Das Ziel einer Meditation, sei es eine ignatianische Stille-Übung oder eine Zen-Meditation, ist das «Ausschalten», das «Gehen-lassen» der ständigen Gedankenflut. Denn dein Kopf ist in einem steten angeregten, fast geschwätzigen Zustand: hunderte von kleinen Ameisen-Gedanken beineln an den Wänden deiner inneren Vorstellung herum.
Dieses «Vorüberstreichenlassen» der eigenen Gedanken, die ja meistens Impulse aus Begierde und Interesse sind, ist eine schwierige, schwierig zu erlernende Aufgabe. Es dauert einige Zeit, bis du diese innere Stille herstellen kannst, und selbst dann noch zwitschert und flirrt es dir plötzlich auf in den stillen Höhlen deines Gehirns. Irgendein Bedürfnis, irgendeine Regung ist immer.
Die Entstehungsgeschichte eines Gedichts jedoch liegt genau in diesen sirrenden und undeutlichen Spuren der Gedanken in deinem Kopf. Assoziation um Assoziation, unwillkürlich, aber willkürlich angespornt, häuft sich in deinem Kopf, wie ein Schneebrett, das ins Rutschen gerät. Hunderte von kleinen Gedankenflocken regnen auf dich nieder. Du kannst sie kaum fassen, du musst innert weniger Sekunden deinen Kopf zu einem riesigen Rezeptakel, einer riesigen Weltraumantenne umfunktionieren.
Vielleicht bist du am Anfang gar nicht aufmerksam, machst etwas ganz anderes als an ein Gedicht denken, obwohl das ja sehr selten der Fall ist, aber vielleicht bist du am Kochen oder liegst im Bett und liest in einem Buch. Wenn dieser Neutronensturm in deinem Gehirn losgetreten ist, bist du hellwach. Du kneifst fast die Augen zusammen, so hellwach, aufgeregt und angeregt und neugierig und konzentriert / unkonzentriert bist du.
Denn Konzentration schadet jetzt nur. Wie während einer Meditation die Konzentration auf die schädlichen, von Bedürfnis und Begierde geleiteten und herbeigeführten Gedanken nicht zu einem Zustand der Meditation führt, darfst du dich jetzt keinesfalls festlegen, festhalten, etwas Bestimmtes wollen, deine Gedanken etwa lenken wollen.
Du wartest, bis der Hirnsturm abklingt. Das dauert meist nicht länger als 5 bis 10 Minuten. Aber dann hast du eine ganze Seite vollgekritzelt mit Wörtern, Begriffen, Bildern. Und du bist wie innen und aussen gewaschen, rein und wie neugeboren. Die Stille um dich ist herzerschütternd, die Stille in dir ist herzerwärmend.
Erlöst weisst du, jetzt kann ich die Gedanken fahren lassen. Doch für die 5 bis 10 Minuten des inneren Orkans warst du in einem Zustand der Meditation. Denn das Gegenteil von einer Meditation ist auch eine Meditation: der Moment, da ein Gedicht in dir entsteht und von all deinen Nervenrezeptoren willkommen geheissen wird.
Sehr ungern und äusserst selten arbeite ich ein zweites Mal an ein und demselben Gedicht. Ich schreibe das Gedicht in dem Moment, da ich es schreibe. Stimmt es dann, ist es gut. Stimmt es dann, wird es später auch stimmen.
Ich beginne meist langsam, zögernd, tappend. Vorsichtig, vorsichtig. Denn noch gibt es viel zu zerstören, da es noch nichts gibt. Und allmählich entwickelt sich aus diesem ersten Klecks, diesem ersten Punkt A eine geschwungene, gerungene Linie, die vielleicht zu einem Punkt B führt. Aber in Tat und Wahrheit geht es nicht um den Punkt B. Es geht um die Wellenform der Linie, das Auf und Ab der Haltungen, Tonalitäten, Schwingungen, Assoziationen. Genauso wenig, wenn auch regelmässig von Leser*innen erwartet, geht es um eine Aussage, eine Botschaft. Die liegt in der vibrierenden, bebenden Linie. In dem augenblicklichen Geschehen: Hier sitze ich und schreibe, und alles andere kann mir gestohlen bleiben und ist vollkommen belanglos und unnütz.
Dann schliesse ich das Heft. Selten nehme ich es nochmals zur Hand, um eine Geste darin zu verstärken oder zu nuancieren. (Nie jedoch, um sie abzuschwächen.)
Damit sind alle meine Gedichte Momentaufnahmen, Daguerreotypien: verrutscht und verwischt manchmal, immer aber so echt wie möglich in der Lebenshaltung, die mich gerade bestimmt und auf die ich mich einstimme, während ich schreibe.
Es ist also ein kurzes, heftiges Handwerk, ein Wirken am schnell erkaltenden Stoff des Lebens. Ich bin kein Tüftler, der ein Gedicht in einem Monat schreibt und sich lange wiegend und abwägend mit Metren und Reimen und anderen Künstlichkeiten befasst. Ich schreibe als Ausdruck meines Lebens. Ich habe kein Bedürfnis, etwas anderes auszudrücken oder zu sagen als mich. Es interessiert mich ganz und gar nicht, irgendwelche Sachgedichte zu schreiben, die symbolisch politisch wirken. Es interessiert mich nicht, irgendwelche heiteren Gedicht-Klabautermänner zu fabrizieren, die mit Sprachspielen entzücken sollen.
Ein Gedicht ist wie eine Seite aus einem Tagebuch, das ich nicht schreibe. Heute anders als morgen und gestern anders als je.
Bin wieder hier und erfahre Wie es für die Spatzen ist Oder sein könnte: wenn du davon ausgehst Dass den Spatzen am Gesang etwas liegt So wie dir am Gedicht: für sie Ihre Stimmen zu hören ähnlich ist Wie für dich – wieder hier mit dem Dennersack jetzt als Requisit und ausgetrunkenen Bierdosen – Es regnet tröpfchenweise und ist kühler geworden Und die Bäume sind gut gegen den Regen Ihre Tonsuren nur noch braune fast graue Büschel Weinberglauch reckt sich noch grün am rechten Ahorn Du hast die Worte deines Gedichts verstreut auf dem Platz Aber wie immer bleiben nur Kinder stehen Hinterhergezerrt von Vater oder Mutter Um die weissen wortfleckigen Zettel zu betrachten Und immer wird es plötzlich still Als habe jemand eine Glasglocke über den Platz gestülpt Und du kannst den Regen hören und die Schwächen deines Gedichts und das Klappern eines Fahrrads Selbst hast du einen heissen Kopf vom Tagesstress Aber der Platz gehört jetzt dir und deinen Worten darauf Und selbst der Held deines Gedichts taucht am Schluss noch auf Mit seinem Dennersack und seinem Bierbach Setzt sich schwer auf die andere freie Bank und mimt eingeübte Ausdruckslosigkeit: sein sonnenbraunes Gesicht gleicht fast einem der ockerfarbenen Steinchen hier auf dem Platz Seine Lippen kauen an Gedanken Und ich denke während der fünfte Alte mit seinem Hund den Platz bespritzen kommt Hier sein ist so selten – und vielleicht müsste es heissen Hier ist so selten – denn niemand ist Da ausser der Held und ich Kann wirklich nicht sagen Wie schwer es ist Diese Leidenschaft auszuhalten Die niemand teilt.
Ein Rückblick auf vier Tage Lesung auf dem Holbeinplatz im Rahmen des «Tags der Poesie 2021»
Gerade bin ich durch den warmen Sommerabend zurückgeradelt ins stille Quartier, wo ich wohne. Ich habe mir einen leichten, billigen Weisswein eingeschenkt und will sofort Bilanz ziehen, da alles noch so frisch ist.
Das sind schon zwei
Ja, Poesie ist nichts, was in diesen unseren Städten und Dörfern und Ländern interessiert, interessieren kann. Für die Poesie musst du stehen bleiben und dein Ohr neigen. Das kann heute niemand mehr. Nur die Kinder – besonders jene, die noch nicht lesen können oder es gerade lernen – haben die Neugier und die Aufmerksamkeit noch, etwas zu bemerken, was keinen Wert hat. Wert hier im Sinne von «verwertbar». Das sollte uns alle aufwecken.
Ich bin schon wach. Das ist schon mal klar. Es ist ein ungeheures Erlebnis, jeden Tag wenn auch nur 2 Stunden auf einem öffentlichen Platz zu stehen und weilen. Und alles aufzusaugen, was man da erlebt: vom Spatzenflug und -schnattern über den Schattenlauf und die Sonnenflecken, vom Flug der Tauben über den Dächern bis zum kleinen Jungen, der von seiner Mutter erbarmungslos hinterhergezerrt wird – fast wie das Schosshündchen aus meinem Gedicht «Holbeinplatz». Nicht zu vergessen das alte Ehepaar, das sich schneckengleich nach Hause bewegt, von ihren Stöcken aufrechtgehalten. Und besonders den Penner, der immer von 16.00 bis etwas 17.00 Uhr seine kleine Stadtpause macht, mit seinem Dennersack und seinem schweren, verarbeiteten Körper.
Die Wahrheit von Günther Eichs Gedicht («Ich habe einen Leser in Thessaloniki/Und einen in Bad Nauheim/Das sind schon zwei») wurde mir wieder einmal schmerzlich bewusst. Es ist ein Kampf gegen Windmühlen. Es entmutigt und verärgert und lässt einen an der eigenen Leidenschaft zweifeln.
Ich kann nicht sagen, wie schwer es ist, mit dieser Leidenschaft für die Poesie aushalten zu müssen, die niemand teilt. Ich will es auch nicht schwerer darstellen, als es ist. Doch es ist wie mit jeder Leidenschaft: je mehr du sie befeuerst, umso verzehrender wird sie.
Ich möchte mich bei den 5 Zuhörern bedanken, bei Matthias, bei Andreas und der namenlosen Frau, meinen beiden Eltern. Diese 5 Personen haben meine echte Achtung, auch wenn alle 5 wegen mir – und nicht wegen der Poesie gekommen sind. Denn selbst meine eigenen Freunde sind nicht gekommen.
Das kann einen verbittern. Das kann einen umso mehr verbittern, als mir seit schon sehr langer Zeit bewusst ist, dass Poesie oder Gedichte keinen Stellenwert haben. Viele Menschen leisten nur «Lippendienst» (wie die Engländer so schön sagen), aber nur wenige engagieren sich wirklich dafür. Und die «anerkannten» Lyriker*innen klingen in meinen Ohren eher wie Bürokraten der Lyrik als wie vehemente Verfechter einer aussterbenden Sorte von Leidenschaft.
Eine bittere Bilanz also?
Sicher überwiegt die Bitterkeit. Doch gehört diese zu meiner Lyrik wie meine Brille zu meinem Gesicht. Sie ist eine Triebkraft meiner Lyrik; nicht die wichtigste, aber eine der dankbarsten. Wollen wir sie also kurz hochleben lassen!
Es lebe die Bitterkeit, hoch soll sie leben! Dreimal hoch!
Doch ist es ein wundervolles Gefühl, seine eigenen gescheffelten und geschliffenen und geherzten Worte in die Luft eines öffentlichen Platzes zu sagen. Mit der eigenen Person und der eigenen Stimme mit dem Platz zu verschmelzen, eine Art Artefakt des Platzes zu werden – genau wie der Körper des alten Mannes, der einmal im Tag den Platz mit seinem Dennersack besucht, um sich dort auszuruhen. Es ist wundervoll, wenn der Verkehrslärm momentan verebbt, du die Bäume über dir rauschen hörst, die Spatzen zetern, von ferne eine Kinderstimme, die Sonne auf deinem Gesicht, und wenn du in den Schatten trittst, den Schatten.
Ich glaube ganz fest, dass ich damit etwas Gutes für die Welt getan habe. Das klingt in den Ohren der meisten vermutlich einfach idiotisch. Aber ich verstehe heute erstmals, wie idiotisch du sein musst, wenn du etwas für dich wirklich Wichtiges und Bedeutendes machst. Wie die ersten Christen, möchte ich fast sagen: «Unsere Klugheit ist ihnen Torheit», wie Paulus das so oder ähnlich in einem seiner Briefe gesagt hat.
Fast hätte ich also Lust, gleich nächstes Wochenende wieder irgendwo mich hinzustellen und zu lesen. Der allgemeinen Gleichgültigkeit trotzen, der Hast und der Unaufmerksamkeit, der Unachtsamkeit – die ja unsere Welt bereits unheilbar an den Abgrund geschoben haben – etwas bewusst anderes entgegen halten und sprechen. Töricht ja, aber leidenschaftlich töricht. So töricht, dass es schon wieder fast durchtrieben zu nennen ist.
„Der Wald in meinem Rücken“ – mit Dank an CisseAndebo für die Fotografie
«Wir gingen mit der Oma immer tiefer in den Wald…» (Venedikt Erofeev, Moskau-Petuschki)
Dickicht ist eines meiner poetischen Lieblingswörter. Es wäre das erste, was ich in meinem immer für später geplanten «Wörterbuch der Poet*in» erarbeiten würde. Es ist gleichzeitig auch ein sehr einfaches, eines, das sich jedem und jeder sogleich erschliesst: Bedeutet es doch ein Durcheinander, ein Nicht-durchkommen, ein Versperrtsein, eine Unübersichtlichkeit, aber auch die Kraft und Fantasie der Vegetation, die für den menschlichen Verstand planlos erscheint, jedoch «ihre eigenen Wege» hat. Andere Wege als die menschlichen, die scheinbar planvollen.
Und dass ich dabei das Wort «Vegetation» schreibe, schliesst sich an die Macht von «Dickicht» an. Allerdings handelt es sich dabei nicht um ein «eigenes» Wort, das «mir gehört». Es ist dem Meister Gerhard Meier entlehnt. Ich weiss nicht mehr, in welchem Kontext er es verwendet, nehme aber an, in dem Interviewband mit Werner Morlang («Das dunkle Fest des Lebens»). Dabei wertet er das «Vegetative» zugunsten des (menschlich) «Aktiven» auf; wiegt also das «Werden» auf gegen das «Machen».
Mit diesem Grundsatz wurde mir klar, wie sehr ich selbst «vegetativ» agiere (so paradox vor obigem Hintergrund diese Aussage scheint): Sehr viel von dem, was ich zu Papier bringe, entsteht unter der Humusschicht meines aktiven Denkens und Handelns, steigt in einem allmählichem Reifeprozess durch die dünner werdenden Schichten der fruchtbaren Schwarzerde auf und beginnt am Sonnenlicht des Erkennens (aber meist noch nicht oder niemals Begreifens) zu spriessen und wachsen, zu «bersten» (wie Meier das von den Knospen gesagt hat).
Der Prozess poetischen Wachstums hat viel mit dem Spruch von Dr. Cottard in «In Swanns Welt» zu tun: «Laisser venir» – nicht drängen und dringen, sondern werden lassen, sozusagen «machen lassen».
Stand – Stehen
Fast sieben Monate schreibe ich nun bereits an dem Roman namens «Jetzt kannst du nicht einmal mehr sprechen». Seit dem Anfang beunruhigt und verunsichert mich der Umstand, dass ich diesen Roman in der Ich-Perspektive verfasse. (Demnächst muss ich wirklich einen Post darüber schreiben, ich vergesse immer, dass ich noch keinen dazu geschrieben habe. Das zeigt auch an, wie sehr ich mich mit dem Thema der «Ich-Perspektive» schwer tue und mich sogar davor scheue, darüber zu schreiben.) Dass ich den Roman von der handelnden Person erzählen lasse, hat seine Gründe: Immerhin begibt sich der Protagonist auf die Suche nach seiner Tochter, und das kann ich sehr gut nachvollziehen, fühle mich also geradezu berufen, ihm meine Stimme zu leihen. (Auch wenn es nicht meine Stimme ist, sondern seine. Sagen wir einfach mal: Ich kann mich schon mal ganz gut mit der Person des Protagonisten «identifizieren».)
Doch weichen wir nicht ab vom Thema: dem Stehen im Text.
Ein Text hat immer eine grundlegende Funktion, von denen die meisten Autor*innen, soweit ich das sehe, selten sprechen, wenn sie von ihrer Arbeit reden: Der Text muss dem Autor*in selbst Halt bieten können. Will heissen, er muss der Autor*in nicht nur glaubwürdig erscheinen, denn vorerst wird es nur ihr / sein Blick sein, der auf den Text fällt. Der Text muss der Autor*in eine Art «Anlehnfaktor» bieten, vielmehr: einen «Dreinlehnfaktor».
Ein Beispiel?
Wie oft schon habe ich ein Gedicht oder eine Kurzgeschichte abgebrochen oder nicht «weitergesponnen», weil ich entweder nicht an den «Wirklichkeitswert» (oder -gehalt) des Textes geglaubt oder aber seinen «Bodengehalt», wenn man so will, seine «Bodenhaftung», seine Verankerung in meiner eigenen Ideen- und Sprachwelt nicht mehr erkennen oder auffinden konnte. Das sind meist Texte, die ich mit grossem Enthusiasmus aufgrund ihrer Idee beginne, dann aber den Halt darin verliere.
Das ist eine Grundangst meines Schreibens: den Halt verlieren. Diese Grundangst steht vor dem Hintergrund konventioneller Vorurteile gegenüber Künstler*innen und Schriftsteller*innen, die ich als Schweizer mit der Muttermilch aufgesogen habe: «Das sind doch alles Lebenskünstler*innen, die tun ja gar nichts Wirkliches, die lügen sich und uns ja nur in die Tasche, die sind nur zu faul, was Richtiges zu tun und arbeiten.»
Ich habe das mal als «die Angst vor der eigenen Lebenslüge» beschrieben: Du gibst dich der Illusion hin, dass deine so genannte «Berufung» wichtiger ist als dein eigentlicher «Beruf». Aus dieser Angst wagst du dann keine wirklich ernstzunehmenden Versuche, dieser Illusion durch Arbeit und Kreativität zu Geltung in deinem Leben zu verschaffen. Und wenn du es doch tust, bist du viel zu schnell entmutigt und lässt dich ablenken von deinem Vorhaben. (Story of my life!)
«Den Halt verlieren»[1] heisst also: Im Text nicht die Berechtigung für das Tun zu finden, das du tust.
Alone – Alleine
Denn du bist alleine mit deinem Text. Im Anfang – und vielleicht, wie ich mit vielen Gedichten erfahre, auch am Ende – stehst nur du zu ihm. Er «entstammt» nur dir. Du bist sein «Erstmotivator», sein «Erwecker».
Das ist ein schweres Los. Nicht nur steht deine Berufung auf dem Spiel, wenn der Text nicht «funktioniert», sondern auch deine Lebenszeit, deine Lebensenergie: Hast du, wenn der Text nicht «funktioniert», nicht deine Zeit mit etwas Unnützem verbracht?
Hättest du deine Zeit nicht besser verwenden können – mehr Zeit für deinen Sohn, deine Tochter aufwenden, mehr Zeit in noch bessere Religionsstunden stecken, alles Dinge, die doch weitaus sinnvoller sind als das Schreiben eines Textes?
Ich will es nicht überdramatisieren, dieses «schwere Los». Doch musste man nicht den Köppen richtiggehend einsperren, damit dieser sich an den geschuldeten und versprochenen Roman setzte und daran weiterschrieb?
Du bist alleine mit dem Text. In manchen Fällen sogar «alleine im Text». Und wie ein Vater, der für sein Kind sorgt, trägst du meistens die Verantwortung ganz allein. Denn gegenüber einem Text hast du eine Verantwortung: Du hast ihn nicht nur zu verantworten, sondern bist regelrecht für sein Gedeihen und Überleben verantwortlich. Kurz, mit dir fällt und steigt die Überlebenswahrscheinlichkeit des Textes. Hältst du nicht durch, verschwindet der Text.
Complex – Verwoben
Doch natürlich steht dein Text nicht ganz allein. Er ist ja nur die jüngste «Inkarnation» des immer gleichen Texts, den du zu schreiben versuchst. Er ist der berühmte Zwerg auf dem Rücken der Riesen, selbst wenn die Riesen selbst nur Zwerge oder Kröten waren.
Der Text hat eine Familie, eine Vor- und manchmal auch eine Nachgeschichte. Auch darin bist du dem Text verpflichtet. Du bist dafür zuständig, ihn gut einzubetten in diese Erzählung.
Der Text darf natürlich alleine und für sich stehen, das tun die besten Texte ja sofort, nach den ersten Zeilen schon. Dennoch muss der Leser*in klar werden, wem er gehört, woher er kommt, was er mitschleppt an Treibgut und gebleichten Knochen.
Diese Verwobenheit mit deiner «eigenen Welt» ist spürbar, wenn der Text dir ein Gefühl von Unabhängigkeit vermittelt. Will heissen, wenn du merkst, dass nun jede*r kommen kann und ihn berühren und verunstalten und umarmen kann, ohne dass ihm was passiert. Er ist lebensfähig geworden. Er hat seine Unabhängigkeit wohl verdient. Du musst dich nicht mehr sorgen.
Stand-Alone-Complex – Das Dickicht hält
Mein Roman trug anfangs bezeichnenderweise den Titel «Den Wald im Rücken». (Dieser Ausdruck kommt immer wieder vor im Roman, ich habe ihn zu einem metaphorischen Leitmotiv gemacht.) Dieser Ausdruck meint, dass der Held der Geschichte zwar in einer absoluten Lebenskrise steckt, aber in der Natur hinter seinem Haus, die ganz eigenen Gesetzen und Prozessen folgt, einen Halt findet.
Das Dickicht hält den Protagonisten aufrecht. Er kann sich daran lehnen, er kann die Verwobenheit des Grünen spüren und daraus Kraft schöpfen.
So geht es mir derzeit mit meinem Roman. Ich befinde mich im 6. von 10 geplanten Kapiteln, auf Seite 185.
Ich habe nun reichlich «Wald im Rücken», der mich hält. So viel ist schon passiert im Roman, so viel Details wurden eingeflochten, mit den Personen des Romans in Verbindung gebracht, so viel «Weg» ist schon zurückgelegt.
Natürlich ist es immer noch unheimlich, «alleine mit der Oma in den Wald hinein» zu gehen, aber ich weiss jetzt, dass dieser Roman leben wird.
Er wird leben, weil er alle drei oben genannten Kriterien zu erfüllen beginnt.
Das ist ein unglaublich gutes Hochgefühl: zu wissen, dass der «Lauf» begonnen hat. Jetzt ist das Schreiben wie eine Strasse – immer noch mit Löchern und Unebenheiten, Kreuzungen und fehlenden Hinweisschildern, natürlich!
Der Wald in meinem Rücken – der Text in meinem Rücken – wächst immer mehr an, treibt mich voran, wird selbst zu seiner Motivation, befruchtet sich selbst, er ist kurz vor den ersten Schritten ganz allein, eingesponnen in meine «eigene Welt».
Das ist Glück.
[1] Und ich merke gerade, das wird der Post, der neue Massstäbe in Sachen «Wörter in Anführungszeichen» setzt… Somit erkläre ich diesen Post als den «Post mit den Anführungszeichen» und dieselben zu «Stilmitteln»…
Steh. Bleib. He: du: sträub dich. Still. Halt. He: du: wohin-wohin? Sieh. Stein. He: du: taubes Ich. Schweig. Nein. He: du: wieviel-wieviel?
Jetzt. Bau eine Kathedrale in deinen bewegten Augen. Jetzt. Korrodiere mit nutzlosen Werten die Stahlstreben deiner Seele. Jetzt. Wirf das Kies aus deiner Tasche ins Getriebe der Sauger. Jetzt. Richte dich auf mitten in der un-Freien Strasse wie eine altägyptische Stele.
Stand auf dem Perron. Sonne und Schweiss im Rücken. Schaue auf aus dem Buch. Ein Zug fährt ein. Wo bin ich?
Halte das Buch fest wie einen Hut. Gleichheit der Dinge. Abgemessenheit Und Zugemessenheit. Der Zug gleicht Dem verstellten Horizont. Wo du bist
Kennst du bis zur Unverwechselbarkeit Die Gestalten Gesten gleichförmigen Gegenstände Vertikalen Gardinenstangen und die regelmässige Freiheitsgewähr: wo nur bin ich? Ich denke an die Einsamkeit
Meiner Mutter an der Seite ihres Mannes Der für sie fast verloren ist. Oh keine Gefährdung: Nur ihr Mann – fantasiert beim Notar darüber Wie er sich das Gehirn und all das Blut
Auf das halbabstrakte Sonnenuntergang-am-Meer-Gemälde Katapultieren würde und es würde noch gut passen: Wo bin ich? Das Buch hing in meiner Hand An meiner Seite. Mein Zug fährt ein.
Ich warte bis die Eiligen eingestiegen sind. Sind es nicht immer Mehr? Weshalb eilen? Das fesselnde Gefühl von Staunen und Ehrfurcht Im Angesicht des Dramas menschlichen Gefühls Das vom äussern Drama des Lebens verborgen wird.
Die Frage nicht nach dem Wo: nach dem Wer – Ich weine nicht über was mein Leben verändert Ich weine über Kinder die sich sagen lernen Und lernen das auszudrücken was nur ihnen eigen ist:
Die Traumata ihres Vaters Die hebräische Schrift und dass in Italien Gotteslästerung auf Fussballplätzen Verboten ist: wer bin ich?
Alles das im Zug. Buch auf dem Schoss. Auf Vintage gemacht: als seien die Seiten vom Erstleser Erst gerade aufgeschnitten worden: das Ich als Reprint Und ich komme in Basel an. Das Tigerbaby spielt unter der Brücke