Position des Schreibenden

Photo by Federico Abis on Pexels.com

Ich schreibe aus einer Position des Überlebenden heraus. Aus einer Position der andauernden, dauernden Gefährdung, der Verunsicherung und der Unsicherheit. Nichts ist gewiss, manches ist gewährt.

Ich habe bereits mehrfach am eigenen Leib erfahren, dass die heutige Lebenserwartung nichts über die Gefährdung des menschlichen Lebens aussagt. In meiner Kindheit habe ich mir mit schöner Regelmässigkeit den Kopf blutig verletzt; mit acht Jahren hatte ich einen Schädelbruch. Viel später hatte ich nach einem Fahrradunfall einen Hirnschlag. Auf Phasen des Burnouts folgten Phasen der Depression. Ich kenne einige Gleichaltrige, die bereits gestorben sind – durch Unfälle und an Krebs. Dass ich mit 51 noch am Leben bin, ist keine Selbstverständlichkeit.

Ich denke an meinen Vater, dem ich nach einem schweren Fahrradunfall meines Bruders (damals etwa 14 Jahre alt) begegnet bin. Er stand beim Kleinwagen, der mit meinem Bruder zusammengestossen war. Dessen Windschutzscheibe war eingedrückt vom Kopf meines Bruders, aber nicht eingebrochen. In den Rissen des Eindrucks zitterten Haare meines Bruders. Mein Vater stützte sich auf die Kühlhaube des Wagens und sagte mit gepresster Stimme: «Sie wollten mir ihn umbringen.» Dieses «sie» und das besitzanzeigende «mir» drücken sehr gut die Ohnmacht des Menschen vor dem Plötzlichen, Unerwarteten aus, das sein Leben und das seiner Geliebten bedroht und beendet.

Das Unerwartete und Plötzliche ist das, was mein Schreiben bestimmt. Es bricht in meine Gedichte ein, übernimmt sie, überbordend, überfordernd.

Als Überlebender sehe ich die Gefahren, die Unsicherheiten unseres Lebens. Ich schätze mein Noch-Leben-Können. Seit meinen Anfängen als Autor habe ich das Zersplitternde, das Zerstreuende, das Auseinanderfahren von Zusammenhängen, das Auseinanderklaffen von Wunsch und Wirklichkeit, als bestimmend und anspornend empfunden.

Diese verunsichernde oder verunsicherte Weltsicht ist eine ganz und gar positive. Sie erlaubt es mir, den Schärfen und Tabus nicht auszuweichen. Sie vielmehr als Tatsache und als Gutes – vielleicht sogar als Güte oder Gnade –  anzunehmen und mit ihnen das zu machen, was sie mit mir machen: sie in etwas Schönes, Erhebendes zu verwandeln, in etwas Vollkommeneres.

Um es mit einem andern Bild zu beschreiben: Ich verstehe das Leben als einen Lauf über verschiedene Böden: vom ermüdenden Asphalt auf den Kiesweg, durch Schlammgruben und über Schlaglöcher hinweg, auf Katzenkopfpflaster und auf nach einer Seite abfallenden Trottoirs, auf federnden Waldwegen und durch den Dünensand. All diese Unterlagen stellen wechselnde Anforderungen an den Körper, vom Fuss über die Knöchel, die Knie, bis in Hüfte und Rücken. Nur das unablässige Training im Lauf selbst kann einen befähigen, diese vielfältige Bodenbeschaffenheiten zu meistern.

Wohlverstanden: es handelt sich dabei nicht um ein Training zur Selbstverbesserung, sondern um ein Training für ein gutes Leben. Es geht nicht darum, schneller und weiter zu laufen. Es geht darum, überhaupt zu laufen.

Wer sich nicht hinauswagt, der hat schon verloren. Wer sich an das Übliche hält, der ist schon gescheitert. Wer die bekannten Wege beschreitet, der gelangt nirgendwo hin. Wer in Sicherheit lebt und geht, der geht und lebt in Unsicherheit.

Über die Lebenslüge

Цифровая репродукция находится в интернет-музее Gallerix.ru

Die Länge der Zeit ist die Prüfung, die allen Aspekten einer Leidenschaft ermöglicht, sich nacheinander zu entwickeln, allen Möglichkeiten erlaubt, sich im Detail zu aktualisieren, dem Authentischen und dem Soliden gestattet, sich eindeutig vom Pseudo und vom Simili zu differenzieren… (V. Jankélévitch, Von der Lüge)

Jeder künstlerisch Schöpfende kennt dieses Gefühl. Ich nenne es die Angst vor der Lebenslüge.
Die Lebenslüge ist, wenn du dich selbst belügst; wenn du dich selbst täuschst. Du bist nicht das, was du zu sein glaubst. Du bist nichts weniger als ein spanisches Schloss. Du bist vorgestellt.
Dieser Betrug findet vor dem Hintergrund der Wirklichkeit statt, die ganz anders ist als du sie möchtest. Die Wirklichkeit ist immer anders, als du sie möchtest; das ist ihr Merkmal.
Dass du so empfindest, macht dich zum künstlerisch Schöpfenden. Es macht dich aber auch zur Lügnerin. Denn wer den Hintergrund nicht akzeptiert, lügt im Vordergrund. Der Vordergrund aber hat keine Tiefe, bevor er nicht selbst Hintergrund wird. (Wenn du zurücktrittst, zurücktreten kannst.)
Im Vordergrund redest du dir etwas ein, stellst dir etwas vor, was dich betrifft. In deiner Person gibt es eine Person, die der Wirklichkeit widerstrebt. (Stellt sie sich die Wirklichkeit vor? Das ist nicht klar.)
Man kennt diese Person. Deine Nächsten kennen sie gut, auf die Dauer kann niemand sie verleugnen. Sie sehen sie, aber sie wollen deine andere Person, die im Hintergrund lebt. Für sie ist diese Person im Hintergrund, ein Statist. (Unbedeutend / weit vom Ufer weg / da war // ein ziemlich unbemerktes Aufspritzen / das war / der ertrinkende Ikarus – William Carlos Williams.)
Womit aber belügst du dich, baust du das spanische Schloss? In meinem Fall mit dem Bedürfnis nach Schreiben. Dieses Bedürfnis ist anfangs gänzlich unbegründet, weil keine Erfahrung es bestätigt.
Und dieses Bedürfnis stört dich in der Wirklichkeit. Du hast eine Familie, du musst für sie sorgen oder mit-sorgen. Das heisst, arbeiten. Findest du eine Stelle, die dich hin und wieder aufblicken lässt zu deinem Schloss?
Du musst dich entscheiden. Du musst dein Leben ändern. Ist es schon zu spät?
Denn diese Lüge, die dich antreibt, sie ist kein Lebenslauf, sie ist keine Arbeit wie die andere. Sie ist, gesteh es dir nur ein, überflüssig, nicht notwendig. Niemand braucht das. Genügt es, dass du es brauchst?
Inzwischen kennst du die Wirklichkeit. Du hast sie erfahren. Und wie ein schlechter Maler hat die Erfahrung begonnen, Perspektiven zu verändern. Die Schatten fallen anders, die Distanzen sind verändert. Ist das noch Hintergrund oder schon Vordergrund – oder umgekehrt?
Du hast mit der Angst vor der Lebenslüge so lange gelebt. Vor dem Hintergrund deiner Erfahrung kann sie nur noch eine Selbstlüge sein.
Es gibt inzwischen Tage, da hängt das spanische Schloss schmelzend mittig im Bild, alles überdeckend.
Das Bedürfnis nach Schreiben ist immer noch da. Die Nächsten haben es so lange in den Hintergrund geschoben! Du hast ihnen sogar viel zu oft dabei geholfen.
Und das Bild hat sich verändert. Das haben wir schon festgestellt, aber es gehört festgestellt. (Ein Baum, der nicht ausgesagt wird, ist kein Baum. – Ramuz)
Alles darauf ist verschoben. Der Hintergrund ist ganz diesig. Denn die Wirklichkeit, die du kennst, hat keine Bedeutung ausser ihrer selbst. Sie mag schon so lange oder noch so lange deine Wirklichkeit sein, das macht sie nicht vordergründiger.
Deine Nächsten sind müde geworden vom Schieben, Wegstellen, Übermalen, Zurechtrücken. Sie äussern ihre Forderungen, Erwartungen und Meinungen kaum mehr flüsternd; Lippenbekenntnisse, die selbst sie nicht mehr ernst nehmen.
Du hast keine Angst mehr, als du zu schreiben beginnst.
Nein, das ist nicht wahr. Es gibt keine Ausreden mehr. Alles, was du in der Wirklichkeit getan hast, hat nichts befriedigt. Du wolltest den Nächsten so sehr glauben. Aber egal, wo das Bedürfnis nach dem Schreiben war, du konntest es immer sehen.
Aber auch eine Selbstlüge ist noch eine Lüge. Im Schreiben aber wird sie wahr, nur in der Tat. Erlaube ihr die Wirklichkeit.
Je öfter du die Lüge begehst, das Schreiben für wichtiger als die Wirklichkeit, die Arbeitswelt, die Freunde, die Familie hältst, desto wirklicher wird sie. Denn inzwischen ist sie der Wirklichkeit näher als die Wahrheit.


Bild nach Pieter Bruegel der Ältere – 1. blistar2. GalleriX, Gemeinfrei, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=5279287

Offenbarung 1: Woher kommt mir Rat?

Photo by Leni on Pexels.com

Ich bin schwach: aber kein Schaf.
Von der Kraft eines Regenwurms:
Kaum schaffe ich mir mein eigenes Loch
Denke nicht einmal an die Überquerung der grossen harten Strasse
Werfe getreu mein Häufchen auf
Wenn es heller wird und ziehe
Die herbstbeschriebenen Blätter unter die Erde
Wenn es dunkler wird: ich singe nicht
Wie der Schnabel der mich erntet.
Aber die Härte der Strasse schafft mir Mühe.
Wo ist nur Mutter Erde?

Ich bin schwach: aber kein Schaf.
Von der Kraft einer ranzigen Frucht:
Kaum schaffe ich mir mein eigenes Grab
Hier auf der harten grossen Strasse
Über die ohne Umkehr die Nacktschnecke
Kriecht und oft ihre Spur nochmals kreuzt:
Ihr silberner Faden trocknet glitzernd ein
Wie ein Zeichen aus einem anderen Land
Das niemand lesen kann. Selbst sie
Scheut meine Säure. Kein Feld
Nimmt mich auf. Ich singe nicht:
Die Füsse auf der grossen harten Strasse
Die Regenwurm Schnecke und mich zertreten
Auf der wir weich und verletzlich liegen
Können das ja auch nicht.

Ich bin schwach: einem verknoteten Traum gleich
Zu einem Viertel zertreten und der Rest der sich immer noch windet
Einem Baumstamm gleich der das Eisengitter umarmt
Das ihn begrenzen will grabe ich meine Füsse in den wegrollenden Sand
In das nachgiebige Fruchtfleisch der Erde
Unbelehrt und unbelehrbar schwach:
(«du wirst noch ein verbitterter Mensch»)
Und von allen Seiten kommen sie
Mit ihren gutbesohlten Worten
Und von allen Seiten wissen sie wie zu leben
Mühen sie sich zu leben wie zu leben sei
Erklären mir das Warum der Kinder
(«Kinder wollen nicht die Ursache der Wirkung wissen
Sie wollen Bedeutung und Grund kennen»)
Beschwören meine Vernunft
(«nur als arbeitender Mann
Hast du einen Wert für andere»)
Beharren auf einmal eingeschlagenen Wegen
(«du beendest dein Studium
Denn man führt Angefangenes zu einem Ende»)
Während rechts und links die Fäulnis
Im dunklen Schlupfloch des Erbguts
An ihrem faulenden Geist keuchen und fleuchend sich stärkt
(«die Frauen steigen hinauf bis zu mir
Und wollen mir an den Kragen»)
Oder
(«ich lasse die Schulden
Aus Spielsucht und Hurerei
Hinter mir: kümmert ihr euch darum»)
Oder
(«wir schätzen andere
Indem wir sie schlecht machen»)
Oder
(«ich sterbe obdachlos und frei
Weil meine Geschwister keine Geschwister sind»)
Oder
(«ich fresse mein Leben in mich hinein»)
Oder
(«ich nage an jeder Entscheidung
Weil Skelette sich nicht regen»)
Oder
(«ich kann mit Geld nicht umgehen»)
Oder
(«das einzige was zählt ist Geld»)
Oder
(«ich habe es ausgerechnet
Ich werde 100 Jahre alt»)
Oder
(«meine Mutter legte ihr Haar über ihr Gesicht
Und ich musste sie darunter suchen»)
Oder
(«da ist jemand mit einer Pistole vor der Türe»)
Oder
(«er ist wieder in Königsfelden»)
Oder
(«Verkehrspolizist – das würde noch passen für sie»)
Oder
(«Schau mal: die Frau da
Die würde ich sofort ficken»)
Oder
(«Kaschdi sam sa sibie»)
Oder
(«wenn ich eine Pistole hätte
Würde ich mir das Gehirn wegschiessen
Und das Blut würde auf diesem roten Bild aufschlagen
Und niemand würde eine Veränderung merken»)
Oder
(«sie ist eine Hexe»)
Oder
(«ich habe mein Leben vergeudet»)
Oder
(«du lebst von der Sozialhilfe
Da bin ich mir sicher»)
Oder
(«ich wünsche euch
Dass dieses Kind in der Gosse landet»)
Oder
(«lass den Bagger dort liegen
Sonst komme ich raus und verhaue dich»)
Oder
(«ich schlage ihn hier und jetzt
Damit er nicht mehr das Bett nässt»)
Oder
(«wie geht’s dem Schwartenfigger?»)
Und im Neonlicht hier unten
Ist die Weichheit der Erde
Fluch und Segen: begrenzte feuchte Sicht
Und in jeder Kehre
(nimmt denn ein Wurm wie ich
Sein Winden wahr?)
Und in jeder Windung des Weges
(weiss denn eine Frucht wie ich
Um ihre Lage?)
Von einer unbegrenzten Durchlässigkeit
Voller organischer Spuren und Vorgängen:
Meiner Schwachheit allmählich mächtig
In aller Mühe allmählich mächtig –

Doch da
In der unklaren Sicherheit
Eingerichtet wie in einem Strumpf
Der Windungen zu viele
Der Räte zu wenige
Mitten in der raschelnden Stummheit des Lebens
Vom Wind umgeben statt von meinen treibenden Schwestern
Auf der herbstlich glatten Oberfläche der Strasse
Neben meinen stinkenden Schwestern
Zwischen Gingkoblatt und Zigarettenkippe
(ah meine neun Gingkobäume am Ende der Freiburgstrasse)
Auf dem Rücken ausgestreckt wie Gregor Samsa:
Der schreiende Wurm meines Kindes ringelte sich im Schock
Und ich verlor die Richtung
Das Gleichgewicht und Vertrauen
Die ich vorher schon verloren:
Aufgegeben hatte: noch einmal: ich bin schwach
Aber das Wühlen und Werken wie zuvor
Kann mich nicht mehr vorantreiben
Noch weniger Schaf als je zuvor
Über meine allzu herbstliche Müdigkeit gekrümmt
Als hätt ich eben meine Kleider zusammengetragen und noch nicht sortiert
In meine saure Nichtigkeit gehüllt
Als hätt ich das einzig Richtige erkannt
Und gelernt: von der Strasse aufgelesen
Aus dem Erdreich gepult
Lausche ich einem knarrenden Deutsch
Aus dem Land der weiten flachen endlosen Traurigkeit:
Der Ernte zwar viel
Die Arbeiter wenige –
Bittet nun den Herrn der Ernte
Auf dass er Arbeiter ausschicke
In seine Ernte. Geht fort –
Ich schicke euch wie Lämmer
Inmitten von Wölfen.
Und ich hörte auch:
Ich schickte euch zu ernten
Worum ihr euch nicht gemüht habt –
Andere haben sich gemüht
Und ihr seid in ihre Mühe eingetreten.

Meister Ramuz

Vor einigen Wochen habe ich für mich das Haus „La Muette“ in Pully entdeckt, in dem der welsche Schriftsteller Charles-Ferdinand Ramuz zuletzt gewohnt hat. Ich war in Lausanne aus dem Zug gestiegen, hatte als erstes ein Werbeplakat von diesem neu eröffneten (?) Museum gesehen – und einen Ausruf der Freude getan: das Haus meines geliebten Ramuz! Da musste ich sofort hin.

Das Haus liegt oben am Hand im alten Dorfkern Pullys, es ist schmal und rosa zwischen andere Häuser gedrückt. Es dient immer noch als Wohnhaus, aber Erdgeschoss und ein Teil des ersten Stocks sind zu einem Erinnerungshaus umgebaut. Das Museum ist sehr schlicht mit hellem Fichtenholz gestaltet, eine ausführliche Audioführung führt über verschiedene Stationen in Ramuz’ Schreibprozess und -welten ein, eine ganze Vitrine ist seiner Grossvaterliebe zu „Monsieur Paul“, seinem Enkel, gewidmet. In seinem Schreibzimmer steht ein riesiger Schreibtisch, der einen Blick auf die beiden niedrigen, vergitterten Fenster bietet, die auf einen terrassierten Garten hinausgehen, der wiederum hoch über dem See schwebt. Im Rücken des Schreibtischs eine ausgelegene Couch und an der Wand ein kleiner Ofen (gerade richtig zum Verbrennen von beschriebenem Papier).

Mir hat es sehr gefallen, dass hier keine Konservierung stattgefunden hat: es wird nicht versucht, diesen Raum so zu bewahren, „als würde der Hausherr jeden Moment eintreten und weiter schreiben“. Doch siehst du auf Fotografien im Raum, wie er ausgesehen hat, als Ramuz noch lebte: der Tisch mit wirklich meterhohen Blättertürmen beladen, aufgeschlagene Bücher überall, der Bücherschrank rechterhand neben dem massiven Pult überquellend, die Couch mit einer aufgeschlagenen Decke. Alle 3 gezeigten Räume in diesem kleinen Museum sind von einer schlichten, modernen Inszenierung, die in meinen Augen sehr dem Geiste seines ehemaligen Bewohners entspricht.

Ich habe meine Zeit in diesem Haus sehr genossen, mit Freudenlauten und Gänsehaut, kleinen glucksenden Ausrufen… Ich war der einzige Besucher, habe mich wieder und neu verbunden gefühlt mit diesem Freund unter allen meinen Lieblingen. Und wie immer bei solchen Wiederbegegnungen nach langer Trennung (oder Verleugnung?) habe ich mich gefragt: Wie konnte ich nur vergessen, dass du mir so nahe bist, lieber Freund und Meister Ramuz? Wie konnte ich nur vergessen oder aus dem Blick verlieren, wie sehr du mein Schreiben geprägt hast?

Rekonstruktion eines Vergessens (eines Vergessenen?)

Ich konnte es vergessen, weil das, was uns prägt, immer ein Unmerkliches, Allmähliches ist. Dieses Allmähliche verläuft im Untergrund deiner Persönlichkeit, deines Denkens und Handelns, ist ihr Grundwasser. Dieses Unmerkliche findet dauernd und unablässig in dir statt, ist etwas Unwirkliches, das in dir flüstert, weiter flüstert. Und es flüstert mit deiner Stimme, mit deiner Sprache.

Ich kann mir vorstellen, dass du es niemals brauchst, weil es für dich dein Eigenes scheint, natürlich und gewohnt.

Als Schreibender aber hast du doch ganz natürlich ein Auge darauf, als Schreibender aber bist du doch gewohnt, auf Töne, Stimmen und Unterschiede zu achten, die in deinen Text Eingang finden, vielleicht gar unbewusst gewaltsam eindringen in ihn, – sie genau zu beäugen und abzuwiegen, als schriebe ein anderer in oder mit dir, inwiefern und in welchem Masse sie „der Wahrheit entsprechen“: Sind die Stimmen und Töne durch dich gegangen, aus der zwanglos „herausgekommen“; sind die Unterschiede angelernte oder angelebte Unterschiede, die deinem neidisch-raffgierigen Verstand entschlüpft sind, der sich nur zu gerne mit fremden Federn schmückt, als seien es die eigenen, oder Unterschiede, die wohl in der Literatur gründen, aber mit dem eigenen Leben (Erleben) geprüft und für wahr befunden, derart verbunden und verwoben wurden, dass sie inzwischen kostbare Ketten des Könnens sind, die dich im Schreiben vor Falschheit und Effekthascherei bewahren?

(Es ist ja noch gar nicht so lange her, dass ich mir bewusst wurde, wie sehr besonders meine Gedichte „in Stimmen“ geschrieben sind; und wie sehr dieses „Schreiben in Stimmen“ schon seit dem Anfang meines Schreibens ein prägendes Element meiner Poetik war und ist.)

Die „Wiedergeburt“ und „Auferstehung“ Ramuz’ in meinen Schreib-Leben findet nun auf zwei Ebenen statt. Zuerst erwecken die bekannten Fotos von Ramuz meine Erinnerung an ihn, und darauf ist das Wieder-Lesen von „Derborence“ (das im kleinen Museum prominent vorgestellt wird) wie eine Heimkunft, ein Ankommen nach langer, mühsamer und vergeblicher Reise. Ich bin zu Tränen gerührt, als diese Sätze und Bilder wieder in mir aufklingen, Resonanz finden.

Die Erinnerung an „une main“ und vor allem „anti-poétique“ überschwemmt mich, viele Wort-Bilder steigen aus dem trüben Brunnen der literarischen Vergangenheit herauf. Selbst jetzt, mehr als einen Monat danach, kann ich mich dieser emotionalen Heimkehr kaum erwehren, fühle mich überfordert davon…

Und es wird noch einige Zeit dauern, bis ich verstanden habe, warum mich seine Texte so gefesselt und geprägt haben – und es ja immer noch und wieder tun… Vielleicht werde ich es nie in Erfahrung bringen, wer weiss…

Und eines wird mir auch klar: Damals, als Jugendlicher, konnte ich gar nicht in der Lage sein, diese Einflüsse bereits in mein Schreiben einfliessen zu lassen. Ich verfügte über eine sehr geringe, begrenzte, enge Lebenserfahrung. Ich verstand zwar die Impulse, die mir Ramuz’ Poetik und Erzählweise verschafft hatte, sah ihre Wahrheit ein, aber ich war als Jugendlicher noch zu sehr davon abhängig, den Text als Pfauenrad gebrauchen zu wollen.

Erste Annäherung

Zuerst muss ich sagen, dass ich keine Lebenserfahrung habe in den Welten, wie sie Ramuz beschreibt und evoziert. Ich bin zwar in einer kleinen landschaftlichen Stadt in der Provinz aufgewachsen, habe vielleicht in meinen Eltern Spuren und in meinen Grosseltern Reste bäuerlich-bescheidener Lebenshaltung und Weltsichten und Einstellungen auf den eigenen Lebensweg „mitbekommen“ – aber für mich stand und auch heute steht der Ausbruch aus dieser dörflichen, provinziellen Enge im Zentrum. Paradoxerweise – und für mich damals ansprechenderweise – zeigt Ramuz in seinen eng ausgezirkelten Dorfwelten gerade auf, wie weit und universell in ihnen der Mensch gelesen werden kann.

Es kann also gut sein, dass mich Ramuz mit seinen Texten darüber hinweggetröstet hat, dass Enge nicht notwendigerweise Weite verhindert, sondern sie sogar ermöglicht.

(So träume ich seit einiger Zeit – noch vor meiner Wiederbegegnung mit Ramuz – , einen Dorfroman zu schreiben: Wie Ramuz die Figuren eines Dorfes miteinander in Verbindung zu bringen, eine Art kleines Biotop zum Leben zu erwecken und ihm beim Lesen zuzuschreiben. Nicht umsonst ist Stephen Kings „Under the Dome“ einer meiner Lieblingsromane!)

Zwei prägende Kunstmittel

Auf der anderen Seite hat mich seine Sprachkraft sehr geprägt. Ich will hier gar nicht auf das berühmte „on“ eingehen oder auf die grammatikalischen Eigenheiten (statt mieux le faire steht einmal le mieux faire in der Bedeutung von ersterem), die sich auch auf seinen Gebrauch der Zeitformen ausdehnen – dafür bin ich zu wenig Muttersprachler (und kein Literaturwissenschaftler).

Doch die langsame, allmähliche Verfertigung seiner Sätze, dieses Stocken, Wiederholen, Innehalten, Abschmecken, nochmals Aufnehmen (als kaue man Wörter und Sätze, um sie zu verkosten), das einem ständigen Abwägen gleichkommt, einem Abwägen im Text selbst, der damit seine eigene Schaffung thematisiert, in den Blick rückt, die Entstehung des Textes sozusagen vor den Augen der Leserin geschehen lässt, ein Miterleben des Schöpfungsprozesses durch das Wort, – diese innere Bewegung, die Ramuz in seinen Texten zu einer äusseren, weil sprachlichen macht, sie ist über die Jahre in der Prosa auch zu Meier geworden. Ich liebe es, in meinen Geschichten Figuren und Umgebung(en) schreibend und unmerklich im Akt des Schreibens selbst zu erkunden und erforschen, erspüren und entdecken, auf ihr langsames Sichtbarwerden hinzuarbeiten…

Und „langsames Sichtbarwerden“ ist für mich auch eines der Stilmerkmale von Ramuz: In allen seinen Texten, so scheint es mir, findet in jedem Moment eine Neuschöpfung der Welt im Text statt. So erinnere ich mich an jene Kurzgeschichte über einen Taupner… (Unerwartet und genau kommt dieses Wort aus meinem „tiefen“ Wortschatz herausgeschossen, ich finde es nicht in meinen Wörterbüchern, aber eine Grasfarbe: taupe, für rötlich schimmerndes Gras, und bin doch sicher, dass es dieses Wort gibt.) Ein Maulwurfjäger oder -fänger, vielleicht auch eine Art landwirschaftlicher Kammerjäger, kommt in ein Dorf (so viele Geschichten beginnen bei Ramuz, wenn ich mich erinnere, mit jemand, der in ein Dorf kommt, von ausserhalb, fremd und doch bekannt). Er kommt ganz allmählich „aus einem Hügel heraus“, steigt ein wenig wie die Sonne über einem Hügel auf, fast aus der Erde heraus wie Adam, so erinnere ich mich an diese Geschichte, tritt heraus in die Geschichte, bis auch die Füsse zu lesen sind, entsteht unter den Blicken des Lesers.

Genauso wie der Korbmacher in „Passage du Poète“, meinem Lieblingsroman von Ramuz, der in ein Dorf überm See kommt und sich mit den Spatzen unter den noch kahlen Frühlingsplatanen auf den kleinen Dorfplatz setzt und dort seine Arbeit tut, damit dem Dorf und seinen Einwohnerinnen den Frühling bringt.

In dieser Erzählhaltung, mittels dieser beiden Kunstgriffe (?) lässt Ramuz, ich kann es nicht genug sagen, die Leserin momentan teilhaben an der Genese seiner Sprache einerseits und an der Entstehung seiner Welt(en) anderseits…

Auswirkung auf das eigene Schreiben

In meinen Texten kommt ein weiteres Element dazu, das vielleicht sogar bei Ramuz angelegt ist: eine pessimistische, mythische und niedergeschlagene, halb begeisterte halb entgeisterte Lebenseinstellung. (Darum liebe ich Autoren wie Dazai so sehr!) Aus diesem Blickwinkel, so scheint es mir, aus der Sicht einer quasi gelähmten, unerwünschten, ungeschickt-glücklosen, ohnmächtigen, fast handlungsunfähigen Person (darum liebe ich König Saul so sehr!), einer in sich selbst verwirrten und mit sich selbst verstrickten Person („ich hatte meinem Gegenüber nichts anderes zu bieten als meine eigene Verwirrung“, zitierte ich Kerouac frei), aus dieser Perspektive heraus sind die beiden oben genannten Stilmittel fast unabdingbar notwendig.

Wenn ich jetzt auf die vergangenen 20 Jahre zurückblicke, in denen ich sogar so weit gegangen bin, bei meinem letzten Umzug alle meine Ramuz-Bücher ins Brockenhaus zu bringen, in der Überzeugung, mein Meister habe mir nichts mehr zu sagen; ich hielt seine Romane für langweilig und unzeitgemäss!, und vor diesem Hintergrund muss ich nun zugeben: ich habe mich in Ramuz getäuscht, damit auch in mir selbst, ich habe die Sünde der Verleugnung begegnen, der Hahn hat zum dritten Mal gekräht, und ich lauf hinaus dem eigenen Haus, hin zu meinem Meister Ramuz, um im Chemin Ravel 2 in Pully wieder zu mir zu kommen und zu dir, mein geliebter Meister!

Malvengräben

Photo by DESPIERRES Cu00e9cile on Pexels.com

Im Ganzen und Garen geht es hier
Um zu viel Fett
Um zu viel Lärm
Nur die Pyramiden in den mageren Kühen und die wenigen
In den Augen der Vielen und Lauten
Zäh errungenen Siegel-Siege
Die wie heisse Schächte über den Wolken-Ächtern aufsteigen
Zählen allmählich vielleicht
Und weit hinten liegen die Minzenweiden
Auf der Tora Waage
Ich sehe die Rollmöpse auf der Tanzbühne
Deren Regenbogen-Identitäten verblassen
Im Friteusegeruch zwischen Wissenwollen und Wissenkönnen
Die heissen Hufe der Glücks-Schächter klappern durch die Scheunen
Die Dünenpolizei hinterher
Den Schlamm des Nils an den Zockeln
Identitätskarten sage ich lassen sich nicht festhalten
Weder festhalten noch tiefer eindrücken in die Heringe im Pelz
Über denen die Streuselkuchen ihre Pollenfüsslein im Ende des Regenbogens baden
Wo Salomo seine Waage hingestellt hat
Aber nicht sein Schwert ruhen lässt
Das er gerne den Hirnvögeln vermacht hätte
Den Identitätskartenwächtern
Den von Malvengräben Redenden
Aber nicht den Kontrollkräften
Nicht sein Schwert
Und ich sehe beim Korn die hässlichsten Menschen der Welt an mir vorübergehen
Aus den Scheunen gestiegen
Aus denen das Nadisnah pfeift wie der Pfeffer
Und ich weiss nichts von der Liebe
Ich will auch nichts von der Liebe wissen
Denn dafür gibt es Vögte und Kümmerlinge
Die noch nicht wissen
Josef ist ganz und gar tot
Sie stehen am Jabbok mit ihren Mündern wie Scheunen
Je t’aime moi non plus
Am Tiber entfalten sie ihre mageren Lippen zu einem Gebet
Das wie der Regenbogen immer weiter geht
Aber nicht wie der Regenbogen ankommt
Denn was kann dieses sandige Flüstern denn auslösen in den wenigen fettfreien stillen Hirnlinien des Himmels
In dem du erntest was du nicht gesät
Und mit ihren mageren Worten
In denen sie die Malven parken wollen
Als könnten sie das Versprechen versprechen
Mit ihren Lungen voller Abendbrot und den Steinen von Davids Schleuder im Herzen
Auch Abu Simbel musste sich regen und an ein anderes Ufer legen:
Ein Sohn wird immer ein Sohn bleiben
Wusste ich und leerte meinen Korn
Ich will dich sagte ich gerne verlieren
Verlieren ist eine schöne Tat
Fast so schön wie das liebevolle Schmunzeln
Das du den Bösen und den Hässlichen entgegenhältst
Brillenlos und in Gedanken an die Inseln
Die wie Matjesfilets im Seichten obenauf schwimmen
Immer obenauf
Wie das Öl
Dem die Jungfernschaft genommen wurde in den Trögen
Woher die Wolken kommen und mitten im Shalom
Kaum breitbeiniger als eine Gebärende
Die auch nicht festhalten kann
Sieh genau hin
Du säst was du nicht ernten kannst
Mit Augen ungetrübt von Hass
Sieh hin über die Zinnen der Malvengräben
Über den Rubicon der heissen Erwartungen
Über die wundenfetten Identitätskarten
Durch deren Ritzen die geschenkten Kühe pfeifen wie das Salz
Und ich nehme einen Schluck von meinem zweiten Korn
Und sehe was ich nicht sehen will aber sehen kann
Höre was ich nicht hören will aber hören kann:
Wie das Salz
An dem sie leckten pfeifen
Entlang des Nils
Dem Wundenschleifer
Unter den Wolken in Scheunen
Und die Identitätsgrachten
Für die so weit zu fahren ist
Bis nach Banda
Bis in den rauchgefüllten reichgefüllten Tempel der Tropen
Wo die Menschen vor den Barbarengesichtern flüchten
Tragen sie doch das Kennzeichen
Das mit den Dingen verbunden ist
Die nicht zu wandeln sind aber zu brauchen
Und allmählich
Ein wenig wie von ungefähr
Schlüpft das hochgewanderte Licht an den Hirnvögeln vorbei
Auf die Malvenzirrhose
Auf die Torapolizei
Auf die Rollmöpse auf der Tanzbühne zu
Die wie Karten mit Zahlen wackeln
Eine auf die andere bezogen
Aber nicht auf die späteren oder die früheren
Einmal hier- und einmal dorthingeblickt
Ein Glück kann dem Kennen ausgewichen werden:
Als erhitze er mich
Blase ich auf meinen Korn
Der in den Farben meines Scheiterns glänzt
Und fein nach Waben riecht
In den öligen Schmieren vor dem Bienenhaus meiner wankelmütigen
Meiner nimmer ausgefahrenen Windmühlenkämpferinnen
Meiner grasgrünen wimpernzuckenden Stillebeutel
Die ungewogen auf dem Pflaster neben den Marktständen die Aufmerksamkeit von Fliegen und Maden auf sich ziehen
Ich weiss so sage ich auf meinem kippelnden Stuhl am Rande des Gevierts
So gar nichts von der Liebe
Dass ich sie gerne verlieren will
Noch- und nochmals
Denn dafür gibt es die Kümmerlinge und die Stockfische
Die bleiben’s dicke:
Ich kippele hier in Erwartung von Rahab
Ein Königreich für ein Seil:
Kirill ich sehn mich nach dir
Nach dem verheissenen Land
Das du mir gezeigt hast
Das aufgeht wie ein geschenktes Zelt
An dem die Matjesheringe mit ihren Kennzeichen auf ihren Flossen vorbeipilgern
Leicht zu falten und leicht zu spannen
Über meinen sieben Siegel-Siegen
Unter deren Bogen
Die für andere harte Henkel
Für mich nochmals zarte Schenkel sind
Die nichts versprechen aber auf ihren niemals weichenden Druck vertrauen
Unter deren doppelten Lächeln selbst ein Dünenwächter das Wandern im Wind verstehen könnte
Und ich schaukele unterm hydraulischen Röhren der Fahrgestelle bis nach Banda und zurück
Und zurück an Nationen von Scheunen vorbei
Will gerne aufs Lieben verzichten
An das Dienen mich noch ein wenig verlieren
Den Wolken
Den freien Ämtern
Den Katergängen
Den Hecken vor dem Gesetz
Im eigenen Rentabilitäts-Spektrum
Den unverheissenen Erwartungen dienen
Nichts von den Ernten wissen wollen
Aber einiges vom unerlässlichen unverlässlichen Säen
Und blicke in meinen Korn und sehe ihn schillern
Wie der Roggen auf den Feldern
Höre ihn knurren in meinen eigenen Eingeweiden wie die Fische in der grünen Tiefe
Und alle die sich die Zahl seines Namens hatten anbringen lassen
Die nichts verlieren wollten
Werden auf den Dünen stehen
Und nichts von der Liebe verstehen
Im wandernden Schatten der Malvengräben.

Den Rand um-armen

Damals wurde ich Vater. Es war eine Zeit der immer wieder drohenden und dann auch eintretenden materiellen Not, was ich gleichzeitig als befreiend erinnere.

Ich kam aus der Sicherheit, in der du für die Sorgen lebst. Die Sicherheit ist das Wichtigste; nicht nur ein Auskommen haben, auf ein Auskommen zählen, mit ihm rechnen können. Wer rechnet, vertraut nicht. Wer rechnet, sorgt sich. So lebten meine Eltern, in der Sicherheit in Sorge; aus Sicherheit in Sorge. Genug haben heisst zu wenig haben. Eine Haltung von Armen, die aufstiegen, aufgestiegen waren. Wer aufsteigt, kann jederzeit ins Rutschen und Fallen kommen.

Ich hatte kein Gefühl dafür – weder für die Sicherheit noch für das Sorgen. (Habe es auch heute nicht.) Ich war noch nicht dreissig. Die schwangere Frau an meiner Seite sorgte sich und suchte Sicherheit, würde Sicherheit und Sorgen einfordern. Im Ausland war mir die Enge und Beschränktheit meines Landes deutlich geworden. Das geht alle Schweizern so. Kurz, ich wusste mich befreit davon, in meiner Jugend von einem Gefühl der Ungefährdetheit getragen. Ich war unzuverlässig in hohem Grade. Bald würde ich mich verpflichten müssen, würde ich verpflichtet sein. Nicht daraus kam meine Unzuverlässigkeit – sie kam aus der Behütetheit, sie kam aus der Geschütztheit meiner Kindheit. Und aus meiner Jugend: weder konnte ich mir ein Ende meines Lebens (meiner Zeit) noch ein Scheitern desselben vorstellen.

In dieser Situation (fünfter oder sechster Monat) lernte ich Oe Kenzaburos „Eine persönliche Erfahrung“ kennen. Ich werde diese Lektüre-Erfahrung niemals vergessen. Sie hat meine Welt noch weiter aufgerissen, mein Wissen um die Breite menschlicher Schicksale durchlässiger und mich selbst auf das Scheitern, auf das Eingeständnis meiner Schwächen vorbereitet. Und sie hat mein Mannsein auf Schwäche und Feigheit geöffnet, auf den anderen, schwachen, gar zutiefst bodenlosen Mann hin eröffnet, der ich im Begriff war, sein zu wollen und zu werden.

Auf dem Weg zum Vatersein, das immer unerwartet kommt, verband ich mich empathisch und mit Abscheu mit diesem Bird, dessen Kind mit einer Gehirnhernie geboren wird, der sich einen Roman lang abmüht, dieses „pflanzliche Geschöpf“ loszuwerden, der sich aus der Verantwortung zu stehlen versucht, an einem unrealistischen Traum von einer grossen Afrika-Reise festhält. Ein Mann auf der Flucht, auch wenn ich nicht einen Moment an Flucht dachte. Ein Mann, der sich von seine menschlichen Verantwortung zu drücken versuchte, verstärkte mein Verantwortungsgefühl. (Denn Unzuverlässigkeit oder Verträumtheit hat nichts mit Verantwortungslosigkeit oder Verantwortungsvergessenheit zu tun, sondern mit Sorglosigkeit in Sicherheit: ständige (Selbst-) Vergewisserung ist nicht nötig.)

Ich war bereit, ein Vater nicht wie mein Vater zu sein, der nur für Sicherheit sorgte, versorgte – ein Mensch für einen Menschen: keine Rolle oder Haltung, ich selber in allen meinen Ausfaltungen. Hier sein, unverstellt, ausgestellt, ein ganz und gar persönliches Angebot.

Es gibt nicht viele solche Momente, in dem dir etwas geschenkt wird, das dir zugehören wird, dir schon zugehört: ein Geschenk, das das Geschenkte in dir eröffnet. Oe Kenzaburo verdanke ich einen solchen Moment. In mancher Hinsicht kam er zu früh, ich wusste noch nicht, wer ich sein kann und würde, unfertige Persönlichkeit. In mancher Hinsicht kam er gerade rechtzeitig, ich begriff meine Aufgabe und würde meine Gabe – von der Bird nicht einmal einen Begriff hatte – in meinem Leben nicht loslassen, in das Leben meiner Kinder hineintragen. Meine Kinder würden mich als jene Person kennenlernen, die ich sein würde.

Ich habe in meinem Leben zweimal eine Wette auf mein Schreiben abgeschlossen. In diesen Monaten vor der Geburt meines ersten Kindes setzte ich mich in jeder freien Minute hin und begann einen ersten Roman zu schreiben, „Die Heizung“. Ich wollte wissen, ob ich das könne: einfach sitzen und eine Welt schreibend erkunden, erstehen lassen. Sehr schnell merkte ich, ich konnte es, ich konnte es so sehr, dass ich nur noch das tun sollte. Aber weil das Kind bald geboren werden würde, brach ich das Projekt ab, liess die Geschichte aber nie aus der Faust meiner Vorstellungskraft fallen. Ich musste versorgen, Sicherheit erarbeiten; ich nahm die Aufgabe an. Es war zu spät zum Träumen. (Auch Bird findet sich am Ende mit der Realität ab.)

(Die andere Wette war einige Jahre später, ich arbeitete an meinem ersten Gedichtzyklus, in einem Rustico im Valle Maggia: ich wollte wissen, ob ich die Kraft besässe, Gedichte ohne äusseren Anlass, aber aus innerem Trieb und Willen „aus dem Nichts“ zu schöpfen. Auch hier eine Art Weltenbau. Auch damals hielt ich meine Träume für Träume – und nicht für die inneren Notwendigkeiten, als die ich sie doch erkannt hatte. Sicherheit und Sorge sind Traumkiller.)

Wenn ich also an Oe Kenzaburo denke, dann denke ich liebevoll an das Leben, das danach begann. Und heute noch andauert. Ich las andere Romane und Geschichten von Oe, las seine Nobelpreisrede. Darin erklärt er sein literarisches Selbstverständnis als das eines von der geografischen und kulturellen Peripherie herkommenden Autors, war er doch auf Shikoku aufgewachsen. Auch diese Rede leuchtete mir sofort ein: Ich war der erste Studierte in meiner Familie, im Gymnasium von Anwalts-, Unternehmens- und Arztkindern umgeben, die in ihren Häusern auf der Sonnenseite des kapitalistischen Wahnbildes residierten, wir waren in einer Mietwohnung zuhause, mein Vater stieg später sogar zum Prokuristen auf, und in der Universität Freiburg i. Ue. lernte ich, dass ich als „katholischer Junge vom Land“ genau die Universität gewählt hatte, die meinesgleichen besucht.

Erst viel später erfuhr ich selbst, was Oe vielleicht eher gemeint hatte: den Blick vom Rand aus auf die Gesellschaft, die Sicherheit und Vorsorge zu heften – und in dieser Abgelegenheit von den Träumen und Sehnsüchten der herrschenden Systeme ein Geschenk, vielleicht sogar eine bewusste Wahl zu sehen, mehr als ein Glück.

All das hängt für mich mit Oe Kenzaburo zusammen: verdanke ich ihm fast persönlich. In diesem Februar und März habe ich „Eine persönliche Erfahrung“ also wieder gelesen, habe all das erkannt – und herausgefunden, dass einer meiner geistigen Väter und Wegbegleiter, Wegbereiter im letzten Jahr im Alter von 88 Jahren gestorben ist. Immer in Gedanken daran, dass Oe für seinen Sohn Hikari geschrieben hat, nicht für sich. Mich hat diese verspätete Nachricht erschüttert, weil ich keine Berichte davon gehört oder gelesen hatte.

„Life comes full circle“, könnte man diese Gedanken zusammenfassen. Je öfter ich über solche Momente in meinem Leben nachdenke, umso mehr wird mir deutlich, wie sehr das Leben ein Zusammenfliessen, ein Zusammenkommen ist: Nicht nur ist in der Kindheit und Jugend alles schon in dir „angelegt“, verwurzelt, keimbereit, im Rückblick leicht zu identifizieren, mehr noch ist diese Anlage, dieser Wurzelstock deine Aufgabe, dein Auftrag im Leben – und Gottseidank gibt es diese Momente – und die Momente der Retrospektive -, in denen du dies realisierst. Die Komplexität dieser Realisation kann jedoch kaum ausgedrückt werden, denn sie ist im Fluss, bewegt sich noch, dauert noch an.

Aber genug davon. Ich möchte hier einfach einen Gruss in die Nachwelt schicken: Danke, Oe-san, von ganzem Herzen danke ich Ihnen. Ich verneige mich vor Ihnen in tiefer Dankbarkeit. Sie leben weiter.


(Fotografie von Thesupermat – Eigenes Werk, CC BY-SA 3.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=19577900.)

Flucht-Gedicht 2

Leicht sind vergessen Schulden
Und Rechnungen. Schnell etwas schlingen,
Nudeln und Chips. Die Folgen
Mit Starkalkoholpegel bingen;

Kohlenhydrate geilen
Genauso auf wie Illusionen,
Schuldvoll-erregt noch einen
Runtergeholt, Millionen

Male den gleichen Ablauf –
Die Freunde erschöpft vom Spendieren
Nehmen mit Nachsicht Anlauf…
Verständnis, das wird nicht rentieren:

Kann viel zu gut verdrängen,
Das hilft vor diesen Zwängen.

Keine Ausreden

Es gibt keine Ausreden
Vor dem blanken Morgen –
Und such nicht nach Auswegen,
als gäbs ja noch morgen –

Dein Schaffen ist Aufgabe,
und du scheust die Hürde?
Und wart nicht auf Eingabe
Nur im Tun ist Würde,

im Tun, wenn die Müdigkeit
Fantasie vernebelt,
im Tun, wenn du Sprödigkeit
mit Kaffee aushebelst,

nur im Wort ist Würde,
erleichtert die Bürde.

Meine Traum ist keine

Schissdrägg Strasse schlafen,
Kalt ist Nächte jetze,
Leute hier sind Hetze,
Alle wollen strafen,

Bettler keine Menschen
Oder was, meine Frau
Weint, dort Commandau,
Habe keine Händschen,

Denke immer Kinder,
Denke immer Arbeit,
Denke immer wird schneit,
Werde fast behinder,

Meine Traum ist keine,
Möchte nur noch heime.