Das Bild eines Drachen

Es duftete nach Salmiak und heissem Teer. Je weiter ich in den Wald hineinkam, desto öfter waren die Bäume verletzt, die Kragen geplatzt, das Hart tropfte würzig auf die Farnhüte des Waldbodens, die Hälse trugen Schmauchspuren. Das Brummen war jetzt in ein tiefes Röhren übergegangen. Auf eier Lichtung lag der Drache. Sein haupt war massloss gross, schwarz behaart, sein kahles Maul war so lang wie ein Mann hoch ist, breit wie der Nacken eines Stiers, scharf und spitz wie eine frisch geschliffene Lanze, die Zähne ragten daraus hervor wie die Hauer eines Nilpferds. Sein Schwanz besass drei Enden, und in jedem hielt er einen Menschenleib gefangen. Gelenke rasselten in ihren fleischigen Pfannen. Der Bauch des Drachens war grau, grau-grün, an den seiten trug er eine gelbe Schuppenhaut, sein scharfer Grat war fast goldfarben, der Kamm auf seinem Haupt leuchtete rot und schwankte bei jedem Atemzug ein wenig hin und her. Seine im Schlaf zuckenden Ohren waren die eines Esels. Von seinen fünf Augen hatte er immer eines rot glühend offen. Aus seinem Rachen kam ein fauliger Gerucht, schlimmer als das Aas, das lange Zeit in der Sommerhitze liegt. Seine Füsse waren die eines Adlers, starkt behaart, er hatte zwei Flügel angelegt, die wie Pfauenfedern schillerten. Seine Kehle war ganz knorrig wie das Horn eines Steinbocks. Um ihn her waren viele Tierkadaver verstreut, aus einigen von ihnen wuchsen mächtige blaue violette Pilze empor, die ihre Sporen bei jedem donnernden Atemzug in hellblauen Wolken abwarfen. Die Luft auf der Lichtung war senfig heiss, und auf der Zunge breitete sich ein sauer-saftiger Geschmack aus. Kaum hatte ich diese Landschaft erblickt, erfreute mich ein Zorn.

Liebes-Szene

Dann streiften wir uns die Fetzenreste unserer Kleider ab und stiegen in den Moorsee hinein. Schnell wird es tief, wir müssen schwimmen. Vom Wasser aus ist die Richtung schwer zu bestimmen. Wenn wir Wasser treten, um uns zu orientieren, fahren unsere Beine in die kalten Wasserschichten des Sees, während unsere Brüste im wärmlichen Wasser der Oberfläche baden. Wenn man das Wasser schluckte, schmeckte es sehr leise nach öliger Baumrinde. Endlich haben wir wieder schlammig-wegsinkenden Grund. Auch unsere Leiber sind schwarz und klebrig vom See. Einige Zeit stehen wir keuchend und schmunzelnd auf dem Ufer. In dieser Zeitspanne hebt sich die Sonne hinter den letzten Bäumen des Waldes hervor, saugte mächtig am Sumpf und am Nebel. Mit der Sonne steigen hinter uns Geräusche auf wie Libellen. Doch ist in unserem Rücken nichts zu sehen ausser den Espen des Mooses, ausser dem feuchten leeren Horizont. Es sind fröhliche Kinderschreie, die von dort herüberklingen; manchmal auch ein Platschen oder der klatschende Lauf von nackten Füssen, die Stimme einer wachsamen Mutter. Ich glaube fast, auch meinen Namen zu hören: «Fritz! Frie-drich!» Doch musste ich mich getäuscht haben, denn auf Nelies schwarzem Gesicht zeichnete sich Freude ab. Sie wandte sich mir mit einem weissen Lachen in der schwarzen unteren Gesichtshälfte zu und sagte: «Hörst du? Sie ruofen uns schon!» Alle meine Haare standen zu Berg, als mich Nelie am Unterarm erfasst und zu sich heranzieht. Um mich her heben viele Espen ihre vielfachen Hände im plötzlichen lauen Wind, die Äste klappern wie abgenagte Nagerknochen, eine Begeisterung wie Mondschein, und die Sonne schleift ihren überhitzten Körper durch das vielarmig knisternde Moos. An meinen Haaren zupft das Stimmchen des Windes, kalt wie Draht. Das Lied der Espen sirrt durch meine Muskeln und schiesst in meine Nerven. Kurz streift mich Übelkeit. Die Mutter ihres Liedes kommt noch näher, kommt mir entgegen aus nächster Nähe wie von weit her. Sie berührte mich mit ihren Brüsten, stiess mich mit ihren Hüften leicht zurück. Umhüllt von ihrem stechenden Geruch schloss ich die Augen, stolperte einen oder zwei Schritte zurück, meine Füsse im elektrischen Drahtgewirr, das kleine Stösse in meine Schenkel schickt. Ihre Hand hält leicht und bestimmt meine Hoden wie trockene Pflaumen. Birnenhart drücken mich ihre Brüste. Aus dem Dorngestrüpp meines Bauches steigt mein Glied herauf mit seinem kirschenroten Auge. Meine Hände halten ihre anderen Wangen. Sie sind so kühl und schwer. Sie passen genau in die Schalen meiner Hände. Sie gurrt, ihre Augen haben ein Herbstgrau. Die Schreie unserer künftigen Kinder branden um uns auf wie Spatzen aus einer Hecke. Dann sagt sie etwas zu meiner Halsschlagader. Während ich mein Glied an den afrikafarbenen Erdhügel ihres Bauches presse, fallen wir ins Moos, das von Leben himmelt. Ihre Wärme auf meinem Bauch. Die Schwärze des Sees rinnt in Streifen an uns herunter. Der Moosboden züngelt an meinem Rücken, ich rieche die Nadeln, die mich stechen. Die Luft glüht und riecht nach Honig. Über den See strecken die Bäume Tentakel aus, die im Wind nach mir suchen und meine Stirn verschatten. Die Luft klebt in jeder Falte der Haut, begräbt uns unter sich. Die Amphore ihrer Hüfte schaukelt auf meinem Bauch. Vorsichtig hebe ich sie an meine Lippen, an meine schartigen Lippen. Ihre Vulva schmeckt wie Weintrester, meine Zunge erkundet Runzeln und Lappen, ihre Schenkel an meinen Wangen ein Schraubstock, dessen Macht mit jedem Lecken und Saugen stärker wird. Gleichzeitig schreien wir auf, in Not. Während ihre Schenkel wieder erschlaffen, knabbere ich daran wie an einem milchdurchtränkten Wecken. Das Geplänkel der Kinderschreie dringt wieder an meine Ohren. Vor meinen Augen glänzt und leuchtet die Orangenschale ihrer Vulva, der Geschmack der Passionsfrucht auf meiner Zunge, zornig starrt mich der Wachsknopf ihres Kitzlers an, ich halte seinem Blick nicht stand. Ich fühle mich wie eine Schnecke, als ich unter ihr hervorkrieche, bis sie auf meinen Schenkeln reitet. Die Sommersprossigkeit ihres Körpers blendet mich. Laut lacht sie auf, als meine Fingerbeeren an ihren traubenden Brüsten Bewegungen des Pflückens und meine Handschalen Bewegungen des Wiegens üben. Sie schlägt meine Arme von sich weg und hält sie im sonnenharten Moos fest. Sie küsst mich in den Graben hinter den Ohren, taucht ihre Nase in den Fingerhut meiner Drosselgrube, knuspert an meinem Kinn, meinem Schlüsselbein, meiner linken Brustwarze. Ihre Finger scheuchen die Nervenfedern in meiner Lende auf, ich bin ein zuckendes rotes halbgares Stück Fleisch unter ihrer Göttinnenkraft. Mein Glied windet sich in ihren aufschiebenden Händen, halb Buttersack halb Echsenzunge. Ich hebe meinen Blick in ihr Gesicht und sehe dort einen Ausdruck spielender Konzentration. Haben wir anfangs in unserem Hecheln noch Spuren von Lachen vernommen, ist es uns jetzt ernst. Meine Hände streichen und umfassen wie Gläubiger die Sanduhr ihres Körpers, und niemand kann sagen, wer sich hier wem aufpfropft, in seufzendem Hüpfen und keuchendem Ausweichen. In jedem Atemzug über mir erklingt ihr Vertrauen. Zupfend erfasst sie mein Glied, das Zögern ist verschwunden, gewissenhaft und vorsichtig bereitet sie es für sich zu, ich gebe es auf und überlasse es ihr. Für Sekunden, die sich hinziehen, fühle ich mich wie ein Stofftier, aus dem die weissen flauschigen Innereien herausgepult werden, als handele es sich um seine Seele. Dann verschwindet dieses Gefühl in ihr, nass ist es in ihr, heiss ist es in ihr, ich wollte Schnee sein, mitten im August, und langsam mich selbst vergessen. Und wieder ist es eine Schaukel, sie wiegt sich auf meinen Lenden, die Poren des Mooses unter meinem Körper öffnen wispernd ihre Ohren, ich ergreife ihre wippenden Brüste, sie erschauert, ihre krallenden und knetenden Hände bearbeiten meine Brust wie die eines gerade Verstorbenen, der noch ins Leben zurückgeholt werden kann. In freudigem Schmerz zerre ich an den Beeren ihrer Brustwarzen, für den Moment eines Lidschlags fällt sie über mich, bedeckt mich zaudernd mit ihrem Leib, ich entdecke an ihrem Hals die krautige Würze eines Tomatenstrauchs in der Hitze eines Sommernachmittags. Sie richtet sich jetzt auf und ist jetzt ganz genau, führt Buch mit ihren Hüften. Im Rhythmus lernen wir zählen. In unserer schmelzenden, schnalzenden Mitte häufen sich die Zahlen wie Sternbilder. Sie greift nach meinen Händen, um ihr beim rollenden addierenden Stossen zu helfen. Wie zwei Kerzen teilen wir unser Wachs. Die Welt umgibt uns wie silberschleimige Flügel, die wir bis an die Enden unserer Geschichten ausgespannt haben; sie streifen aus der Hitze heraus die äusserste Kälte, die letzte Härte. Unsere summierende Bewegung ist ein grosses Schaufelrad, das die Welt umdreht und umkehrt. Ich pulsiere wie eine aufgeschnittene Fingerbeere, ich höre Musik. Es ist dunkel geworden mitten im Tag, die Leiber machen den hellsten schwärzesten Nebel, die Mulde im Moos gibt immer mehr nach, Wasser verstopft mein Ohr, die dumpfe Musik schlägt immer wieder in helles Fiepen um, pocht an die letzten Widerstände, an die letzten Begründungen, die von meiner Geschichte abfallen, abspringen wie Sporen. Über mir ist ihr Seufzen wie der Name des Drachen. «Pfetan! Pfetan!» Ich bin ganz Echse, rasend in der Sonnenschwärze, Steinzeit, hämmerndes Glimmergestein, das Zeiten und Bilder durchscheint. Dann wird unsere Bewegung fast schon ein Um-sich-schlagen, sie rüttelt über mir wie der Milan dort oben in der Sonne, ich höre Musik und Lied, «wie der morgen minne-diebe kunde büezen clagen». Mein Glied ist eine aufspringende Knospe, die sich des Taus entledigt; ihre Scheide ein bebend-umdrängender Fischschwarm, der kreisend an die Oberfläche steigt. Wir sind eines Fleisches, du und ich. Wir sind eines Blutes, du und ich. Da fällt sie über mir zusammen, umgestossenes Zelt. In ihr schwingt es und brandet, und mein gebogenes Glied spannt sich an und öffnet sich wie eine Schote. Entzweigebrochen, liegt sie auf mir; entzweigespalten, lieg ich da. Weiss fällt das Licht in meine Augen, ich stosse, ich lege meine Nase in ihre pumpernde Achselhöhle, ihre Hände rascheln jenseits meines Kopfs im trockenen Moos. Die Bebung hält uns noch fest, das Zucken und Zittern kündet das Zagen und Zaudern an, «da mac verswinen wol ein triuten», höre ich weit entfernt , fast ein Schrei, «sinnen wîl er wünne selten borgen», die Achselhaare kitzeln meine Nase, ich rieche in ihren Achseln die salzigen Ursprünge der Welt. – Lange lagen wir noch so da, schnaufend und wie Saiten nachklingend. Unsere Körper lagen zwiebelglatt aneinander. Die Rosetten des Mooses hatten sich endlich auch vollgesogen. Der Kinderlärm war in sein Freudenhorn zurückgekrochen. Langsam verändert sich das Klopfen unseres Herzens, lassen sich die beiden Herzen unterscheiden. Aus unserem Schoss steigt ein herrlicher, herber, fauliger Geruch auf. Das erschlaffte Fleisch fühlt sich an, als hielte man frisch gefallene Magnolienblüten in der Hand. Leise leckte das Wasser des Sees am Pflanzengrund. Nebeneinander lagen wir wie frischgepellte Lebewesen, dem Tod entsprungen. Die Tränen wiegten uns, denn Leben heisst Abschied nehmen. Nein, wir waren nicht von gleichem Blut, von gleichem Fleisch waren wir nicht. Die Ehrlichkeit würde uns zur Lüge zwingen, die Lüge zum Leben. Sie schälte sich von mir, ich schälte mich von ihr. «Du saelden spil,» blies ich meinen Atem in ihr Haar. Sie schüttelte ihren Kopf, den sie von meiner Brust hob: «herzeliebe ist ein schûr, dem lîbe ein herter nâchgebûr; in süeze wirt vil oft sûr.» – «Ich minne dich sehr.» – «Ich minne dich mehre.» – «Ich liebe dich mehr, als ich dich minnen kann.» – So spielten die Worte miteinander, während unser Atem sich beruhigte. Beide wussten wir, es gab keine Auswege, nur Ausreden. Ich war frei, in meiner Freiheit gefangen. Sie war gefangen, selbst ohne den wachenden Drachen, in ihrer Gefangenschaft frei. Es war ihr nicht möglich, mir war es nicht möglich. Der Erzähler musste seine Ohnmacht einmal mehr unter Beweis stellen.

Text aus der Novelle „Ne me quitte pas“ (im Entstehen)

Holy Diver

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Sie brachte ihm die Krawatte. Sie hatte die Krawatte schon gebunden. Sie wusste, er mochte Krawatten nicht.
Er dachte nicht „gebunden“, er dachte „geschnürt“. So beginnen Familienfeste, dachte er. Mit dem Schnüren einer Krawatte um den Hals eines Mannes.
Sie würde nicht mitkommen. Sie kam nie mit. Sie hatte gesagt, sie schäme sich. Sie schäme sich nicht für ihn, sie schäme sich für seine Familie vor ihm. Ihr sei die Heiterkeit zuwider, in der sie sich wälzten wie Schweine im Schlamm.
Sie benutzte oft solche Vergleiche. Sie sagte, sie meine nicht ihn, nicht ihn meine sie damit. Er konnte es an ihren Augen sehen, die schmaler wurden, wenn ihr widersprochen wurde. Sie meinte ihn auch. Natürlich meinte sie ihn auch. Ihre Augen waren brauner, wenn sie solche Dinge sagte.
Ihre Hände waren angenehm kühl, als sie seinen Kopf zu einem trockenen Kuss heranzog. Sie lagen leicht und kräftig und klamm an seiner Halsschlagader. Ein warmes Zucken ging durch seinen Körper.
So beginnen Familienfeste, dachte er. Mit einem widerstrebenden Zucken vor einer Frau.
Sie begleitete ihn an die Türe. Er griff nach seinem Schlüsselbund. Sie legte ihre Hand auf seine Greifhand.
Nein, sagte sie. Du kannst doch nicht mit dieser Klapperkiste dorthin.
Es ist mir egal, was sie denken, sagte er.
Ich weiss, was sie denken, sagte sie, ich will nicht, dass sie das denken.
Sie hatte seine Hand losgelassen. Mit der anderen Hand hielt sie ihm ihren Schlüssel hin. Der mit der Hasenpfote.
Du trinkst einfach nichts, sagt sie und tritt nahe an ihn heran, trinken tun wir dann, wenn du zurück bist.
Sie gab ihm einen Kuss, der ein Versprechen von Feuchtigkeit enthielt, fast ein Stück Zunge. Dann drehte sie ihn mit einem leichten Lachen um, zupfte seine Weste in seinem Rücken zurück. Er drehte sich nochmals um.
Nun geh schon, das wird schon klappen, sagte sie.
Er trat hinaus auf den leuchtenden Vorplatz. Es war ein kühler Morgen im Spätsommer. Die beiden Wagen standen wie feuchte Käfer hintereinander auf ihren Plätzen. Heute würde er den roten fahren. Sie wollte das so. Nicht den beigen Ascona, den roten Porsche.
Jetzt war er erregt. Er hatte jetzt einen Panzer, ein Schild für diesen Tag. So beginnen Familienfeste, dachte er. Mit einem Schutzschild, mit einer blendenden Larve.
Der Motor röhrt. Der Motor erschüttert seinen ganzen Körper. Es ist ein Gefühl von Freiheit und fast von Macht. Das Leben ist ganz einfach.
Ganz einfach und gut zu überblicken, wie diese herrlich unebene Landschaft. Die langen Kurven wie eine Einladung. Die Steigungen wie eine Hand auf der Schulter, die sagt, du gehst zu schnell. Die Ausblicke wie das Versprechen von Hüften.
Er fährt, und es ist einfach, nichts zu denken. Nichts zu denken, denkt er, den Ellbogen im offenen Fenster, das können nicht alle.
Er sieht das Gesicht seiner Mutter vor sich. Ein gütiges Gesicht. Mit trauriger Güte, in jeder Runzel rinnt die Güte und Wärme, aber auch die Sorge und Angst. Es war immer einfach für ihn, das zu sehen. Die von der gütigen Sorge in Schach gehaltene befürchtende, voraussehende Angst. Auf dem Gesicht seiner alten Mutter, einem Gesicht, das einmal wie diese Landschaft im Frühling war, mit den violetten Dolden der Kartoffeln im Tal und dem schmerzvollen Glanz von Raps am Sonnenhang.
Er fährt und liest die Namen der Dörfer auf den Schildern. Das Ende der Fahrt kommt schneller näher, als er wünscht. Er biegt ab, nochmals hinauf und nochmals hinunter. Einen Moment kann er sich glauben machen, er tue das nur wegen der Namen. Um Boswil zu lesen, dann Bünzen, dann Besenbüren, dann in der Ebene, vor dem Fluss, Werd.
Er steigt aus und wirft die Türe hinter sich zu. Er geht auf die Gartenwirtschaft zu. Er versucht einen Gang, der dem Rot und den Pferdestärken des Wagens entspricht. Es gelingt ihm fast. Er hat fast gelächelt.
Er setzt sich in die pralle Sonne, auch wenn er seine Sonnenbrille vergessen hat. Die Kellnerin fragt ihn, ob sie einen Schirm aufspannen solle, weil er zu ihr hinaufblinzelt. Einen Moment denkt er, weshalb blinzele ich nur immer zu Frauen hinauf. Er bestellt ein Dreierli Roten.
Die Kellnerin bringt die kleine Karaffe und schenkt ein. Da sie stehen bleibt und nicht weggeht, schau er (blinzelnd) zu ihr auf. Ja?
Sie sind mit dem Porsche gekommen, gell? fragte die Kellnerin. Sie sagte, „Porsch“.
Er grinste mehr wegen der Sonne als wegen der Frage und sagte, Ja.
Weil ich glaube, sie haben die Musik abzustellen vergessen.
Oh, das tut mir leid, sagte er und stand bereits.
Weil sie ist ein bisschen laut, sagte die Kellnerin in seinem Rücken.
Er trat auf den Parkplatz und hörte die Musik. Am liebsten würde er sie eingestellt lassen. „I can go away, I can leave here“, sang er mit. Er drehte den Knopf, das Rumpeln und Donnern verstummte sofort.
In der Sonne hatte sich der Wein im Glas erwärmt. Er nahm einen grossen Schluck und staunte über die warme Bitterkeit, den Geschmack von Heidelbeeren.
Warum habe ich gesagt, es tue mir leid, fragte er sich. Es tut mir gar nicht leid. So beginnen Familienfeste, dachte er. Mit einer Entschuldigung, die du schon vor deiner Ankunft schuldest.
Jetzt hatte er es plötzlich eilig. Er goss sich ein, nahm noch einen Schluck, goss den Rest ans Tischbein. Er erhob sich und merkte den Alkohol, der den leeren Magen aushebelte. Langsam zog er sein Portemonnaie und stellte fest, dass sie ihm einen Fünfziger und einen Zwanziger eingesteckt hat. Er legte den Zwanziger unter das Glas und ging.
Er wendete im Kies, das spritzte. Er war wütend. Im Rückspiegel sah er die Kellnerin aus der dunklen Gaststube herauskommen, in der erhobenen Hand hatte sie sein Wechselgeld. Er gab Gas. Er wird viel zu schnell in Bremgarten sein, viel zu früh. Noch vor dem ersten Bruder.
Er parkierte zuerst vor der Migros. Er stieg wieder ein und fuhr die Gartenstrasse hinunter. Vor dem Haus stellte er den Wagen aus Trottoir. Die Läden im zweiten Stock waren schon gegen die Sonne geschlossen. Er ging die Treppe schnell hinauf. Er hoffte, er sieht zuerst seine Mutter.
Sein Vater sass auf dem Hocker im Eingang und liess sich die Schuhe binden. Er begrüsste ihn, sein Vater grunzte als Antwort und sagte: Ah, du kommst auch!
Seine Mutter hob sich schwerfällig hoch und packte seinen rettenden Hals und gab ihm feuchte, fast klatschende Küsse auf seinen heissen Wangen.
Schön, so schön, dass du kommst, mein Schatz, sagte sie ausser Atem und blickte prüfend an ihm hinauf und hinunter. Doch bei ihr tat das gar nicht weh.
Du bist der erste, sagte sein Vater im Rücken der Mutter mit dem immer noch gleichen Ärger in seiner Stimme.
Er kannte diesen Ärger. Er muss sich jedes Mal sagen, dass der Ärger nicht ihm gilt, sondern auf den Vater zurückschlägt. Der Ärger meinte den Vater, das wusste er.
Ich kann euch hinfahren, sagte er, bevor nachgedacht hatte.
Gut, wir sind sowieso zu spät, weil die Marie sich schön machen musste, sagte der Vater. Er langte ihm unerwartet an die Krawatte und richtete sie. Er machte ihm auch den obersten Knopf zu, den er nach den ersten Minuten Fahrt geöffnet hatte.
So, jetzt siehst du nach was aus, sagte der Vater.
Ja, du siehst gut aus, Heinz, sagte die Mutter.
Zusammen stiegen sie die Treppe hinunter. Der Wagen stand am Trottoir wie eine Bisswunde im Fleisch des Tages.
Der Vater stiess sein Keckern aus.
Da passen wir ja gar nicht hinein, sagte der Vater.
Gut, dann fahre ich mit Mama allein, sagte er, und es war kein Vorschlag mehr.
Ich kann auch hinten sitzen, sagte seine Mutter.
Du sitzt vorne, sagte er, wenn Fritz mitkommen will, kann er hinten sitzen.
Er nennt ihn Fritz. Das war Teil der Abwehr, das violette Rückenschild seines Panzers.
So fahren sie die hundert Meter zum Stadtkeller. Der Vater ging zu Fuss.
Er parkierte den Wagen im Schatten, ein wenig weiter hinten in der Gasse. So würde das Rot nicht so auffallen.
Eine Kellnerin kam ihnen entgegen und nahm seiner Mutter ihr oranges Jäckeln ab. Sie begleitete sie in den Saal, wo die Weingläser auf den weissen Tischtüchern im Gegenlicht glitzerten. Die Decke tanzte ein wenig vom Licht, das vom Fluss heraufkam.
Sie waren nicht die ersten. Doch das war schlimmer. Die Brüder waren schon da und redeten bereits laut durcheinander. Er hatte das Gefühl, der Mut vom Wein sei schon verdunstet. ER spürte seine Beine, die ihn zuverlässig trugen.
Er absolvierte die Begrüssung wie ein Mann, der er nicht war. Das Schulterklopfen, das Einatmen der Aftershaves, die aufmunternden, vermeintlich gut gemeinten Worte, die sie einander sagten. Er fand sich schneller zurecht, als er gedacht hatte. Er war zu lange schon in dieser Lüge eingekleidet gewesen, um jetzt ganz herausschlüpfen zu können.
Jemand reichte ihm ein Sektglas, das er schnell austrank. Er hatte seine Mutter verloren, denn jetzt kamen immer mehr Menschen. Er fühlte Benommenheit und Scham, ein dummes Lächeln zur Begrüssung, zur Abwehr. So beginnen Familienfeste, dachte. Mit der Scham, die dich in die Lüge treibt.
Er setzte sich schnell neben seinen jüngsten Bruder. Das war der sicherste Platz für ihn. Denn der Goldjunge der Familie hatte selten die Geduld, auf Fragen nach seinem Erfolg zu warten. So war das auch heute. Danke, Erich, dachte er.
Er winkte einer anderen Serviertochter, die mit einem Tablett voller Sektgläser durch die lachenden, lärmenden Gruppen ging. Auch dieses Glas war schnell ausgetrunken.
Der Vater kam zu den Brüdern und begrüsste sie mit seinem klein machenden Holzfällerwitz. Sie lachten alle schallend wie ferngesteuert. Der kleine Vater tätschelte ihm den Kopf, wie er das bei den Brüdern getan hatte. Doch er blickte ihn nicht an und sagte nichts.
Bisher lief es ganz gut. Er hatte noch nicht Auskunft geben müssen. Er hoffte, die Mutter fände keine Zeit mehr, um ihn auszufragen. Denn ihr könnte er nichts erzählen.
Nicht, dass er seinen Sohn schon mehr als ein Jahr nicht mehr gesehen hatte. Nicht, dass er schon wieder keine Anstellung hatte. Nicht, dass es ihm sehr gut ging und er verliebt war in eine Frau, die nichts anderes von ihm wollte als ihn.
Er hörte seinem Bruder nur mit einem Ohr zu. Das Lächeln, das auf seinem Gesicht war, passte gut zu einer Geschichte über behördliche Hindernisse beim Bau eines Swimmingpools im eigenen Garten. Er hatte die Villa an der Zugerstrasse bei der Einfahrt ins Dorf gesehen. Ihr zuckriger Mittelmeerstil passte gar nicht in dieses ernste Dorf. Sie sprach von sozialem Aufstieg. Ganz anders als das Gebäude, in dem er nun wohnte. Vielleicht sollte er davon erzählen.
Sein Lächeln wurde breiter. Er hatte den Stoff gefunden, den sie brauchten. So funktionieren Familienfeste, dachte er. Mit Lügen, die man zu glauben vorgibt. Er würde ihnen wenn nötig den Stoff geben, den sie brauchten. Doch vorerst wollte er so tun, als hörte er zu.
Sie sassen jetzt an der langen Tafel. Der jüngste Bruder hatte seiner Mutter in einer guten, rührenden Rede gratuliert. Der Schwager hatte ein selbst gemachtes Knittelgedicht vorgetragen. Alle löffelten Suppe. Es war stiller geworden. Es machte „chlup, chlupp“.
Er liess sich gerne nachschenken. Der Wein war kühl und rann leicht die Kehle hinunter. Fast könnte man vergessen, dass es sich um Gift handelte, dachte er. Er merkte plötzlich, dass er in der Mitte sass. Rechts und links wurde geredet, aber nicht mit ihm. Er lächelte einem Gegenüber zu, das seine Schwester ist. So funktionieren Familienfeste, dachte er. Mit Tischen, die gerade breit genug sind, damit ich mein Gegenüber anschreien muss, um verstanden zu werden.
Er stand auf. Fast hätte er den Stuhl umgeworfen. Er schaute prüfend in die Runde. Seine Blicke trafen sich mit jenen eines Jungen am Ende des Tisches, wo alle Kinder sitzen. Der Junge hatte das Alter seines Sohnes. Der Junge blickte ihn durch seine riesigen Brillengläser an.
Er wandte sich ab und suchte die Toilette. Einen Moment für sich sein, dachte er. Im Spiegel an den Augen erkennen, dass sie die eigenen geblieben sind.
Der Junge mit der Brille hat an der Türe gewartet. Der Junge mit der Brille hatte ihn abgepasst.
Er schaute zu ihm hinunter und hätte fast etwas gesagt wie: „Hast du dich verlaufen, Kleiner?“ Aber der Junge mit der Brille hatte ein Anliegen.
Wo ist Robert? fragte er.
Robert? Er konnte nur zurückfragen vor lauter Überraschung.
Robert ist doch dein Sohn, oder? fragte der Junge, als schnappte er nach Luft.
Ja, Robert ist mein Sohn, antwortete er. Er dachte, so unsicher habe ich mich schon sehr lange nicht mehr gefühlt. Und er fühlte sich ja dauernd unsicher. Aber vor einem Kind, aber von einem Kind?
Wo ist er also? Ist er nicht mitgekommen?
Nein, er ist nicht mitgekommen.
Bist du ganz allein da?
Er antwortete nicht, konnte sich nicht bewegen.
Ich bin auch ganz allein hier, fuhrt der Junge mit der Brille fort, ich habe gedacht, ich könnte mit Robert reden und spielen. Er ist ein Freund von mir.
Es war zu spät für eine Flucht.
Robert hat sich heute nicht so gut gefühlt. Ich glaube, er ist ein wenig krank, hörte er sich sagen und spürte die Röte in seine Wangen schiessen.
Krank? fragte der Junge, ist er krank? Wieso ist er krank? Was hat er für eine Krankheit?
Es ist nichts Schlimmes, eine Grippe oder so, sagte er schnell und fügte hinzu, aber du kannst doch mit deinen Cousins reden und spielen, nicht wahr?
Die sind langweilig, sagte der Junge und wandte sich ab, um zu gehen.
Die beiden gingen hintereinander zurück in den Speisesaal. Die Ähnlichkeit war für Augenblicke nicht zu übersehen, aber bemerkte es. Der Vater rief einem seiner Söhne eine gut gemeinte Beleidigung zu, und der ganze Tisch brach in Lachen aus.
Die Krawatte sass gut. Die Krawatte sass richtig. Das konnte er an den freundlichen Augen seiner Schwester sehen. Die Augen waren auch ein wenig erstaunt. Bei seiner Schwester hatte er nie gewusst, ob sie beleidigt war oder erstaunt. Er hätte es gerne gehabt, wenn sie nicht beleidigt gewesen wäre. Er versuchte, ihr zuzulächeln. Sie blickte woanders hin.
Er fragte sich, warum alle Frauen dieser Familie sich so gerade hielten am Tisch. Immer kurz vor dem Aufspringen, vorm Davonlaufen. Oder ein letztes Bisschen Würde, das nichts kostete.
Er bemerkte den Teller mit der Hauptspeise. Ein Fisch, ein Häufchen Reis und zerhacktes Beigemüse. Alles schon kalt, vermutete er, kalt und geschmacklos. Er hatte ein wenig Abscheu und stocherte den Fisch auseinander, als seien die zarten Gräten darin die herausgelösten Sprossen einer Leiter, die ihn wer weiss wohin geführt hätte.
Es wird immer so schnell kalt, nicht wahr? sagte die Stimme seiner anderen Nachbarin, der Österreicherin.
Er nickte ohne Blick und ohne ein Wort. Er lächelte. Die zwei schwächsten Glieder der Familie hatten sie nebeneinander gesetzt, die Ausländerin und den verlorenen Sohn. Das rührte ihn derart, dass er sich ihr brüsk zuwandte. Er hatte beschlossen, sich zu üben.
Der Fisch ist pampig, der Reis ohne Geschmack und das Gemüse ist zerkocht, sagte er mit einem Frageton.
Sie war ein wenig erschrocken darüber, dass er wirklich mit ihr sprach. In ihren braunen Augen blitzte eine kleine Angst auf.
Ja-a, sagte sie gedehnt. Sie musste neu ansetzen, weil etwas in ihren Hals geraten war: Man hat dich schon lange nicht mehr gesehen, sagte sie, und auch sie klang, als fragte sie.
Ja-a, sagte er da auch. Ob sie merkte, dass er sich lustig über sie machte? Sie blinzelte erschreckt und sagte: Man weiss ja gar nicht, was du treibst.
Diesmal war es keine Frage mehr, sondern eine Feststellung. Aus der Tiefe der Familie. Jetzt musste er auch etwas sagen. Sie war errötet darüber, was sie da gesagt hatte. Doch die Röte verging schnell zwischen all den Sommersprossen in ihrem Gesicht. Die Sommersprossen machten es einfach, ihr zu vergeben, merkte er.
Was ich treibe, wiederholte er ihren Satz. Er schaufelte ein Stück vom Fisch auf seine Gabel, um Zeit zu gewinnen. Er zerkaute es wie Salatblätter. Sein Blick begegnete ihrem erstaunten Kinn. Es war scharf wie das Fischmesser, mit dem er geschaufelt hatte. Der Fisch schmeckte wie Löschpapier. Er musste sich konzentrieren. Er hatte wieder ein bisschen Abscheu auf der Zunge.
Was meinst du denn mit „treiben“? fragte er und kratzte ein abtrünniges Reiskorn vom Tellerrand. Er achtete darauf, dass das Messer nicht kreischte auf dem Porzellan. Er wollte nicht Vaters Aufmerksamkeit auf sich ziehen. Das war seine ganze Kindheit gewesen, die Aufmerksamkeit des Vaters auf sich ziehen.
Naja, sagte sie leise, was du so machst. Was du arbeitest, wie es dem Robert geht, der Judith… Sie verstummte.
Jetzt quietschte er doch mit dem Messer auf dem Teller. Aber niemand bemerkte es, nicht einmal seine Nachbarin. Ihre braunen Augen waren auf ihn mit einer fast schwesterlichen Wärme gerichtet.
Gut, sagte er lauter als gewollt. Ein Blick seiner Schwester auf der anderen Seite des Tischs traf ihn, wässerig und kühl.
Ja, gut, wiederholte er, ich meine, du weisst schon, dass wir geschieden sind.
Sie nickte, als habe sie sich verschluckt.
Ja, und da muss ich Alimente zahlen, sagte er und erschrak, ist ja klar. Aber ziemlich hart. Ich habe mich ja selbstständig gemacht.
Er hatte sein Besteck weggelegt. Ihr „Oh“ sah er auf dem schimmernden Besteck und im leeren Weinglas. Er hatte nicht einmal eine schwere Zunge.
Es läuft gut, sagte er zum Besteck, es ist nicht viel Arbeit.
Und den Robert siehst du am Wochenende? fragte sie.
Was ihr nur mit dem Robert habt, ihr alle, sagte er, ja, hin und wieder. Judith sieht es nicht so gerne. Ich glaube, sie hätte lieber, es gäbe mich nicht. Sie hält mich für einen schlechten Vater. Der Junge aber ist sehr anhänglich.
Er versuchte nicht an seinen Sohn zu denken. Das zog ihm das Herz zusammen. Vor lauter Anstrengung zog es ihm das Herz zusammen.
Er vermisst sich seinen Papa sehr, sagte sie schnell und heftig, das kann ich gut verstehen als Mutter.
Er schaute mit ihr zum Ende des Tisches hinunter, wo die Kinder sassen. Er konnte sie nicht auseinanderhalten.
Ich mag keine Kinder, hörte er sich sagen. Seine Stimme dabei war barsch und hart.
Sie schwiegen einen Moment. Sie blieb ihm weiterhin zugewandt. Er hob sein Glas in die Höhe, eine Serviertochter eilte herbei. Am Kopf des Tisches hatte der Vater einen Witz gemacht und stiess sein lautes Lachen aus, das wie Peitschenhiebe war. Er trank den Wein sofort und in schnellen Schlucken und winkte der Serviertochter, die schon davoneilte zum Drittältesten, dem Rolf, dem Mann der Österreicherin, der auch die fleischige Hand hob. Auch dieser Bruder sah ängstlich in die Runde, aber gefasster als er.
Und mit was hast du dich selbstständig gemacht, wechselte sie das Thema.
Du bist aber beharrlich, sagte er leise.
Doch sie hörte es und sagte mit einem Glucksen: Das sagt der Rolf auch immer. Wie ich nur so eine beharrliche Frau verdient, sagt er immer.
Nach der Pause fragte sie: Oder ist es ein Geheimnis?
Nein, sagte er, nicht gerade ein Geheimnis.
Nun?
Das ist es gerade nicht, ein Geheimnis, sagte er und blickte sie zum ersten Mal wieder an. Ihm fiel auf, dass sie die einzige Frau der Familie war, die kurze Haare trug. Aber auch sie hielt sich so gerade. So funktionieren Familienfeste, dachte er. Mit erzwungenen Antworten, die zu erzwungenen Lügen werden, die dann nie mehr sterben. Er korrigierte sich, mit der Höflichkeit von Fragenden, die zu erzwungenen Antworten führt.
Ich habe die Pacht für einen… Campingplatz übernommen, überraschte er sich. Er glaubte, dass sie das Zögern nicht bemerkt hatte.
Oh, das ist spannend, sagte sie ohne ein Zögern, und er wartete auf die Frage, wo dieser Campingplatz denn sei, mit plötzlich bösartiger Ungeduld. Er konnte es fast nicht erwarten.
Es ist in Triengen, sagte er, bevor sie fragte, aber auf der anderen Seite von der Suhre als der Flugplatz, am Hang ein wenig ausserhalb vom Dorf.
Ah, im Suhrental. Schön. Und kommen da viele Gäste, ich meine, ist es ein grosser Campingplatz?
Eigentlich sehr rustikal, sagte er, der langsam heiss bekam, Wanderer oder Pilger oder Segelflieger vom Flugplatz. Letzte Woche hatten wir eine Baumannschaft, die irgendwo im Dorf einen Kaninchenstall montiert.
Einen Kaninchenstall?
Ja, er lacht mühelos, so nenne ich diese Einfamilienhäuser, die im ganzen Land aus dem Boden schiessen für die Zürcher Bankangestellten, sehen alle aus wie Skischuhe.
Er redete zu schnell. Sein Glas war leer, immer noch leer. Bevor er es heben konnte, streifte ihn der Arm der Serviertochter. Er hatte seine Finger nicht vom Glas genommen.
Aha-ha, sagte sie, dann wohnen wir auch in einem Skischuh, der es ist ganz geräumig.
Jetzt sagte er „Aha“. Sie hatte ihm ihre Hand auf seine gelegt, halb Trost und halb Aufmunterung.
Die Stimme des Vaters drang über den Tisch hinweg zu ihnen.
Was redest du dort mit der Österreicherin, Heinz?
Die beiden sagten gleichzeitig, Nichts, aber sie fügte hinzu, aber es sehr angenehm heute an diesem Fest.
Jaja, lass dich nur nicht um den Finger wickeln, er ist ja jetzt geschieden, brüllte der Vater den Tisch hinunter, sonst landest du noch in seinem Bett. Die Tischgesellschaft lachte laut auf. Rolf war zusammengezuckt. Einige lachen, weil sie es lustig finden, dachte er, andere aus Scham. So funktionieren Familienfeste, dachte er. Mit dem heuchlerischen Lachen, das einen Tyrannen bestätigen soll.
Ich bin es gewohnt, wehrte er den Händedruck seiner Nachbarin ab.
Für Augenblicke hatte er den Kopf wirklich senken müssen, um die Wut zu unterdrücken. Als er den Kopf wieder hob, war der Teller weg.
Die Nachbarin kicherte: Die machen aber schnell.
Er schwieg und spürte, wie die Röte sich von seinem Gesicht auf den Hals zurückzog. Er befreite seine Hand und sah aus dem Augenwinkel, wie die Nachbarin sich aufrichtete und ihre Serviette zusammenfaltete. Jemand begann ein Geburtstagslied, und alle stimmten ein. Er sang auch mit, wie er hörte. Alle Gesichter am Tisch waren rot und angeschwollen wie Hahnenkämme. Er begann sich wieder zu fürchten und hätte sich gerne unter den Tisch geworfen, zwischen die Beine der Familie. Es war kindisch, aber es war eine Wahrheit. Konnte man ihn nicht einfach in Ruhe lassen?
Jetzt servierten die Kellnerinnen irgendein schnell zerlaufendes Dessert. Langsam schob er seinen Stuhl zurück. Er hatte genug und hoffte, es würde ihn niemand am Gehen hindern. Halb im Stehen ergriff er das grosse Cognac-Glas auf dem Tisch und leerte es vorsichtig. Er stellte es ab und achte, alle konnten es sehen, wie er in einem Schluck alles getrunken hatte.
Wieder spürte er ihre Hand.
Du willst schon gehen?
Ich habe es satt, sagte er, als er sich von ihr befreite, immer diese erzwungene Heiterkeit, diese erzwungene Familiarität.
Ihre Hand schwebte noch in der Luft, wo sie nach ihm gegriffen hatte. Wieder blickte er zu seiner Schwester hinüber, die gerade mit ihren Meerfrauenblicken ihre beiden Buben umschloss und einfing. Seine Serviette glitt verspätet von seinem Schoss. Er liess sie liegen. Sollte sie liegen. So enden Familienfeste, dachte er. Mit auf dem Boden verstreuten Servietten und der Übelkeit nach dem Cognac.
Er wandte sich ab und ging in Richtung der Toilette. Dort wusch er sich ganz langsam die Hände mit sehr heissem Wasser und nässte sein Gesicht. Seine Augen fühlten sich wie ausgestochen an.
Er schloss die Toilettentüre hinter sich und hatten schon die Hand an der Krawatte, deren Druck er vergessen hatte. Er hatte ihren Druck über dem anderen Gefühl vergessen, das auch eine Art Druck war.
Seine Mutter stand sekundenlang verloren im Gang und erkannte ihn dann. Mit ihren schweren Beinen tappte sie auf ihn zu und umfasste seine Schultern, als wolle sie ihn wachrütteln. Sie schaute hinauf in sein Gesicht.
Aber du kannst doch nicht einfach so gehen, mein Lieber, sagte sie mit ihrer Mutterstimme.
Du siehst, dass ich es kann, flüsterte er, als hätte er die Stimme verloren. Und fügte hinzu: Ich gratuliere dir zum Geburtstag, Mami, ich gratuliere dir zum Geburtstag. Es war, als könnte er sie damit küssen.
Oh, sagte sie und nickte abwehrend, hör doch auf. Schau, ich habe hier etwas für dich. In ihren runden Händen mit den vielen Falten, der er schon immer geliebt hatte, sah er ein Knötchen. Sie steckte es ihm in die Brusttasche hinter das grüne Taschentuch, auf dem Katharina bestanden hatte.
Nein, sagte er wehrlos. Er spürte, wie hinter den ausgehöhlten Augen Tränen pressten.
Du siehst immer so allein aus, mein Schatz. Ich hoffe einfach, dass du jemand hast, mein Junge, jemand, der dich gern hat.
Er lächelte scheu und sagte: Ich habe jemand, ich habe jemand.
Er kam sich vor wie in einer Zaubervorstellung. Gleich würde etwas verschwinden oder erscheinen. Er konnte sich gerade noch erinnern, wo er war und wer er war, denn fast hätte er sich ihr an die Brust geworfen. Er berührte sie vorsichtig an ihrer rechten Schulter und schob sie zur Seite.
Auf dem Parkplatz standen ein paar Neffen um das Auto herum. Als er näher kam, zerstreute sie sich schnell. Die frische Luft tat gut.
Langsam fuhr er die Stadt hinab, über die Holzbrücke. Bei der Waage fuhr er nicht rechts, sondern links, die Luzernerstrasse hinauf. Er hatte die Kassette wieder hineingeschoben und begann mitzusingen. So enden Familienfeste, dachte er. Mit einem Lied, das aufheult und alles vergessen lässt. Er fuhr zu schnell. Aber das Auto konnte das.
Oh don’t you see what I mean, sang er, gotta get away, Holy Diver.
Er fuhr sehr lange. Es war schon am Einnachten, als er den Wagen an einem Strassenbord in der Nähe eines Walds zum Stehen brachte. Er schälte sich aus dem Sitz und aus dem Anzug und legte sich ins bereits feuchte Gras. Es kam kein Auto auf dieser Strasse.
Er ist schon fast eingeschlafen, als er ein Knurren hört. Er reckt seinen Kopf aus dem Gras am Bordstein. Sein Auto rollte langsam davon.
Er springt auf und holt es ein. Er macht die Handbremse fest und geht zurück dorthin, wo sein Anzug lag. Ein leerer Mensch. Etwas war aus dem Anzug herausgefallen.
Das grüne Taschentuch und Mutters Knötchen: 200 Franken. Er zerknüllte es und stand eine Weile am Strassenrand. Dann glättete er die Banknote und rollte sie zu einem säuberlichen rötlichen Stäbchen zusammen. Er kniete in den Strassengraben und machte ein kleines Loch in der harten Erde. Über das Loch gebeugt wie ein Käfer liess er die Banknote hineingleiten.
Beware the velvet lies, murmelte er und spürte eine Zufriedenheit, hart wie Panzerstahl.
Dann legte er sich ins Gras. Es war weich und feucht.
Something is coming for you, sagte er zu dem Himmel über sich.

Das Lied zum Text ist Dio’s „Holy Diver