder branden um uns auf wie Spatzen aus einer Hecke. Dann sagt sie etwas zu meiner Halsschlagader. Während ich mein Glied an den afrikafarbenen Erdhügel ihres Bauches presse, fallen wir ins Moos, das von Leben himmelt. Ihre Wärme auf meinem Bauch. Die Schwärze des Sees rinnt in Streifen an uns herunter. Der Moosboden züngelt an meinem Rücken, ich rieche die Nadeln, die mich stechen. Die Luft glüht und riecht nach Honig. Über den See strecken die Bäume Tentakel aus, die im Wind nach mir suchen und meine Stirn verschatten. Die Luft klebt in jeder Falte der Haut, begräbt uns unter sich. Die Amphore ihrer Hüfte schaukelt auf meinem Bauch. Vorsichtig hebe ich sie an meine Lippen, an meine schartigen Lippen. Ihre Vulva schmeckt wie Weintrester, meine Zunge erkundet Runzeln und Lappen, ihre Schenkel an meinen Wangen ein Schraubstock, dessen Macht mit jedem Lecken und Saugen stärker wird. Gleichzeitig schreien wir auf, in Not. Während ihre Schenkel wieder erschlaffen, knabbere ich daran wie an einem milchdurchtränkten Wecken. Das Geplänkel der Kinderschreie dringt wieder an meine Ohren. Vor meinen Augen glänzt und leuchtet die Orangenschale ihrer Vulva, der Geschmack der Passionsfrucht auf meiner Zunge, zornig starrt mich der Wachsknopf ihres Kitzlers an, ich halte seinem Blick nicht stand. Ich fühle mich wie eine Schnecke, als ich unter ihr hervorkrieche, bis sie auf meinen Schenkeln reitet. Die Sommersprossigkeit ihres Körpers blendet mich. Laut lacht sie auf, als meine Fingerbeeren an ihren traubenden Brüsten Bewegungen des Pflückens und meine Handschalen Bewegungen des Wiegens üben. Sie schlägt meine Arme von sich weg und hält sie im sonnenharten Moos fest. Sie küsst mich in den Graben hinter den Ohren, taucht ihre Nase in den Fingerhut meiner Drosselgrube, knuspert an meinem Kinn, meinem Schlüsselbein, meiner linken Brustwarze. Ihre Finger scheuchen die Nervenfedern in meiner Lende auf, ich bin ein zuckendes rotes halbgares Stück Fleisch unter ihrer Göttinnenkraft. Mein Glied windet sich in ihren aufschiebenden Händen, halb Buttersack halb Echsenzunge. Ich hebe meinen Blick in ihr Gesicht und sehe dort einen Ausdruck spielender Konzentration. Haben wir anfangs in unserem Hecheln noch Spuren von Lachen vernommen, ist es uns jetzt ernst. Meine Hände streichen und umfassen wie Gläubiger die Sanduhr ihres Körpers, und niemand kann sagen, wer sich hier wem aufpfropft, in seufzendem Hüpfen und keuchendem Ausweichen. In jedem Atemzug über mir erklingt ihr Vertrauen. Zupfend erfasst sie mein Glied, das Zögern ist verschwunden, gewissenhaft und vorsichtig bereitet sie es für sich zu, ich gebe es auf und überlasse es ihr. Für Sekunden, die sich hinziehen, fühle ich mich wie ein Stofftier, aus dem die weissen flauschigen Innereien herausgepult werden, als handele es sich um seine Seele. Dann verschwindet dieses Gefühl in ihr, nass ist es in ihr, heiss ist es in ihr, ich wollte Schnee sein, mitten im August, und langsam mich selbst vergessen. Und wieder ist es eine Schaukel, sie wiegt sich auf meinen Lenden, die Poren des Mooses unter meinem Körper öffnen wispernd ihre Ohren, ich ergreife ihre wippenden Brüste, sie erschauert, ihre krallenden und knetenden Hände bearbeiten meine Brust wie die eines gerade Verstorbenen, der noch ins Leben zurückgeholt werden kann. In freudigem Schmerz zerre ich an den Beeren ihrer Brustwarzen, für den Moment eines Lidschlags fällt sie über mich, bedeckt mich zaudernd mit ihrem Leib, ich entdecke an ihrem Hals die krautige Würze eines Tomatenstrauchs in der Hitze eines Sommernachmittags. Sie richtet sich jetzt auf und ist jetzt ganz genau, führt Buch mit ihren Hüften. Im Rhythmus lernen wir zählen. In unserer schmelzenden, schnalzenden Mitte häufen sich die Zahlen wie Sternbilder. Sie greift nach meinen Händen, um ihr beim rollenden addierenden Stossen zu helfen. Wie zwei Kerzen teilen wir unser Wachs. Die Welt umgibt uns wie silberschleimige Flügel, die wir bis an die Enden unserer Geschichten ausgespannt haben; sie streifen aus der Hitze heraus die äusserste Kälte, die letzte Härte. Unsere summierende Bewegung ist ein grosses Schaufelrad, das die Welt umdreht und umkehrt. Ich pulsiere wie eine aufgeschnittene Fingerbeere, ich höre Musik. Es ist dunkel geworden mitten im Tag, die Leiber machen den hellsten schwärzesten Nebel, die Mulde im Moos gibt immer mehr nach, Wasser verstopft mein Ohr, die dumpfe Musik schlägt immer wieder in helles Fiepen um, pocht an die letzten Widerstände, an die letzten Begründungen, die von meiner Geschichte abfallen, abspringen wie Sporen. Über mir ist ihr Seufzen wie der Name des Drachen. «Pfetan! Pfetan!» Ich bin ganz Echse, rasend in der Sonnenschwärze, Steinzeit, hämmerndes Glimmergestein, das Zeiten und Bilder durchscheint. Dann wird unsere Bewegung fast schon ein Um-sich-schlagen, sie rüttelt über mir wie der Milan dort oben in der Sonne, ich höre Musik und Lied, «wie der morgen minne-diebe kunde büezen clagen». Mein Glied ist eine aufspringende Knospe, die sich des Taus entledigt; ihre Scheide ein bebend-umdrängender Fischschwarm, der kreisend an die Oberfläche steigt. Wir sind eines Fleisches, du und ich. Wir sind eines Blutes, du und ich. Da fällt sie über mir zusammen, umgestossenes Zelt. In ihr schwingt es und brandet, und mein gebogenes Glied spannt sich an und öffnet sich wie eine Schote. Entzweigebrochen, liegt sie auf mir; entzweigespalten, lieg ich da. Weiss fällt das Licht in meine Augen, ich stosse, ich lege meine Nase in ihre pumpernde Achselhöhle, ihre Hände rascheln jenseits meines Kopfs im trockenen Moos. Die Bebung hält uns noch fest, das Zucken und Zittern kündet das Zagen und Zaudern an, «da mac verswinen wol ein triuten», höre ich weit entfernt , fast ein Schrei, «sinnen wîl er wünne selten borgen», die Achselhaare kitzeln meine Nase, ich rieche in ihren Achseln die salzigen Ursprünge der Welt. – Lange lagen wir noch so da, schnaufend und wie Saiten nachklingend. Unsere Körper lagen zwiebelglatt aneinander. Die Rosetten des Mooses hatten sich endlich auch vollgesogen. Der Kinderlärm war in sein Freudenhorn zurückgekrochen. Langsam verändert sich das Klopfen unseres Herzens, lassen sich die beiden Herzen unterscheiden. Aus unserem Schoss steigt ein herrlicher, herber, fauliger Geruch auf. Das erschlaffte Fleisch fühlt sich an, als hielte man frisch gefallene Magnolienblüten in der Hand. Leise leckte das Wasser des Sees am Pflanzengrund. Nebeneinander lagen wir wie frischgepellte Lebewesen, dem Tod entsprungen. Die Tränen wiegten uns, denn Leben heisst Abschied nehmen. Nein, wir waren nicht von gleichem Blut, von gleichem Fleisch waren wir nicht. Die Ehrlichkeit würde uns zur Lüge zwingen, die Lüge zum Leben. Sie schälte sich von mir, ich schälte mich von ihr. «Du saelden spil,» blies ich meinen Atem in ihr Haar. Sie schüttelte ihren Kopf, den sie von meiner Brust hob: «herzeliebe ist ein schûr, dem lîbe ein herter nâchgebûr; in süeze wirt vil oft sûr.» – «Ich minne dich sehr.» – «Ich minne dich mehre.» – «Ich liebe dich mehr, als ich dich minnen kann.» – So spielten die Worte miteinander, während unser Atem sich beruhigte. Beide wussten wir, es gab keine Auswege, nur Ausreden. Ich war frei, in meiner Freiheit gefangen. Sie war gefangen, selbst ohne den wachenden Drachen, in ihrer Gefangenschaft frei. Es war ihr nicht möglich, mir war es nicht möglich. Der Erzähler musste seine Ohnmacht einmal mehr unter Beweis stellen.

Text aus der Novelle „Ne me quitte pas“ (im Entstehen)