Leichte Last

Sorgende Worte sind mein Auftrag
Bergende Blicke sind meine Mühe
Angleichende Ohren sind mein Wohlsein
Ausgestreckte Hände sind mein Abzeichen
Nach Muskat riecht mein Heil
Auf der Zunge vergeht das letzte Salz meiner Zukunft

Hingewandt will ich lauschen
Vorgeneigt will ich erkunden
Mit jungfräulichen Fingerbeeren will ich befinden
Worauf wir uns beziehen
Was uns zweie stützt und hält

Schnuppern am Schweiss der Einsamkeit
Der über unseren Ort gegossen ist wie das Fruchtfleisch der Passionsfrucht
Was den einen quält und die andere stählt
Vorgebeugt die Maschen prüfen
Zählen und prüfen
Prüfen und preisen
Die federleichten Reepe
Preisen und halten
Vorgebeugt wie ein Ringer
Schmecken am Lachen
Was die eine grämt und den andern wärmt

Grade Worte fallen schwer
Kein Leichtes sind präzise Blicke
Im Lebenslärm die Ohren verloren
Schon lange haben diese Hände nicht mehr liebkost
Zunge ist ein dumpfer Hebel der würzigen Wörter
Riechzellen meiner Nase begingen gemeinsam Apoptose

Zuverlässig will ich zeugen von deinem Leben
Zuversichtlich will ich bauen
Woran wir beide glauben
Was uns zweie eint und teilt
Errichten und lichten den Weg vom einen zur andern und zurück
Mit der Nase wühlen im erdigen Schlund der Löwengrube
In dem das Heulen und Zittern süss brennt wie Nelken

Mit den Fingerspitzen die Waage berühren
Die schwankende Mutter der Freundschaft
In deren Schalen aufbewahrt ist
Was die eine freut und den andern reut
Berühren und erhören
Den Hebeldrehpunkt wo sich trifft
Was den einen grämt und die andere wärmt
Erhören und beschwören
Über die ganze Distanz zwischen den Schalen
Ausgestreckt wie ein Kranich im Flug

Sorgende Worte sind mein Auftrag
Bergende Blicke sind meine Mühe
Angleichende Ohren sind mein Wohlsein
Ausgestreckte Hände sind mein Abzeichen
Nach Muskat riecht mein Heil
Auf der Zunge vergeht das letzte Salz meiner Zukunft


(Image by Gennaro Leonardi from Pixabay.)

Mein Sorgen-Sohn

Mein Sohn lebt in seiner eigenen Welt,
die ihm nur offen steht,
er schüttelt seine hellen Locken und verlässt die Grube unseres Lebens,
hinterlässt dunkeln Schatten und zögerndes Licht,
der Rest von uns soll sich mit der Fantasie zufriedengeben,
mit den widersprüchlichen Taten und den wiederkehrenden Bedenken,
mit dem ausdauernden Abwägen und den unmenschlichen Verträgen,
doch mein Sohn ist fern davon,
durchstreift die Gärten mit seinen Freunden,
durchdringt die schönen Schatten der Höhlen am En-Gedi,
wo das Rauschen der Quellen mit dem Rauschen des jungen Bluts zusammenklingt,
diese Jugend hat eine Stimme,
auf ihren Köpfen schimmern die Hörner von Gazellen, die schnell daraus springen,
diese Jungen sind zu Menschen geworden, die die Liebe Gottes verdienen,
das Wohlgefallen aller Frauen,
doch mein Sorgen-Sohn,
seine Wirklichkeit trägt ihn weit hinweg,
da steht er Hand in Hand mit meinem Feind, dem Märchenprinz,
ihre Locken wie die rollenden Perlen in den Händen der tyrischen Mädchen,
ihre Schritte tragen ihre schweren süssen Herzen leicht durch die Felsenwelten wie Straussenläufe,
ich sehe meinen Sohn in seiner eigenen Welt versinken wie zwischen den Lippen des Abendsterns,
mein Zorn verklingt,
mein Wehmut, oh Abendstern, ertränkt die Freude über diese Frucht an meinem öden Baum im ausgeleerten Wein,
mein Grimm erschlafft,
die Leber reisst an meinem Leben wie ein Komet im Himmel an meinen Wünschen,
mein Sorgen-Sohn streunt mit dem Märchenprinzen Ohr an Ohr durch die Gärten der Stadt,im Schutz der Tamariske küssen sie sich,
kichernd wie die Smaragspinte im Nachal Arugot,
die Augen meines Sorgen-Sohnes entfalten sich wie die Blüten der Kordien,
und der Vater meines Feindes legt mir am Schiloach beruhigend die Hand auf den Arm.  

Ein guter Freund

Einen guten Freund hatte also Jabesch ennet des Jordans in dir,
            einen guten Freund hat also dein Volk in Adonai,
scheint’s wehrhaft und mild,
            doch hast du nun in deiner Bewährung und Milde einen Freund, mein König?

Deine Kehle wird noch manches Mal sich verengen wie die Augen eines Verwalters bei der Kontrolle von Soll und Haben,
            deine Leber wird noch manches Mal jucken wie die Finger eines aus seinem Tor freundlich grüssenden Nachbarn,
deine Füsse werden noch manches Mal aufstampfen im Grimm über die tauben Menschenherzen wie ein Junge, der seiner Mutter nichts mehr abzuringen vermag,
            wenn eine Frau dir begegnet und deine Sinne reizt,
doch hast du für deine Güte und für deine Fehler schon einen Menschen gefunden,
            mit dem du zusammen ihren Honig leckst?

Ein guter Freund, mein König, ist eine Kehle, die sich öffnet wie die Ebene Jesreel,
            und in der Ferne grünt das Meer,
ein guter Freund, mein König, das ist wie die Niere, die in dir hüpft wie die Kälber auf dem Baschan im Frühling,
            ein guter Freund, mein König, das ist wie ein Fuss, der leicht durch den Morgentau geht,
und niemand rechnet,
            niemand will in Trotz und Trug aufstampfen gegen die untrügliche Trägheit der Menschenherzen,
denn dieses eine Menschenherz, langsam schlägt es für dich,
            aus tiefer Brust kommt der Atem warm und süss durch seine Kehle,
und der Fuss ist feucht vom selben Tau,
            und sei’s auch der Tau einer Schweinesuhle ob dem Binnenmeer,
und sei’s auch der Tau am Eingang der Höhle von En-Gedi,
            ein guter Freund ist einen Kampf
und das Aufschlagen deines Kopfs zu seinen wartenden Füssen wert.

Es gibt nie einen Hund

Es gibt nie einen Hund der bellt
Und doch bellt immer einer
Wenn du nachts vor die Hütte trittst: weder Mensch noch Hund
Weder Haus noch Hilfe
Und doch bellt ein Hund in das seidene Schweigen der Nacht hinaus
In den Bergen im Osten wie Augen brennen Feuer und du
Kurzatmig und barfüssig in deinen Garten gelaufen: blinder
Blanker Mensch
Allein wie eine zu weit gerollte Murmel
Stolperst in die Dornenbüsche und zerreisst dir die Hakama: stehst lange und lauschend im Scherenschnitt der Nacht: es gibt nie einen Hund der bellt
Vielleicht ist es der Atem der Nacht: und doch bellt immer ein Hund
Den eine Ratte gebissen hat: in deinem Kopf haben bereits die Murmeln mit schwerem Kugelgepolter über die Planken des Schifferstegs zu rollen begonnen und verschwinden mit einem gierigen Klatschen da drüben im See: du denkst an die Stoff-Falten über den schlafenden Kindern
Und an den einen Freund
Plötzlich wie der schrei eines Hundes den es nicht geben kann
Der am andern Ende des Landes seine Stirne beugt in die Hände oder in das Kissen drückt: du bist ein Wels
Langsam unter den aufgeregten Furchen der Wellen hindurch gleitend
Den silbernen Staub
Da ist endlich auch der Mensch mit seinem Himmelsrasen
Den silbernen Staub des Grundes aufwirbelnd: niemand sieht ihn
Niemand hört ihn
Und du hörst die Murmelgedanken der Wellen über dir wie die Winde in den Hinoki-Kiefern und das aufgeregte Tuscheln der Eschen in deinem Rücken
Aber der Hund schweigt wie eine Muschel die deinen Fingernägeln widerstrebt: du siehst im Mondweg des Wassers das Gesicht deines einen Freundes
Abgekehrt wie das Geknäuel eines vom Sturm ausgerissenen Wacholders am Berghang: zu viel Fels und Kies und zu
wenig
Wirkliche Erde und wankst mit blanken blinden Schritten zurück zu deiner Hütte: die Talgkerze russt dir ins Gesicht wie eine fremde Sprache
Immer gibt es einen Hund der bellt
Und doch bellt nie einer
Wenn es darauf ankommt
Und lange liegst du wach und kratzt dich an unmöglichen Stellen mit den leisen Geräuschen eines Hundes
Der in seinem Fell nach den Zecken schnappt
Die ihn geweckt haben.

Ginkaku-ji Variation 3

Schenk ein schenk nach
Wie sehr das Wasser auch die Ufer tritt und unsere Füsse
Umspült: es gibt eine Zeit zum Küssen und eine Zeit
Zum Versinken in freundlichem Abscheu und im herben gefrässigen Vergessen
Und der Reiswein ist warm und überschwemmt das Hirn mit den seltsamen Blüten die wie Hände von Mägden
Sich weiter und weiter röten und unter meinen Augen ist es blass
Aufgeplustert wie ein Vogel im Herbst: so schenk jetzt
Noch und wieder: die Wellen kommen auch nicht wieder und laufen aus
Verlieren ihre flüsternden Geschichten in Kies und Sand und ihr kurzer Kristallglanz
Trügt wie Speichel am Kinn: oh wie er trügt
Sind nicht auch die Berge da hinüben betrogen mit ihren fernen schweren Körpern heben sie
Ihre Nackenbänder in die Nebelbrandung verdammt verdammt dazu
In die Eingeweide der Erde zu starren in die abgesunkene erstarrte
Vergangenheit: überspielt von Eiswasser ihre Füsse wie hier auch: schenk ein
Noch mehr bis es überfliesst
Damit der Ruf des Regenpfeifers wieder wie die Stimme einer Frau im Liebesspiel klingt und nicht wie
Die mattgelben Blätter in ihrem Fall auf den klammen matten verbrauchten Boden und in der Kehle
Wie schnell kommt die Kühle wieder und lässt nicht nach wie die Hand
Von meinem Herz auf der Suche nach hellem Licht aber eimfach nur
Ein wenig vom schnurrenden Azur den zu schlürfen
Nie genug: Senk ein
Senk nicht den Kopf ist auch alles bemessen und kannst du das Mass des Biwa nicht
Ermessen und liegst auf dem Grund hingestreckt und wartest wie der Wels mit seinen Barteln auf den rollenden Kieseln: schnelle dein Kinn vor
Bis auf den Nabel den unausgeleckten
Nabel auch er ein Masch in das unablässig dein Schweiss fliesst und fliesst und noch mitten in der Kälte fliesst: so umspült und gekrümmt
Kaum grösser als zwei Eisvögel in der lehmigen Schteilwand: noch mehr
Mehr noch – Freund: die gesuchten Küsse vergessen rollten schie doch
An dem Kinn hinunter wie warme Nudeln schlürfen
Schlürfen schlürfen wollte sie sie
Sie nicht und die Nebel sinken im Hirn auf das Verständnis herunter und die Stirn glättet sich mit frühem Schnee
Der nass in die Niederungen herunterzüngelt.