Zwie-Gesang der Hyänen und Töchter in den Ruinen

Was tanzt ihr Mädchen auf den schiefen Türmen und aufgebrochenen Toren in den Ruinen,
was verrenkt ihr im wilden Reigen eure schönen Kehlen,
was erklingen eure Stimmen heiser und scharf wie die lidlosen Augen der Sterne über der Einöde,
was tummelt ihr euch in der Wüstenei,
wo sind eure Mütter, wo eure Väter? SELA

Wir haben unsere Freude verloren wie Tränen im Sand,
unseren Müttern wurden die Zungen gezogen,
unseren Vätern wurden die Köpfe genommen,
unseren Brüdern versiegten die Herzen,
und wir raufen unsere Haare im Tanz und heulen ein Kelterlied,
denn unser Leben wurde geprüft und verworfen,
auf den Rücken von Schaben rollen unsere gütigen Augen,
im Gebiss der Füchse hängt unsere blutende Scham,
und ihr könnt nur lachen, nur lachen! SELA

Was sollen wir uns weiden an eurem Leiden,
unsere Zähne blecken über euren trockenen Brüsten,
was sollen wir leiden an eurem Leiden,
uns schrecken an eurem Schrecken,
was johlt ihr blind und nackt und mager auf unseren Ruinen,
was vertreibt ihr unsere Trostferne mit Geheul,
hier, wo keine Heilige ihre Gesetze mehr aufrecht zu halten gedenkt,
weil jeder jaulend sich selbst der Nächte ist,
weil jeder jammernd von sich selbst nur klagt? SELA

So ist die Welt, so ist die Heilige,
eine Grube für die Aufrechten,
eine Falle für die Unschuldigen,
ein Netz für die Freiherzigen,
ein Speer für die Zögernden,
und so zappeln wir mit unseren Körpern,
und so zeigen wir an, was uns und allen Frauen geschehen ist und noch geschieht,
zähneklappernd und jauchzend wollen wir die Heilige loben in der Wüste,
die von Thymian duftet und singt vom geschäftigen Reiben des Sands,
loben wollen wir sie für die guten Taten an den Müttern und Töchtern,
mit zuckenden Leibern wollen wir entweihen unsere Zucht,
die von den Männern kommt wie eine eiserne Umarmung,
und von den Tanten, und von den Tanten,
entwürdigen wollen wir unsere Körper im Sand und Staub der Einöde,
unter eurem beistehenden bellenden Lachen wollen wir mit verdrehten Kehlen und entwurzelten Gelenken die Unschuld gewinnen,
den unbekannten, den unbefleckten, den freien Körper.

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(Bild aus „Ecrits sur la danse d Isidora Duncan“, 1927, von Antoine Bourdelle (1861-1929), gemeinfrei, gefunden auf Wikipedia.)

Merabs Rache

Den Widder bei den Hörnern nehmen,
ihn einführen in die Welt des Gehorsams,
den Widder koten lassen in die Laken der Brautleute und auf die Fladenbrote im frühen Ofen;
den Widder bei den Hörnern packen,
ihn ausliefern der Nacht der Willfährigkeit,
um ihn morgens seinen Pupillenstrichen zurückzugeben,
seinem breiten Sichtfeld, das den Himmel vernachlässigt.

Ich möchte ein Lied bauen,
Mutter, das hält wie die Streben eines Tempels,
hart wie die Hörner des Widders und weich wie die Haut zwischen den Fingern,
ich möchte ein Lied anfangen in Gehorsam einzig gegenüber dem Widerspruch,
zurückweisen möchte ich die hufigen Worte des Vaters und die Borkenworte des Bruders,
ich möchte ein Lied aus meiner Tasche voller Kiesel und Käfer und Eicheln nehmen,
das Lied an seinem rosigen, an seinem buschigen Schopf zwischen Zunge und Zahn und Gaumensegel hervorzupfen,
ich möchte einen roten Mann im Liede gebären,
im Liede einen roten Mann tragen,
einen Mann wie ein ruckelndes Eselfohlen im frühen Feld, Mutter,
ich möchte ein Lied von seinem Mund singen, von seinen Lippen,
die wie beim Fische vorstehen wie eine gespaltene, breite Nase,
ich möchte in meinem Lied über das Waschen der Laken reden und über das Backen der Brote,
über die Stille im Haus und über das Rascheln der Tauben auf dem Dach,
ich möchte in meinem Lied seine Knöchel küssen,
Knöchel behaart und zart wie die einer Hindin,
und ich möchte seinen Moschus erschnüffeln bis in seine engen, kleinen, engeren Gedanken,
und ich möchte, o Mutter, das Lied wie ein geschorenes Lamm in meinem Schosse wiegen,
wie ein totes eigenes Kind.

Und die Sehnen des Widders sollen den Burschen binden,
quälend soll die Zeit ihm vergehen,
wie im Dunkeln einer Höhle auf der Flucht soll er in meinem Schosse kauern,
die Brautworte sollen wie Schaben in seinem Munde hausen,
in seine Hörner fülle ich deinen Gehorsam, Mutter,
und ich leere darein all seinen Willmut aus.

Ahinoams Lied

Können sie uns denn nur dieses Schweigen geben,
diese Hinnahme in den Nächten, diese Hinnahme in den Tagen,
dieses Seufzen und dieses Händeringen,
dieses stumme Wühlen, dieses taube Bohren in Herz und Nieren,
die Nasen riechen doch den Gestank vom Kopfe her,
halten sie diese Gabe etwa in ihrer tätigen Güte wirklich für eine Gabe?

In den Tagen schicken wir die Augen weit hinaus,
in den Erkern und Fenstern stehend,
in den Nächten horchen wir steif und schweisskalt auf die Unruhe des Viehs im Stall und auf die Widerklänge aus dem Gebirge und aus den Klüften,
als handelte es sich um die ersten Regungen eines Lebens in unserem Leben,
als beweise ein Feuer in Mikhmas, ein Räuchlein über Anatot die Ursache unserer Strafe, unserer nächsten Schuld;
ein Schweigen, kalt wie früher Schnee, ein geruchloser Hauch wie ein Lid über dem Land,
ein Unfrieden und ein Kummerwort, heiss wie Sandsträhnen in unserem Gedenken, in unserem Gedächtnis,
ein Ableben mit jedem Schaf, das aufheult unter der Mutter,
ein Absterben mit jedem Hund, der aufschreit unter seinem Bruder,
und wir sind nicht nur Mütter, und wir sind nicht nur Mütter,
und von unseren Betten aus, und von unseren Dächern aus
ist das Land ein Leichnam,
ist das Land eine Nachgeburt,
und selbst unsere Brüder in Anmut verlieren die Sterne des Versprechens in den Augen,
aus den Augen verlieren sie die Sterne des Versprechens,
entbehren die Sonne in ihrem Schritt, den Mond entbehren sie in jedem Schritt,
und unser Mann hat nur Augen und Hände für das,
was unser Schweigen nicht schon endgültig und geduldig verschlungen hat.

Auch die Rede ist uns nicht gegeben,
ich stottere doch,
ich lispele, ich mauze Flüche im Dunkeln des Hauses, im Milchlicht des Hofes,
ich hauche die lange angehaltene Besorgnis,
die lange ausgehaltene, die lange auszuhaltende Furcht,
während in meinem Hals der zurückgehaltene Schrei der Wut sich sammelt,
der einen Namen hat voll Liebe,
Jonathan, Jonathan,
und wir sind nicht nur Mütter, und wir sind nicht nur Mütter,
als könnte ich diesen grossen Mann zurückstopfen in mich zurück und hinein,
als könnte ich mit langen Nägeln, mit Wartenägeln, dem König seinen Hoden abreissen noch im Hof.

Das ist Isebel

Die Männer sind wie Fliegen,
            und keiner ist wie der Geier.
Umschwirren meine Scham,
            bedecken meine Brüste.
Die Männer senken ihre Köpfe,
            wenn ihnen etwas verweigert ist.
Ich sage dir, du allzu Besonnener,
            das sage ich dir, du allzu Ungekrümmter, wo ist deine Hoheit,
und bist du nicht ein Fürst?
            Iss nun etwas, stärke dich, denke nicht an Gott,
mit Gott hat das Menschenleben nichts zu tun,
            das Volk ist kein Weinberg,
die Menschen sind keine Trauben,
            diese Augen der Süsse unterm Sonnenschlag,
iss nun etwas, hebe deine Glieder!
            Die Herzen der Männer sind wie Kahle Berge überm Schaum des Sturms,
die Glieder zerschlagen sie sich und das Kinn an den Lehmmäuerchen,
            die sie mitten ins offene Land von Jesreel gestellt haben,
diese Unkrummen, diese Ungewundenen!
            Gott ist für sie ein Strich durch die Landschaft, eine Grenze durch die Zeit,
ein Strich durch die Rechnung ist Gott für sie,
            und ich erscheine im Fenster mit meinen Aschera-Augen,
und die Männer senken ihre Köpfe,
            pressen ihr Kinn auf die staubige Brust,
und ich höre sie sagen,
            das ist Gevîrah, Königsmutter,
das ist Isebel.