Anfangen

Während mein Kind auf dem Pfad vor mir hergeht, sich unter Zweigen hindurchduckt oder sie beiseite schiebt, dass sie mir ins Gesicht peitschen, – wenn es sich umdreht, weil ich rufe, sehe ich den kindlichen Eifer und Ernst in seinem Gesicht und lächle ihm zu, bemüht, meinen Zügen Stolz und Ehrfurcht zu nehmen, – im Boden die saugenden Geräusche unserer Schuhe, kein Vogel, der Nieselregen langt nicht bis hinunter ins Dickicht, denke ich ans Anfangen, ans Weiterführen. Immer wieder setzt man neu an, spitzt die Lippen, schärft die Feder, und läuft ins Leere, als wäre man blind, wie in einem Märchen vom eigenen Weg abkommend, findet man im Unterholz unzählige fremdländische, weil unbekannte Blüten, die einem den Weg nehmen, wie jetzt meine Tochter vorne sich über eine Weinbergschnecke beugt, die auf einem Stein mitten im Schlamm sitzt, ich will weiter, doch sie will „noch ein wenig schauen“, hingekauert, in ihrer roten Regenjacke, obwohl die Schnecke sich nicht bewegt, ich erzähle ihr vom aus dem Meer geretteten Marienkäfer mit den neun Punkten, wie ich ihn im schon kühlen Abend auf meiner Hand getragen, er breitete mehrfach die verklebten Flügel aus, um plötzlich, ich stiess einen Schrei des Erstaunens aus, aufzufliegen, in einem taumelnden Flug, doch kam er nicht weit, eine tief fliegende Schwalbe schnappte nach ihm, keine zwei Meter über dem Asphalt des Weges, mein Kind und ich lieben solche Geschichten fast mehr als alle Prinzessinnenbefreiungen, endlich sind ihm die Windungen des Schneckenhauses verleidet, wir beginnen wieder mit dem Aufstieg, so scheint mir, vom Kauern schmerzen mir die Knie, das Anfangen, führe ich meinen Gedankengang fort, diesmal geht das Mädchen direkt vor mir, ich helfe ihr, da der Weg noch rutschiger wird, ist immer von einer erschreckenden Leichtigkeit, den ersten Schritten ins Feld hinaus, in einen herbstlichen Wald hinein zu vergleichen, bald erfasst einen die Sprache und führt einen sicher (wie man glaubt) auf schwierigem Pfade (ebenfalls ein vermutlich irriger Glaube) durch das Geröll und Geschiebe des eigenen unformulierbaren Wesens und Denkens, Sofia freut sich schon auf die Schokolade in der Hochmatt, doch unverhofft stellt man fest, dass der Weg sich verengt oder sich verliert, nur noch dichtestes Dickicht, man wendet sich um und kommt auf seinen eigenen Schritten zurück, und ich gestehe mir die Schönheit dieses Umkehrens, dieses Zurückkommens ein, wir gehen jetzt auf einem gelbkiesigen, breiten Weg, hoch oben breiten die Buchen ihre ausgedünnten Arme aus, ich liebe diesen weiten Wald, der mich immer an eine Halle in einem Tempel denken lässt, und hier ist das Licht unverhofft fast grell, trotz des trüben Tages jenseits des Walds, entspricht dem gelblichen Ton des Wegs, Sofia erzählt von der Entstehung des Regenbogens, wo er anfängt, wo er endet, was sehr wichtig zu wissen sei, wie sie mir erklärt. Wenn man einmal anfangen könnte, denke ich mir, diesen Anfang fortzuführen und zu lenken fähig wäre! Selbst unsere eigenen Gedanken entfliehen uns, mehr noch als die Wörter, die sich in Metaphern verderben, und schon sind wir bei den Eseln, die Sofia mit ihren heftigen Bewegungen und ihrem Rufen erschreckt, sie trotten wieder weg, enttäuscht in ihrer Neugierde. Einmal stehen wie diese Tiere hier, im Regen, auf drei Beinen, das linke Hinterhuf nur mit der Spitze im Schlamm, die Ohren, den Schwanz bewegen nur wenn nötig, sage ich zu meinem Mädchen, in der Menschenleere, denke ich mir dazu, das jetzt aber den Weg erkannt hat und losstürmt, ich folge ihr mit pendelnden Armen, gerne wäre ich noch ein wenig bei den Eseln gestanden. Die österreichische Serviertochter schäkert bereits mit Sofia, ich hänge unsere nassen Jacken an die Heizung… Einmal anfangen und dort enden, wo das Ende liegt…

(Biel, 28.09.2007)


(Bild von Ralph auf Pixabay.)

Guaven fallen lassen

Sie schenkte sich einen Brandy ein.
Die Zeit reizte sie, liess sich im Gaumen
Herumrollen; sie hasste die Launen:
Als wüchs ihr scharrend ein drittes Bein!

Im Warten schwindet der Spielraum mehr
Und mehr, füllt sich mit kreischendem Sound
Von den Ibissen, niemals erstaunt –
Auf Dächern die Affen im Hin und Her:

Guaven lassen sie angekaut
Ins Gras fallen, krakeelen schnell weiter,
Noch nicht fertig, noch nicht, nicht gescheiter –
Sie denkt an Bürokratie und schaut

Ins Glas: Fensterchen ohne Ausschnitt.
Zuerst ohne die Kerzen, dann mit.