Diagnose

Auf Geld warten
Keine Ausreden: das ist
Was du kannst: nichts anderes
Kannst du besser
Es ist dir sehr angemessen
Eingewachsen ist dir das Schreiben
Wie das Miom in Mutters Gebärmutter
Das darin über Jahre wuchs
Gross wie eine geballte Faust
Und bei einer Kontrolle plötzlich fehlte
Abgebaut vom Wohlergehen

Keine Ausreden: irreversibel ist das
Ein Makel der Haltung
Falsche Prioritäten und gute Vorsätze
Dazu stehen ist nicht so leicht wie sagen
Ich schreibe
Heisst zugeben
Nicht dazugehören zu können
Nicht dazugehören zu wissen

Denn in meinem Heide-Herz wohnt
Pharao nicht
Keine Schlangen-Stele thront über der Weide
Und die Klumpen der Scham stehen nicht im Weg
Den Währungs-Strömen
Die meine Vorstellungskraft im Tulpen-Gelände meiner Nieren verlaufen lässt
Und die Thrombosenfäuste
Die auf die Stille meiner Schläfe eintrommeln
Lassen mich nicht zu Rhythmen tanzen
Die den Rubel rollen machen

Keine Fluchten mehr: ich kann nicht mit Geld umgehen
Warte immer auf Geld
Lasse mich einladen
Schamröte ist meine Kriegsbemalung
Die ich für euch trage
Die ihr Sicherheit findet im Geld haben
Die ihr Zukunft baut auf Vorsorge
Häuser für die eigene Ewigkeit
«Innendekoration allein hat 30’000 gekostet
Weil wir die Kacheln aus Portugal kommen liessen»

Ich höre das pfefferminzfrische Trippeln der Mäuse…
Ich höre die Kosten der Seitensprünge…
Ich höre die kreischenden Bremsen des Lastwagens
Der euren Sohn erfasst und in die Kuhweide hinausschleudert…
Ich höre die Versprechen eures Gebetes…

Flucht-Gedicht 2

Leicht sind vergessen Schulden
Und Rechnungen. Schnell etwas schlingen,
Nudeln und Chips. Die Folgen
Mit Starkalkoholpegel bingen;

Kohlenhydrate geilen
Genauso auf wie Illusionen,
Schuldvoll-erregt noch einen
Runtergeholt, Millionen

Male den gleichen Ablauf –
Die Freunde erschöpft vom Spendieren
Nehmen mit Nachsicht Anlauf…
Verständnis, das wird nicht rentieren:

Kann viel zu gut verdrängen,
Das hilft vor diesen Zwängen.

Flucht-Gedicht

Leicht sind vergessen
Schulden und Rechnungen.
Schnell etwas fressen
Gegen die Ahnungen!

Machst mit den Freunden
Lange Spaziergänge.
Sprichst mit verträumter
Stimme von Geldzwängen.

Schreibst an Gedichten –
Findest Entgegnungen,
Stimmen-Geschichten –
Leichteste Verschiebungen.

Flieh nur Besorgnis!
Was für ein Zeugnis!

Meine Traum ist keine

Schissdrägg Strasse schlafen,
Kalt ist Nächte jetze,
Leute hier sind Hetze,
Alle wollen strafen,

Bettler keine Menschen
Oder was, meine Frau
Weint, dort Commandau,
Habe keine Händschen,

Denke immer Kinder,
Denke immer Arbeit,
Denke immer wird schneit,
Werde fast behinder,

Meine Traum ist keine,
Möchte nur noch heime.

Der Winter kommt

Die Armut setzt aus, du füllst das auf,
Was ausgegangen war. Der Winter kommt,
Die Wohnung ist warm. Die Tasse summt,
Du schlürfst von dem gelben Tee, schaust auf:

Die Schränke nicht leer und alles bereit
Für Durststrecken, Zeiten ohne Geld:
Toilettenpapier ist aufgestellt
In Türmen, die Dinge aufgereiht:

Es gibt wieder Nudeln, Linsen, Reis
Und Mehl, Tomatensosse, Nüsse
Und Honig, für heute Schokoküsse,
Und Zahnpasta, Seife, Büchsen-Mais.

Du fühlst dich beschenkt, hast was du brauchst.
Du flüsterst zum Tee, auf den du hauchst.

Segen aus Ungehorsam

Der Herr hat von Anfang an einen Segen auf mein Tun gelegt,
von Anfang hat er mein Tun mit Verwirrung gesegnet,
sodass mir nichts mehr glücken kann,
der Herr hat mir bald in meinem Leben den Himmel als diese bronzene Glocke zugewiesen,
als eisernen Schild hat er mir die Erde gemacht,
über die Erde schreite ich mit tönernen Schritten und kupfernem Klang,
und nachts stehe ich im Regen aus Staub und tags befällt mich die Sonne wie Krätze,
immer schon weilte ich in der Freude des Herrn, mich zu schädigen und mich auszurotten.

Es gibt nichts Schöneres als diesen Segen, den der Herr bereitet.
Nichts Kostbareres gibt es, das mich auszeichnen könnte, als dieser Segen.
Seit ich denken kann, ersehne ich diesen Segen, seit ich fühlen kann.
Es ist ein Segen, nicht zu gehorchen.
Es ist ein Segen, selbst zu denken.
Es ist ein Segen, selbst zu fühlen.
Es ist ein Segen, keine Sorgfalt zu üben.
Es ist ein Segen, nicht mit Vorbedacht zu handeln.
Es ist ein Segen, das Gute vom Bösen trennen zu können,
aber nicht das Böse vom Guten.
Es ist ein Segen, sich Gottes Gesetz zu erwehren.
Es ist ein Segen, selbst zu denken.
Es ist ein Segen, das Gute im Bösen und das Böse im Guten zu wissen.
Es ist ein Segen, die Verwirrung anzunehmen als ein Erbe des Herrn.
Es ist ein Segen, selbst zu fühlen.
Kommt, die das Lied nicht singt, kommt,
ihr unaussprechlichen Schmerzen.

Ich komme so schnell ausser Atem, wenn ich singe!
Ich sehne mich nach dem Ölfilm auf dem Boden der Gefässe, der nicht reichen wird für eine Salbung.
Ich habe mich schon immer beglückt gefühlt über den Verlust meiner Esel, und dass ich sie nicht mehr sehen musste.
Ich will mein Herz mit Leidenschaft dem Wahnsinn eröffnen,
bereitwillig will ich meine Leber zerbissen und zernagt wissen von der Angst um mein Leben, um meine Mütter, um meine Sternenkinder,
Ich fühle mich schon tappen wie ein Blinder am helllichten Tage.
Ich fühle meinen Geist in Verwirrung geraten ob meiner unbedachten Entscheidungen,
was für eine Erlösung vom Gehorsam,
was für ein weiter, was für ein offener Weg,
wie viel Luft zum Atmen ist hier,
was für eine Erlösung vom Gehorsam,
die Hyänen umstreichen mich schon,
ich schenke ihnen mein Lächeln,
und die Aasgeier kreisen über mir auf ihren geduldigen Schwingen,
ich schenke ihnen meine Augen und meine Zunge.

Kommt, die das Lied nicht singt, kommt,
ihr unaussprechlichen Schmerzen.

Unter den Brettern

Ich seh dichs ja mit dankbar gesenktem Kopf erdulden,
Das Brust-an-Brust-Gedrücke, die Hände auf dem Rücken,
Das leicht verschenkte Kosewort, sauer wie ein Gulden,
Den viele Hände hin- und hergedreht; aus freien Stücken

Hervorgetreten aus der Scham möchtest du die Lüge entblössen
Wie freigelegte Gletscherbahn, fein geschliffne Steine,
Ein Rieseln halb aus Schande, gespiesen von Verstössen,
Die niemand meinten als wieder nur dich selbst, ja, weine

Und schneuze dich im Morgen, gestiegen aus dem Schragen,
Der ungeteilten Schweissstatt, dem Gleisbett fremder Träume,
Erschöpftes Nieseln unter den Brettern, die kaum tragen
Den ausgelassnen Tanz und das Stampfen, dort in Räumen,

Wo Hände unumwunden den kalten Sand erkunden;
Dass jemand Lügen traut, das ist doch nicht dein Verschulden.

Der Schwindel

Du weisst, wie selten unwirklich nahe Ziele sind,
Wie rasend sie im Auge verlieren ihre Wut, das Kreissen
Nach mehr und mehr vom Gleichen, von Leere voller Spind,
In dem die feinen Beine mit kühlem Streichen kreisen,

Die Nähe dehnt sich aus, Universum tollen Sinns,
Die Zungen lappen schal, Allianzen finden Zwecke,
Die Reibung stillt die Töne; der Einfluss dieses Dschinns
Mit Namen «Bin gleich da», wie erklingt er aus den Hecken,

Als könntest du hineinragen lang und bis zum Steiss
In diese Kehren-Welt, in das dichte dünne Toben,
Wo rasend um dich dreht die Bedingung ihre weiss
Geglühte Kost, mit spitzem Gefinger schält ein Oben

Aus all dem Schwindel, kauerst du in schweissgetränkten Mulden.
Ich seh dichs ja mit dankbar gesenktem Kopf erdulden!

Leere Schränke

Du siehst den Schnee schon liegen in deinen eignen Wänden,
Du denkst, es fielen Reiskörner, die aus Stille stechen
Den ersten Ton, der dir aus den steifen lauen Lenden,
Den unberührten, steigt, ein Gesumm von roten Rechen,

Die deine letzten Vorräte schnell zusammenkehren,
Als seien sie die Infektion, die Genesung endlich brächte;
Du würdest gerne umkehren, würdest gern vermehren
Die Leere deiner Schränke, die eigne Stimme schächten,

Die scheuen Pferde satteln, von hoch hinab erzählen,
Warum das deine Welt ist, das Reissen heisser Saiten
Im dunkeln Schaft des Herzens erklingen lassen, wählen
Den schmalsten Ton, der spitzen Gewalt verkühlt entgleiten.

Ich seh dich singen, stilles Stechen, du – vom Hunger blind –,
Du weisst, wie selten unwirklich nahe Ziele sind.

Bedürfnis nach Scherz

Du tust, was du getan hast, und gehst von Hind nach Sind,
Ein wenig mehr Bedürftigkeit, bisschen Wind im Ohr,
Helvetia eingebrannt in die Hand, ein Mal fürs Kind,
und auch fürs ausgegorene Klammern, Schaum im Tor,

Und Scham zuvor, die Tat wie die Lust ist Ausgeburt
Von zahmer ungeschorener Dürftigkeit, da schwelt
Ein Brand im Grasgefleck, und in jeder Hore schnurrt
Ein Durst wie ungeschmolzenes Eisen, Eis bemehlt

Von scharfem Zungenfall, und die Füsse wund vom Harsch,
Du läufst auf Fluren voller Geschiebe; mühlen-wohl
Ist dir im weissen Schaum, Hominiden-Haut wächst rasch,
Das Gehen über karstigen Stein nicht länger mühevoll.

Ich seh dich unten hocken, erschöpft vom Wärme-Spenden,
Du siehst den Schnee schon liegen in deinen eignen Wänden.