Dieses Buch

Dieses Buch, das du schreibst mit meinen Fingern,
und ich fühle deine Finger an meiner Kehle wie das suchende Saugen eines liebenden Menschen,
und ich zittere und schäume fast, ich fürchte mich davor,
            du mögest den Ort hinter meinem Ohr erreichen,
diese Verse, die du findest in dem überwucherten Olivenhain,
wo die Schwerter noch klingen und der Ruf «es ist genug» und die Schlange um die Bäume sich noch schlingt,
die wissende nackte freie Schlange,
            es ist wie ein Mund am falschen Ort,
sie sind wie Zähne aus dem Herzen gezogen,
            Weisheitszähne, denen Rolle und Platz verwehrt blieben,
ein Mund, der die Schande liebt und lutscht,
            abstehende, ausstehende Zähne,
und mein ganzer Leib bäumt sich wie ein Engel vor Adam,
            «ich bin besser als er»,
die Schande vor den Frauen,
            die gerissene Wunde in meinem Menschen,
oh Gerechte, Gerechter, Gerechtes,
und die Taten, die meine Hand mit zuckenden, zögernden Fingern erringt und ersingt wie Moses mit schwankem Stab den Felsen bei Massa und Moreba,
sie sind wie Stein und rostiges Erz,
            sie vergiften mein rotes Blut,
sie erreichen mein Erbarmen und finden es ausgeschlürft,
            nicht einmal mehr als Häufchen Salz an den Wänden des Stirnbrunnens,
den du, Gerechtes, in mich getöpfert hast,
            «schliesse dich nicht der Mehrheit an, wenn sie auf der Seite des Unrechts steht»,
heuschen deine Finger an meiner Kehle,
            und die Vögel sind alle verstummt,
eine Grabesstille vor Sonnenaufgang,
            als könne der Tag nicht werden,
dieses Buch, das du mit meinen Fingern,
            lass es, oh Gerechtes,
und ich fürchte mich vor seinem Ende wie vor dem Ende von Nacktheit und Liebesspiel und wortlosen Augen,
            lass das Buch Menschen machen.

Wie Miriams Lied

Soll er uns nicht tüchtig machen,
            deine Hand für meine Hand bereit;
soll er uns nicht geschmeidig machen,
            dein Ohr für mein Wort und mein Ohr für dein Wort bereit;
soll er uns nicht gefügig machen,
            mein Fürchten in dein Fruchten und dein Fürchten in mein Fruchten wandeln;
soll er uns nicht heilig machen,
            deine Kehle für meine Zunge bereit?

SELA

Ein Mann wird es sein, aber ein Mann soll es sein,
            unter dessen Füssen der Lockenkopf der Flockenblume in der Farbe der Treue sich wiegt,
zwischen dessen Zehen die Dill-Stiele in die Höhe schiessen mit ihren Dolden wie die weiten
vielfiedrigen und vielfriedigen Arme der Güte;
            ein Mann aufrecht wie der Stab eines Hirten in der Mittagssonne,
unter dessen Ginsterbuschbrauen die Augen funkeln wie Miriams Lied,
            dessen Lippen wie Schultern sind, an denen es sich auszuruhen lohnt,
von keinem Joch je noch aufgeraut, von keiner Gier noch zuckend;
            ein Mann, dem Keule und Schwert abhold,
der leise auftritt wie ein trippelndes Kind;
            ein Mann, der nicht von Frieden spricht,
indem er die Fäuste ballt und die Stimme erhebt.

Soll er nicht uns anleiten dann,
            wenn unsere Liebe versiegt unter dem Atem der Feinde;
soll er nicht uns erweichen dann,
            wenn wir die Flüchtenden betrachten wie die Mäuse in unserem Hirsespeicher;
soll er nicht uns sammeln wie den wilden Hafer?

Wie sehne ich mich nach dieser Brust,
breit genug für diese Schlucht zwischen dir und mir;
wie fürchte ich mich vor diesen Händen wie Schaufeln,
            die vorsichtig und ohne Eifer mich auf den Berg tragen, in die wilde Heide,
weit vom Kriegslärm entfernt,
            wo ich mit ihm sprechen werde wie ein Mensch;
wie fürchte ich diesen Kuss zwischen Frieden und Gerechtigkeit,
           in dem ein anderes Leben aufsingt.

Holbeinplatz

Hier bin ich wieder
Auf dieser Halbinsel im Abendverkehr
Und der Staub fliegt auf
Und die Spatzen baden in den Sandkuhlen und zetern
Zetern. Hier bin ich wieder
Markiere meine Weile mit dem Dennersack
Und ertrage die Dauer in Bierschlücken.
Die kommenden Tage und Wochen und Monate und Jahre erstrecken
Erstrecken sich grund- und endlos
Vor mir wie die Tonsur der beiden Ahornbäume
(günstiges Gras und Buschwindröschen)
Und ich brüste mich vor den Spatzen und mit dem Gedanken an den alten Schosshund
Der von seinem ebenso alten Frauchen an der Leine hinterhergezerrt wird
Hinterhergezerrt und mit zärtlich gehässigen Worten ermahnt wird
Einzige Fortbewegungsart: würgend gegen die Gehrichtung gestemmt:
Und kann nicht anders als an Rilkes Panther denken
Den mein Sohn und ich noch 2011 im Jardin des Plantes
Die Stäbe seiner Betonbühne haben abschreiten sehen:
Plötzlich kommt heftiger kalt beissender Wind auf und Wolken verdecken die Sonne
Kälte des Biers und  Tages vermischen sich
Und ich zähle die Münzen aus meiner Uhrentasche 2.65 bleiben mir noch
Rechne: das sind noch 4 Dosen – Du und ich
Wir werden eines Tages bei Sonnenuntergang durch eine Hintergasse
Schlurfen und in den Mülltonnen stöbern
Denke ich und finde mich momentan wieder zurecht
Anders besaitet zu sein und wie eine Bremse aufzukreischen
Und nicht im  Windschatten zu sitzen
Aus eigenem Verdienst nicht:
Nicht verstimmt: anders besaitet
Vielleicht gar den falschen Lack zu tragen –
Hier bin ich wieder
Im Rücken den Chor meines Sohnes
Die jungen Stimmen schwingen sich
Ooh – oh – Ooh – oh – oh – oh – Ooh
In die Höhe und die einzelnen Ohs verschmelzen zu einem Glissando
Vermelzen und werden mitten im Lauf ausgebremst
Einer besseren Artikulation wegen und die Sonne kommt wieder hervor
Aber jetzt macht es auch keinen Sinn mehr
Das Bürohaus wirft seinen Schatten auf den Platz aber immerhin
Die Luft ist blütenweiss – und ich denke
Es ist nichts dabei so zu enden und eine Gruppe Jugendlicher
Kommt spuckend und labernd auf den Platz
Verstreut ihre «Wallas» und «Alter, ich schwör» und «Diggas» und läuft
Breitbeinig mit ihren Energydrinkdosen in den Händen zwei, dreimal über den Platz
Und äfft die modulierenden Stimmen des Chors nach und meine leere Dose
Springt von der unebenen Fläche der Bank und klappert über den Kiesplatz.

Basilikata

Salzschwarz:
Rechne nicht mit Land –
Für dich gibt es kein Land mehr:
In der Höhle der Hochsee
Und im Olivenhain
Und in der Mühle der Einkaufszentren
Armst du: nicht einmal
Kleid Klagen Knochen Knirschen –
Einfach eine Plastiktüte voll Gebet:
Leicht reissen die Tragegriffe
Selbst wenn du zwei drei Tüten ineinanderstülpst –
Nicht einmal das Leiden ist das Land
Das aus dem salzschwarzen Strom der Zeit auftaucht:
Breite nicht die Arme aus –
Für dich gibt es keine Arme mehr:
Denn die Armen habt ihr immer bei euch
Könnte es geschrieben stehen
In den Annalen der Anläufe zum Menschen –
Für dich gibt es auch kein Spiel mehr
Wenn du hinaustrittst aus dem Olivenhain
Schweiss und Erde im Gesicht
Menschensohn: einfach die salzschwarze Ruine
Eines ehemaligen Landes
(kein Land gibt es mehr für dich)
Im Überall der Wellen: Fluten von Gebeten
Mit dem Kopf auf einem Kissen brauner feuchter Erde
Im Überall des klastischen Glühens
Und der zertrümmerten Feigenbäume:
Rechne nicht mit Land
Das du erben würdest: dort oben
Hört niemand dir zu: du hättest es
Wissen müssen.

Zitate: aus Mat 26,11 und „Unterwegs“ (Jack Kerouac); höre dazu auch den aufgesprochenen Text auf Soundcloud

Eine Reaktion auf den Film „Das neue Evangelium“ von Milo Rau