Feuerschale

Ich seh dich Fünfer wenden mit brühend heissen Händen,
Vergessen hast du schon die Erfahrung, dass Geburt
Entbehrung ist und Umkehr sich anfühlt wie Verenden,
Genau wie Narben unter dem Kreuzstich, dass die Furt

Die du beschreitest, ungetan werden wird in Bränden,
An denen gut zu schnuppern, erquickend blaut Geruch
Daraus nach Kreuzen, Kreuzwegen, dumpfen Unterständen;
Du hast noch nichts getan, hingehockt im stillen Bruch,

Und hörst wie leicht die heulenden, lang gedrehten Tänze
In Hälse voller Zungenbruch, Strecken voller Wut
Und Trampeln ausgestreckt sind und gleich den Feuer-Schwänzen
Der Sommersonnenwende sind, reif in träger Glut.

Ich seh dich aus der Schale geschlüpft und stier und blind:
Du tust, was du getan hast, und gehst von Hind nach Sind.

Keine Stunde

Du musst nicht gleich ein Bärtierchen sein, aus Moos geschält,
Bescheiden-krumm, Sporophyt im trocknen Sand der Kunde
Von Dankbarkeit und Abkehr, wo niemand mehr erhellt
Von Zeiten-Wechsel oder Geduld, und keine Stunde

Vom Zornesfall Erleichterung bringt und nichts vom ungezählt
Im feuchten Bruch verklingenden Röhren aufgehoben,
verschlungen wird wie Himmel; Geduld, Geduld ist Geld,
Ein Speerwurf in die Bärlauch-Gedichte, aufgestoben

Aus platten Lettenpfaden, grau und ausgewählt
Als Mittel gegen Schamrückfall, niemals gut beraten
Von abgekehrter Dankbarkeit; keine Stunde stählt
Dich mehr als diese, um die Gemeinschaft zu verraten.

Ich seh dich stehn im extremen Geländ mit nassen Lenden.
Ich seh dich Fünfer wenden mit brühend heissen Händen.

Haut der Zweiheit

Denn wer will immer kümmern? In heisser Kälte weilen?
Die Enge dieses Lands und die Schwere dieser Haut
Mit Fassung tragen lernen, auf schnellen Beinen eilen,
Gehorsam ausgeschwärmt, in der Fläche aufgestaut?

Nicht du, nicht ich: die Kluft hat die längste Zeit gehalten
Geschlecht und Körper, Geist und Gehirn wie Wachs verkrümmt,
Und wollt uns weiter zwingen, an Zweiheit festzuhalten:
Wo keine Zombies, unmündig-mild, aufgetürmt,

An spitze Hüte ängstlich geklammert, ist Gedeihen:
Wo Krümmung Gräde wird, und der Kreislauf warm spiralt;
In Spalten wollen Unterschied, Widerspruch wir seihen,
Aus Haut und Heimat aussteigen, – die schon längst verstrahlt.

Ich seh dich schon im Wandel, entfremdet dieser Welt:
Du musst nicht gleich ein Bärtierchen sein, aus Moos geschält!

Verschellen

Mit Blumen-Nägeln kratzen am Teer der Sorgen-Welt,
Mit roten Lippen, brennender Zunge Dinge nennen,
Die dich jäh aus der eignen Person herausgepellt;
Und Zustand um Zustand den Trug von Lüge trennen,

Das willst du: anders-farbiges Denken, ungestört
Die Kraft des Kenterns üben, auf hohem Absatz stehen,
Die Wände wenden, dass sie ein Lied sind, unerhört,
Ein Lied, das mächtig-grünendes Land zerstört, Wehen

Hervorruft, Hitze-Dickicht, wo unterm Purpurzelt
Dein Asche-Leib verschollen; und sollt es dich zerreissen,
So sag dir nur im Zorn, wie hat es dich doch gequält,
Das innre ständig neu mit dem äussern Tau zu spleissen…

Ich seh dich gut, bist längst schon dabei, dich abzuseilen.
Denn wer will immer kümmern? In heisser Kälte weilen?

Ort: ungekrümmt, entstellt

Ich seh dich wieder sieden und Widerspruch austeilen,
Mit Wörtern zielen nach einem Ort, wo stumm und blank
Die Armut Freiheit hiesse, ein Raum aus vielen Teilen,
Die ungleich haften an den Geschichten, die im Stank

Dich halten, die im Reich realer Dinge weilen,
Wo dir nicht deine Plastizität verloren geht,
Die Gier sich nicht erschöpft an leeren Tellern, heilen
Die Mühen nicht in Schränken; ein Ort, an dem entsteht,

Entstellt und schwül und unbelebt, ausgedehnte Wüste,
Worin die Fakten stockfleckig werden, wo wird wahr,
Was du nur fühlst, und wo Transitives findet Küste,
Das Passiv glüht im Wechsel der eignen Geschichten-Schar.

Ich seh dich ungekrümmt, transfinit, erfolgs-vergällt
Mit Blumen-Nägeln kratzen am Kitt der Sorgen-Welt.

Fabel

Als gäb es nicht den Spatzen, der zählt auf nichts im Park,
Und doch in seinem Flattern genug vom linden Reichtum
Und fast von nichts zu leben hat; schreit er nicht so stark,
als sei des Orts er würdig, und nicht aus eignem Zutun?

Und fehlt ihm auch Objektpermanenz, mag klein er auch sein,
So braun und reizlos aufreizend, er gibt sich nicht kleinlich,
Das fiele ihm nicht ein: ist mein Bruder ohne Schein,
Foutiert sich um die kleinliche Welt. Wahrscheinlich

Ist seine Hektik nötig. So kennt er keinen Gleichmut,
Er stösst hinauf in Höhe, er fällt hinab ins Tiefe,
Erregt sich am Geringsten, ist nicht von lauem Kleinmut,
Er harrt auf nächste Nähe, er hält den Kopf ins Schiefe:

Ich seh dich Ort gewinnen und Staub um dich verteilen,
Ich seh dich wieder sieden und Widerspruch austeilen.

Im Hier und Jetzt

Mit rotgeschwärzten Händen doch stets das Gleiche meinen,
Das hiesse, langsam Gesten zu formen ohne Gier,
In linden Formen sagen, was gilt im Allgemeinen,
Obwohl dich klirrend heiss die Vision befragt im Jetzt und Hier,

Die brühend kalten Lilien hier den Anfang nehmen,
In diesen Mandibeln eingespannt, deren Gift wie Rahm
In deine Blutbahn schiesst, und im Hier und Jetzt die Schemen
Auf spitzem Fusss umkrabbeln die noch primäre Scham,

Das hiesse, kritzelnd hergeben dieses eine Siegel,
Gebrannt in deine Hände, damit am Raum du rückst,
Denn hier musst du hinaustreten aus dem Schatten-Spiegel,
Weil das Faktum ist, du kannst so nicht weiter noch zurück.

Ich seh die Gliederfüsser saugen schon am Mark,
Als gäb es nicht den Spatezn, der zählt auf nichts im Park.

Faktum Fatum

Auf diesem Pfad ist wirkliche Erglühen bis ins Mark!
Der lange Flur von Kälte durchhallt, an dem dein Zimmer
Als Schimmel-Schrank liegt mit den Wänden weich wie Quark,
so lebst du dann und hast von der Zukunft keinen Schimmer;

Die Schaben schieben nachts sich dir über dein Gesicht,
Der Nachbar brüllt und rülpst, das Papier wirft dumpfe Blasen,
Die Tür ist dünn wie Haut, und nichts, nichts hat mehr Gewicht:
Gedichte, Sohn und Tochter, das ist nur alles Wrasen.

Und Faktum ist, du kannst so nicht lieben noch entfliehn
Der Hitze dieser Kälte, die innen wächst wie Flügel.
Das Fatum liebt´s, dass du so auf allen Vieren knien
Gelernt hast, tief gebückt über diesen Speigut-Tiegel.

Ich seh die Scham dich wärmen, dasselbe lau verneinen,
Mit rotgeschwärzten Händen doch stets das Gleiche meinen.

Der kleine Kampf

Ich seh die alte Lüge auf ihren spitzen Beinen
Durchs Land in kleinen Kämpfen spazieren, wo noch nie
Ich sah Libellenflügel auf Spreiten Lettern schreiben.
Ich spür den feinen Rasen, auf dem ich beug das Knie,

Das lau, zivil-gehorsam der schönen Ordnung folgt,
Die lauter rosa Schädlinge in Tatenlosigkeit
Und falschem Mut herumbeineln sieht, und kein Erfolg
Wird je ihr Kaineln bremsen. Erschöpft von Schwierigkeiten,

Geht Adam langsam weiter, auf Wegen voller Müll,
Vorbei an zahmen Hornochsen, kalte saure Hoffnung
Im Mund statt braver Wörter. Die Wut gehüllt in Tüll,
spür ich die Schameshitze im Dämmern einer Öffnung:

Da schluckst du schnell den Haken, der brennt im Hals wie Marc.
Auf diesem Pfad ist wirklich erglühen bis ins Mark.

Der Hass auf diese Zeiten

Der Hass auf diese Zeiten, wenn Geld dir wieder fehlt,
Die Tage ausgestreckt über dir wie Kranichflügel,
Als sei der Ruf: „nach Süden, nach Süden!“ nie verfehlt,
Der Hass auf diese Zeiten, er formt den Venus-Hügel,

Auf dem du trotzt den Wünschen nach rationalem Tun,
Von dem du Hoffnung tötest auf kluges Spar-Verhalten,
Und singst und zählst die Kerne, wies tut ein blindes Huhn,
In denen liegt das Schweigen, das niemals wird veralten:

„Es sind die Dinge so voller Mühe.“ Rede nur
Und hör nicht auf das Rauschen, das kommt vom Flug der Lügen,
Die aufgereiht du hast in Gedichte ohne Spur
Von Treue oder Mut: willst dich immer noch betrügen…

Ich seh den Hass Facetten schleifen von deinen Gallensteinen.
Ich seh die alte Lüge auf ihren spitzen Beinen.