Grosser Fluss-Lied (11. Tag)

Entkam ich nicht dem Todesort und bin ich nicht endlich im flachen Flussbett angelangt?
Hat nicht der Fluss selbst uns eingeschenkt?
Hat nicht der Fluss selbst uns versammelt?
Jetzt kann ich wieder sterben –
So will ich singen
Schlagt mit den Tassen den Takt

Das Netz des Himmels ist gross und seine Maschen sind lasch
Und doch entkommt ihm nichts:
Weit gespannt ist sein Netz über Erde und Wasser über Nord und Süd
Und darunter begibt sich was sich nicht ergibt
Und darunter windet sich was sich nicht ergibt
Und der Strom ist wie ein Bruder-Arm des Tao
Er scheidet die sich wehren von denen
Die vom Wehren Abstand genommen haben:
Er scheidet die noch klammern von denen
Die ihre Hände öffnen:
Er scheidet die schöpfen um zu besitzen von denen
Die nichts bemeistern wollen:
Er spült jene ins Meer
Die nicht an sich halten können
Er wäscht jene ans Ufer
Denen die Gegensätze nicht haltbar sind:
Der Strom hat ein anderes Gesicht
Und bricht mit den Herkünften
Und schlichtet den Willen:
Der Strom kann stillen
Was überläuft und ich
Von Armut gejagt
Mit Kindestod betrübt
Kaum ein Meister des eigenen Worts
Weniger noch ein Lenker anderer Leben
So wenig Mann und niemals doch Frau
Ein Haar in der Suppe
Eine Wimper im Aug
Ein Stein im Schuh
Lief über vor Unruh und Schmerz
Lief über vor Kummer und Sorge
Lief über vor Heimweh und Reiselust
Schwappte und strandete mit meinem ganzen Lebendgewicht
Schwer im warmen Regen am Ufer dieses Stroms
Liess mich nicht mehr bemeistern vom Tao
Wollte den Pinsel selbst nun führen:
Heimkehren wozu
Mitten im Strom erkannte ich nicht
Heimkehren geht nicht
Kehrt denn der Strom jemals heim
Ist er nicht aus 10’000 Tropfen
Ist er nicht in 10’000 Tropfen –
Keinen Willen hat der Strom
Kein Begehr kennt der Strom
Seine Herrin ist die harte Erde
Wo sie sich senkt und neigt
Da ist er daheim –
Und ich strandete mit meinem ganzen Lebendgewicht
Das mich im Boot schon fast erdrückt hätte
Am Ufer und erstickte fast am eigenen Körper
Der das ihm Fremde so sehr braucht
Während ich meine Freunde nicht so sehr brauche
Wie einen Traum

Entkam ich nicht dem Todesort und bin ich nicht endlich im flachen Flussbett angelangt?
Hat nicht der Fluss selbst uns eingeschenkt?
Hat nicht der Fluss selbst uns versammelt?
Jetzt kann ich wieder sterben –
So will ich singen
Schlagt mit den Tassen den Takt

Schöpfen ohne zu besitzen
Nähren ohne zu meistern
Das ist das Tao
Sitzen um zu sitzen
Das ist das Ch’an –
Die Zeichen lesen ohne zu denken
Den Fluss lesen heisst lassen
Auch der Himmel hat keinen Willen –
In der Einsamkeit brach ich die Fluten
In dem Mangel sprach ich das Bord
In der Hilflosigkeit mach ich voll
Was an Ja in mir übrig geblieben war
Und über mir der Himmelsstrom:
Kleinst- und Feinst-Lettern
An denen zu klettern ich nicht müde wurde
Erst mit dem Auge und schliesslich mit Händen und Füssen:
Hoch hinaus gehoben
Über den überbordenden Fluss
Wurde ich vom sich weitenden Ja
Das keine Bedingungen mehr kannte:
Das kein verkehrtes Nein mehr war und wurde:
Ja und Nein – wo ist der Unterschied?
Gut und Schlecht – wo ist der Unterschied?
Ich selbst entblösst und entsorgt
Ein Säugling der noch nicht lächelt:
Um zu erhalten
Musst du zugestehen…

Entkam ich nicht dem Todesort und bin ich nicht endlich im flachen Flussbett angelangt?
Hat nicht der Fluss selbst uns eingeschenkt?
Hat nicht der Fluss selbst uns versammelt?
Jetzt kann ich wieder sterben –
So will ich singen
Schlagt mit den Tassen den Takt

Ich fand in Hüsterloh einen Ort
Ich fand am Krebelborn eine Stelle
Eine neue Quelle
Ein neues Wort
Das in allen alten nicht mehr klingen kann
Die in allen Wellen mitschwellen und mitschnellen will:
Ein Nein zum Ja gewandelt
Fand dort Vorfahren
Deren Nischen verkümmert waren
Deren Knochen schon zu Staub zerfielen
Und die doch noch mit ihren breiten Köpfen
Von ihren Dolmen herunter
Unter dem gleichen Sternenwirbel
Der unablässig und ohne Anlass dort oben seine Fluten umarmend um unsere erbsengrosse Erde streckt
Unter dem gleichen überbordenden Licht
Wie Pferde in Frieden zu grasen gelernt hatte
Denn die Stadt Hüsterloh ist keine Stadt
Denn der Krebelborn ist kein Brunnen:
Haben und fehlen
Geboren aus dem Vergleich
Denn wie ein grosser Strom ist das Tao

Entkam ich nicht dem Todesort und bin ich nicht endlich im flachen Flussbett angelangt?
Hat nicht der Fluss selbst uns eingeschenkt?
Hat nicht der Fluss selbst uns versammelt?
Jetzt kann ich wieder sterben –
So will ich singen
Schlagt mit den Tassen den Takt

Auf seinem Hünengrab lauschte ich auf seine kleinen kurzen Worte
Sie klangen wie das Kichern eines Vogels
Wie das Schlagen von Kranichflügeln
Und waren doch zuerst vorhanden
Nachfolgerinnen des Nichts
Witwen des Chaos:
Auf ihrem Gang durch die Gestirne und die Stirnen
Sammelten sie die Schwäche
Bargen sie die Stärke
Hegten sie das Fliessende
Erbrachen das Verschlossene
Liebkosten sie das Harte:
Denn nichts ist ihnen fremd in ihrem raschelnden Fluss
Der sich vor unseren Augen jede Nacht aufbäumt wie ein Galgen oder eine Brust:
Die Lieder die ich singen werde
Werden niemand beschweren
Werden niemand erleichtern
Die Lieder werden bejahen
Mit breiter Brust und weitem Kiefer
Werden die Lieder das Nein und das Ja
Verschränken verschmelzen und vereinen…

Entkam ich nicht dem Todesort und bin ich nicht endlich im flachen Flussbett angelangt?
Hat nicht der Fluss selbst uns eingeschenkt?
Hat nicht der Fluss selbst uns versammelt?
Jetzt kann ich wieder sterben –
So will ich singen
Schlagt mit den Tassen den Takt

Mein Körper löst sich auf
Mein Geist geht dahin –
Ich nähere mich den Wassertropfen und den Steinen
Den Beeren und Gräsern verwandte ich mich an
Und Paranthropus erhebt sein gütiges breites Gesicht
Es verdunkelt für ein Nun das Schmerzenslicht des Krieges
Von Invasion und Besetzung
Von Imperium und Machterhalt
Und in diesem Nun sehe ich die ganze Stadt aufblühen wie die Namen Gottes aus einem fortdauernden Gebet
Und ich höre die unzähligen Radnaben kreischen
Wenn die Bauern ihre Ernte in die Stadt fahren
Und ich höre zum ersten Mal die eine Sprache von den Lippen der grobschlächtigen Frauen
Und aus dem weiten Rachen der Söhne stammt dieses befreite Lachen
Das ich selbst zu lachen beginne
Trotz der Erde in meinem Magen
Die schwer liegt und sich hebt wie Teig und leise in Krümeln sich verteilt in meinem Denken
Mit rauem Schleifen an den Wänden meiner Zellen arbeitet
Denn ich löse mich auf
Wo die Erde in mir aufquillt
Begossen vom fruchtigen Wein
Und ich höre noch die Lieder der Männer von Hüsterloh
Die nicht unserer Vernunft gehören:
Diese Menschen dort
Sie sind nicht gierig zu leben
Denn das bringt Unglück
Sie wissen es wie ich es weiss und immer schon wusste
Der seine Heimat geflohen ist
Weil er nicht mit ihr verheert werden wollte
Weil er seine Familie nicht verheert sehen wollte
Wie die Heimat
Die dort oben weit im Norden
Seiner dauert:
Man muss handeln
Bevor die Dinge deutlich werden
In Ordnung bringen
Bevor das Durcheinander um sich greift:
Sind das nicht Maximen
Die beherrschen wollen?
So singe ich aufgelöst vom düsteren herrischen Wein
Und doch gelingt es meiner Zunge nicht
Die Süsse zu vergessen
Die mir dort in jenem Nun
In Glieder und Geist geflossen ist

Entkam ich nicht dem Todesort und bin ich nicht endlich im flachen Flussbett angelangt?
Hat nicht der Fluss selbst uns eingeschenkt?
Hat nicht der Fluss selbst uns versammelt?
Jetzt kann ich wieder sterben –
So will ich singen
Schlagt mit den Tassen den Takt

Denn das Nichts ist des Menschen
Des Menschen ist das Nichts
Und im innersten Innigsten dieses Gegenmenschen
Der die Wut nicht kennt
Die Schwester der Scham
Denn seinen Gliedern fliesst ein Fluss
Denn in seinem Geist rollt ein Strom
Überbordend schwellen die beiden Ahnen dahin
Und schwemmen dahin
Die Schwächen die Herrschaft brauchen
Die Stärken die Unterwerfung brauchen
Wie Borsten eines wilden Tiers hinweg
Aufgelöst ist der Mensch in diesen Waldschraten
In sich umarmt sie innigst die verschiedene Vielfalt
In sich umarmt er innigst die vielfältige Verschiedenheit
Denn in den Gassen dieser Stadt flutet der Nicht-Geist
Der Atemkraft und Stoff umarmt und einhält
Eine schwangere Leere ist in den Brüsten der Frauen
Eine erfüllende Erwartung in den Mägen der Männer
Doch wo ist da noch Mann
Wo ist da noch Frau und auch ich
Bin jetzt kein Mensch mehr

Entkam ich nicht dem Todesort und bin ich nicht endlich im flachen Flussbett angelangt?
Hat nicht der Fluss selbst uns eingeschenkt?
Hat nicht der Fluss selbst uns versammelt?
Jetzt kann ich wieder sterben –
So will ich singen
Schlagt mit den Tassen den Takt

Bemeistert also nicht mehr eure Herzen und eure Körper
Denn ich habe die Zeichen in den Fluten gelesen
Aufgelesen habe ich die Lettern in den Himmelswirbeln
Die wie Freunde mich aus dem Bug ihres Medians winkend grüssten
Von oben herab aber nicht von oben herab
Von unten herauf aber nicht von unten herauf
Denn die Lebens-Habgier hatte mich gelassen
Ich war ich bin ich werde
Mich angleichen der aushöhlenden Atemkraft
Mich halten an die zuschöpfende Stoffeskraft
Ausgehöhlt und aufgeschöpft bin ich euch gegenübergetreten
Kriechend und fliegend im Weg
Ich bin getaucht
Habe tauchen lassen
Ich bin gedacht
Habe denken lassen
Und keines der Zeichen
Und keine der Lettern
Werde ich mehr deuten
Denn deuten heisst ausbeuten
Und der Fluss ist kein Bild

Entkam ich nicht dem Todesort und bin ich nicht endlich im flachen Flussbett angelangt?
Hat nicht der Fluss selbst uns eingeschenkt?
Hat nicht der Fluss selbst uns versammelt?
Jetzt kann ich wieder sterben –
So will ich singen
Schlagt mit den Tassen den Takt

Auch der Himmel hat keinen Willen
Und sein Herz kennt keine Mittellinie
Aus der seine Nützlichkeit zu gewinnen wäre
Sein überbordender Fluss dort oben und hier unten
Seine überschiessende Nabe dort unten und hier oben
Weder Kreis noch Quadrat und doch beides
Weder Zentrum noch Rad und doch beides
Ist eine Weberin
Ist eine Heberin
Eine Aufheberin
Eine Anweberin
Und über uns Freunden
Fremdelt die Himmelsbank vor jedem Blick den du auf sie wirfst
Endet die wankende Himmelskurve in sich selbst
Und ich habe Ch’i gesehen und erblindete dem Nützlichen
Aber nicht dem Körpernutzen
Denn im Drehen und Weben erhalten
Weiss ich im Nun mich walten

Entkam ich nicht dem Todesort und bin ich nicht endlich im flachen Flussbett angelangt?
Hat nicht der Fluss selbst uns eingeschenkt?
Hat nicht der Fluss selbst uns versammelt?
Jetzt kann ich wieder sterben –
So will ich singen
Schlagt mit den Tassen den Takt

Wer den Geist der Gierigkeit hat
Er lebt nur in Sorgen
Niemand sättiget ihn:
So einer ist nicht bereit
Für den Hunger und für die Verlassenheit
So eine erfährt kein Aufgeben
So eine erfährt kein Aufheben
Und auf meinem Eiland wird ihr nicht offenbart
Und in meinen Gedichten wird ihm nichts verkündet:
So will ich singen vom Einklang
Wenn jene dort in meinem neuen Nun
Ihre strenge Bescheidenheit ausspannen
Wenn jene dort in meinem neuen Nun
Ihre unwägbare Gleichgültigkeit üben
Wenn jene dort in meinem neuen Nun
Ihre vertrauensvolle Mittellosigkeit entfalten
Wenn jene dort in meinem neuen Nun
Ihre zuversichtliche Schadensbereitschaft entblössen
Wenn jene dort in meinem neuen Nun
Ihre unzerstörbare Würde aushalten
Die machen keine Ausflüchte
Die haben keine Ausrede
Für Verrenkungen sind ihre Gelenke zu schwer
Für Kapriolen sind sie zu schlicht und zu streng
Denn dieser einzige Stoff
Der gleichzeitig denkt und gleichtzeitig will
Denn diese einzige Durchformung
Verformt niemals
Und sein Wille ist Ein
Und sein Gedanken ist Aus
Und ich gleiche mich an
Und ich gleiche mich aus
Und ich halte mich ran
Denn dieser Strom ist kein Bild
Dieser Strom ist kein Bild mehr
Dieser Strom ist längst kein Bild mehr
Schaut her
In meinen grauen müden Augen
Glänzen da nicht die zögerlichen Regungen des Sternenstroms
Ein riesiges drachenschwänziges Kreisen um keine Mitte
Und darin die Mitte
Und darin die Mühle?

Entkam ich nicht dem Todesort und bin ich nicht endlich im flachen Flussbett angelangt?
Hat nicht der Fluss selbst uns eingeschenkt?
Hat nicht der Fluss selbst uns versammelt?
Jetzt kann ich wieder sterben –
So will ich singen
Schlagt mit den Tassen den Takt

Denn dieser Strom ist kein Bild mehr –
Ich habe meine ganze Aufmerksamkeit auf ihn gerichtet
Auf seinen unerfasslich konkreten Körper
Auf seine dehnbare ausfüllende Atemform
Wie sie sich weitet in der Enge
Wie sie sich nähert in der Weite
Wie er sich schwängert im Kern
Wie er sich entleibt im Wendekreis
So richte ich mich aus
Wie ein Toter
Wie ein Übergänger
Wie ein Rückkehrer
Wie ein Dagebliebener
Wie ein Gehender
Mein Körper löst sich auf
Mein Geist geht dahin
Das Ch’i ist in mich gefahren
Ein vom Sturm gebrochener Ast
Eine wasserlose Wurzel
Eine Blüte ohne Insekt
Treibe ich an euch vorbei
In meinem überbordenden Himmelsreich
An eurer Scham und Wut
An eurem Kummer und eurer Sorge
Und eure ausgestreckten Ärmchen sind wie Gras auf den Schlachtfeldern
Schwankend zwischen Zertreten und Erhoben
Schwankend zwischen Krieg und Frieden
Schwankend zwischen Chaos und Ordnung
Gekämmt vom überbordenden Wind
Der die Richtung gerne wechselt.


(Image by Evgeni Tcherkasski from Pixabay.)

Hunger essen Seele auf (99. Tag um 9 Uhr 99)

Ich habe auszuschauen aufgehört
Begriffen die Unüberwindlichkeit der Zeit
In der ein Fluss zu sich kommt
Erkannt im eigenen Würgen
Den Horizont einer Seele
Bekannt mit den kurbelnden Zwängen
Die noch keinen anderen Namen verdient haben
Als gestilltes Leben

Ich bin geknetet von der kümmerlichen Stille
Und im Becken von Ohngesprächen
Zu einem brüchigen Wecken
Auf den Mehl wie Kalk ausgestreut wurde
Um das Aufgehen der Erinnerung zu verhindern

Ich habe aufzugeben aufgehört
Von der Flut geschnürtes Knochenbündel
In Ruinen jaulende Gestalt
Wurde Teil der Welt
Im Yang den Grenzen geschenkt
Im Ying aus Gebärmüttern gekratzt
Um sie zu verfluchen

Doch selbst hier auf dem Eiland
Steckt immer noch ein Lachen in meinem Rachen
Wie der üble Husten an Nebeltagen
Und noch habe ich an mich gezogen
Die Kälte der abendlichen Welt
Und fest habe ich über mich gezogen
Das brummende Segel der überbordenden Sinne
Aus den hypertrophen Stophenstoffen meiner Ausschau gewoben

Die Aussicht eines Dolmen
In der angeschleppten Stille
Über einer Knochensenke
Auf das letzte Ennet
Von dem Seelenbalm ausströmt
Der dich vom Üben reinigt
Und vom Hüben entblösst

Eingerieben in deine Augen
Eingestrichen in deine Brust
Die schweren Tropfen eingeträufelt
In den vielfach gesprungenen Teller meiner Zunge
Einmassiert in meinen blutenden After

Ich habe aufzublicken aufgehört vom Thron meines Wartens
Meine Lippen im Nebel netzend
Hingeduckt wie eine Echse
Auf meinem umtosten Inselchen

Was ich denke
Ist nicht zu henken
Was ich fühle
Ist voller Erinnerungsscharten
Was ich spüre
Ein feuchtes schweres Meer aus Moos
Was ich sehne
Ist wie der Schmelz der Zähne

Die Sicht eines gereckten Abdomens
Das sich selbst bestäubt
Mitten im Winter
Da alles Aas Eis wird
Ein Fötus aus lötheissen Versen
Ein hartes hartes Lügenbrot
Gestützt auf jenen Stock
An dem entlang du aufblickst in den Himmel

Und die zerkauten Brosamen
Aus weltlichem Eifer
Und umsichtiger Musse
Aufgequollen im Nebelstreif
Zu Gesichtern von Drachenkriegern
Zum Dämonenlehren

Hier mein letztes angebissenes Wort
Das ennet sagt ennet


(Image by Frédéric Mahé from Pixabay.)

Hüsterloh (10. Morgen)

Abgeschieden und zentral
Mitten im Getriebe und weit davon
Erhebt sich die Stadt:
Eine ausgefaltete Mandarinenschale
Mit einem Atem wie Gestein
Das langsam sich regt

Menschenvoll und menschenleer
Mündig und Mündel
Ersteht die Stadt:
Urkunden berichten von ihr
Wie schwierig sie zu erreichen
Wie leicht sie zu finden

An Schätzen arm und an Staunen reich
Moosbehangen und herausgeputzt
Besteht die Stadt:
Lichterloh brennt in ihr dein Verlangen
Nach erschöpfendem Frieden

Überflutet und auf dem Berg
Ort des Ausgangs und Ort der Heimkehr
Nähert sich die Stadt:
Den Blicken weicht sie aus
Und sieht mehr von dir

Menschen werden Tiere und Tiere Menschen
Kleinmut huscht hindurch und Largesse pflügt sie um
Die Stadt am Rande des Möglichen:
Ich rieche ihr frisches Brot und
Höre die Fische auf ihren Holzladen zappeln.

(Bild von zola aka. Zhou Shuguang (周曙光) – http://zola.fotolog.com.cn/1671942.html, CC BY-SA 2.5, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=1857944.)

Zweiter Traum (9. Nacht)

Aus dem Krebelborn kommt das Öl der Barmherzigkeit
Und fliesst in einem weiten Bogen um die Stadt

An den Ufern blühen die Blumen der Unbeugsamkeit
Ein Meer aus winkenden Versprechen

Die alle davon erzählen
Wie das Nicht vernichtet wird

Das Nicht wird nicht vernichtet rüscheln sie
Es wird veretwast

Die kalten Samthandschuhe des Nebels
Streichen über die Türme der Stadt

Die Segel im Fluss leuchten gelb wie die Haut von Zitronen
Aus den Schluchten kommt der Serpentruf der Verschollenen

Die Trompeten der Vertriebenen beschallen die Strassen der Stadt
Und in der Stille ihres Schalls kichern die Kinder ungeduckt

Sie werfen sich huschende Bälle zu
Die mit Bonzen-Innereien gestopft sind

Zwischen den glühenden Wangen der Mädchen
Steigt ein Lied auf von geschmolzenen Trümmern

In der Hitze des Lieds schmilzt auch die letzte Saite
Die noch an den Wirbeln des Fortschritts aufgedreht war

In den kunstvoll gezwirbelten Schnecken der Herren
War doch ihre Herkunft nicht verborgen gewesen

In den Marktständen füllt sich die Leere auf
Mit den summenden Wörtern des Etwas

Das die Kinder als ihres erkennen
Das die Mütter als ihres erkennen

Es war einmal Nichts
Jetzt ist es vieles wie die Blumen der Unbeugsamkeit

Und im Zenit des Tages
Wenn die Sonne fast den Nebel durchdringt

Erheben sich die Purpurschlünde
Die im feuchten Grund des Krebelborns geruht haben

Um in sich weitenden Kreisen die Wüste dahinter
In der die Menschen wohnten

Abzusuchen nach Erbarmenswürdigen und aufzufressen die
Die das Nicht noch auf den Lippen tragen

Und du hörst ihr gütiges Gebrüll weit draussen
Verklingen in den Abendstunden.


(Image by Manfred Antranias Zimmer from Pixabay.)

Bei Krebelborn (8. Tag, vormittags)

Mein Sohn
Mein Söhnchen
Jetzt stehst du da
Wo kommst du her
Wie hab ich dich vermisst:
Dein Gesichtchen reingewaschen von der Liebe
Die ich erst über deinen vom Hunger vergewaltigten 
Vom Mangel verunstalteten Körper 
Ausbreitete und die ich dann
Über deine unreife Seele in ihrer Ungestalt legte
Zu schützen vor dem Vergessen
Diesem grossen Räuber
Gegen den die andern nur Wegelagerer sind:

Die Stimme in ihrem kindlichen Fiepen 
Über den Fluss hinweg donnernd
Deine Stimme wie ein Dammbruch

Mein Sohn 
Mein Söhnchen
Gross bist du geworden im Tode
Ein Flügelmann mit roten gütigen Augen
Ein Richter mit ausgeweinten Augen
Und schöpfst mit deinen Händen
Die noch nie einen Pinsel gehalten haben
Die ganze Welt mit aller Wirklichkeit darin
Die ganze Katastrophe mit allem vorsätzlichen Sein darin
Dahin und nimmst mit deinen Händen 
Die noch nie eine Frau liebkost haben
Meine Schultern und stösst mich ein wenig unsanft
Durch die verschlossene Tür 
Deren Holz sich bläht in der Feuchtigkeit des Morgens
Und auf der Schwelle rieche ich ein letztes Mal
Den Thymiangeruch deines abgeriebenen Neugeborenenkörpers
Und schmecke nochmals die Tränen meiner Frau in meinen Armen
Und weiss um das Sterben
Und um die Verlassenheit darin
Und auf der Schwelle spüre ich im Rücken die ganze Kälte deines aufgeschwollenen Leibs 
Der immer noch den Hauch von den Händen deiner Mutter trägt
Die dich nicht lassen wollte
Nicht hergeben wollte

Mein Sohn
Mein Söhnchen
Woher kommst du nun
Wohin bringst du mich
Werde ich je wieder die Heimat sehen
Was willst du mir denn zeigen
So eile doch nicht so
Was müssen meine Augen
Was müssen meine Sinne noch fassen lernen
Von dir ein wenig unsanft geschoben durch diese verschlossene Tür
Um welche Daseinsformen
Um welche Dinghaftigkeiten 
Muss ich meine schrumpfende Vernunft 
Denn jetzt noch schlingen

Mein Sohn 
Mein Söhnchen
Jetzt lass mich nicht allein
Ich bin doch nackt und klein. 

(Bild von Sasin Tipchai auf Pixabay.)

Es goldigs Nüteli

Das ist der Moment
In dem ich isekait werde
Das ist der Moment 
In dem ich befreit werde
Das ist der Moment
In dem sich die Welt zusammenzieht wie ein Sphinkter

Genug vom Trägen:
Ich höre das Zwitschern der Schrauben in den jungen Balken
Genug vom Tragen:
Ich rieche die Gesandtschaften von anderswo entfalteten Wiesen
Genug vom Nagen:
Ich schmecke die nüchternen erdfrischen Ecksteine
Genug vom Wagen:
Ich ertaste die seltenen Kissenbrüste einer ausgeschlüpften Drachin
Genug vom Hecken: 
Ich sehe die Monde Plutos herauf- und vorbeiziehen wie gefrorene Sommerkäfer

Heisst das Nicht jetzt etwa Etwas?
Muss ich das Etwas mit Nichts ansprechen?

Wahrlich – ich habe nichts mehr
Und nichts mehr zu befürchten:
Was habe ich mich gefürchtet
Was habe ich mich gescheut – 
Gab es nicht immer schon etwas 
Das dem Nichts glich und ihm standhielt?

Ein goldiger Zahn im Gesicht der Schande
Eine wulstige junge Lippe über hohen Hüften
In der Gestalt der Wut
Eine austreckte Hand
In den Wurzeln des Alltags?

Ich entbehre mich dessen
Das da an etwas hält
Das da an etwas glaubt
Ich entleere mich dessen
Das da dem Körper beipflichtet
Das da nach Gewöhnung schreit
Denn was eine Frage der Gewöhnung war
Darf es nicht bleiben

Nach diesem Moment 
Der die Kraft der Hindernisse
Zu meinen Gunsten wirken lässt
Nach diesem Moment
Da ich China erbeben sah
Nach diesem Moment
Da ich die Jahrtausende alte Regel brach

Könnt ich doch zurück nach Honan
Könnt ich doch zurück in mein Bambusblütenreich
Ich hielt mich sinnlos an die alten Bücher
An die Gewöhnung gewöhnte ich mich
Nun aber – lasse ich das Nichts fahren
Entferne mich vom Anzecken: 

Heute werde ich isekait
Samt meinem Schrumpfbauch
Samt meinem Trockenseelchen
Verkaisere mich in den Möglichkeiten:

Ich höre schon die Schrauben zwitschern in den Balken
Ich rieche schon die Gesandtschaften der entfalteten Matten
Ich lecke an den nüchternen Ecksteinen meines Reiches
Ich ertaste die Brüste einer verkehrten Stadt
Ich jongliere die Monde Plutos wie gefrorene Augen

Ich überwinde die Starre von Tollwut die das Reich erfasst hat
Ich verdrehe die Härte der Kriegstreiber die das Reich brauchten
Ich blicke unverwandt auf das Nichts das das Reich nicht kennt
Auf das goldige Nichts
Das sich mir öffnet 
Wie ein Muttermund. 


(Bild von Taoyuetong auf Pixabay.)

Noch nicht (6. Tag)

Innen gibt es nicht
Weder Tafel noch Schrank
Drachenfüsse hängen aus dem Nebel
Hecken das in die Luft geschriebene Wort
Aufgelesene Pflaumen
In der ein Milchzahn steckt:
Traut es sich eine Stiege zu
Über den aufgeriebenen Fluss
Als habe der Pfirsichquell
Der in der Nacht an mir vorüberstrich
Blaue bittere Sohlen

Drachenfüsse hängen aus dem Nebel
Wie übrige Geschichten
Die Schrift bietet einen Unterstand
In dem noch immer Möglichen
Ich wünschte mir die Heidelbeerfasson meines Freundes Li Po
Ich bin zu sehr aus der Fasson
Am Kies lutschend
Am eigenen Speichel sich verschluckend
Der nach altem Wein schmeckt
Schimmelblau holzig und faul zu sehr aus der Fasson
Um ein Wörtchen mitzureden
An meinem inneren Stand
Weder Tafel noch Schrank gibt es für ich

Mögen auch irgendwo die Blätter rascheln
In Schränken oder Katen
Ich halte meinen Kopf gesenkt
Lasse den leisen Schweiss
Die letzte Hautsülze meiner Wange
In das beschriebene Papier eindringen
Türen waren nicht zum Verschliessen da
Tafeln nicht zu Beschreiben

Es gibt für mich die Einstiege
In die kühnsten Listen nicht mehr
Es gibt für mich die ersten Zeichen
In den gestreckten Tod nicht mehr
Weder Mantel noch Trank –

Noch nicht aber
Die Fische durchbrechen schon
Mit ihren vorgestreckten Kusslippen
Den braunen überbordenden Saum
In dem ich bis jetzt geschwommen bin
Selbst in der Armut wandelte ich sicher
Durch den eingedickten Sud aus Hohlräumen und Oberflächen
Und noch jetzt
Noch nicht beschenkt mit den Gütern des Gartens
Noch nicht erlöst von den träumenden Lüsten
Nach der rosenhäutigen Luft des späten Nachmittags schnappend
Erkläre ich mich nicht als mündig
Selbst im Hunger
Der meinen Mund und meinen Schlund entmachtet hat
Überflüssig sind sie
Diese beiden Spiessgesellen

Noch nicht tot
Noch nicht bereit
Noch nicht gescheit
Noch nicht im Lot:
In meiner Geringe immer noch
Hoch aufgeschossen
Wenn auch nicht mehr aufgerichtet
Nicht mehr aufrecht
Zusammengesurrt auf die wahre Grösse
Kleines Beterlein für einen Schrank
Kleines Zifferlein für eine Tafel
(unten links) –

Leise schrappen die Drachenfüsse des Nebels
Über die Ockerfläche des Stroms
Und ich bin noch nicht
Ganz hinten im Schrank meines Leibes angekommen
Und ich bin noch nicht an den Schiefersplittern erstickt
Als sich meine Tafel zerschlagen hatte.

(Bild von Amy Art-Dreams auf Pixabay.)

Hunger essen Seele auf (Sonnenaufgang, 5. Tag)

Übersät von Kieseln
Poren aus Stein
Verschlossen wie Wünsche
Zersplitterte Nägel
Scharf an Fingerbeeren

Das kleinste Nahe ist Berg
Bohnenhart und verbogen
Verborgen auf sich
Abwesenheit keimt daraus auf
Ich beuge mich darüber und darein

Das wenige Sehnige
Was ich denken kann
Lässt mich den grauen schweren Speichel
Kosten und wenden – stumpfe Hände
Und das sehnige Wenige zieht an der Welt

Und die Welt ist kein Futter
Ist nicht zum Essen da
Ich kaue das Eukalyptusblatt lange und spüre
Wie sich eine sanfte Bitterkeit entfaltet
Im Rachen und bis in die Stirnhöhlen

Als weisser Kranich stakse ich
Schwankend am Ufer hin und her
Meine Sinne sind kahl wie eine Mauer
Die Laute meines Denkens bildne
Unbekannte neue Wörter

Wörter ohne Bedeutung in dieser Welt
Fremd und knöchern und ohnmächtig
Sie füllen meine Seele
Nissen einer anderen Welt
Geistlose Larven aus Zukunft

Ich spucke und speie
Ich keuche und ringe um Atem
Das ist nun meine Rede
Ich träume von Pfirsichen
Und finde nur die Pflaumen des Wegrands

Mein Magen gefüllt mit Tauknoten
Sie winden sich wie Würmer in Heimaterde
Sie binden meinen Körper an die Seele
Rau schaben sie an den Wänden meines Daseins
Mit jeder Wendung keuche ich laut drauflos

Meine Knie sind Weizenähren
Ich nuckele lustvoll an ihnen
Sie schmecken so untertänig
Meine Finger finden meinen Mund
Wenn sie im Boden gewühlt haben

(Bild von 3238642 auf Pixabay.=

Innigst (4 Uhr morgens, 6. Tag)

Nur ein Bauch kann so leiden:
Diese Krämpfe dieses Stampfen und dieses Winden
Diese brachen Vorstellungen
Diese bebauten und verstellten Avenuen
Voller Zeugs
Das nicht zu den 10000 Erscheinungen gehört

Wie kann ich mich denn so sehnen
Nach den trüben Werten
Die Menschen beherrschen
Nach den wütenden Gerüsten
Die Menschen stützen und halten
Verstrickt in all den Stoffen
Die uns heisse-Luft-Menschen in den Dreck
An den Boden bannen

Ich habe Soldaten gesehen
Die auf den Boden des Wegs hämmerten
Mit frostverkümmerten Händen
Am Eingang ihres Dorfes
Das nur noch ein rauchender Holzstoss war
Daraus war der Stoff ihrer Heimat gewesen

Ich habe Mütter gesehen
Die mit zitternden Händen
Als könnten sie Schlimmeres verursachen
Die Wangen ihrer Töchter liebkosten
Die Haare ihrer Töchter aus dem Blut hoben und ordneten
Über dem zerrissenen nackten Körper
Einen Kranz oder eine Krone zu winden
Aus den Haaren der Toten
Ein dunkles Diadem
Aus dem Stoff der Zukunft

Ich habe Kinder gesehen
Über ihren Geschwistern wachen
Als spielten sie mit ihren Puppen
Denn noch konnten die Toten winken
Mit schwacher Geste die Hand heben
Um den Bruder zu trösten
Der in der Fliegenwolke sitzt
Und mit dem Schwesterchen spricht
Das aus dem Stoff der Gegenwart ist

Ich kann nicht mehr schlafen
Selbst im Schlaf kann ich nicht mehr schlafen
Denn in mir haust so viel Schrecken
Dass er mich vertrieben hat

Ich bitte euch ihr Götter
Falls wir euch nicht getötet haben
Kommt ihr getöteten Tode
Und füllt meinen Leib mit dem Wind
Der einmal innen hauste
Mit dem Wind aus Erbarmen
Jener Stadt am Anfang der Welt
In der die Ideen aus Stoff sind
Füllt meinen Leib mit dem Kleid
Das zuletzt den Rest unseres brachen Körpers
Sprengt: die innigste Liebe
Möchte ich noch einmal fühlen
Und füllen meine Lunge mit der herben Luft
Eines guten Wortes.

—-

(Bild von LoggaWiggler auf Pixabay.)

Das ganze Leben (abends)

Ich kenne die Geduld des Bauern
Ich kenne seine Furcht
Sein Brüten über der harten Erde

Widerspenstig ist die Erde
Und eigenwillig dankbar
Wie oft ringst du ihr kein Jahr ab

Das Nein ist vielzählig
Flüstert wie die Kiesel am Ufer
Unter meinen wunden Sohlen

Ich kenne es kenne es
Kenne es: ist es nicht
Als Spott in den Tierrufen

In den spröden Stimmen des Bambus im Wind
In den hechelnden Wellen des Flusses
Im keuchenden Schmerz des Scheissens –

Auf diesem Eiland
Umgeben von den gelben Gefilden des Flusses
Werde ich eilends zu mir:

Furchtlos habe ich auf Früchten gekaut
Die mir die süsse in den Mund riefen
Und den Magen verödeten

An der Magensäure habe ich geschluckt
Warme unverdiente Bitternis auf der Zunge
Deren Worte lange nach zu schmecken sind

Rastlos habe ich die Rast verkannt
Die sich mir auf dem Weg dargeboten hat
In der warmen Handfläche des Freundesgesichts

An den eigenen Worten halb erstickt
War ich ein Gast auf der Erde
Dem nicht zu danken

Aufgeplustert überm kalten Ei seiner Verse
Stolz auf die Armut
Die er gemacht

Auf die gesprungene Schale seiner Würde
Die nichts enthält
Als das Rauschen der Tage

(Bild von Peter H auf Pixabay.)